Ohne Reformen am Arbeitsmarkt wird Deutschland einer Studie der EU-Kommission
zufolge auch in Zukunft hinter dem Wachstum seiner EU-Partner zurückbleiben.
Die SPD setzt auf die Verzahnung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe.
Arbeitsmarktreformen angemahnt
"Die Bedingungen am Arbeitsmarkt sind eine wichtige Ursache für das
unterdurchschnittliche Wachstum Deutschlands seit der Mitte der 90er
Jahre", heißt es in dem Bericht. "Deutschland muss
Arbeitsmarktreformen vollziehen, wenn es zu den anderen Ländern der Euro-Zone
aufschließen will", schlussfolgern die Experten.
Politisches Streitthema
Mitten im Bundestagswahlkampf nehmen die Brüsseler Ökonomen damit zu einer
politisch umstrittenen Frage Stellung. Ihre Aufforderung, durch flexiblere
Bedingungen am Arbeitsmarkt die Voraussetzungen für mehr Wachstum zu schaffen,
stützt eher die Programmatik der Union als die der SPD. Während CDU und CSU für
einen umfangreicheren Niedriglohnsektor und vorsichtige Lockerungen beim Kündigungsschutz
eintreten, setzen die Sozialdemokraten bislang vor allem auf die bessere
Vermittlung von Arbeitslosen.
Vorschläge für die Verzahnung von Arbeitslosen- und
Sozialhilfe
Am Sonntag deutete sich in SPD und Bundesregierung allerdings eine vorsichtige
Beschleunigung der arbeitsmarktpolitischen Debatte an. Als Reaktion auf die
Ratschläge aus Brüssel sagte SPD-Generalsekretär Franz Müntefering der
Financial Times Deutschland, er erwarte noch vor der Bundestagswahl einen
Entwurf zur Verzahnung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe: "Das wird mit den
Vorschlägen der Hartz-Kommission konkreter werden", sagte er. Die von
VW-Personalvorstand Peter Hartz geleitete Arbeitsgruppe soll im August Vorschläge
für die Reform der Arbeitsmarktpolitik vorlegen. Von der Zusammenfassung der
beiden Sozialleistungen erwarten Experten stärkere Anreize für die
Arbeitsaufnahme. In ihrem Wahlprogramm hat die SPD genaue Aussagen darüber
vermieden, wie Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt werden sollen.
"Boomphasen nutzen"
Jörg Müller, ein Sprecher von Bundesfinanzminister Hans Eichel, sagte, es gehe
jetzt "in der Tat darum, die immer vom Export geprägten Boomphasen für
Reformen auf dem Arbeitsmarkt zu nutzen". Auch er sagte, es werde noch vor
der Wahl einen Zwischenbericht zur Verzahnung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe
geben. "Auf dem Weg wird es dann weitergehen." Der
wirtschaftspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Matthias Wissmann
sagte: "Die Studie der Europäischen Kommission mahnt mit Recht die
dringend notwendigen Reformen auf dem deutschen Arbeitsmarkt an."
Ursachen der Wachtumsschwäche
Die Untersuchung der EU-Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen geht auf rund
100 Seiten den Ursachen der deutschen Wachstumsschwäche seit der
Wiedervereinigung nach. Sie räumt mit dem Irrtum auf, die Bundesrepublik wachse
nur langsamer als Länder mit hohem wirtschaftlichem Nachholbedarf: Das deutsche
Wachstum liegt fast einen Prozentpunkt unter dem EU-Durchschnitt, "sogar
wenn die schneller wachsenden Kohäsions-Länder (Spanien, Irland, Portugal,
Griechenland) außen vor gelassen werden", schreiben die Experten.
Nachwirkungen der Wiedervereinigung
Während seit Mitte der 90er Jahre rund zwei Drittel dieses Abstands auf
Nachwirkungen der Wiedervereinigung zurückgingen, liege ungefähr ein Drittel
an den Bedingungen des Arbeitsmarktes. Für die Zukunft hätten diese aber eine
Schlüsselfunktion.
"Unterentwickelte Kinderbetreuung"
Deutschland müsse ein höheres Arbeitskräfteangebot schaffen und dafür unter
anderem die "unterentwickelte Kinderbetreuung" verbessern, damit mehr
Frauen arbeiten könnten. Die Löhne der gering Qualifizierten sollten ihrer
Produktivität angepasst werden. Auch müssten hohe Grenzbelastungen für
Personen abgebaut werden, die eine legale Arbeit aufnehmen, und "ein
genereller Mangel an Flexibilität und Mobilität" beseitigt werden. Schließlich
fordern die EU-Ökonomen, Beschränkungen des Wettbewerbs durch Meisterbrief und
Handwerksordnung aufzuheben, die es außer in Deutschland nirgendwo in der EU
gebe.
Quelle: Financial Times Deutschland