DIHK
Vorschläge für Bürokratieabbau (t-news 6.9.03)
"Mut zu neuen Wegen", erwartet der Deutsche Industrie- und
Handelskammertag (DIHK) von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD), wenn er
der wuchernden Bürokratie zu leibe rückt. Dennoch geht die Initiative dem DIHK
nicht weit genug. Er legte eine eigene Vorschlagliste vor.
Abbau auf allen Ebenen
So ist der Organisation daran gelegen, dass bürokratische Hemmnisse auf allen
politischen Ebenen bekämpft wird. Geklärt werden müssten auch die
Regulierungskompetenzen zwischen Bund, Ländern, Landkreisen und Kommunen. Sämtliche
Regelungen sollten auf Fristen, Prozeduren und Umsetzungstransparenz überprüft
werden. Vor diesem Hintergrund müssten viele öffentliche Verwaltungen Prozesse
und Verfahrensweisen optimieren.
Belastungen frühzeitig abschätzen
Den Gesetzgeber fordert der DIHK auf, bei der Verabschiedung der Gesetze die bürokratischen
Lasten, die auf Betriebe zukommen könnten, abzuschätzen. Dazu gehöten auch mögliche
Kosten für Existenzgründer und für Kleinbetriebe.
Genehmigungsverfahren beschleunigen
Für den Bau von Anlagen kann sich der DIHK eine Rahmengenehmigung vorstellen.
Dieses Instrument würde die Prüfung von Detailfragen auf den Zeitpunkt
verschieben, wenn die Anlage kurz vor Inbetriebnahme stehe. Auch für
Genehmigungsverfahren allgemein hat der DIHK einen Vorschlag: ein zweistufiges
Fristenregime. Die erste Stufe solle nur wenige Tage dauern, bis eine Behörde
die Unterlagen eines antragstellenden Unternehmens auf Vollständigkeit geprüft
hat, die zweite - die eigentliche Bearbeitungsfrist - betrage naturgemäß länger.
Dennoch werde so die Dauer des Verfahrens abgekürzt, weil nicht mehr im
Nachhinein fehlende Unterlagen angefordert werden müssten.
Regelset statt Regeldschungel
Die Vorschriften für Kleinbetriebe würde der Kammertag am liebsten komplett über
den Haufen werfen, neudeutsch "Re-Engineering". Er stellt sich ein
Regelset vor, das wie eine Positivliste für die betroffenen Rechtsgebiete wie
Arbeits- oder Gesundheitsrecht funktioniert.
Viele Vorschriften kaum zu erfüllen
Konkret ist dem DIHK der Ladenschluss noch nicht flexibel, das öffentliche
Vergaberecht zu verwaltungsaufwändig, das Handelsregister in seiner bisherigen
Form überholt, die Bauabzugssteuer zu kontrolllastig und die Ökosteuer zu bürokratisch
(um den reduzierten Satz zu erhalten). Die Vorschriften für die elektronische
Variante der steuerlichen Betriebsprüfung verursachten nicht nur erhebliche
Mehrkosten für die Abschirmung von Betriebsgeheimnissen, sondern seien kaum zu
erfüllen. Ein Vorschlag: Daten, die älter als zwei Jahre sind, sollen auch außerhalb
des aktuellen EDV-Systems gespeichert werden können.
Arbeitsrecht entschlacken
Einen weiteren Abbau kann sich der DIHK bei der Meldepflicht von Beschäftigungsverhältnissen
an die Sozialversicherung vorstellen. Helfen würde, wenn nicht nur geringfügige
Beschäftigungen an eine einzige Stelle gemeldet werden müssten. Auch die
Bestimmungen zur Mitbestimmung finden besonders im Hinblick auf kleine und
mittlere Unternehmen wenig Anerkennung. Das bestehende Gesetzesgeflecht müsse
mindestens "entschlackt" werden.
Bürokratieabbau
Regelungen auf dem Prüfstand
Geplant ist unter anderem die Beseitigung der Honorarordnung für Architekten
und Ingenieure, mehr Verwaltungsservice über Online-Angebote, die
Streichung von Vorschriften in vielerlei Verordnungen sowie Beschleunigungen im
Ausbildungsbereich. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und
Innenminister Otto Schily (beide SPD) kündigten weitere Initiativen in diesem
Bereich an. "Alles, was seinen regulierenden Sinn
verloren hat, muss weg", forderte Clement. Die beiden Minister
sprachen von einer zweiten Welle des Bürokratieabbaus, die die Regierung mit
ihrem Sofortprogramm aus Änderungen in der Handwerksordnung und im Vergaberecht
nun anstoße. Eine dritte Welle werde bald folgen.
(Hat das vielleicht auch was mit GATS zu tun??? Jürgen Heller)
Länder und Gemeinden sollen mitziehen
Clement und Schily appellierten an Länder und Kommunen, beim Bürokratieabbau
mitzuziehen. "Die müssen natürlich den gleichen Prozess durchführen",
forderte Clement. Nun werde sich zeigen, wer es mit dem oft bekundeten Bürokratieabbau
ernst meine. Der Abbau von Stellen in der öffentlichen Verwaltung, die
inzwischen mit weniger Personal arbeite als in Westdeutschland vor der
Wiedervereinigung, ist laut Schily nicht das Ziel des Programms.
Stärkung des Wettbewerbs
"Es geht darum, die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland zu
verbessern", sagte Schily. Zudem solle mehr Freiraum für Investitionen und
Innovationen geschaffen und die öffentliche Verwaltung bürgernäher gestaltet
werden. In der neuen Initiative habe man sich auf insgesamt 50
Projekte konzentriert, die für die wirtschaftliche Entwicklung besonders
wichtig sind. Unter anderem sollen aber für den Bürger auch An- und
Abmeldungen am Wohnorten künftig per Computer und damit einfacher abgewickelt
werden können. Gearbeitet werde daran, den
Personalausweis durch eine Chipkarte zu ersetzen.
Mehr Wachstum und Beschäftigung
Clement betonte, neben dem Bürger werde vor allem der Mittelstand profitieren.
"Der Mittelstand muss sein Geld an den Märkten verdienen, und nicht in den
Ämtern", sagte er. Damit ermögliche der Bürokratieabbau mehr Wachstum
und Beschäftigung. Konkret kündigte er noch für das laufende Jahr eine Änderung
der Arbeitsstättenverordnung an. Vorgaben für Pausen-,
Sanitäts- und Umkleideräume sollen fallen. Mit Reformen in der
beruflichen Bildung soll es ab August 2003 neue Ausbildungsberufe mit nur noch
zweijähriger Ausbildungszeit geben. Das Planungswesen im Bau soll vereinfacht
und damit das Bauen billiger werden. Schließlich sollen die Geräte und
Produktsicherheitsgesetze entschlackt und modernisiert werden.
Weitere Projekte in Planung
In der Planung, wenn auch nicht Teil der neuen Initiative, ist laut Clement, in
drei bis vier ost- und westdeutschen "Innovationsregionen" die
zeitbegrenzte Aussetzung von bundeseinheitlichen Verfahrensvorschriften zu
erlauben. Ob dies einmal bundesweit über eine Verfassungsänderung ausgedehnt
werden könnte, sei noch offen. Darüber hinaus erprobe sein Ministerium in
einem Modellvorhaben die so genannte Job-Card, auf der die Daten von
Arbeitnehmern zentral gespeichert sind. Das solle bald auf
Verdienstbescheinigungen ausgeweitet werden. Zudem sollten weitere
Honorarverordnungen für bestimmte Berufe überprüft werden. "Wichtig ist,
dass hier in Deutschland ein paar Fesseln durchgeschnitten werden",
forderte Clement.