OFFSHORING (I)
Der
Job-Export zerstört die Innovationskraft ganzer Volkswirtschaften
Seit über zwei Jahren gehört in Deutschland auch die
Verlagerung von Arbeitsplätzen qualifizierter Fachkräfte in
Niedriglohnländer zum Standardrepertoire großer Unternehmen. Populär
bei Managern und ihren Unternehmensberatern ist die aus den USA
stammende General Electric-Formel: 70 Prozent der
Konzern-Dienstleistungen einkaufen, davon 70 Prozent aus dem Ausland,
davon wiederum möglichst 70 Prozent aus Indien. Völlig in diesem Trend
hat der Siemens-Konzern ganze Produktionssparten in Niedriglohnländer
(zum Beispiel die Handy-Fertigung nach Ungarn oder Siemens VDO Würzburg
nach Tschechien) ausgelagert und bereitet Vergleichbares bei
Dienstleistungen wie Einkauf, Buchhaltung und Personaldiensten vor. Für
ein besonders eindrucksvolles Beispiel, wie dem Sog des "Offshoring"
zwischenzeitlich nachgegeben wird, sorgt die Versicherungsgruppe AXA mit
ihrem Vorhaben, die Bearbeitung von Schadensansprüchen - derzeit sind
damit 600 Mitarbeiter in Köln beschäftigt - nach Indien auszulagern.
Das "Offshoring" erfasst in der Industrie - im Pharma- und
Technologiesektor - längst auch Kernkompetenzen der Unternehmen wie
Forschung und Entwicklung. Dieser Exodus folgt mit einem Zeitverzug von
10 bis 15 Jahren dem der Produktion. So baut etwa der Autozulieferer
Conti beachtliche Entwicklungskapazitäten in Rumänien auf, für die
medizinische und Pharmaforschung sind Labors in Indien eine bevorzugte
Adresse, in den USA wird darüber diskutiert, ob die High-Tech-Industrie
dort überhaupt noch eine Zukunft hat, wenn nach dem Muster von
PC-Weltmarktführer Dell alles - außer Marketing und Vertrieb -
outgesourct wird. Bei den klassischen Bürotätigkeiten steht -
zumindest in Westeuropa - der "Big Bang" noch bevor. Allein in
der Finanzbranche dürften in den nächsten Jahren 600.000 Jobs verloren
gehen, weil spezialisierte "Fabriken" die Abwicklung von
Bank-Transaktionen in Indien oder anderswo übernehmen.
Der Trend zum "Offshoring" in der Privatwirtschaft ist
inzwischen so ausgeprägt, dass Unternehmen, die ihm nicht folgen, mit
Wettbewerbsnachteilen rechnen müssen. Es ist an der Tagesordnung, dass
Einkäufer - wenn sie mit ihren Lieferanten verhandeln - ausdrücklich
Low-Cost-Standorte verlangen. Bei Software-Projekten ist die
Mischkalkulation mit Tagessätzen aus Hochlohn- und Niedriglohnländern
längst üblich.
"Offshoring" ist also kein Mythos mehr, sondern längst Realität.
Um so mehr drängt sich die Frage auf, welche Perspektiven den davon
betroffenen Arbeitnehmern, aber auch den Gesellschaften, in denen sie
leben, noch bleiben. Ist Widerstand dagegen überhaupt möglich und
sinnvoll, wenn diese Entwicklung ein ebenso zwangsläufiger Prozess ist
wie der Niedergang ganzer Industrien in den USA, Kanada, Westeuropa oder
Japan (Kohle und Stahl, Maschinenbau) während der vergangenen 30 Jahre?
Nomaden der Glitzerstädte
Schon seit den Frühzeiten des Kapitalismus gibt es eine Konkurrenz des
Lohndumpings: Im 16. Jahrhundert haben aufstrebende holländische Reeder
die marktbeherrschenden Gegenspieler aus Genua und Venedig mit billigen
Frachten und billigen Seeleuten nieder konkurriert. Zur gleichen Zeit
waren von Süddeutschland über Prag bis nach Litauen fast nur noch
italienische Handwerker und Baumeister gefragt, sollten Barockkirchen
oder -paläste errichtet werden - sie dominierten durch Innovation und
Kreativität einen expandierenden Markt.
Dass Arbeitsplätze global verlagert werden, ist keine Anomalie der
Globalisierung, sondern Teil einer ständigen Transformation des
Kapitalismus. Und für sich betrachtet, ist der Aufbau von Industrien
und Dienstleistungszentren in Weltregionen mit großem ökonomischen
Nachholbedarf durchaus sinnvoll. Es kann nicht das Interesse von
Gewerkschaftern in den Hochlohnländern sein, dass der Weltmarkt bis in
alle Ewigkeit die Lieferanten der Rohstoffe und Billigprodukte von den
reichen Industrienationen mit ihren hochwertigen Warensortimenten
scheidet. Natürlich wird sich dann zwangsläufig die Kräftebalance
zwischen Industrie- und Low-Cost-Staaten verschieben.
Im April 2005, während des Besuchs einer Softwarefirma im indischen
Bangalore erklärte Chinas Premier Wen Jibao, gemeinsam mit Indien bilde
sein Land das neue Weltzentrum der Computertechnologie. China habe
besondere Stärken bei der Hardware, Indien bei der Software - man solle
die Anstrengungen bündeln. Dies klang nicht wie eine Herausforderung,
sondern eher wie eine Kampfansage an die noch vorrangig von US-Firmen
dominierte High-Tech-Branche.
Doch wäre es naiv zu glauben, mit der Globalisierung gehe eine neue
soziale Fairness einher, die das Gefälle zwischen Industrie-,
Schwellen- und Entwicklungsländern und innerhalb ihres eigenen
Sozialgefüges überwinden hilft - im Gegenteil. Der wachsende
gesellschaftliche Reichtum in China ist alles andere als homogen
verteilt. Beobachter sollten sich nicht vom Luxus der neuen Elite und
vom Wohlstand der urbanen Mittelklasse blenden lassen. Etwa 150
Millionen (!) Wanderarbeiter, die ihre Existenz in der Landwirtschaft
verloren haben, müssen sich unter sklavenähnlichen Bedingungen auf den
Baustellen der Glitzerstädte wie Schanghai oder Xiamen, im Straßenbau
oder in den Bergwerken verdingen. Sie bezahlen die Wohlfahrt der
sozialen Aufsteiger - ihr Elend offenbart, wie sich die einst von Karl
Marx am Beispiel Englands beschriebene ursprüngliche Akkumulation des
Kapitals mit all ihren Grausamkeiten im 21. Jahrhundert wiederholt.
Der globale Job-Export sorgt weder bei den Empfängern wie in China und
Indien noch bei den Absendern in Europa wirklich für mehr sozialen
Ausgleich, sondern hinterlässt Millionen von Verlierern. Das gilt im
wachstumsschwachen Deutschland ebenso wie in den USA, Großbritannien
oder Schweden, wo nur ein Teil (die Älteren fast nie) der vom
Job-Exodus Betroffenen neue Beschäftigungen findet und dabei oft
geringere Einkommen hinnehmen muss.
Hilflose Heuschrecken-Rhetorik
Seit den neunziger Jahren ist das globale Angebot an Arbeitskräften,
gerade auch an exzellent ausgebildeten Spezialisten, schlagartig
explodiert. Der Zusammenbruch der ökonomischen Systeme Osteuropas nach
1990, die Auftritte Indiens, Chinas, Südkoreas, Indonesiens, Vietnams,
aber auch Brasiliens oder Argentiniens auf dem Weltmarkt haben zu einem
Überangebot geführt, das bis 2010 kaum abgebaut werden dürfte. Dank
weltweit angelegter Wertschöpfungsketten und moderner IT-Methodik kann
das Kapital seine Nachfragemacht optimal ausspielen und den Preis der
Arbeitskraft diktieren. Die Politik auf nationaler wie supranationaler
Ebene (EU) ist nicht mehr in der Lage, regulierend einzugreifen und den
Globalisierungswildwuchs einzudämmen. Was bleibt, ist hilflose
Heuschrecken- oder Kapitalismus-Rhetorik à la Müntefering.
Dabei droht die Basis ganzer Volkswirtschaften zu erodieren, weil allein
das Auslagern von Forschung und Entwicklung in Niedriglohnländer an der
Substanz vieler Unternehmen zehrt, deren Innovationskraft verloren geht.
Man nehme nur das Beispiel Computerindustrie: Der von Weltmarktführer
Dell angezettelte Preiskrieg bei Personalcomputern, Standard-Servern und
Notebooks hat dazu geführt, dass die Entwicklungsbudgets der Konkurrenz
drastisch reduziert werden und die gesamte Produktinnovation (inklusive
Basistechnologien) inzwischen in Ostasien stattfindet. 75 Prozent aller
Notebooks kommen aus Fabriken der unbekannten Firma Quanta, gleichfalls
das gesamte Design für Kunden von Dell, HP, IBM. Beispiel Handys: Es
ist sicher kein Zufall, dass die vom angelsächsischen Outsourcing-Virus
nicht infizierten asiatischen Konzerne wie Samsung oder LG Marktanteile
gewinnen, weil die nötigen Basistechnologien wie Chips, Displays und so
weiter aus den benachbarten und nicht den outgesourcten
Konzernabteilungen kommen. Und während bei den Netz-Ausrüstern die
integrierten asiatischen Anbieter zum Angriff auf die Märkte der
etablierten US- und EU-Hersteller blasen, sind die immer noch mit
Ausgliedern und Verlagern beschäftigt.
In der deutschen Autoindustrie hat indes ein Umdenken eingesetzt, weil
die ins Ausland delegierten Randkompetenzen von gestern plötzlich als
die Kernkompetenzen von morgen begriffen werden. So haben mehrere
Produzenten wieder eigene Elektronikabteilungen aufgebaut, weil ihnen
sonst das Know How für das Auto der Zukunft fehlen könnte.
Offshoring - Teil II Angleichung der Löhne als
Ausweg? im Freitag vom 9. 12. 2005
Der Autor ist in München Beauftragter der IG Metall
für Siemens und die IT-Branche.