seit Jahren wird das Herkunftslandprinzip, das in den GATS-Abkommen der WTO
enthalten ist und im Bolkestein-Hammer, der geplanten neuen
Dienstleistungsrichtlinie der EU, von Attac als eine der stärksten Waffen gegen
Arbeitnehmerinteressen gebrandmarkt. Wie sich dieses Herkunftslandprinzip
auswirkt, das zeigt der Artikel
Der Osten kommt
exemplarisch am Schicksal der Fleischverarbeiter in Deutschland (Dänemark,
Polen, Tschechien). Für Lohnniveaus, Arbeitsschutz, Sozialstandards und auch für
die Arbeitplätze gibt es kein Halten mehr. Die Fleischverarbeiter sind nur der
Anfang. Schönes neues Europa.
Wir sollten zumindest versuchen diese Informationen so breit wie möglich zu
streuen. Es soll wenigstens niemand sagen können, er habe von nichts gewußt
und sich deshalb nicht gegen die Politik der neoliberalen Einheitsfront
gestellt.
Mit solidarischen Grüßen,
Gregor Czisch (Kassel)
DER
SPIEGEL 7/2005 - 14. Februar 2005
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,341412,00.html
Arbeitsmarkt
Der Osten kommt
Von Markus Deggerich
Eine Klausel im EU-Recht macht die Bundesrepublik zum Billiglohnland.
Firmen feuern deutsche Arbeiter und heuern osteuropäische an - zu
Dumpingpreisen. Nun will der Kanzler einschreiten.
Der Mann hat beeindruckende Oberarme und ziemlich schlechte Laune. "Sie
da oben", schnaubt er in das Mikrofon "müssen sich nicht wundern,
wenn wir bald mit Knüppeln auf die Straße gehen."
Der "da oben" ist Gerd Andres (SPD), Staatssekretär im
Bundeswirtschaftsministerium, und er blickt beunruhigt auf die 300 aufgebrachten
Menschen in der Veranstaltungshalle im niedersächsischen Löningen. Denn wer da
so unverhohlen mit körperlicher Gewalt droht, sind Fleischer. Genauer:
arbeitslose Fleischer. Männer, deren Jobs zwar immer noch in Deutschland
erledigt werden, aber neuerdings von Arbeitern aus Osteuropa - und zu Dumpinglöhnen.
Es geht, das weiß der Staatssekretär, um weit mehr als um die Wurst. Höchste
politische Ebenen sind in Alarmbereitschaft. Das Schicksal der
Fleischverarbeiter, so fürchtet man in Berlin, könnte der Beginn einer kaum zu
stoppenden Entwicklung sein. Sollte der Trend auch andere Branchen erreichen, würden
womöglich Hunderttausende deutscher Arbeitnehmer von Billigarbeitern verdrängt.
Kein Wunder, dass die Bundesregierung nervös ist. Horrormeldungen von
Deutschland als Billiglohnparadies könnten den rot-grünen Aufschwung abrupt
beenden. Ende vergangener Woche hat der Kanzler das Thema zur Chefsache erklärt:
Am Dienstag wird er in Brüssel bei EU-Kommissionschef José Manuel Barroso in
der Sache vorsprechen. "Angesichts von fünf Millionen Arbeitslosen darf
Deutschland nicht mit Billiglöhnern überschwemmt werden", sagt ein hoher
Regierungsbeamter.
Schuld an der Misere ist ein unterschätztes EU-Gesetz. Um den deutschen
Arbeitsmarkt zu schützen, hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der
Osterweiterung der Europäischen Union im vergangenen Mai eine Klausel
durchgesetzt: EU-Neubürger müssen bis zu sieben Jahre lang auf freie
Arbeitsplatzwahl in den Mitgliedstaaten verzichten. So, hoffte er, würde
Deutschland nicht von Billigarbeitern überrannt werden.
Allerdings war da noch das Kleingedruckte: Die sogenannte
Dienstleistungsfreiheit gilt längst, wenngleich mit Einschränkungen, für die
neuen Beitrittsländer. Betriebe aus den neuen Mitgliedstaaten dürfen deshalb
deutschen Unternehmen ihre Dienstleistungen anbieten - und zwar zu den
Arbeitsbedingungen ihrer Länder. Das Prüfrecht, ob es sich tatsächlich um
Dienstleistungen oder aber um illegale Arbeitnehmerüberlassung handelt, haben
nicht mehr deutsche Stellen, sondern die Heimatländer.
In Berlin hat man seinerzeit diese Klausel offenbar unterschätzt: 26 000
Fleischarbeiter haben ihren Job inzwischen schon verloren und wurden durch
Billigkräfte ersetzt. Innerhalb weniger Monate sei "ein Milliarden-Markt
mit mafiösen Strukturen, Lohndumping und moderner Sklaverei" entstanden,
klagt Matthias Brümmer von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG)
in Oldenburg. In seinem Bezirk, der wegen seiner Nutztierdichte der
"Fleischtopf Deutschlands" genannt wird, gibt es mittlerweile
Betriebe, in denen nur noch Osteuropäer arbeiten. In den Unternehmen würden
weder Lohn- noch Arbeitszeitregelungen eingehalten und schon gar keine
Arbeitsschutzklauseln, sagt er.
"Durch die Dienstleistungsfreiheit brechen alle Dämme - und Kontrollen
gibt es hier nicht mehr", klagt der Gewerkschafter. Tatsächlich gilt für
die Dienstleistungsanbieter das Recht ihres Heimatlandes, das sogenannte
Herkunftslandprinzip. Ein polnischer Unternehmer etwa, der in Deutschland
Schweine schlachtet, unterliegt nicht dem deutschen Sozialstandard, sondern nur
dem polnischen. Die Sozialbeiträge werden in Polen entrichtet.
DER SPIEGEL
Mittlerweile jedoch werden in Deutschland selbst niedrigere Standards anderer Länder
noch unterschritten. Gewerkschafter Brümmer weiß von regelrechten Lagerzuständen.
Arbeiterkolonnen werden abgeschirmt, wohnen in Massenunterkünften, werden dann
noch um Teile ihres spärlichen Lohns gebracht, indem ihnen vertragswidrig Miete
oder Geld für die Arbeitskleidung abgezogen wird. Wer aufmuckt, wird fristlos
gekündigt, verliert damit seine Aufenthaltserlaubnis und muss sofort in sein
Heimatland zurückkehren.
Löhne zwischen zwei und drei Euro pro Stunde sind keine Ausnahme. Die
Betroffenen berichten von katastrophalen Zuständen in den Schlachthöfen, was
Arbeitssicherheit und Hygiene betrifft. Vor neugierigen Blicken und
unangemeldeten Kontrollen schützen sich solche Betriebe mit Nato-Draht und
starken Männern. "Das sind Hochsicherheitstrakte", sagt Brümmer.
"Das Problem ist viel größer als wir geahnt haben", so die
SPD-Bundestagsabgeordnete Gabriele Groneberg. Alarmiert durch die Horrorzahlen
aus ihrem Wahlkreis in Niedersachsen, wo in den vergangenen Monaten 6000
deutsche Fleischarbeiter auf die Straße gesetzt wurden, wollte sie vergangene
Woche den Schlachthof der Norddeutschen Fleischzentrale in Emstek besichtigen.
Nach anfänglicher Zusage wurde die Politikerin dann aber ohne Angabe von Gründen
wieder ausgeladen: "Wer im Dunkeln bleiben will, hat offensichtlich etwas
zu verbergen", erregt sich die Bundestagsabgeordnete.
Die Entwicklung in Deutschland blieb nicht unbemerkt. Der europäische Marktführer
in der Fleischveredelung "Danish Crown" jubelt über das deutsche
"Billiglohnparadies". Die Dänen wollen zwei Großschlachthöfe schließen
und massiv Arbeitsplätze nach Deutschland verlegen.
Bei ihnen zu Hause haben die Gewerkschaften die osteuropäischen Billigkolonnen
abgewehrt. Beim deutschen Nachbarn dagegen sind die meisten der 60 000
Schlachter und Zerleger nicht mehr gut genug organisiert für harten Widerstand.
"In Deutschland herrschen Wildwest-Zustände, dort zahlen sie Hungerlöhne",
klagt die dänische Gewerkschaft.
Weil auch der zweitgrößte europäische Fleischveredler, Bestmeat aus den
Niederlanden, massiv in den deutschen Markt drängt, tun sich nun niederländische,
polnische, dänische und deutsche Gewerkschafter zusammen. Anfang März wollen
sie sich in Hamburg treffen, um den Kampf gegen das Lohndumping zu koordinieren.
Auch in Berlin treibt es mehr und mehr Politiker zur Tat. "Das Thema gehört
bundesweit auf die Tagesordnung", fordert der Abgeordnete Holger Ortel
(SPD). Er will eine Bundeskonferenz von SPD und Gewerkschaften organisieren.
Gerald Thalheim (SPD), Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium, ist
ebenfalls alarmiert: In seinem Wahlkreis Chemnitz ist eine deutsche
Schlachthofkolonne komplett gegen Tschechen ausgetauscht worden - die nun im
ehemaligen betriebseigenen Kindergarten hausen.
Für Kanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer - beide glühende
Anhänger eines geeinten Europa - wachsen sich die Folgen der
Dienstleistungsfreiheit zu einer Gefahr aus. Durch viele Brandbriefe seiner
Genossen alarmiert, mahnt der Kanzler seinen Wirtschaftsminister zu mehr Zurückhaltung.
Wolfgang Clement, der die Dienstleistungsfreiheit und das Herkunftslandprinzip
allzu gern als "Hebel zum Umbau unserer Administration und zum Abbau überflüssiger
Standesregeln" lobpreist, solle sich verbal ein wenig mäßigen.
Gegen die geltende Dienstleistungsrichtlinie freilich kann Schröder auch bei
seinem Gespräch mit Barroso wenig machen. Aber: In der EU wird längst eine
neue Dienstleistungsrichtlinie diskutiert, die freilich erst ab 2011 gelten
soll. Und in der, so will es zumindest der Kanzler, sollen etliche Branchen,
darunter der Gesundheitssektor, der Kulturbereich, das Handwerk und der Bau ganz
oder teilweise ausgenommen werden.
Die Angst geht um, dass sonst die schöne Vision grenzübergreifender europäischer
Dienstleistungen einer unschönen Realität weicht und ein System entsteht, in
dem man, gut getarnt, billige Arbeitskräfte verschachert - und zwar in vielen
Branchen: vom Handwerk bis zur Pflege. Denn der Markt ist riesig, über 50
Prozent des Bruttoinlandsprodukts in der EU werden mit Dienstleistungen
erwirtschaftet.
Der Weg in das Billiglohnparadies ist einfach. Fast jeder deutsche Unternehmer
kann sich "Dienstleistungen" einkaufen: Er muss den Auftrag nur an ein
Subunternehmen vergeben, das sich seine Arbeiter auf Zeit aus Osteuropa holt.
Stammbelegschaften werden so nach und nach ersetzt - oder sind gezwungen, das
Lohndumping mitzumachen. Die Spirale nach unten drehe sich immer schneller,
warnen Gewerkschaften.
Für Michael Andritzky, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgebervereinigung
Nahrung und Genuss, hat das alles seine Ordnung. Denn "Verträge zwischen
deutschen Subunternehmern und osteuropäischen Dienstleistern sind legal",
verteidigte er sich vor den wütenden Arbeitern in Löningen. Natürlich wisse
auch er von "kriminellen Machenschaften", aber das seien Ausnahmen:
"99 Prozent arbeiten sauber", sagte er, unter dem Gelächter der Zuhörer.
Die NGG schätzt das Verhältnis genau anders herum ein. Der ruinöse Wettbewerb
lasse keinem mehr Luft, der sauber arbeiten will. Osteuropäische Firmen, so
Gewerkschafter, schickten gezielt Faxe an deutsche Unternehmen. Die brauchten
nur die gewünschte Dienstleistung anzukreuzen, das Angebot folgte prompt.
Qualifizierung und Seriosität der Anbieter können kaum kontrolliert werden,
und so gründen auch deutsche Subunternehmer Firmen in Osteuropa, die als reine
Anwerbebüros arbeiten: Menschenhandel mit Billigarbeitern, gedeckt durch
EU-Recht.
So werden mit einem Federstrich beispielsweise Lehrer zu Fleischern gemacht, wie
im Fall von Elzbieta B. Die Polin unterschrieb bei der Firma Multi-Job in
Warschau einen Dreimonatsvertrag als Betriebshelferin. Für die Vollzeitstelle
sollte die Pädagogin 800 Euro brutto im Monat kassieren. Weil sie Deutsch
sprach, wurde sie als Vorarbeiterin für eine polnische Kolonne in einem
Fleischwerk in Niedersachsen eingesetzt.
Die Vollzeitstelle entpuppte sich aber schnell als Doppelschicht mit 16 Stunden
Arbeit am Tag. Als Elsbieta B. nach dem ersten Monat noch keinen Cent Lohn
erhalten hatte, beschwerte sie sich. Nach zwei Monaten erhielt sie eine
Abschlagszahlung von 200 Euro, nach drei Monaten noch mal 400 Euro. Danach gab
sie auf. "Die Arbeiter werden mit rüdesten Methoden abgezockt und eingeschüchtert",
sagt Gewerkschafter Brümmer.
Dass das Problem als Erstes im Fleischgewerbe massiv auftaucht, hat mit dem
Markt zu tun. Die deutsche Fleischwirtschaft leidet seit Jahren unter hohen Überkapazitäten
und ruinösem Preiskampf der Supermärkte. Die Lieferanten müssen Kosten drücken,
egal, ob die Qualität leidet. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis das
Modell Schule macht - auch in anderen Branchen.
Angesichts dieser Perspektive mehrt sich der Widerstand gegen die
Dienstleistungsfreiheit. Doch Änderungswünsche haben nicht nur die Deutschen,
und ein Flickenteppich an Regeln könnte die ganze Idee vom freien Binnenmarkt
aushebeln. EU-Kommissionspräsident Barroso lässt keinen Zweifel daran, dass er
offene Dienstleistungsmärkte will.
"Das wird schwierig", weiß auch Staatssekretär Andres. EU-Recht sei
eine komplizierte und sensible Materie, da gebe es keine leichten Lösungen,
entgegnete er flau seinem aufgebrachten Publikum in Löningen.
Die arbeitslosen Fleischer konnte das nicht besänftigen: "Euer Europa könnt
ihr euch dann an den Hut stecken."