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Privatisierung und Direkte Demokratie erstellt
von: Frank Rehmet, Mehr Demokratie e.V., Bereich
Wissenschaft und Dokumentation Datum:
31.08.2002
1.
Einleitung In
den letzten beiden Jahren verzeichnet die attac-Bewegung großen Zulauf, viele
Menschen wehren sich gegen die negativen Folgen von Globalisierung und
kritisieren den schrumpfenden politischen Handlungsspielraum und damit
einen Verlust an Demokratie. Attac ist zu einer großen Bewegung geworden, die
sich kritisch mit diesen Globalisierungstendenzen auseinander setzt und sich
gegen die Macht von multinationalen Konzernen wehrt. Hierbei
ist der Bereich der Privatisierung, speziell von kommunalen
Infrastruktureinrichtungen wie z.B. Stadtwerken, Wasserversorgungseinrichtungen
o.ä. von besonderem Interesse, ein Bereich, der sehr oft Gegenstand von
kommunalen Bürgerbegehren in Deutschland war und ist. Nicht
zuletzt der bundesweit bekannt gewordene Stromnetzkauf in Schönau im
Schwarzwald, als die Bürger per Bürgerentscheid das Stromnetz in
Eigenregie übernahmen und damit kommunalen und umweltpolitischen
Handlungsspielraum zurückgewannen, illustriert die Wirkungsmöglichkeiten der
direktdemokratischen Instrumente Bürgerbegehren und Bürgerentscheid. Der
vorliegende Bericht befasst sich daher mit der Praxis Direkter Demokratie in
verschiedenen Regionen zum Thema Privatisierungen. Ein Schwerpunkt wird hierbei
auf die kommunale Ebene in Deutschland gelegt. 2.
Daten und Fakten a)
Deutschland Landesebene
Die Praxis in Deutschland ist im Volksbegehrensbericht
2001 von Mehr Demokratie e.V. zusammengestellt und ausgewertet worden.
Daraus ergibt sich, dass das Thema Privatisierungen auf Landesebene keine
Rolle gespielt hat. Vorherrschende Themen waren auf dieser
politischen Ebene vielmehr Bildungspolitik, Wahl- und Abstimmungsrechte sowie
die Rechtschreibreform und Verkehrsinfrastrukturprojekte.[1] Kommunalebene
Der Bereich kommunale Infrastruktur ist
ein Kernbereich der bundesdeutschen Kommunalpolitik. Hierzu gab es in vielen
Bundesländern Bürgerbegehren und Bürgerentscheide. Darunter fallen auch
einige Bürgerbegehren im Teilbereich Privatisierung: So setzten sich in Hessen die Bürger
erfolgreich gegen die Privatisierung der Stadtwerke (Biedenkopf bei Marburg
1994) und erfolglos für die kommunale Stromversorgung (Taunusstein,
Rhein-Main-Gebiet) ein. In Nordrhein-Westfalen sorgten
die Bürgerentscheide in der Landeshauptstadt Düsseldorf 2001 gegen die
Privatisierung der Stadtwerke – Ergebnis: 90 %-Mehrheit im Bürgerentscheid
gegen die Privatisierung[2]
– und Münster 2002 (Zweidrittelmehrheit gegen Privatisierung) - für Furore. In Bayern konnten dank einer
Auswertung des bayerischen Landesverbands von Mehr Demokratie e. V.
genauere Zahlen ermittelt werden.[3] Die dort vorgenommene Auswertung ergab für
den Teilbereich Wasser: ·
Ca. 37 von ca. 550 Bürgerentscheiden
in den Jahren 1995 – 2001 fanden zum Thema Wasserversorgung/Infrastruktur
und hiervon 7 Bürgerentscheide zur Frage einer Privatisierung der Einrichtung
statt. ·
Beispiel Ottobeuren: Der
Verkauf an eine RWE-Tochter wurde per Bürgerentscheid mit 71%Mehrheit
verhindert. ·
Beispiel Grabfeld: Die Bevölkerung
sprach sich gegen eine Anbindung an einen teilprivatisierten
Fernwasserzweckverband aus, der trotz eigener Quellen angestrebt wurde. ·
Hintergründe und
Konfliktkonstellationen: Oftmals
konnte beobachtet werden, dass Bürgermeister und Gemeinderäte dem Lobbyismus
von Großunternehmen und zugleich problematischen Gemeindefinanzen gegenüberstehen.
Diese Situation wird oft noch durch die Situation, in der sich die
Wasserinfrastruktur der Kommunen befindet (großer Sanierungsbedarf, benötigte
Investitionen), verschärft. Die zum Teil schlechten Gemeindefinanzen wirken
ebenfalls verschärfend . Aus diesem Grund erhoffen sich die Gemeinderäte und Bürgermeister
von (Teil-) Privatisierungen kurzfristige Haushalts- und langfristige
Organisationsentlastungen. Die Untersuchung des
Teilbereichs Strom/Stadtwerke ergab folgendes Bild: ·
Es gab einige Bürgerbegehren gegen
die Privatisierung von Stadtwerken. In Erlangen wurde ·
Die ödp initiierte 2001 in
insgesamt 11 Städten und Gemeinden Bürgerbegehren gegen den tschechischen
“Schrottreaktor” Temelin und sorgte damit für eine
koordinierte Aktion, die letztlich von Erfolg gekrönt war. Sonstiges ·
Klinikverkauf:
Kürzlich war ein Bürgerentscheid im Kreis Nordfriesland (Schleswig-Holstein),
der sich gegen die Privatisierung von Krankenhäusern aussprach, erfolgreich:
Beim ersten kreisweiten Bürgerentscheid in Schleswig-Holstein haben sich die
BürgerInnen mit einer Mehrheit von 75 % (Abstimmungsbeteiligung 39,4 %) klar
gegen den geplanten Verkauf der kreiseigenen Krankenhäuser ausgesprochen. ·
Kliniken (II):
Vor kurzem wurden Bürgerbegehren in Zwickau und in Hamburg gegen den Verkauf
von Kliniken eingeleitet (Stand: Ende August 2001). ·
Müllabfuhr: In
Landau (Rheinland-Pfalz) wurde kürzlich ein Bürgerbegehren gegen die Privatisierung
der städtischen Müllabfuhr eingeleitet. Beobachter sprechen davon, dass hier
die Regionalgruppe von attac aktiv war und ist. ·
Wohnungsbaugesellschaft (I):
Am 15. September haben die Bürgerinnen und Bürger in Aachen
(Nordrhein-Westfalen) das letzte Wort, wenn es im Bürgerentscheid gegen den
Verkauf der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft an einen privaten Träger geht. ·
Wohnungsbaugesellschaft (II)
In Köln wehrte sich der Mieterverein gegen einen Verkauf der Gemeinnützigen
Aktiengesellschaft für Wohnungsbau und der Grund und Boden. Im Dezember 2001
wurde dieses für unzulässig erklärt, die Klage ist anhängig (http://www.mieterverein-koeln.de/Begehren.htm). b)
Europa: Schweiz, Italien Schweiz
In der Schweiz werden auf allen
politischen Ebenen regelmäßig Volksabstimmungen abgehalten. Unter
http://www.admin.ch/ch/d/pore/va/index.html
kann man eine Liste aller
Volksabstimmungsvorlagen auf nationaler Ebene ansehen. Aus dieser Übersicht
wird deutlich, dass in der Schweiz seit über 100 Jahren relativ selten zu
Privatisierungen, jedoch sehr häufig über öffentliche Infrastruktur
abgestimmt wurde. Hervorzuheben ist die Initiative “für
die Finanzierung aufwendiger und langlebiger Infrastrukturvorhaben”, die
1997 im Stadium der Unterschriftensammlung scheiterte. Italien Italien verfügt unter den europäischen
Staaten mit Ausnahme der Schweiz über eine sehr umfangreiche
Abstimmungspraxis. Was den hier betrachteten Themenbereich
betrifft, so ist folgendes bemerkenswert:[4] ·
1993 wurde das Ministerium für
Staatsbeteiligung per Volksentscheid abgeschafft, ·
1995 wurde in einem Volksentscheid
eine Teilprivatisierung des staatlichen Fernsehens (“RAI-Status”) von den
Abstimmenden mit knapper Mehrheit genehmigt (55 %-Mehrheit bei einer Beteiligung
von 57,2 %), ·
1997 erreichte eine Volksabstimmung
zur Abschaffung von Kontrollbefugnissen des Staates bei privatisierten
Unternehmen zwar eine Mehrheit von 74 %, jedoch war die Abstimmung ungültig, da
weniger als 50 Prozent an die Stimmurnen gingen.[5] c.) USA Wie in der Schweiz haben
direktdemokratische Verfahren auch in den USA eine lange Tradition: Nahezu alle
Bundesstaaten kennen das obligatorische Verfassungsreferendum (jede Verfassungsänderung
muss vom Volk bestätigt werden), die Hälfte der US-Staaten kennt darüber
hinausgehende Volksrechte, die Initiative und das Referendum. Auch auf
kommunaler Ebene gibt es diese sehr häufig. Die Homepage des parteiunabhängigen IRI
(Initiative and Referendum Institute) http://www.ballotwatch.org enthält eine
Datenbank zur US-Praxis auf Staatenebene. Die Recherche ist sehr aufwendig und
konnte im Rahmen dieses Berichts nicht detailliert durchgeführt werden. Hier
sind noch Forschungsarbeiten vonnöten. Dennoch ist es analog zur Schweiz sehr
plausibel, dass in den USA oftmals der Themenbereich Privatisierung eine
wichtige Rolle spielt. Dies gilt um so mehr, als in den USA wie auch in der
Schweiz - im Unterschied zu Deutschland – thematische Ausschlüsse sehr gering
gehalten sind. Es lassen sich folgende
Volksabstimmungen zu folgenden Bereichen: -
Öffentlicher Personennahverkehr (z.B. Kalifornien – mehrere Vorlagen,
Missouri) -
Öffentliche Dienste (z.B. Washington D.C., aktuelle Debatte:
Verbesserung von Gesundheitsleistungen für Personen geringeren Einkommens) Zum Bereich Privatisierung ist zu
vermuten, dass viele Volksabstimmungen auf der lokalen Ebene stattfinden. Hierzu
finden sich jedoch in der Literatur keine empirischen Daten. Literaturhinweise
Zur Einführung Heußner,
Hermann/Jung, Otmar (Hrsg.), Mehr direkte
Demokratie wagen, München 1999 erscheint demnächst im
Campus-Verlag, Frankfurt u.a. Zeitschrift für Direkte
Demokratie - Sonderheft Zur
Kommunalebene Schiller,
Theo (Hrsg.), Direkte Demokratie in
Theorie und kommunaler Praxis, Frankfurt u.a. 1999 Aktuelles
Kompendium Schiller,
Theo/Mittendorf, Volker (Hrsg.): Direkte
Demokratie - Forschungsstand (Arbeitstitel) erscheint demnächst im
Westdeutschen Verlag.
[1] Der Bericht ist über www.mehr-demokratie.de downloadbar. [2] Vgl. www.buergerbegehren-duesseldorf.de und allgemein die empfehlenswerte Homepage der Informationsstelle Bürgerbegehren von Andreas Paust www.buergerbegehren.de. [3] www.mehr-demokratie.de/bayern Dort ist auch der bayerische Sechs-Jahres-Bericht für Bürgerbegehren, der vom Landesverband Bayern erstellt wurde, erhältlich. [4] Daten aus: Capretti, Anna 2001: Öffnung der Machtstrukturen durch Referenden in Italien, Frankfurt a.M., insbesondere die Auflistung auf S. 98 ff. [5] Zur Problematik des Beteiligungsquorums von 50 % ausführlich Capretti 2001. |