Süddeutsche de 16.10.2003
Arbeitslose
Vom Börsenmakler zum Pfandflaschensammler
Frustriert, kontaktscheu, antriebslos – wie sich das Leben von Menschen ohne Job verändert.
(SZ vom 17.10.2003) - Bis vor neun Monaten gehörte Andrea Rosenbach zu den
Leistungsträgern: Mitte 40, IT-Branche, Einsatz bis in die Abendstunden. Doch
dann kam die Kündigungswelle. Wenn sie jetzt vor einem weißen Blatt sitzt, um
eine Bewerbung zu schreiben, bringt sie keine einzige Zeile zu Papier.
Schreibhemmung. Stress, Zukunftsängste, Perspektivlosigkeit, Schuldgefühle,
Scham, zunehmender Druck – und gleichzeitig das Wissen, nichts an der eigenen
Situation ändern zu können.
„Viele Leute sind im wahren Sinne des Wortes gelähmt“, sagt Gertrud Köpf.
Die Beraterin in einem Münchner Arbeitslosenzentrum kennt die Nöte von
Arbeitslosen aus zwölf Jahren Arbeit. Aber was sie seit Anfang des Jahres
miterlebt, übersteigt ihre bisherigen Erfahrungen. „Die Leute, die zu uns
kommen, sind sichtlich innerlich aufgelöst.“ Während sie Anfang des Jahres
noch innerhalb von zwei Wochen einen Beratungstermin anbieten konnte, hat sie
mittlerweile eine Wartezeit von sechs Wochen.
Die Hartz-Reformen verunsichern und deprimieren die Menschen. Das Gefühl, dass
sie trotz aller Anstrengung nichts an ihrer Situation ändern können, aber
trotzdem dafür bestraft werden, treibt manche in vollkommenen Rückzug und
Krankheit. „Unsere Beratungen dauern mittlerweile doppelt so lang“, sagt Köpf.
Mit reiner Bewerbungsoptimierung sei es nicht mehr
getan. Das Nachdenken über mögliche Nischenarbeitsplätze nehme mehr Zeit in
Anspruch. Vor allem bräuchten die Leute Motivation und Stärkung des
Selbstwertgefühls. „Das leidet unglaublich“, sagt Köpf – denn nach wie
vor definierten die meisten Menschen sich über ihre Arbeit.
Zum Beispiel Ferdinand Eichelseher. 51 Jahre ist er alt, hat früher richtig gut
verdient, hat für seine Bank mit Aktien gehandelt. Nach der ersten Kündigung
nahm er einen schlechter bezahlten Job an, als er dort gehen musste wieder eine
schlechtere Arbeit, machte sich selbstständig. Vom Börsenmakler zum
Fahrgastbefrager zum Langzeitarbeitslosen. Nächstes Jahr wird die
Lebensversicherung fällig, 12000 Euro. Er müsste sie nun kündigen, um
Arbeitslosengeld zu bekommen.
Das will er nicht, lieber lebt jetzt von nichts. Er ist sehr trotzig. Hat eine
Vorratskammer aufgebaut mit 70 Marmeladengläsern; ist einem Tauschring
beigetreten, wo er jeden Tag irgendwelche Dienstleistungen erfüllt, um etwas zu
essen zu bekommen. Sogar eine Zahnarztbehandlung hat er über den Tauschring
bekommen. Und er sammelt Pfandflaschen.
„Im ersten Jahr ohne Job überwiegt die Zuversicht, bald eine neue Arbeit zu
finden“, sagt Sozialpfarrer Roland Pelikan. Er betreut im Münchner
„Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt“ (KDA) unter anderem jene, die in der
Siemens Netzwerksparte gekündigt wurden. „Im zweiten Jahr stellt sich Frust
ein, aber die Kraft reicht noch, Bewerbungen loszuschicken“.
Doch jede Absage verringere den Mut der Bewerber. Nach
eineinhalb bis zwei Jahren nehmen die sozialen Kontakte ab, das Erscheinungsbild
verändert sich, beobachtet der Pfarrer. Die Scham sei enorm.
Köpf sagt, in der öffentlichen Diskussion werde der Eindruck vermittelt, dass
Arbeitslosigkeit ein individuelles Problem sei, doch sie sei „ein
gesamtwirtschaftliches, strukturelles Problem“. Wer unverschuldet ohne Arbeit
sei, sagt Sozialpfarrer Pelikan, empfindet die Reformen als „Schlag ins
Gesicht“: „Die Leute stellen fest, dass sie mit dem Arbeitslosengeld II auf
Sozialhilfeniveau ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen können.“
Die Angst wächst, dass nächstes Jahr alles noch schlimmer wird. Es wächst die
Angst davor, finanzielle Reserven frühzeitig auflösen zu müssen und im Alter
zu verarmen.
Obendrein stifteten die zahlreichen Reform-Vorschläge nur Verwirrung: „Als
das Stichwort Lebensmittelgutschein fiel, kamen die Leute zu uns und haben uns
gefragt, ob es dann Ausgabestellen gäbe oder ob man einkaufen könne, wo man
wolle“, sagt Köpf. Oder als diskutiert wurde, ob die Kinder für ihre bedürftigen
Eltern oder Eltern für in Not geratene Kinder sorgen müssen. Die permanente
Debatte, „war fast noch schlimmer als die Arbeitslosigkeit selbst“.
Arbeitslose ziehen sich zurück, bleiben zuhause,
halten ihre Termine nicht ein – beim Arbeitsamt und in der Beratungsstelle.
Sie können nicht mehr schlafen und finden abstruse Gründe, warum sie nicht zu
einem Vorstellungsgespräch gehen können, wenn sie endlich einen Termin haben.
Depressive Zustände, neurotische Störungen, Zwangsvorstellungen folgen, sogar
einen Selbstmord hat es im Kreis der Siemens-Gekündigten gegeben.
Dass Arbeitslosigkeit krank macht, belegen verschiedene Untersuchungen. Zum
Beispiel die vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, veröffentlicht
im März: Ihr zufolge hat jeder dritte Arbeitslose Gesundheitsprobleme, die
durch die Arbeitslosigkeit verursacht oder verschlimmert wurden. Die Krankheit
wiederum behindert die Suche nach einem Arbeitsplatz und verschlechtert die
Chancen, eine neue Stelle zu finden.
Von all diesen Problemen sind Akademiker häufig stärker betroffen als andere:
„Sie fallen tiefer“, sagt Köpf. Sie hätten Statusprobleme, wenn sie aus
ihrer Vergleichsgruppe herausfielen, und entwickelten besonders häufig
psychosomatische Krankheiten. Diejenigen, die viel gearbeitet haben, hätten oft
nicht einmal eine Familie, die sie auffangen könne.
Andrea Rosenbach, die wie Ferdinand Eichelseher aus Scham den richtigen Namen
nicht verrät, ist mittlerweile in psychotherapeutischer Behandlung. „Solche
schwer wiegenden Probleme“, sagt Köpf, „können wir nicht mehr lösen“.