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| Arm durch Arbeit, reich durch
Hartz IV ? |
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von
Thomas Rudek , 09.06.2006 - bisherige Aufrufe: 1061
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Euro fürs Nichtstun – aus der „Anreizfalle“ auf die Spargelfelder
Ein medienpolitischer Abstecher zu Sabine Christiansen und Maybritt
Illner (Berlin Mitte)
Berlin, d. 08.06.06 – Schläge ins Gesicht mussten einige
Demonstranten am 3. Juni in Berlin vom Anti-Konflikt-Team einstecken.
Schläge unter die Schädeldecke werden zur Zeit in den Medien gegen
Hartz IV Betroffene verteilt. Geprügelt werden sollen die Arbeitslosen
aus der „Anreizfalle“ auf die Spargelfelder. Dafür scheint den (Schaum)Schlägern
jedes Mittel recht. Ob in Berlin Mitte oder bei Sabine Christiansen: Was
mit dem "Report der Anständigen" aus dem damaligen
Superministerium von Wolfgang Clement begann, wird unbeirrt weiter
fortgesetzt.
Stimmungsmache der übelsten Hetzjagd gegenüber
„Sozialschmarotzern“ ist der historisch vertraute Nährboden, damit
die Masse den Wortführern bereitwillig folgt und mitmacht beim
Bespitzeln und Denunzieren, beim Melden von Sozialschmarotzern und
Leistungsbetrügern. Vom Land der Dichter & Denker zum Land der
Richter & Henker: Auch DAS ist Deutschland, denn DAS war
Deutschland.
Auch die Neuauflage der massenmedialen Diffamierung erwerbsloser
Menschen wurde optimiert – im Sinne von konkretisiert: Wenn
a) Erwerbslose 12 € die Stunde fürs Nichtstun erhalten (Hans-Ulrich
Joerges vom STERN bei Sabine Christiansen) bzw.
b) eine 4-köpfige erwerbslose Familie ein Netto-Einkommen von 1885 €
mit einem 1-Euro-Job erzielt (Berlin Mitte), und
c) Wolfgang Clement ohne jede empirisch seriöse Grundlage von einer
(gefühlten) Missbrauchsquote in Höhe von 20 – 25% ausgeht,
dann wird vor allem eines missbraucht: Die öffentliche Meinung durch
vorsätzliche Denunzierung großer Bevölkerungsgruppen mittels unverschämter
Behauptungen, die jeder Grundlage entbehren. Neben dieser moralischen
Empörung ist vor allem die Stoßrichtung dieser Schaumschläger nicht
aus den Augen zu verlieren: Und das ist die von der CDU angekündigte
Generalrevision im Herbst diesen Jahres. Denn eines steht fest:
Was Markus Söder (CSU, Generalsekretär), Volker Kauder (CDU,
Fraktionsvorsitzender) und Christian Wulf (CDU) vorhaben, wird alles
bisher gewesene in den Schatten stellen.
Zur Psychologie der Zahlen: In den letzten Monaten hat der
Paritätische Wohlfahrtsverband – in der Talk-Sendung „Berlin
Mitte“ (ZDF) vertreten durch den Geschäftführer Ulrich Schneider –
versucht,
a) die Kinderarmut zu einem öffentlichen Thema zu machen und
b) eine solide Datengrundlage für die zwingende Erhöhung des
Regelsatzes von 345 € auf 420 € bereit gestellt.
Die neuen, oben genannten Zahlen wirken auf die thematische
Akzentuierung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes wie eine Bombe:
Wenn eine 4-köpfige Hartz-Familie im Monat angeblich netto 1885 € zur
freien Verfügung hat, dann kann es keine Kinderarmut geben. Und wenn
Erwerbslose für das Nichtstun 12 € die Stunde erhalten, wozu ist dann
die Erhöhung des Regelsatzes erforderlich.
Wenn diese Zahlen dann kontrastiert werden mit den Brutto-Löhnen von
Menschen, die im Niedriglohnsektor zu (tariflichen) Hungerlöhnen
arbeiten, dann ist das neoliberale Arrangement perfekt und der
wahrnehmungspsychologische „Lern“-Effekt garantiert: Der Boden für
die Neidkultur zwischen prekär Beschäftigten und
„Sozialschmarotzern“ ist bereitet, die Saat gestreut und im Herbst
wird die Ernte eingefahren – höchstwahrscheinlich von den Tagelöhnern.
Damit diese Saat nicht aufgeht, ist es allerhöchste Zeit sich mit dem
propagierten Zahlenwerk näher zu befassen: Pisa-Nachhilfe, nicht nur für
STERN-Redakteure.
Vom 12 € Stundenlohn fürs Nichtstun zu einem Monatseinkommen von
1.885 Euro (netto) einer 4-köpfigen Hartz-Familie
Während bei Sabine Christiansen der Stern-Korrespondent Joerges ohne
Beleg seine Behauptung von dem 12 Euro-Stundenlohn in den Raum stellen
konnte, wurde in Berlin Mitte präziser geschossen:
Unter dem Titel „Jahrhundert-Reform oder Milliarden- Grab – Ist
Hartz IV gescheitert?“ wurde eine vier-köpfige Familie vorgestellt,
deren Vater einem (befristeten) 1-Euro-Job nachgeht und die es trotz ALG
II Status auf 1885 € netto bringt. Arbeitgeberpräsident Hundt
sattelte noch einen drauf, indem er auf eigene Berechnungen verwies,
nach denen sogar von einem Nettobetrag in Höhe von 1995 € auszugehen
sei.
Durchschnitt hat der allein stehende Berliner Erwerbslose jedoch nur 652
€ zurNäher betrachtet ist zunächst auffällig, dass in allen
Berechnungen die dynamische Bandbreite der Wohnkosten unberücksichtigt
bleibt, sondern stets die maximalen Wohnkosten berechnet werden. Wenn
die durchschnittlichen, real anfallenden Wohnkosten veranschlagt worden
wären, hätte das Resultat anders ausgesehen. So wird für das
angegebene Berliner Modell eines allein stehenden Erwerbslosen ohne
einen 1-Euro-Job nicht die durchschnittliche Miete von 307 €
veranschlagt, sondern die zulässige Maximalmiete von 360 € in
Rechnung gestellt.
Im Durchschnitt hat der allein stehende Berliner Erwerbslose jedoch nur
652 € zur Verfügung, von dem Lebensunterhalt einschließlich Miete zu
bestreiten sind. Ähnliche schönrechnerisch sind die suggestiven
Rechentricks bei der Hartz- Familie. Besonders perfide ist die Angabe
des 1-Euro-Jobs, wird dadurch unterstellt, es würde sich hier um eine
dauerhafte Beschäftigung handeln. Fakt ist, dass diese Beschäftigungsmöglichkeiten
in der Regel auf sechs Monate befristet sind. In seriösen Berechnungen
sollten daher die Einnahmen des befristeten 1-Euro-Jobs unberücksichtigt
bleiben (zwischen 180 und 200 €).
266,50 € im Monat pro
Familienmitglied, das ist pro Tag ein Betrag von 8,76 €:
davon zu bestreiten sind die steigenden Energiekosten, die
Nahrungsmittel, die Praxisgebühr, Medikamente, Kleidung, Schuhe, der öffentliche
Nahverkehr, Telefon, Rücklagen für Reparaturen und Neuanschaffungen,
Teilnahme am kulturellen Leben, nicht zu vergessen das Taschengeld für
die Kleinen, möglicherweise auch eine Belohnung für einen Einser…
Durch einen befristeten 1-Euro-Job kann sich das Pro-Kopf-
„Einkommen“ im Monat um 50 € erhöhen, doch dieses
„Einkommenszuwachs“ ist nur von kurzer Dauer.
Und auch die Berechnung des Stundenlohns fürs Nichtstun
führt in dem Fall eines Hartz IV Singles zu dem Netto-Stundensatz von
3,91 € und in dem Fall einer 4-köpfigen Hartz Familie zu dem
Netto-Stundensatz von 2,97 € für jedes Familienmitglied.

Ausbau des Kontrollapparates und radikaleren Sanktionen – flankiert
durch eine leistungsorientierte Bezahlung der
Vollstrecker (MitarbeiterInnen der Jobcenter) – dient einzig einem
Ziel: Die Reservearmee für den Niedriglohnmarkt weniger zu rüsten als
gefügig zu machen. Um nichts anderes geht es. Wenn Joerges entgegen
besseren Wissens und ohne nennenswerten Widerspruch die Sozialhilfeempfänger
als die großen Gewinner der Hartz-Reformen herausstellt, dann ist
dieser Personenkreis nur demagogisches Mittel zum machiavellischen
Zweck:
Denn diese Gewinner, denen es jetzt angeblich besser geht, hätten nach
Joerges keinen Druck, einer Arbeit nachzugehen (so Joerges bei
Christiansen in der 44. Minute). Sowohl die starke Nachfrage von
vielen Erwerbslosen nach 1-Euro-Jobs wie das betroffene
Schweigen auf die (leider nicht gestellte) Frage, wie viele
1-Euro-Jobber für den ersten Arbeitsmarkt qualifiziert werden konnten,
entlarvt das populistische Geschwätz als das, was es ist:
Stimmungsmache der alten Schule. Fraglich bleibt, was Populisten wie
Joerges, Clement und Markus Söder (CDU) außer Sanktionen, Verdächtigungen
und Kontrolleuren zu bieten haben: Bleibt wirklich nur der Abstecher ins
Spargelfeld?
Es
war Sabine Christiansen zu danken, dass ein Experte aus der Praxis zu
Wort kam: Dietrich Paul, Spargelbauer aus Niedersachsen, berichtete von
dem Leben eines Saisonarbeiters:
7 Tage die Woche, 10 bis 12 Stunden am Tag, das würde
vorkommen. Seine mangelnde Freude über die politische Vorgabe, unter
den Spargelstechern 10 Prozent Arbeitnehmer deutscher Herkunft
nachweisen zu müssen, war deutlich erkennbar.
Welch eine Perspektive: 10 Stunden, 7 Tage die Woche – das würde bei
einem angenommenen Bruttolohn von 5 € in der Woche 350 € bringen, im
Monat etwas über 1500 € Brutto. Immerhin sollte nicht nur die
Unterkunft frei, sondern auch die tägliche Stärkung mit einem kräftigen
Spargelsüppchen drin sein.
Doch was, wenn die Erntezeit beendet ist, der deutsche
Spargel von deutschen Händen geerntet ist? Ziehen dann Karawanen von
Erwerbslosen weiter zu den Erdbeerplantagen, dann zur Kirschernte,
von dort aus weiter zur Weinernte? Und im Frühling
geht es dann weiter mit Rosenkohl und anderem Gemüse? Ist das der ewige
Kreislauf? Hunderttausende von deutschen Wanderarbeitern, die
von Plantage zu Plantage ziehen?
Sachleistungen runter, 0-Euro-Jobs, Lohnabstandsgebot und die
Kapitalisierung der Arbeitslosen – Was kommen wird…
Wenn Markus Söder und andere an die Sachleistungen heran wollen, dann
besteht kein Grund zur Entwarnung. Bereits im Optimierungsgesetz ist die
Senkung des pauschalen Rentensatzes von 78 € auf 40 € beschlossen
worden. Der jährliche Einspareffekt für den Fiskus ist für das Jahr
2007 mit 2 Milliarden € beziffert! Da drängt sich die Frage auf,
warum dieser symbolische Betrag nicht ganz gestrichen wird. Zu den
Sachleistungen gehören auch die Mietzahlungen, die sich nach Angaben
des selbsternannten Experten Joerges verdreifacht haben.
Wie hier gekürzt werden kann? Bereits jetzt zahlen die Kommunen
unterschiedliche Pauschalen, die sich an der ortsüblichen
Vergleichsmiete orientieren sollten. Im Kreis Eckernförde
(Schleswig-Holstein) geht die Kommune einen Schritt weiter: Dort werden
ALG II Betroffene, die in
(teuren) Neubauten wohnen, zum Wohnungswechsel aufgefordert. Nun sind
die Jobcenter weder zur Kündigung einer Wohnung befugt noch können sie
verbindlich eine Räumung veranlassen. Sie können jedoch die Höhe der
„angemessenen Unterkunftskosten“ reduzieren, was zu einem massiven
Anstieg von Mietschulden führen wird. Das führt zu einer höheren
Belastung der Schuldnerberatung, zu mehr Gerichtsverfahren, zu mehr
Wohnungsräumungen – und das alles schafft wiederum Arbeitsplätze.
Zu den Sachleistungen zählt auch die Vergütung
der 1-Euro-Jobs. In Berlin erhalten Erwerbslose, die einer
solchen Beschäftigung nachgehen, eine so genannte „Mehraufwandsentschädigung“
in Höhe von 1,50 €. Es wirft ein bezeichnendes Bild auf das
Psychogramm der Konstrukteure, die bei diesem geringen Betrag die
(sarkastische) Unverfrorenheit besitzen und statt es bei dem Begriff der
einfachen Aufwandsentschädigung zu belassen den Begriff der M e h r
aufwandsentschädigung ins Feld führen.
Ursprünglich stand der repressive Charakter der 1-Euro-Jobs im
Vordergrund: Die Eignung der Arbeitswilligkeit auch bei wenig
attraktiven Beschäftigungsangeboten und vor allem unter schlechten
rechtlichen Rahmenbedingungen (keine Fortzahlung der Pauschale
(Lohnfortzahlung) im Krankheitsfalle,
keinen Anspruch auf „bezahlten“ Urlaub), sollte getestet werden.
Nachdem sich überraschend herausstellte, dass dieses
arbeitsmarktpolitische Instrument trotz des repressiven Charakters von
Seiten der Betroffenen stark nachgefragt wurde, und der erwartete
Sanktionierungseffekt nicht erzielt werden konnte, wird hier
„optimiert“ werden:
Zunächst wird das Angebot weiter reduziert werden, dann werden diese
Stellen durch 0-Euro-Jobs ersetzt. Als Argument wird das
Lohnabstandsgebot herhalten müssen: Wenn im Niedriglohnsektor marktübliche
Hungerlöhne für nachgefragte Arbeit bezahlt werden, dann darf kein öffentlicher
Beschäftigungssektor mit paradiesischen bzw. sozialistischen
Rahmenbedingungen entstehen (Einführung der 30 Stunden Woche bei
1-Euro-Jobs) – so die neoliberale Lesart.
Die Erniedrigung wird weiter fortgesetzt: Die Kapitalisierung der
Arbeitslosen und die Einrichtung eines festen zweiten Arbeitsmarktes,
das sind die „Schlagworte“, mit denen Ausbeutung, Erniedrigung und
Verarmung verschleiernd propagiert werden. Und inmitten dieser
Wortgefechte wird dann auch schon mal brutto und netto verwechselt (so
Arbeitgeberpräsident Hundt mit seiner Berechnung). Doch das spielt in
dieser Oberliga genau so wenig eine Rolle wie definierte Armutsgrenzen.
Diese sind in Deutschland für die Herrschenden nur insofern bedeutend,
als in Armutsgrenzen eine Herausforderung gesehen wird – eine
Herausforderung, diese Grenzen weiter zu unterschreiten.
Und nur zur Erinnerung: In Deutschland beläuft sich – nach Angaben
der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di – der durchschnittliche
Bruttoverdienst eines abhängig arbeitenden Menschen auf 2.884 €.
Nachtrag:
Während ich die beiden Sendungen mit den geladenen Talk-Gästen
noch einmal im Zeitraffer vor meinem Auge Revue passieren lasse, frage
ich mich, wie es sich auswirken würde, wenn die Veröffentlichung von
Vorstandsgehältern nicht nur auf die führenden DAX-Unternehmen beschränkt
wäre, sondern diese sinnvolle Regel auch bei der Elite der
Meinungsmacher und Wortführer zur Anwendung kommen würde.
Mensch stelle sich vor:
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt zu Gast bei Sabine Christiansen erhält
das Wort und während er sich in gewohnter Pose ins Bild setzt, wird
unten im Bild dezent sein Vermögen, die Höhe seines letzten
Jahreseinkommens, die entrichtete Steuer wie die Höhe der steuerlichen
Rückerstattung eingeblendet. Seine Ausführungen über die
Notwendigkeit, die Löhne weiter abzusenken und den Niedriglohnsektor
weiter auszubauen, würden so eine ganz andere Bedeutung, zumindest aber
eine neue Relation erhalten. Und wer weiß: Vielleicht würde diese
kleine Zusatzinformation – anzuwenden auf jeden geladenen Talkgast –
dann auch zu höheren Einschaltquoten führen…
Doch ob das wünschenswert ist? Gewiss würden dann die meisten
Plaudertaschen das Rampenlicht der Scheinwerfer scheuen. Und das wäre
dann doch wirklich ein Gewinn, oder?
Festzuhalten ist: 3,91 € Netto die Stunde erhält ein Erwerbsloser fürs
Nichtstun.
Bis zu 2000 € die Stunde erhalten Hans Werner Sinn, Dieter Hundt und
Hans-Ulrich Joerges für einen 1-stündigen Sendeauftritt bei Sabine
Christiansen.
Dafür fällt der Schaden, denn diese Personen durch ihre dummes Geschwätz
anrichten, um ein vielfaches höher aus. Und die Leser mögen selbst
beurteilen, was besser ist: Nichts zu tun oder vorsätzlich die Massen
aufzuhetzen und in die Irre zu führen.
Wie es anders laufen könnte? Einzusehen unter:
http://www.arbeitfairteilen.de/interview.htm
Thomas Rudek
Berliner MieterGemeinschaft,
Bürgerbündnis gegen Privatisierung,
Bürgerbündnis für direkte Demokratie,
Kampagne gegen Zwangsumzüge,
Donnerstagskreis, Wassertisch (attac)
von Thomas Rudek
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| Letzte Aktualisierung (
09.06.2006 ) |
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