WTO-Tagung in Mexiko: Wettbewerb und Armutsbekämpfung
GEA 5.9.03
Berlin
(dpa) - Es geht um Gen-Tomaten und Aids-Arzneien, kulturelle Vielfalt und Bekämpfung
des weltweiten Hungers. Außerdem darum, wie bäuerliche Produktion,
traditionelles Wissen und technologische Innovationen geschützt werden können.
Die Sicherung eines gerechten Welthandels und fairer Wettbewerbschancen für
alle berührt viele Interessen. Entsprechend riesig wird der Ansturm beim
Ministertreffen der Welthandelsorganisation (WTO) in der nächsten Woche in Cancún
sein. Allein aus Deutschland reisen gleich vier Bundesminister an.
Auch wenn die EU das Verhandlungsmandat hat, so will die Bundesregierung bei der
Konferenz doch Flagge zeigen, die eigenen Schwerpunkte deutlich machen und bei
der Suche nach möglichen Kompromissen mitwirken. Mit ähnlichen Zielen,
zugleich aber teils heftiger Kritik an der Politik treten regierungsunabhängige
Gruppen aus Deutschland den Weg nach Cancún an. Der Vorsitzende des Deutschen
Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, will die Beratungen ebenso vor Ort
verfolgen wie der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner.
Fast täglich melden sich Naturschützer, kirchliche Gruppen,
Entwicklungshilfswerke oder Globalisierungskritiker zu Wort. Die nächste
Welthandelsrunde soll eine Entwicklungsrunde werden - das wollen alle.
Entwicklungsländer sollen mehr Chancen auf Teilhabe am Welthandel erhalten.
Aber die Verhandlungen seien bisher «zu eng auf Liberalisierung angelegt»,
meinen die Kritiker. Fragen nach den sozialen und ökologischen Folgen des
internationalen Handels würden ebenso ausgeklammert wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit
und ländliche Entwicklung.
Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne), die gemeinsam mit
Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) an der Tagung teilnimmt, tritt für
eine «internationale Agrarwende» ein. Der Fokus der Debatte dürfe nicht nur
auf der Produktqualität liegen, sondern auch auf dem Produktionsprozess.
Allerdings sei der Einstieg in solche Fragen wegen der unterschiedlichen
Interessenlagen schwierig, räumt sie ein.
Clement ist dennoch zuversichtlich, dass in Cancún Erfolge zu erreichen sind.
«Revolutionen wird es nicht geben, aber Fortschritte muss es geben», sagt er.
Selbstverständlich müssten Industrieländer ihre Märkte für Entwicklungsländer
stärker öffnen und für die Ärmsten weiter Sondervereinbarungen möglich
sein. Abschottung sei kein Weg zu mehr Wettbewerbsfähigkeit und
Armutsbeseitigung. Dagegen würden die gewaltigen positiven Wirkungen des
Welthandels unterschätzt.
Wenig Chancen sieht Clement zur Durchsetzung des deutschen Anliegens, die
Einhaltung von Kernarbeitsstandards international stärker zu verankern. Vor
allem Entwicklungsländer leisten hier Widerstand, weil sie fürchten,
Wettbewerbsvorteile zu verlieren, wenn solche Normen in weltweite Handelsregeln
aufgenommen würden.
Bereits vor Beginn der Plenarberatungen reisen Umweltminister Jürgen Trittin
(Grüne) und Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) wieder nach
Deutschland zurück. Umweltpolitische Grundsatzbeschlüsse erwartet Trittin zwar
nicht. Er will aber an einem Runden Tisch zu Umweltfragen teilnehmen, zu dem der
mexikanische Umweltminister eingeladen hat. Das UN-Umweltprogramm müsse frühzeitig
an den WTO-Verhandlungen beteiligt und damit aufgewertet werden.
Zu den dringendsten Anliegen der Entwicklungsministerin gehört die Unterstützung
einer von vier afrikanischen Ländern gestarteten Initiative zum Abbau von
Baumwoll-Subventionen. Die «skandalösen Beihilfen» besonders in den USA,
China und Europa machten Entwicklungschancen der Baumwolle anbauenden Länder in
Afrika zunichte, kritisierte Wieczorek-Zeul. Die Initiative war von Mali,
Tschad, Burkina Faso und Benin gestartet worden, die sich wegen des dramatischen
Preisverfalls für Baumwolle auf dem Weltmarkt massiven Problemen gegenüber
sehen.
Wieczorek-Zeul hat immer wieder mehr Marktzugang für Produkte aus Entwicklungsländern
und Zollsenkungen für verarbeitete Waren gefordert. Denn mit Orangensaft lässt
sich mehr Geld verdienen als mit Orangen. Ums Geld geht es allerdings auch in
Berlin. Der Bundestag berät in der kommenden Woche den Bundesetat 2004 - ein
Grund, nicht allzu lange in der Karibik zu bleiben.