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25.06.2004
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Hans Thie
102,9 Milliarden Euro geschenkt
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BILANZ ROT-GRüNER UNTERNEHMENSBESTEUERUNG Zu
feige oder einfach nur nützliche Idioten des Kapitals?
"Sie ist zu hoch." "Sie ist entschieden
zu hoch." "Sie verhindert Wachstum und Beschäftigung in
Deutschland." Solche oder ähnliche Urteile sind immer wieder zu hören,
wenn um es um die steuerliche Belastung von Unternehmen geht. Werden
eklatante Fälle von Steuertrickserei bekannt, wie jüngst bei Vodafone,
dann gibt es schon mal einen kleinen Aufschrei. Aber das Dogma selbst
wird ständig wiederholt. Schlechter steht es um die stichhaltige
Beweisführung, die in Talkshows kaum zu hören ist. Kein Wunder: Denn
die harten Fakten erzählen eine ganz andere Geschichte. Die
Bundesrepublik ist für Unternehmen ein Steuerparadies und nicht, wie
die mediale Massensuggestion uns glauben lässt, ein Standort mit unerträglichen
Lasten.
Lorenz Jarass, Wirtschaftsprofessor in Wiesbaden und einer der
renommiertesten Steuerexperten der Republik, hat gemeinsam mit seinem
Kollegen Gustav Obermair die von den Unternehmen tatsächlich gezahlten
Ertragssteuern errechnet und zu den Unternehmensgewinnen ins Verhältnis
gesetzt (siehe Tabelle). Demnach ist die steuerliche Belastung der
Unternehmen im Zuge der rot-grünen Steuerreformen dramatisch gesunken.
Profitiert haben vor allem die Kapitalgesellschaften: nach jeweils 20,9
Prozent in den Jahren 1999 und 2000 beträgt ihre Belastung (mit Körperschafts-
und Gewerbesteuern) im Folgejahr nur noch 7,7 Prozent und auch danach,
trotz steigenden Aufkommens, nur etwa die Hälfte des vorher fälligen
Anteils. Bei der Berechnung der gesamten steuerlichen Belastung von
Kapitalgesellschaften ist zusätzlich die von den Kapitaleignern
gezahlte Dividendensteuer auf ausgeschüttete Gewinne zu berücksichtigen.
Ihr Aufkommen ist vorübergehend im Jahr 2001 aufgrund von
Sonderfaktoren (Anstieg der ausgeschütteten im Verhältnis zu den
einbehaltenen Gewinnen) sehr stark gestiegen und danach wieder auf das
zuvor erreichte Niveau gefallen.
Insgesamt war die ab Jahresbeginn 2001 wirksame "Reform" der
Unternehmensteuer für die Kapitalgesellschaften ein phantastischer
Deal. Wären die Unternehmensgewinne der Jahre 2001 bis 2003 steuerlich
in gleicher Weise herangezogen worden wie im Jahr 2000 hätten sie in
der Summe dieser drei Jahre 180,9 Milliarden Euro zahlen müssen. Dank
"moderner Wirtschaftspolitik" waren es dann nur noch 104
Milliarden - eine Ersparnis von 76,9 Milliarden. Nimmt man noch die
Personengesellschaften und die Selbstständigen hinzu, die - nach diesem
Rechenmodell - ihrerseits 26 Milliarden Euro weniger zahlten, ergibt
sich ein Steuergeschenk in der unglaublichen Höhe von 102,9 Milliarden
Euro, durchschnittlich pro Jahr also 34,3 Milliarden. Zum Vergleich: Der
gesamte Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung beträgt
gegenwärtig gut acht Milliarden Euro. Das "Thema Innovation",
das der Kanzler so gern im Munde führt, wäre längst
"gegessen", zumindest finanziell. Ganz zu schweigen von der
Not, in die Arbeitslose mit den Hartz-Gesetzen gestürzt werden - mit
einem etwas höheren Obolus von den Unternehmen könnte man das in der
Vergangenheit geltende Sicherungsniveau ohne weiteres finanzieren.
Mit ihren Steuergesetzen haben SPD und Grüne den zeitweiligen, von 1998
bis 2000 anhaltenden Trend zu einer höheren Belastung der
Unternehmensgewinne aufgehoben und ins Gegenteil verkehrt. Die gesamten
Ertragssteuern auf Unternehmens- und Vermögenseinkommen waren 2003 kaum
höher als 1990 (siehe Grafik), trotz eines zwischenzeitlichen Wachstums
der Unternehmensgewinne um knapp 60 Prozent. Was unter Helmut Kohl in
den achtziger Jahren begann, hat die rot-grüne Bundesregierung nach dem
Abgang von Oskar Lafontaine nahtlos fortgesetzt: im Verhältnis zur
Lohnarbeit wird das Kapital immer weniger zur Kasse gebeten. Im
vergangenen Jahr zahlten die Unternehmen im Durchschnitt aller
Rechtsformen von 100 Euro Gewinn nur noch gut 14 Euro Ertragssteuern.
"Wir müssen uns dem internationalen Steuerwettbewerb stellen"
- so lautet das übliche Argument, um immer wieder neue Steuersenkungen
zu fordern. Der aktuelle Renner ist die Slowakei mit ihrem Einheitstarif
von 19 Prozent auf alle Einkommensarten. In Deutschland dagegen seien 25
Prozent Körperschaftsteuer fällig, dazu noch die Gewerbesteuer und
schließlich die Dividendensteuer - eine Last, so scheint es, die
"unsere Unternehmen" ins Ausland treiben muss.
Dass die nominell gültigen Steuersätze mit der Realität der tatsächlich
gezahlten Steuern nichts zu tun haben, ist das sorgsam gehütete
Geheimnis. In keinem anderen europäischen Land klafft eine so große Lücke
zwischen den statistisch ausgewiesenen und den gegenüber den Finanzämtern
angemeldeten Unternehmensgewinnen. Der Steuerdschungel, von Hans Eichel
vor vier Jahren nochmals um einige Sondertatbestände verdichtet, die
von den Unternehmen exzessiv genutzt wurden, ist für das deutsche
Kapital ein ergiebiges Biotop. Jarass und Obermair haben errechnet, dass
"nur etwas mehr als ein Viertel des ökonomischen Gewinns als zu
versteuerndes Einkommen in die Steuererklärungen der
Kapitalgesellschaften eingeht." Der Rest bleibt steuerfrei, dank
legaler Zaubertricks, die man in anderen Ländern nicht kennt. Was das
bedeutet, zeigt eine im vergangenen Jahr veröffentlichte offizielle
Statistik der Europäischen Union: Rechnet man die Grund- und Vermögensteuern
voll der Besteuerung von Unternehmens- und Vermögenseinkommen zu, hatte
Deutschland im Jahre 2001 nach Griechenland mit Abstand die niedrigste
Steuerbelastung in der EU.
Im Lichte solcher Zahlen erscheint die deutsche Steuerdebatte wie ein
absurdes Schauspiel. Selbstverständlich sind Steuerfragen kompliziert,
und die Arbeitgeberverbände haben ein Interesse daran, dass es so
bleibt, damit auch in Zukunft erfolgreich manipuliert werden kann. Aber
warum verschweigen politische Mandatsträger die Wahrheit selbst dann,
wenn sie, wie Eichel in diesen Tagen, ihre eigenen Haushaltsentwürfe
nicht mehr finanzieren können? Oder können diejenigen im Kabinett, die
früher "legal, illegal, scheißegal" riefen, nicht zwischen
nominal und real unterscheiden? Sind sie zu feige oder sind sie einfach
nur nützliche Idioten des Kapitals?
| Unternehmensgewinne und Ertragssteuern
|
|
|
1997
|
1998
|
1999
|
2000
|
2001
|
2002
|
2003
|
|
Unternehmensgewinne, in Mrd. Euro
|
380
|
419
|
406
|
414
|
426
|
441
|
438
|
|
Kapitalgesellschaften
|
174
|
201
|
198
|
205
|
212
|
221
|
220
|
|
Personengesellschaften und Selbständige
|
206
|
218
|
208
|
209
|
214
|
220
|
218
|
|
Steuern, in Mrd. Euro
|
63
|
79
|
89
|
95
|
71
|
65
|
62
|
|
Kapitalgesellschaften
|
30
|
37
|
41
|
43
|
16
|
19
|
25
|
|
Dividendensteuer der Kapitaleigner
|
8
|
12
|
11
|
14
|
21
|
14
|
9
|
|
Personengesellschaften und Selbständige
|
25
|
30
|
37
|
38
|
34
|
32
|
28
|
|
Belastung durch Steuern, in
Prozent
|
16,6
|
18,9
|
21,9
|
22,9
|
16,7
|
14,7
|
14,2
|
|
Kapitalgesellschaften
|
17,2
|
18,4
|
20,9
|
20,9
|
7,7
|
8,6
|
11,4
|
|
Kapitaleigner
|
4,6
|
6,0
|
5,6
|
6,8
|
9,9
|
6,3
|
4,1
|
|
Personengesellschaften und Selbständige
|
12,1
|
13,9
|
17,5
|
18,4
|
15,9
|
14,4
|
13,1
|
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Quelle: Lorenz Jarass und Gustav M.
Obermair, Sinkende Steuerbelastung von Unternehmens- und Vermögenseinkomen,
in: Wirtschaftsdienst Heft 3, März 2004
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