Zu Neujahr explodiert mancher Pillenpreis
Apotheker erhalten festes Honorar für rezeptpflichtige Arzneien / Hustensaft
und Aspirin im freien Wettbewerb
Im neuen Jahr droht Kassenpatienten in der Apotheke eine böse Überraschung:
Nicht nur müssen rezeptfreie Mittel komplett selbst bezahlt werden. Bislang
billige rezeptpflichtige Arzneien werden auch drastisch teurer. Der Effekt ist
politisch gewollt.
VON KARL DOEMENS
Berlin · 23. Dezember · Noch gehört das verschreibungspflichtige
Schmerzmittel Diclofenac zu den günstigen Angeboten in der Apotheke. Die
Packung mit 20 Tabletten kostet gerade mal 1,37 Euro. Doch zum Jahreswechsel
schnellt der Preis in die Höhe. Dann werden für dasselbe Präparat 10,20
Euro fällig. Auch das Antibiotikum Doxycyclin verzehnfacht seinen Wert: Statt
heute 1,80 Euro kosten zehn Tabletten im Januar 10,40 Euro.
Schuld an dieser Kostenexplosion ist ausnahmsweise nicht die Pharmaindustrie,
die sonst kaum eine Gelegenheit auslässt, mit Scheininnovationen ihre Gewinne
in die Höhe zu schrauben. Der Aufschlag ist vielmehr eine Folge der
Gesundheitsreform: Mit der Gesetzesnovelle wurde auch die Berechnungsbasis der
Apothekerhonorare geändert. Bislang erhielten die Pharmazeuten einen
Prozentsatz des Pillenpreises als Leistungsentgelt. Künftig wird ihnen bei
verschreibungspflichtigen Präparaten einheitlich ein Zuschlag von 8,10 Euro
zugebilligt.
"Wir wollen, dass die Beratungsleistunggleichbleibend bezahlt wird",
argumentiert die Parlamentarische Staatssekretärin Marion Caspers-Merk (SPD).
Dadurch werde der Anreiz zur Abgabe teurer Pillen beendet. Tatsächlich macht
es künftig für den Apotheker kaum noch einen Unterschied, ob er ein
verschreibungspflichtiges Mittel für fünf oder hundert Euro verkauft. An den
kostenträchtigen Pillen verdient er nur noch halb so viel wie heute.
"Wir sind keineswegs die Gewinner der Reform", beteuert Elmar Esser,
der Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Tatsächlich
müsste seine Gilde gegenüber 2002 Einbußen von 500 Millionen Euro
wegstecken.
Für zahlreiche Patienten hat die geänderte Preisverordnung trotzdem böse
Nebenwirkungen. Sie müssen vom Jahreswechsel an nicht nur rezeptfreie
Medikamente aus der eigenen Tasche bezahlen. Vielmehr steigt auch ihre
Zuzahlung für günstige rezeptpflichtige Präparate. Die Zehnerpackung
Diclofenac kostete den Patienten nach der alten Regelung 1,37 Euro. Im neuen
Jahr muss er fünf Euro berappen.
Doch das ist nur die eine Seite der Medaille: "Alle Medikamente, die
bisher mehr als 28,50 Euro gekostet haben, werden billiger", verspricht
Caspers-Merk. Ihr Ministerium rechnet dies am Beispiel des ACE-Hemmers Aceday
vor. 30 Tabletten kosteten bislang 98,86 Euro und künftig 83,52 Euro. Das würde
nicht nur die Krankenkassen freuen: Im ersten Fall müsste der Patient 9,89
Euro zuzahlen, im zweiten nur 8,35 Euro. "Das sind 1,54 Euro
weniger", sagt Caspers-Merk. Die Rechnung stimmt freilich nur, wenn man
die geänderten Zuzahlungsregeln zugrunde legt, die zehn Prozent
Eigenbeteiligung vorsehen. Nach altem Recht hätte die Zuzahlung 4,50 Euro
betragen. Wahrscheinlich wäre der Bluthochdruckpatient als Chroniker sogar
ganz befreit gewesen.
Ausdrücklich betrifft die Neuregelung der Apothekerhonorare nur
rezeptpflichtige Medikamente. Für rezeptfreie Pillen, die von den Kassen
nicht mehr erstattet werden, fällt hingegen die staatliche Preisbindung. Schnäppchenjäger
können Hustensaft, Lutschpastillen oder Jodtabletten dann unter Umständen
billiger erstehen als bisher.
Gut möglich, dass bald ein Schmerzmittel wie ASS Ratiopharm in derselben
Apotheke sogar zwei Preise hat - den einen für den freien Verkauf und den
anderen für die Abgabe auf Rezept. Schwer Erkrankte können rezeptfreie
Mittel nämlich weiter verordnet bekommen, wenn dies für ihre Therapie
erforderlich ist. In diesen Fällen wird das Apothekerhonorar nach altem Recht
kalkuliert. Für Rheumakranke oder Herzpatienten werden 50 ASS-Tabletten im
neuen Jahr daher dasselbe kosten wie bisher: 2,75 Euro.