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Financial Times Deutschland
Arbeitswille von Hartz - IV - Empfängern soll auf den Prüfstand
Bundesarbeitsminister
Franz Müntefering (SPD) will im Sommer ein Gesetz zur Optimierung der Hartz -
IV - Regelung vorlegen. Mit Sofortangeboten soll künftig der Arbeitswille von
Empfängern geprüft werden.
"Diejenigen,
die Leistungen beanspruchen, sollen ohne zeitliche Verzögerung Angebote von
Trainingsmaßnahmen, Arbeitsgelegenheiten oder konkreten Stellen bekommen",
erklärte der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Klaus
Brandner. Die Regelung ist als Bestandteil des Optimierungsgesetzes für das
Sozialgesetzbuch geplant, mit dem 1,2 Mrd. Euro bei den Langzeitarbeitslosen
eingespart werden sollen. Der
Sprecher des Bundesarbeitsministeriums, Stefan Giffeler, erklärte, Müntefering
wolle die Hartz -IV-Optimierung "zum Sommer hin" vorlegen. Das Gesetz
werde in seinem Haus unter Einbe-ziehung der Koalitionsfraktionen erarbeitet.
Die Sofortangebote hatten Union und SPD bereits in ihrem Koalitionsvertrag
festgeschrieben. "Fördern
und Fordern" von Beginn an systematisch umsetzen Darin
heißt es, jedem Antragsteller soll verdeutlicht werden, dass in der
Grundsicherung für Arbeitsuchende das Prinzip "Fördern und Fordern"
vom Beginn an systematisch umgesetzt werde. Arbeitslose, die erstmals einen
Antrag auf Leistungen stellen, sollen daher nach Prüfung der indivi-duellen
Situation Sofortangebote zur Aufnahme einer Beschäftigung oder Qualifizierung
erhalten. "Diese Maßnahmen können auch der Überprüfung der
Arbeitswilligkeit dienen." "Darüber
hinaus sollen durch einen verbesserten Datenabgleich zur Aufdeckung von
Schonvermögen und doppeltem Leistungsbezug nicht erwünschte Mitnahmeeffekte
minimiert werden", sagte Brandner. Erfahrungen zeigten, dass mit diesen Maßnahmen
eine Konzentration der Mittel auf die wirklich Bedürftigen erfolgen könne.
Geplant sei auch eine Erhöhung der Ver-mögensfreibeträge für ältere
Arbeitslose. Der finanzielle Spielraum hierzu sei allerdings sehr eng begrenzt:
Denn der Ausbau des so genannten Schonvermögens für Ältere solle nicht zu
Lasten der Jüngeren erfolgen, sagte der SPD-Politiker. Homosexuelle Paare werden
heterosexuellen Paaren gleichgestellt
Als
Schonvermögen gelten Vermögenswerte, die Hartz-IV-Empfänger besitzen dürfen.
Für Arbeitslose, die vor 1948 geboren wurden, gilt ein Freibetrag von 520 Euro
je Lebensjahr, maximal 33.800 Euro. Wer mehr Vermögen besitzt, erhält kein
Arbeitslosengeld II. Für Jüngere gibt es einen allgemeinen Freibetrag von 200
Euro je Lebensjahr (höchstens 13.800 Euro) und einen ebenso hohen Freibetrag für
Vermögen zur Altersvorsorge. Brandner
sagte, in dem Optimierungsgesetz sollten darüber hinaus weitere Klarstellungen
vorge-nommen werden. So sollen homosexuelle wie heterosexuelle Paare behandelt
werden: Partner müssen auch dann füreinander einstehen, auch wenn sie keine
Lebenspartnerschaft geschlossen haben. Zahl von Geringverdienern
hat sich erhöht
Die
Diakonie schlug wegen der drastisch gestiegenen Zahl von Hartz - IV - Empfängern
Alarm. Der Präsident des Diakonischen Werkes, Jürgen Gohde, sagte, allein in
den vergangenen drei Mona-ten habe sich die Zahl der Geringverdiener, die nach
Hartz IV ergänzende Sozialleistungen beziehen, um 50 Prozent auf 900.000 erhöht.
Er kritisierte, dass auf dem Arbeitsmarkt immer mehr Jobs angeboten würden,
deren Bezahlung unterhalb der Leistungen von Hartz IV lägen. Financial Times -
Deutschland
Exklusiv
Union wagt Tabubruch bei Hartz IV
von
Birgit Marschall, Berlin
Angesichts
der ausufernden Kosten für die Hartz - IV - Arbeitsmarktreform haben die
Haushaltspolitiker von CDU und CSU erstmals eine Kürzung des Arbeitslosengelds
II (Alg II) ins Gespräch gebracht. Die SPD lehnt eine geringere Leistung ab.
"Ich
begrüße, dass Arbeitsminister Franz Müntefering offenbar bereit ist, auch über
die Höhe des Arbeitslosengelds II nachzudenken", sagte der
haushaltspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Steffen Kampeter,
der FTD. "Das halte ich nicht nur für konsequent, sondern auch für eine Möglichkeit,
Kosten einzusparen." Die
Kürzung der Leistungen für über vier Millionen Langzeitarbeitslose wäre ein
Tabubruch: Nach den Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV waren Union und SPD
bemüht, die Reform abzumildern. So hatte die Koalition erst unlängst
entschieden, das Alg II für Ostdeutsche von derzeit 331 Euro pro Monat ab Juli
auf das Westniveau (345 Euro) anzuheben. Ein
Sprecher Münteferings sagte, der Minister habe derzeit nicht die Absicht, das
Alg II zu senken. Er warte aber statistische Daten zum Durchschnittseinkommen
ab. "Wir werten die Daten aus, und auf dieser Grundlage sehen wir dann,
inwieweit wir politischen Gestaltungsspielraum haben." Am
Durchschnittseinkommen bemisst sich die Höhe des Arbeitslosengelds und anderer
Sozial-leistungen. Zeigt sich, dass es in den vergangenen Jahren gesunken ist, könnte
auch Müntefering die Kürzung des Alg II in Betracht ziehen. Enormer
Kostenanstieg für das ALG II Für
die SPD lehnte deren haushaltspolitischer Sprecher Carsten Schneider eine Alg -
II - Kürzung ab. "Bevor wir daran denken, sollten wir erst mal das Hartz -
IV - System optimieren", sagte er der FTD. Kampeter
begründete seinen Vorstoß mit dem enormen Kostenanstieg für das Alg II. Die
im Bundesetat 2006 veranschlagten Ausgaben von 24,4 Mrd. Euro würden
voraussichtlich um 4 Mrd. Euro übertroffen. Insgesamt drohe eine Hartz - IV - Lücke
von über 5 Mrd. Euro. Dies liege daran, dass die Bundesagentur für Arbeit (BA)
weniger an den Bund überweisen müsse als ursprünglich geplant. Statt 5,3 Mrd.
Euro würden nur 4 Mrd. Euro in den Etat fließen. Für
jeden Arbeitslosen, der ins Alg II wechselt, muss die BA eine Pauschale bezahlen
- eine Art Strafe, um zu verhindern, dass die Behörde Kosten auf den Bund abwälzt.
Die Transfers fallen nun geringer aus, weil die BA wegen der gut laufenden
Konjunktur mehr Kurzzeitarbeitslose vermitteln kann als zunächst gedacht. Mehrere
Sparmaßnahmen beschlossen
Mehrere
Sparmaßnahmen hat die Koalition bereits auf den Weg gebracht. So haben Union
und SPD ein Gesetz verabschiedet, das es jugendlichen Arbeitslosen erschwert,
aus dem Elternhaus auszuziehen. Zudem will Müntefering die Abläufe in
Jobcentern verbessern. Dies soll die Hartz - IV - Kosten im kommenden Jahr um
1,2 Mrd. Euro verringern.
"Wir
müssen über diese bekannten Schritte hinaus über weitere kostensenkende Maßnahmen
nachdenken", forderte Kampeter. Gelinge das nicht, drohe Deutschland 2007
den EU - Stabilitäts-pakt wieder zu brechen. Er schlug vor, Leistungen stärker
zu begrenzen und mehr Ermessens-spielräume für die BA zu schaffen. Freibeträge
für geschütztes Privatvermögen sollten gesenkt werden. Experten
begründen den Kostenanstieg mit dem ungebremsten Zuwachs an Alg - II -
Haushalten. Tatsächlich sind es deutlich mehr als bislang bekannt. Im März
hatte die BA die Zahl zuletzt auf 3,9 Millionen geschätzt. Bei der Überprüfung
ergibt sich jedoch regelmäßig, dass die vorläufige Schätzung um etwa 200.000
Fälle zu niedrig angesetzt war. So lag die tatsächliche Zahl der Haushalte
bereits im November bei 3,9 Millionen.
Sparpläne Arbeitsunwilligen
Langzeitarbeitslosen drohen in Zukunft härtere Sanktionen. Wer zukünf-tig
mehrmals eine zumutbare Arbeit ablehnt, soll nach Plänen der Koalition mit
drastischen Leistungskürzungen bestraft werden. Für zusammenlebende Paare hat
das Sparpa-ket ebenfalls gravierende Auswirkungen.
Berlin
- Experten der Koalitionsfraktionen verständigten sich weitgehend auf Details
des sogenannten Hartz - IV - Optimierungsgesetzes, wie SPD-Arbeitsmarktexperte
Klaus Brandner am Wochenende bestätigte. Wie
das Magazin "Focus" aus einem internen Beratungspapier des
Arbeitsministeriums berichtete, soll die BA die Leistungen um 60 Prozent kürzen
können, wenn ein Arbeitsloser zwei Mal innerhalb eines Jahres eine zumutbare
Arbeit ablehnt. Auch Miet- und Heizkosten sollen von den Streichun-gen nicht
ausgenommen sein. Geplant sei
nach Angaben aus Koalitionskreisen zudem eine Beweislastumkehr für
Partner-schaften. Demnach müssen Paare künftig nachweisen, dass sie nicht eheähnlich
zusammenle-ben und somit nicht finanziell füreinander einstehen müssen. Die
Erwerbslosen sollen allerdings schneller als bisher ein Angebot zu Beschäftigung
oder Qualifizierung erhalten. Damit will die Koalition ihren Arbeitswillen
testen. Mit dem Gesetz sollen bei der Arbeitsmarktreform Hartz IV jährlich 1,2
Milliarden Euro eingespart werden. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA),
Frank-Jürgen Weise, sprach sich für automatische Sanktionen gegen
Hartz-IV-Empfänger aus, die ein Arbeitsangebot ablehnen. Ein
Sprecher des Arbeitsministeriums verwies darauf, dass die Fraktionen sich zunächst
noch auf eine gemeinsame Linie einigen müssten. Erst dann werde sein Haus tätig.
Nach Angaben aus der Koalition soll der Gesetzentwurf bereits im Mai vom
Kabinett auf den Weg gebracht und anschließend in den Bundestag eingebracht
werden. BA-Chef
Weise für automatische Sanktionen Weise
sagte in der "Welt am Sonntag", Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger
seien bisher noch "eine Kann-Maßnahme. "Es sollte eine Pflicht-Maßnahme
werden", sagte er. Ein gesetzlicher Automatismus erhöhe die abschreckende
Wirkung und erleichtere die Arbeit für die Berater in den Jobcentern.
"Jetzt hat der Berater damit sehr viel Ärger und Arbeit und muss seine
Entscheidung bei den Sozialgerichten vertreten", sagte Weise. Nach
derzeitiger Gesetzeslage können die Hartz -IV - Leistungen für drei Monate um
30 Prozent gekürzt werden, wenn ein Jobangebot abgelehnt wird. Dem
"Focus" zufolge soll die BA auch mehr Rechte erhalten, um das Vermögen
des Arbeitslosen vor seinem Antrag auf Hilfe überprüfen zu können. Dies gelte
etwa für das Kraftfahrtbundesamt, das Auskünfte zum Auto-Typ geben solle. Der
nordrhein-westfälische Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sagte dem
Magazin: "Wenn jemand Arbeit angeboten bekommt und diese nicht annimmt,
muss es scharfe Sanktionen geben. Das darf keine Ermessenssache der
Arbeitsagen-turen sein, sondern muss klar gesetzlich geregelt werden." Ähnlich
äußerte sich Brandner: "Dem Grundsatz des Forderns müssen wir jetzt mehr
Nachdruck verleihen. Wer Leistungen in Anspruch nehmen will, muss auch sagen,
was er dafür tun will." Weiter
Streit um Höhe des Arbeitslosengelds II Unterdessen
ging die Diskussion um die Höhe des Arbeitslosengeldes II weiter. Die
Vorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung, Marie-Luise Dött, sagte der
"Bild" - Zeitung: "In der Diskussion um den Kombi-Lohn ist das
Arbeitslosengeld II in der Höhe nicht unantastbar." Wer arbeite, müsse
mehr bekommen als der, der nicht arbeite. Auch CDU-Wirtschaftsexperte Michael
Fuchs vertrat eine ähnliche Ansicht: "Wenn die Regelsätze zu hoch und
damit die Anreize zur Arbeit zu niedrig sind, muss die Politik über die
Arbeitslosengeld - II - Sätze neu nachdenken." Die
Debatte hatte der Unions-Haushälter Steffen Kampeter angestoßen, der Kürzungen
des Regelsatzes von 345 Euro monatlich nicht ausgeschlossen hatte. Dies war auch
innerhalb der CDU auf Widerspruch gestoßen. "Wir können keine
Sozialpolitik nach Kassenlage machen", sagte der Chef der
Arbeitnehmergruppe der Unionsfraktion, Gerhard Weiß der "Thüringer
Allgemei-nen" Der Regelsatz sei "nicht so üppig, dass Raum für
Kürzungen bliebe", sagte Weiß. Ralf
Brauksiepe, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales der CDU/CSU -
Fraktion versicherte gegenüber der Zeitung, es gebe "keinerlei Verabredung
zu einer allgemeinen Senkung des Regelsatzes". Er gehe vielmehr davon aus,
dass der Haushaltsansatz zu Hartz IV eingehalten werden könne. Die SPD lehnt
den Kampeter - Vorstoß ebenfalls ab. "Wir wollen das Arbeitslosengeld II
nicht kürzen", sagte der Müntefering-Sprecher Stefan Giffeler der
"Bild" -Zeitung.
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