SCHRECKENSZAHLEN ZUR ARBEITSLOSIGKEIT
(Spiegel online)
Arbeitgeber fordern weitere Einschnitte ins
soziale Netz
Nach dem Anstieg der Arbeitslosenzahl auf über fünf Millionen sieht
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt die Regierung in der Pflicht. Ihm schwebt
auch schon eine Lösung der Probleme vor: weitere Einschnitte ins soziale Netz.
Berlin - Geringere Ausgaben, so seine Formel, führen am Ende zur Senkung der
Sozialabgaben, die im Kampf gegen die Arbeitsmarktkrise dringend geboten sei,
betonte Hundt. Dringend geboten sei, die Sozialabgaben von 42 auf 40 Prozent zu
drücken. Ein Prozentpunkt sorge für 100.000 Arbeitsplätze und damit jeweils
eine Milliarde Euro zusätzliche Steuereinnahmen und Sozialbeiträge. Als erste
Maßnahme verlangte er die Reduzierung des Arbeitslosenbeitrags von 6,5 auf 5,5
Prozent noch in diesem Jahr.
Erhebliche Einsparpotenziale sieht Hundt in der Renten-,
Kranken- und Pflegeversicherung. Ein erster Schritt könne die Anhebung
der Altersgrenze für den Bezug der vollen Rente sein, sowie Kürzungen bei
vorzeitiger Rentenauszahlung. Die Höhe der Witwenrente müsse wieder an der
ursprünglichen Grundidee der Fürsorge ausgerichtet werden.
Frühere oder geplante Gesetze der Regierung sorgten für das Gegenteil, sagte
der Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Die
angestrebte Senkung des Krankenversicherungssatzes von mehr als 14 Prozent auf
12,2 Prozent sei nicht in Sicht, der Rentenbeitrag verharre auf 19,5 Prozent.
Geringere Lohnzusatzkosten seien kein Patentrezept zur Beseitigung der
Massenarbeitslosigkeit, könnten aber ein Aufbruchsignal sein.
Die Bundesagentur für Arbeit wird am Mittwoch die Januar-Statistik verkünden.
Nach einem Bericht der "Welt" wird erstmals die Fünf-Millionen-Grenze
überschritten. Die neuen Zahlen sind allerdings vor allem auf Änderungen der
Berechnungsgrundlagen für die Statistik und den winterüblichen Anstieg der
Arbeitslosigkeit zurückzuführen. Die neue Statistik, in der im Gegensatz zu
bisheriger Praxis die arbeitsfähigen Sozialhilfeempfänger mitgezählt werden,
enthalte eine ehrlichere Zahl als früher, räumte auch Hundt ein. "Ich
erhoffe mir einen heilsamen Schock", meinte Hundt. Eine
Schreckensnachricht könne lähmen, aber auch aufrütteln.
Doch dies sei zweitrangig in der Debatte. Statt den Beitrag zur
Arbeitslosenversicherung zu senken, belaste die Regierung Unternehmen und Beschäftigte
mit einer "Strafsteuer", klagte Hundt. Denn die Bundesagentur für
Arbeit muss für jeden Arbeitslosen 10.000 Euro an die Bundeskasse überweisen,
der vom versicherungsfinanzierten Arbeitslosengeld zur staatlichen Fürsorgeleistung
wechselt. "Rund sieben Milliarden Euro Beitragsmittel werden
missbraucht", damit Finanzminister Hans Eichel Haushaltslöcher stopfe.
Dies sei verfassungsrechtlich höchst fragwürdig.