Französische Niederlage
Die französische Regierung hat zu Wochenbeginn eine schwere Niederlage
im Kampf gegen das Berliner Spardiktat für die Eurozone erlitten. Nach
wochenlangem starken Druck aus Deutschland hat der Staatspräsident
Frankreichs bei einem Treffen mit Kanzlerin Merkel eingewilligt,
Verstöße gegen den Euro-Stabilitätspakt künftig hart zu ahnden -
gegebenenfalls sogar mit dem Entzug von Stimmrechten in der EU, also mit
der Entmachtung widerspenstiger Staaten.[1] Auf diese Weise wird das
deutsche Spardiktat in der Eurozone zementiert und der Widerstand
Frankreichs sowie anderer südeuropäischer Staaten gebrochen. Paris hält
die Politik Berlins für falsch, die vorwiegend darauf zielt, mit
drakonischen Kürzungen bei Reallöhnen und Sozialleistungen die
Industrieproduktion zu verbilligen, um in der globalen
Wirtschaftskonkurrenz einen Spitzenplatz zu erkämpfen. Auf diese Weise
würge die Bundesregierung jegliche Inlandsnachfrage ab und gefährde den
Aufschwung, ist die Meinung maßgeblicher Experten in Frankreich. Nachdem
Berlin letzte Woche ohne Absprache mit anderen EU-Staaten ein
drakonisches Sparpaket angekündigt hat, hat Paris, das seither von den
Finanzmärkten immer stärker unter Druck gesetzt wird, keine Wahl mehr -
und musste zu Wochenbeginn ein eigenes Austeritätsprogramm bekanntgeben.
Schluss mit dem Euro
In der französischen Presse sind nun laute Proteste gegen Berlin zu
lesen. Kanzlerin Merkel habe Paris nach der Verkündung des deutschen
Sparprogramms ganz offen gedroht: "Wenn ihr nicht in den kommenden
Wochen dasselbe macht, ist Schluss mit unserer Teilnahme an der
Euro-Zone", berichtet die Tageszeitung Le Figaro.[2] Ein Kommentator
nennt die deutsche Drohung eine Art "Emser Depesche der Kanzlerin an
Sarkozy" - mit der "Emser Depesche" provozierte Bismarck 1870 die
französische Kriegserklärung an das Deutsche Reich - und titelt: "Angela
Merkel 'über alles'".[3] Trockenere Einschätzungen lauten: "Sarkozy gibt
Merkel nach", "Berlin zwingt Paris seine Ansicht auf".[4] Die
Bevölkerung Frankreichs wird die von Deutschland erzwungenen Maßnahmen
bald zu spüren bekommen: Die Zahl der Staatsbediensteten wird laut dem
Pariser Sparprogramm verringert, die Mittelzuweisungen an die Kommunen
werden drastisch gekürzt.
Deutscher Durchmarsch
Dass der deutsche Durchmarsch in der EU sich nicht auf die
makroökonomische Ebene beschränkt, sondern sich auch auf Konzernebene
vollzieht, zeigt exemplarisch die jüngste Entwicklung auf dem
Eisenbahnsektor. Am morgigen Donnerstag wird die Übernahme des
britischen Bahnunternehmens Arriva durch die Deutsche Bahn AG formell
gebilligt werden. Die Deutsche Bahn übernimmt ihren britischen
Konkurrenten für 2,7 Milliarden Euro und baut damit ihre Marktposition
insbesondere in Großbritannien, aber auch in weiteren europäischen
Staaten aus. Arriva ist in mehr als zehn Staaten der EU präsent und
erzielte im Jahr 2009 einen Umsatz von über 3,1 Milliarden Pfund. Zudem
will die Deutsche Bahn AG in einem Geschäftsfeld expandieren, das nach
Einschätzung von Fachleuten besonders attraktive Gewinne verspricht:
Transnationale Bahnverbindungen wie beispielsweise die Zugstrecken aus
Paris über Belgien nach Deutschland (Thalys) oder aus Deutschland über
Belgien und Frankreich nach Großbritannien (Eurostar). Die Fahrt durch
den Kanaltunnel nach London ist der Deutschen Bahn bislang noch
verwehrt, da ihre Züge den dort gültigen Sicherheitsvorschriften nicht
entsprechen; der bis heute staatskontrollierte Konzern bemüht sich
deshalb seit geraumer Zeit trotz hartnäckiger Proteste um die
Reduzierung dieser Bestimmungen (german-foreign-policy.com berichtete
[5]).
Vorsprung gegenüber Frankreich
Gelänge der Deutschen Bahn der Einstieg in die Zugstrecke nach London -
die Aussichten gelten als nicht schlecht -, dann geschähe dies auf
Kosten der französischen Staatsbahn SNCF, die bisher als
Eurostar-Mehrheitseignerin die Fahrten durch den Kanaltunnel
kontrolliert. Schon im Falle der Arriva-Übernahme hat die Deutsche Bahn
ihrer französischen Konkurrentin eine ernste Niederlage zugefügt: Auch
die SNCF hatte sich - vergeblich - um den Kauf des britischen
Bahnunternehmens bemüht. Die Deutsche Bahn AG baut mit ihren Aktivitäten
ihren Vorsprung vor der SNCF aus, der schon jetzt deutlich ausgeprägt
ist. So verzeichnete sie 2009 einen Konzernumsatz von beinahe 30
Milliarden Euro, während die SNCF sich mit knapp 25 Milliarden Euro
zufrieden geben musste.
Allmacht
Die zunehmende deutsche Dominanz auf dem europäischen Eisenbahnsektor
führt zu wachsender Unruhe in den Nachbarstaaten. Erst kürzlich hat der
Chef der polnischen Staatsbahn PKP vor einer Übermacht der DB AG
gewarnt. Dieser Warnung schließt sich jetzt SNCF-Chef Guillaume Pepy an.
"Die EU-Kommission sollte genau hinsehen, was die Expansion der DB für
den Wettbewerb in Europa bedeutet", sagt Pepy und verlangt, der deutsche
Konzern müsse sich nach dem Arriva-Kauf von Firmenteilen in mehreren
Ländern trennen. "Es wäre schlecht", urteilt der SNCF-Chef, "wenn die
Staatsmonopole durch die Allmacht von einem Mega-Unternehmen abgelöst
würden".[6]
Unaufhaltsam
Wie die zunehmende Dominanz der Deutschen Bahn AG auf dem
Eisenbahnsektor den deutschen Vorsprung gegenüber Frankreich auf der
Ebene eines Einzelkonzerns zeigt, so steht die Niederlage Frankreichs im
Kampf gegen das deutsche Spardiktat exemplarisch für die Pariser
Rückschläge im Abwehrkampf gegen die Hegemonialmacht Deutschland auf
gesamtwirtschaftlicher Ebene.[7] Der deutsche Durchmarsch scheint
gegenwärtig unaufhaltsam.