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| Dieter Schubert |
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| Frohe Botschaften |
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| Gewohntes Gedränge im Weihnachtsgeschäft verschleiert
mangelnde Kaufkraft breiterer Schichten. Die Konsumappelle von Handel und
Politik gehen immer öfter ins Leere |
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Morgens vor einem Elektonikkaufhaus am Berliner
Alexanderplatz. Hunderte von Menschen bedrängen den Eingang und warten,
daß sich die Pforten öffnen. Irgendein »Schnäppchenangebot« der »Geiz
ist geil«-Kette des Handelsriesen Metro scheint die üblichen Verdächtigen
angelockt zu haben. Beim Ansturm auf die Dinge, die der Mensch nicht
braucht, geht es, wie jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit, rauh und unfein
zu. Jeder scheint im anderen eine Art Nahrungskonkurrenten zu sehen, dem
man die Beute abjagen muß.
Überflüssige Dinge
Selten wird der Irrsinn kapitalistischer Konsumgesellschaften deutlicher
als in solchen Momenten. Besonders dann, wenn man die »Beute« näher
betrachtet: neue Handys – die meisten Features werden von den Leuten
kaum verstanden und schon deshalb nicht genutzt. Immer höher auflösende
Digitalkameras, mit denen Otto Normalverbraucher doch nur jene Bildchen
fabriziert, die keiner sehen will. Computer, Notebooks mit extremer
Speicherkapazität und hochgerüsteter Hardware, die am Ende meist doch
nur als Schreibmaschine und ebay-Eingang ein kümmerliches Dasein fristen
und allenfalls Bill Gates noch reicher machen. All das sind sogenannte
Renner in diesem Jahr. Sie sind nicht nur überflüssig, sondern meist
auch überteuert – sonst müßten die Handelsketten nicht zu ihren blödsinnigen
Werbesprüchen greifen.
»Geiz ist geil« gehört dabei zu den harmloseren. Ein bißchen kühner
ist das Motto der ebenfalls zur Metro gehörenden zweiten dominierenden
Elektronikkette: »Laßt euch nicht verarschen«. Denn genau dieses
Verarschen wird immer mehr zum Hauptteil der Vermarktung, seit »kreative«
Schnösel in diversen Werbeagenturen bestimmen, wie doof der Konsument zu
sein hat.
Weniger in der Geldbörse
Doch die Rechnung geht nicht mehr wie erwünscht auf. Daran ist nicht nur
ein wachsendes Bewußtsein vieler Käufer für die Verachtung
verantwortlich, die Handel und Werbung ihnen täglich entgegenbringen.
Auch die Zahl derer, die sich dem Konsumwahnsinn liebend gern hingeben,
ganz gleich wie sehr man sie als Idioten behandelt, nimmt ab.
Binnenmarktschwäche sagen Ökonomen dazu.
In den zurückliegenden Jahren haben Politik und Kapital emsig daran
gebastelt, diese Binnenmarktschwäche herbeizuführen. Permanent ist das
Realeinkommen der abhängig Beschäftigten in der BRD gesunken, die Zahl
der Erwerbslosen und Sozialhilfeempfänger gestiegen. Steuerreformen
zugunsten der Konzerne, Selbstbedienungsmentalität der oberen
Einkommensschichten, des Managements und auch von Politikern gingen einher
mit Preissteigerungen, Gebührenerhöhungen und »Reformen«. In der
Konsequenz wurden die Reichen reicher, die Armen ärmer und nicht nur mit
der Erfindung und baldigen Einführung von »Hartz IV« wird die Erosion
der sogenannten Mittelschicht vorangetrieben.
Auch wenn den Millionen von Menschen, die in prekären Einkommens- und
Vermögensverhältnissen leben, Billionen von Euro an Spareinlagen gegenüberstehen,
wird diese Polarisierung dauerhaft dazu führen, den Konsum als wichtigen
Teil der Binnennachfrage zu reduzieren.
Das wissen Handel und Politik ebensogut wie die tonangebenden neoliberalen
Wirtschaftswissenschaftler. Dennoch tun alle so, als sei Konsumbelebung
eine Frage des Wollens, nicht des Könnens. Solche intellektuellen
Fehlleistungen der gesellschaftlichen Eliten mögen begründet sein in der
Denkdoktrin, daß Wirtschaft zum großen Teil Psychologie sei. Doch wenn
einem wichtigen Teil der Wachstumssektoren die materiellen Grundlagen
entzogen sind, bringt auch die Psychologie nichts.
Augen zu und durch
Trotzdem verhalten sich große Teile der bürgerlichen Gesellschaft wie
die Lemminge. Die fehlenden Voraussetzungen für ein Wachstum des privaten
Konsums werden standhaft ignoriert und es wird gehofft, daß sich alles
irgendwie richtet. Karstadt läßt grüßen. Weihnachtsgeschäft heißt
jetzt das Zauberwort, und für die Einzelhändler, ob Großkonzern oder
private Klitsche, ist dies eine Art Gebet. Für viele Bereiche der Zunft
ist das tatsächlich der Saisonhöhepunkt und entsprechend brutal bringen
sich die Handelsketten zum Jahresende in Stellung. Zufriedenstellend sei
es bisher gelaufen, lassen Fachverbände und einige Konzerne wissen. Doch
ob es gelingt, die Jahresbilanz des gesamten Einzelhandels, der von ständigen
Umsatzrückgängen betroffen war, wenigstens ein bißchen aufzupeppen,
bleibt fraglich.
Unterstützt wird die psychologische Kriegführung um – und gegen –
den Kunden, durch diverse frohe Botschaften von Wirtschaftsforschern und
Instituten. Der private Konsum werde bald wieder anziehen, lautet die
Kernaussage zahlreicher Gutachten. Spätestens im Jahre 2005 werde es
wieder aufwärts gehen. Ob diese Botschaft zur Weihnachtszeit Menschen,
die auf »Hartz IV« blicken, zum Rückgriff auf ihr Gespartes bewegen
kann, bleibt zweifelhaft. Höchstens werden diejenigen »Hartz«-Opfer
zulangen und ihre restlichen Euros vom Sparbuch schaffen, die demnächst
ihre Vermögensverhältnisse offenlegen müssen. Denn wer Reserven hat,
bekommt bald nichts mehr aus seiner Arbeitslosenversicherung.
Discounter auf dem Vormarsch
»Sparen« bei Lidl und Aldi
Die anhaltende Schwäche des deutschen – und europäischen –
Binnenmarktes führt zum zusätzlichen Wachstum der ohnehin immer stärker
werdenden Discounter im Einzelhandel. So haben inoffiziellen Zahlen
zufolge besonders die beiden Großen unter den Billiganbeitern, Aldi und
Lidl, erheblich von der sinkenden Kaufbereitschaft der Kunden und der zurückgehenden
Kaufkraft der unteren Mittelschicht, profitiert.
* Lidl ist, wenn man die eigenen Angaben zugrunde legt, inzwischen zur
Nummer eins unter den Billigheimern aufgestiegen. 36 Milliarden Euro
Umsatz hat die Kette, zu der auch Kaufland gehört, 2003 gemacht. Damit zählt
sie zu den führenden Handelskonzernen in Europa.
* Das von den Brüdern Theo und Karl Albrecht gegründete Handelsimperium
Aldi erzielt inoffiziellen Schätzungen zufolge mit etwa 24 Milliarden
Euro deutlich weniger Umsatz als der Hauptkonkurrent. Bei den erzielten
Profitraten jedoch dürfte das Verhältnis genau andersherum sein, denn
Aldi gilt als Meister des effizienten Kapitaleinsatzes.
Negative Effekte
Betroffen von dem gnadenlosen Kampf um Marktanteile sind nicht nur
bisherige Premiumanbieter oder Kleingeschäfte, denen durch die Discounter
Umsatz entgeht. Auch die Beschäftigten der Billigketten müssen zu weit
schlechteren Bedingungen arbeiten, als viele ihrer Kollegen. Zahlreiche
Gewerkschafter befürchten jedoch, daß die anderen Einzelhändler auf dem
Weg sind, sich an das Niveau der Discounter bei Bezahlung, Arbeitszeit und
betrieblichen Rechten anzupassen.
Der Trend zum Billigprodukt hat volkswirtschaftlich den Effekt, daß die
Produzenten immer stärker unter Preisdruck gesetzt werden. Die
Einkaufsmacht großer Ketten läßt u.a. vielen mittelständischen
Herstellern kaum noch Luft zum Atmen. Sie müssen diesen Druck nicht
selten an die eigenen Beschäftigten weitergeben, sie schlechter bezahlen,
intensiver ausbeuten oder gar entlassen. All diese Effekte führen dazu,
daß die Kaufkraft der Bevölkerung weiter sinkt, eine fatale Spirale.
(jW) |
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