Jetzt
hat es München erwischt: Christian Ude, Oberbürgermeister der bayerischen
Wirtschaftsmetropole rief den Steuer-Notstand aus. "Die Stadt ist
pleite." Der Grund: Großkonzerne wie Siemens, BMW oder die Allianz zahlen
keine Gewerbesteuer mehr. Und was noch übrig bleibt, reißen sich zu immer größeren
Anteilen der Bund und die Länder unter den Nagel. "Die Kommunen sind am
Ende ihrer Finanzkraft", klagt Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des
Deutschen Städte- und Gemeindebundes, im Interview mit T-Online.
Interview
mit Gerd Landsberg - Modem
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"Alles noch viel schlimmer"
Die Münchener ziehen jetzt die Reißleine. Nachdem bekannt wurde, dass auch die
Hypovereinsbank die im Haushalt eingeplanten 120 Millionen Euro Gewerbesteuer
nicht zahlt, will der Stadtrat heute eine sofortige Haushalts- und
Investitionssperre beschließen. Seit Sommer 2001 habe München bereits eine
halbe Milliarde Euro Gewerbesteuern zurück gezahlt, bei einem Gesamthaushalt
von 4,5 Milliarden Euro, erklärte Ude. "Es wird alles noch schlimmer als
bisher angenommen." Der Bund habe die Gewerbesteuern gesenkt und
gleichzeitig seinen Anteil an den Einnahmen erhöht, kritisierte der OB.
"Mangelwirtschaft" im reichen Bayern
Die Folge der "Pleite": Gebühren werden erhöht, Leistungen gekürzt.
In München sollen in der Verwaltung mehrere hundert Stellen gestrichen und
Bibliotheken geschlossen werden. Auch über die Schließung von Schulen wird
diskutiert. Der Bau neuer Kinderkrippen und Sozialbürgerhäuser wird gestoppt.
Einen neuen Haushaltsentwurf "unter den Bedingungen einer
Mangelwirtschaft" kündigte Stadtkämmerer Klaus Jungfer für Oktober an.
Am Ende der Leistungskraft
München steht mit seinem Problem nicht alleine da. Zahlreiche Kommunen mussten
bereits eine Haushaltssperre für alle Ausgaben verhängen - darunter auch
Augsburg und Nürnberg. Von Berlin ganz zu schweigen. Im ersten Quartal
verzeichneten Bund, Länder und Gemeinden einen massiven Rückgang ihrer
Steuereinnahmen. Mit rund 90 Milliarden Euro flossen sechs Prozent weniger ins
Staatssäckel als im Vorjahresquartal. Die meisten Einbußen mussten dabei die
Städte und Gemeinden verkraften.
Großkonzerne zahlen nicht mehr
Spielraum habend die Kommunen keinen mehr: Weil sie die gesetzlichen Leistungen
erfüllen müssten, erklärt Städtebund-Geschäftsführer Landsberg, könnten
die Gemeinden allenfalls bei den freiwilligen Leistungen kürzen. Und da sei das
Potenzial ausgeschöpft. Seine Forderung: Die Gewerbesteuerumlage zu Gunsten des
Bundes müsse rückgängig gemacht werden. Auch sei es sei ein Fehler in der
Gesetzgebung, dass sich ausgerechnet die gut verdienenden Konzerne zunehmend aus
der Gewerbesteuer verabschieden könnten. Weiterhin müsse der Bund
"dauerhaft die Verantwortung für die arbeitsfähigen Erwerbslosen"
tragen.
Simonis: Steuererhöhung "nicht grundsätzlich
tabu"
Auch
die Länder klagen über wegbrechende Einnahmen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin
Heide Simonis schloss sogar höhere Steuern nicht aus. Um die öffentlichen
Ausgaben zu bewältigen sei das "nicht grundsätzlich tabu", sagte
Simonis dem "Kölner Stadt-Anzeiger. Der Staat dürfe den Bürgern aber
nicht zu tief in die Tasche greifen. In Schleswig-Holstein hätten die
Steuereinnahmen im ersten Halbjahr 2002 um 219 Millionen Euro unter denen des
Vergleichszeitraums des Vorjahres gelegen. "Wir erleben gegenwärtig eine
dramatische Entkoppelung zwischen Wirtschaftswachstum und Steuereinnahmen",
sagte Simonis.
Wahlkampf-Thema
Indes haben die Parteien die Münchner Pleite als Wahlkampfthema entdeckt:
CSU-Generalsekretär Thomas Goppel machte die rot-grüne Bundesregierung für
die Probleme der Kommune verantwortlich. Die SPD forderte dagegen ein
Sofortprogramm der Bayerischen Staatsregierung für Krisen geschüttelte Städte.
Die Münchner Bürger müssten nun die Kirch-Pleite ausbaden, warfen die
Sozialdemokraten der CSU-Regierung vor. Aus Berlin zumindest können die
gebeutelten Kommunen keine rasche Hilfe erwarten. "Jetzt muss jede Kommune
sehen, wie sie mit ihren Problemen fertig wird", erklärte der neue Chef
der SPD-Bundestagsfraktion, Ludwig Stiegler. Im Bundesrat gebe es keine Mehrheit
für eine Änderung der Gewerbesteuerumlage.