Je später der Abend, desto flotter der Handel, war lange Zeit
das Motto einflußreicher Fondsmanager an der New Yorker Börse. Und weil
bekanntlich im Dunkeln gut munkeln ist, kann es kaum erstaunen, daß sich
inzwischen die Justiz für diesen spätabendlichen Aktivismus
interessiert. Gewiß: Wer an die Börse geht, ist ein Zocker und läßt
sich auf ein Spiel ein. Im großen Casino Wall Street, in dem pro Tag rund
1,5 Milliarden Aktien den Besitzer wechseln, kann man den Jackpot
gewinnen. Viel größer ist jedoch das Risiko, mit leeren Taschen
dazustehen, und deshalb gibt es Regeln, die vor Falschspielern schützen
sollen. Deren Einhaltung ist zu einem wichtigen innenpolitischen Thema
geworden, da jeder zweite Haushalt in den USA Geld in Investmentfonds
angelegt hat.
Das geschah und geschieht aber nicht wirklich freiwillig. 1981 wurde
die staatliche Förderung der Pensionspläne grundlegend verändert.
Seither sind Arbeiter und Angestellte gezwungen, Börsenpapiere zu
erwerben, wenn sie von den steuerlichen Vergünstigungen für die
Altersvorsorge profitieren wollen. Bislang sind deshalb sieben Billionen
Dollar in die Hände der Investmentfonds gelangt, die mit dem Siegel der
Seriosität werben, um sich so von den üblichen Finanzspekulanten und Börsenzockern
zu unterscheiden. Doch vor wenigen Wochen hat ein Banker beim New Yorker
Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer, als dieser dem Hedgefonds Canary
Capital wegen illegaler Praktiken eine Geldstrafe von 40 Millionen Dollar
aufbrummte, über die schmutzigen Tricks der Investmentbranche geplaudert.
Danach betreiben Fonds »Market Timing«, d. h. Käufe und Verkäufe, in
rasanter Folge, mit denen Kursdifferenzen ausgenutzt werden. Dabei werden
auch die unterschiedlichen Zeitzonen im internationalen Handel mit Fonds
genutzt.
Bei den auf Langzeitrendite ausgerichteten Investmentfonds sind in den
USA jedoch kurzfristige Spekulationen im allgemeinen verboten. Außerdem
haben die meisten Fonds in ihren Prospekten den Anlegern versprochen, sich
solcher Praktiken zu enthalten. Ganz unstreitig illegal ist hingegen der
sogenannte Late Trading. Er beginnt erst, nachdem die Fondstageskurse um
16 Uhr New Yorker Zeit festgelegt sind. Händler und Hedgefonds
profitierten vom späten Handel, da sie später verfügbare,
kursbeeinflussende Informationen nutzen konnten. »Das ist so, wie auf
Pferde Wetten abzuschließen, die bereits die Ziellinie erreicht haben«,
beschrieb Spitzer diese Praxis. Der normale Anleger kann erst einen Tag später
darauf reagieren. Experten schätzen den jährlichen Schaden durch »Market
Timing« und »Late Trading« auf mindestens 1,4 Milliarden Dollar zu
Lasten der Anleger.
Zwei Manager der fünftgrößten Fondsgesellschaft Putman Investments
wurden Anfang November wegen Betruges angeklagt. Daraufhin haben die
Pensionsfonds der Bundesstaaten Rhode Island, Massachusetts, New York,
Pennsylvania, Iowa und andere an die zehn Milliarden Dollar abgezogen. Der
Chef der Finanzverwaltung von Iowa, Michael Fitzgerald, kommentierte die
Aktion mit dem Satz: »Der Grund, weshalb wir uns bei Putnam zurückgezogen
haben, ist das mangelnde Vertrauen.« Angesichts der seit gut zwei
Jahrzehnten die Wall Street regelmäßig erschütternden Skandale mutet
dieser plötzliche Vertrauensverlust doch ziemlich komisch an. Erst waren
es im Zuge der Deregulierung die Insidergeschäfte, bei denen sich clevere
Banker goldene Nasen verdienten. Nachdem unter großem medialen Aufwand
ein Regelwerk erlassen wurde, das diese Art von Geschäften als anstößig
brandmarkte, kam die Bilanzfälschung in Mode. Dafür stehen Namen wie
Enron und WordCom. Daneben gab es natürlich jede Menge »kleiner« Fische
wie etwa Richard Scrushy, den Gründer der Krankenhauskette HealthSouth.
Der steht zur Zeit in Birmingham (Alabama) wegen Bilanzfälschung von 2,7
Milliarden Dollar vor Gericht.
Und natürlich führte auch die Bilanzkosmetik zu »Konsequenzen«:
Mittlerweile müssen die Manager die Richtigkeit des Geschäftsberichts
mit ihrer Unterschrift garantieren. Dennoch wiesen die 500 im
S&P-Index gelisteten Konzerne nach der Berechnung eines Bilanzexperten
der UBS Warburg für das vergangene Jahr 41 Prozent zuviel Gewinn aus.
Aber was will man von einer Börse, deren Chef ein »Gehaltspaket« von
140 Millionen Dollar bekommen hat, auch an Kontrollen erwarten? Zwar wurde
Richard Grasso nach einigem Hin- und Her im Sommer gefeuert, doch
ausgestanden ist der Fall noch lange nicht. Denn der Exchef hat angekündigt,
die Wall Street um weitere 48 Millionen Dollar Gehaltszahlung zu
verklagen. Bezahlen werden dies, wie könnte es anders sein, die
Kleinaktionäre müssen. Und die können dagegen kaum etwas tun. Denn wenn
sie die Börse verlassen bzw. ihre Fonds verkaufen, verlieren sie die
staatlichen Zuschüsse für die Altersversorgung. Und das wäre in einer
Situation, in der, wie jüngste Umfragen ergeben, die Mehrheit der werktätigen
US-Bürger davon ausgeht, sich noch mit siebzig als Lohnarbeiter verdingen
zu müssen, mehr als fatal.