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Gewollte Armut Ulrike Baureithel
http://www.freitag.de/2004/29/04290102.php DIE 900-EURO-BEVöLKERUNG Ob mit Transferleistung, Billigjob oder gemeinnütziger Arbeit - Hartz IV produziert bewusst Bürger zweiter Klasse Die unter dem Begriff Hartz IV entrollte neue
Armutsschleife hatte noch nicht einmal richtig den Bundesrat passiert, da
intonierten bereits die Einpeitscher und Zyniker den Chor: Hartz sei erst ein
"ganz, ganz kleiner Schritt", setzte CSU-Generalsekretär Söder den
Grundton und agitierte gegenden Kündigungsschutz. Am Wochenende nahm die
Bundesagentur für Arbeit die Stimme auf und drohte Arbeitslosen mit häuslicher
Inspektion. Das Arbeitgeberlager tremolierte mit Anton Börner vom Bundesverband
für Groß-und Außenhandel, eine Woche Urlaubsverzicht "bringe keinen
um", entlaste Unternehmen jedoch spürbar. Und über allen die falsche
Oberstimme Wolfgang Clements, der da allen Ernstes behauptete, die neuen
Arbeitsmarktgesetze machten keinen Bürger und keine Bürgerin ärmer. Wenn erst
einmal die schätzungsweise über eine halbe Million ArbeitslosenhilfeempfängerInnen
ausgesteuert und auf ihre (noch) verfügbare Habe und den Sparstrumpf der so
genannten "Bedarfsgemeinschaft" (vom Partner bis zur im Haushalt
lebenden Oma) zurückgeworfen sind; wenn die übrigen Langzeitarbeitslosen künftig
auf 345 Euro (331 im Osten) gesetzt werden und einen Wohnungszuschuss, dessen Höhe
sich nach den kommunalen Auslegungen der Sozialhilfe richtet (der bisherige
"Warmmietzuschuss" firmiert mittlerweile nur noch unter
"Unterbringungskosten"); wenn darüber hinaus die Lebensversicherung
verpfändet und der letzte Notgroschen aufgebraucht sind, und wenn die 345 Euro
durch erhöhte Nahverkehrspreise, Gesundheitskosten und Gebühren
dahinschmelzen, dann wird sich zeigen, was auszusprechen sich in diesem Land
bislang offenbar niemand traut: dass nämlich ein bestimmter Anteil von Menschen
in dauerhafter Armut gehalten werden soll. Die sogenannte
"Grundsicherung", so heißt es in der Präambel des Gesetzes, solle
dazu "beitragen", die "Eigenverantwortung" der
"Erwerbsfähigen" zustärken, um ihren Lebensunterhalt "unabhängig"
und "aus eigenen Kräften und Mitteln" zu bestreiten. Einmal davon
abgesehen, dass zwischen denen, die arbeiten können und jenen, die aufgrund
ihrer Lebenslage vom Arbeitsmarktausgesperrt bleiben, eine scharfe Trennung
vollzogen und eine neue Ausgrenzungslinie markiert wird, offenbart sich der
Geist von Hartz IV an den neuen, kaum irgendwo thematisierten
Zuverdienstregelungen, die für Erwerbslose das existenzielle Aus bedeuten können:
Konnte ein Arbeitslosenhilfeempfänger seine Stütze bislang um 165 Euro
aufbessern, ohne mit Kürzungen bedroht zu werden, bleiben ihm (oder ihr) künftig
von jedem Euro nur mehr 15 Cents (bis zu einem Zuverdienst von 400 Euro), 30
Cents vom Zuverdienst zwischen 400 bis 900 Euro und bis zur neu festgelegten
Zuverdienstgrenze von 1.500 Euro wieder jeweils 15 Cents. Der Auslegungsstreit
derart komplizierter Regelungen, die noch nicht einmaleindeutig die
Berechnungsbasis definieren (brutto oder netto?), ist schon im Gange. Doch wer würde
bei solchen Abzügen normalerweise überhaupt malochen? Den Erwerbslosen bleibt
die Alternative Schwarzarbeit oder, und das ist gewollt, die Aussteuerung -
allerdings in die prekären Niederungen von Billigjobs, die ebenfalls kaum das
Leben sichern. Die Erwerbslosen sitzen in der Verarmungsfalle. Mit rund 900 Euro
(bezogen auf allein Stehende, alle direkten und indirekten Leistungen
einberechnet),sind sie "relativ arm". In Kürze wird das Deutsche
Institut für Wirtschaftsforschung bestätigen, was für die BürgerInnen längst
"gefühlte" Realität ist: Dass nämlich die Reichen im Lande immer
reicher und die Armen immer ärmer werden. Bei 11,1 Prozent lag im Jahre 2002
der Anteil der Menschen, die über weniger als die Hälfte des
durchschnittlichen Monatseinkommens von 1.137 Euro verfügten, nach amtlicher
Definition also als "relativ arm" gelten (1997: 9,2 Prozent).Aber auch
der Druck auf die (noch) Erwerbstätigen steigt: Wenn die Masse der Erwerbslosen
zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben hat, wenn jeder zu jedem Job
gezwungen werden kann und das Recht auf Privatsphäre nur noch für Bürger
erster Klasse gilt, dann liegt über allen das Menetekel aktueller Armut oder künftigen
Absturzes. Daran ändern auch Jobs als Tagesmütternichts, wie sie Ministerin
Schmidt vorschweben, oder das gemeinnützige Werkeln auf kommunaler Ebene, das
Wolfgang Clement nun in Aussicht stellt. Die 900-Euro-(und weniger)-Bevölkerung
- ob nun durch Transferleistungen oder eigene Einkünfte
"grundgesichert" - ist programmiert, mitweitreichenden politischen,
sozialen und ökonomischen Folgen. |