MONITOR Nr. 553 am 28.
September 2006 |
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Steuerreform
- Die unglaubliche Entlastung deutscher Unternehmen
Bericht: Kim Otto, Markus Schmidt
Sonia Mikich: "Wer gute Gewinne macht, soll auch gut
verdienen, das sagten sich gerade die Siemens-Chefs und genehmigten dem
Vorstand 30 Prozent mehr Gehalt. Wer gute Gewinne macht, der zahlt auch
gute Steuern. Ach was, so nun auch wieder nicht. Denn bevor es ans
Steuerzahlen geht, rechnen sich Siemens, E.ON, BMW, Allianz und Co. künstlich
arm.
Legal - versteht sich.
Und mit wie viel Prozent tragen die Unternehmen in Deutschland zum
gesamten Steueraufkommen bei? Staunen Sie: 2,6 Prozent. Und Schwarz-Rot
in Berlin will nun, dass es noch weniger wird.
Markus Schmidt und Kim Otto gucken sich die Zahlen an und räumen mit
ein paar Märchen auf."
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Bundesfinanzminister Steinbrück diese Woche unterwegs auf Werbetour
für seine große Sache: die Unternehmenssteuerreform. Fünf Milliarden
Nettoentlastung verspricht er den Unternehmern, die wollen noch mehr.
Der Minister hat ein Problem.
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Peer Steinbrück, Finanzminister: "Wie
kommuniziere ich eine solche Unternehmenssteuerreform? In einem
Zeitpunkt, wo ich für die breite Masse der Einkommensbezieher sehr
viele Zumutungen parat habe, sehr viele Zumutungen. Stichworte sind
Ihnen alle geläufig, ob es die Mehrwertsteuererhöhung ist, ob es die
Entfernungspauschale ist, ob es der Arbeitnehmer-Sparerfreibetrag ist.
Ich könnte das fortsetzen auf 10 bis 12 Punkte. Eine Debatte öffentlich
und auch gegenüber dem Wähler und denn Wählerinnen zu bestehen, zu
sagen: Und trotzdem brauchen wir zusätzlich eine
Unternehmenssteuerreform, die auch dazu führt, dass die öffentlichen
Haushalte zunächst auf Geld, auf Einnahmen verzichten."
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Der Minister unter Druck. Die Drohung der Lobbyisten immer dieselbe:
Entweder ihr spurt oder wir gehen woandershin.
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Klaus Bräunig, BDI-Steuerexperte: "Deutschland
steht sowohl bei der nominalen als auch bei der effektiven
Steuerbelastung, bei der Körperschaftssteuer nicht mehr im richtigen
Ranking. Wir zahlen zu viel und die Steuern sind ein wichtiger ... ein
wichtiges Kriterium für die Standortwahl."
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Eckart Sünner, Vorsitzender VCI-Steuerausschuss:
"Wenn Sie sich in unseren Nachbarländern umschauen, ist die
Belastung mit Unternehmenssteuer dort nirgends so hoch wie in
Deutschland."
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Aber stimmt das? Auf dem Papier wären bei den Kapitalgesellschaften
25 Prozent Körperschaftssteuer plus 14 Prozent Gewerbesteuer, nominell
also 39 Prozent fällig. Aber zahlen die Unternehmen tatsächlich so
viel?
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Beispiel E.ON: Laut Handelsbilanz hat der Stromriese vor allem in
Deutschland als Gewinn vor Steuern satte 10 Milliarden Euro verdient,
tatsächlich an Steuern gezahlt hat er davon nur 10 Prozent.
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Beispiel BMW: Gewinne vor Steuern laut Handelsbilanz 3,29 Milliarden;
darauf tatsächlich gezahlte Steuern: 18 Prozent.
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Sind BMW und E.ON nur Einzelfälle? Wie viel Steuern haben die
Unternehmen in Deutschland tatsächlich bezahlt? Haben die Lobbyisten
diese Zahlen?
Eckart Sünner, Vorsitzender VCI-Steuerausschuss:
"Ähm, nein. Wir haben als VCI eine solche Aufstellung nicht
gemacht."
Klaus Bräunig, BDI-Steuerexperte: "Ja, ich sag
ja, wir kommen auf 38, 39 Prozent und die werden auch effektiv
gezahlt."
Auch beim zuständigen Minister fragt Monitor nach.
Reporter: "Haben Sie eigentlich eine
Vorstellung, wie hoch die tatsächliche Belastung bei der Körperschaftssteuer
ist?"
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Peer Steinbrück, Finanzminister: "Ich hab
keinen Durchschnittssteuersatz parat. Wir haben es mit einem
Nominalsteuersatz zu tun, der extrem hoch ist."
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Auch der Minister kennt sie nicht. Reform ohne klare Zahlen? Dieser
Mann hat sie, der renommierte Steuerexperte Jarass - übrigens
ausgerechnet mit derselben statistischen Methode, die auch die Europäische
Union anwendet. Und er kommt zu dem glasklaren Ergebnis:
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Lorenz Jarass, Steuerexperte: "Dass die tatsächlich
bezahlte Belastung der deutschen Kapitalgesellschaften im Jahr 2005 nur
noch 16 Prozent beträgt. Und immerhin betrug sie 1999 noch rund 24
Prozent. Also auch hier eine deutliche Absenkung."
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Damit ist Deutschland im EU-Vergleich Niedrigsteuerland, liegt nach
Spitzenreiter Dänemark, nach Großbritannien und Frankreich im unteren
Drittel, nicht weit vor Griechenland.
Lorenz Jarass, Steuerexperte: "Die
Industrie-Verbände haben bisher keinerlei Zahlen vorgelegt zur tatsächlich
bezahlten Steuerbelastung der deutschen Kapitalgesellschaften. Keine. Es
würde doch den Industrie-Verbänden ganz leicht fallen durch
entsprechende Untersuchungen bei ihren Mitgliedsunternehmen diese Zahlen
vorzulegen. Warum werden diese Zahlen nicht vorgelegt? Weil das Ergebnis
klar ist: Die tatsächlich bezahlte Steuerbelastung der deutschen
Kapitalgesellschaften liegt am untersten Ende im europäischen
Vergleich."
Hohe nominelle Sätze, niedrige tatsächliche Belastung. Wie machen
die Konzerne das?
Beispiel IKEA - das Familienunternehmen. Die Methode hier: In
Deutschland erzielte Gewinne ins Ausland verlagern, die im Ausland
produzierten Kosten in Deutschland absetzen. Legale Steueroptimierung,
nachlesbar in den Geschäftsberichten. Zu IKEA-Deutschland gehören
viele neue IKEA-Filialen in Osteuropa, wie die in Moskau. Filialen, die
der deutsche Steuerzahler mit finanziert. Neue Läden, neue Kosten, die
sich in Deutschland mit den Gewinnen verrechnen lassen.
Der Chef im Bundesfinanzministerium Steinbrück hat ein
Kommunikationsproblem. Denn seine eigenen Beamten haben ihm einmal
vorgerechnet, wie viele Milliarden durch die kleinen und großen
Steuergeschenke so zusammenkommen. Zwischen Steueranspruch und
Steuerwirklichkeit klafft eine riesige Lücke. Monitor liegt der interne
Vermerk vor:
Nicht im Inland versteuerte Gewinne 2005: 65 Milliarden Euro.
Was bedeutet das an Steuerverlusten?
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Lorenz Jarass, Steuerexperte: "Das heißt, die
deutschen Kapitalgesellschaften zahlen rund 25 Milliarden Euro Körperschaftssteuer
und Gewerbesteuer in der Summe zu wenig. Diese 25 Milliarden Euro sind
ziemlich genau das, was die Verbraucher jetzt durch die
Mehrwertsteuererhöhung zusätzlich bezahlen müssen."
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Der Bundesfinanzminister hat ein Kommunikationsproblem: Auf
mindestens fünf Milliarden Euro Steuergelder will der Sozialdemokrat
zusätzlich verzichten.
Reporter: "Wie rechtfertigen Sie diese
Nettoentlastung für die Unternehmen?"
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Peer Steinbrück, Finanzminister: "Also
erstens, wir wollen weitkommende Aufkommensneutralität nach einer
gewissen Zeit erreichen. Wir wollen keine Verluste haben, weil wir
glauben, dass dann mehr investiert wird, mehr Beschäftigung in
Deutschland stattfindet. Darüber kriegen wir auch mehr
Steuereinnahmen."
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Also wieder das Prinzip Hoffnung, dass aus dem Weniger irgendwann
mehr wird. Und wenn es wieder nicht klappt, hat der Minister das nächste
Kommunikationsproblem.
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