Die Demokratie ist in Gefahr, weil die Reichen einen Kampf
gegen die Demokratiebewegungen starten.
Artikel aus:
http://www.welt.de/debatte/die-welt-in-worten/article13798494/2012-werden-sich-die-Proteste-drastisch-verschaerfen.html
2012 werden sich die Proteste drastisch verschärfen
Weltweit ähneln sich die Maßnahmen gegen Demokratiebewegungen. Ob die Welt
demokratischer wird oder immer mehr wie China aussieht, wird sich bald zeigen.
Was hält das neue Jahr für die globale Protestwelle bereit, die 2011 ausbrach?
Hat der steile Anstieg der Wut, der in
Tunesien begann, in Manhattan seinen Höhepunkt erreicht? Oder dürften wir
2012 eine weitere Eskalation der Protestpolitik erleben?
Die Antworten hierauf sind bestürzend, aber recht vorhersehbar: Wir werden wohl
eine deutlich größere Zentralisierung der Unterdrückung von oben erleben – und
überall in der entwickelten und sich entwickelnden Welt eine Häufung von
Gesetzen, die die Menschenrechte beschneiden. Zugleich freilich dürften wir eine
deutliche Graswurzelreaktion erleben.
In diesem Drama zunehmend globalisierter Proteste und Unterdrückungsmaßnahmen
offenbart sich ein Handlungsstrang, mit dem sich viele der Cheerleader einer
neoliberalen Globalisierung nie auseinandergesetzt haben: die Macht des
globalisierten Kapitals, die Autorität demokratisch gewählter Regierungen in
verheerender Weise zu untergraben.
Aus der Perspektive globaler Konzerninteressen sind geschlossene Gesellschaften
wie
China unternehmensfreundlicher als lästige Demokratien, in denen
Gewerkschaften, hohe Menschenrechtsstandards und eine starke Presse die Kosten
in die Höhe treiben.
Die Gegenreaktionen ähneln sich
Überall auf der Welt ähneln sich die Gegenreaktionen auf die Proteste, was nahe
legt, dass die Akteure aus dem Staats- und Unternehmenssektor dabei sind, zu
lernen, wie man Abweichlertum unter Wahrung einer demokratischen Fassade am
besten unterdrückt.
In Großbritannien stellt Premierminister
David Cameron regelmäßig Gesetze zum Schutz der Menschenrechte in Frage; die
Metropolitan Police (die Londoner Polizei) hat die Erlaubnis eingeholt, so
genannte „Baton Rounds“ – ca. 30 cm lange Gummiprojektile, die in Nordirland
etwa ein Dutzend Menschen, darunter auch Kinder, das Leben gekostet haben –
gegen friedliche Demonstranten einzusetzen, und ein Polizeibericht über
terroristische Bedrohungen, der an „vertrauenswürdige Partner“ unter den
Londoner Unternehmen verteilt wurde, enthielt Informationen über die
Occupy-Proteste und verwies auf „mutmaßliche Aktivisten“.
Großbritannien hat strenge Gesetze in Bezug auf die innere Sicherheit, aber
bisher kein Gesetz wie den US Patriot Act. Nach Protesten gegen die Sparpolitik
der Regierung Anfang 2011, auf die im August Ausschreitungen in mehreren
Großstädten folgten, nahm die Metropolitan Police die Befugnis für sich in
Anspruch, private Nutzerkonten von sozialen Medien und Smartphones zu
überwachen.
Und unter dem Deckmantel des Schutzes der Olympischen Spiele im kommenden Sommer
vor terroristischen Anschlägen richtet die britische Armee in London eine
riesige Operationsbasis für SAS-Sondereinheiten ein – eine radikale Abkehr von
der traditionellen zivilen Polizeiarbeit Großbritanniens.
In Israel berichtet die Tageszeitung Ha’aretz von gewalttätigen Polizeimaßnahmen
gegen
Occupy-artige Proteste – u.a. sei ein 15-jähriges Mädchen zusammengeschlagen
worden – und der Drohung mit willkürlichen Verhaftungen. Wie in Großbritannien
kam es in Israel scheinbar aus dem Nichts zu einer gehäuften Verabschiedung
neuer Gesetze, die die Berichterstattung lähmen und Abweichlertum
kriminalisieren:
"Neuer Feudalismus"
Ein neues Gesetz macht es zu einer potenziellen Straftat, an linksgerichtete
Organisationen zu spenden, Gesetze zum Schutz der Menschenrechte wurden
abgeschwächt, und selbst für investigative Journalisten ist die Arbeit aufgrund
strengerer Strafen gegen Verleumdung gefährlicher geworden. Ha’aretz bezeichnet
diese Vorstöße als „neuen Feudalismus“.
In
Amerika schließlich erlaubt der vom Kongress im Dezember verabschiedete
National Defense Authorization Act dem Präsidenten, das Recht auf ein faires
Verfahren, das US-Bürgern bisher zustand, aufzuheben, sie unbegrenzt zu
inhaftieren und der Folter zu überantworten. Die Verabschiedung ähnlicher
Gesetze in Demokratien weltweit sollte niemanden überraschen.
Nicht nur werden Gesetze, die bisher legale politische Proteste und
Organisationsformen und Berichterstattung kriminalisieren, in den hoch
entwickelten Demokratien nachgebildet; dasselbe gilt auch für gewaltsame
Taktiken gegen Demonstranten, die in Ländern mit langen Traditionen ziviler
Polizeiarbeit durch zunehmende Anstrengungen zur Militarisierung der
Strafverfolgung gestärkt werden.
Globalisierung des Söldnertums
Tatsächlich werden immer häufiger hoch entwickelte Waffensysteme und
Schutzausrüstung an die zivile Polizei ausgegeben. In den USA hat die
Zentralregierung seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001
Gefechtsfeldausrüstung im Schätzwert von 34 Milliarden Dollar zur Bewaffnung der
Polizei der Einzelstaaten und Kommunen angeschafft.
Investigative Journalisten haben zudem eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit
bei Schulungen im Umgang mit Protesten aufgedeckt: Mitarbeiter kommunaler
Polizeieinheiten aus Städten wie Austin (Texas) wurden nach Israel geschickt, um
sie u.a. darin zu schulen, Menschenmassen unter Kontrolle zu halten.
Auch die Globalisierung des Söldnertums zur Bekämpfung von Abweichlertum
schreitet mit hohem Tempo voran. Söldner sind in einer Zeit globaler
Bürgerproteste wichtig, denn es ist einfacher, Ausländer dazu zu bringen,
Schusswaffen oder Schlagstöcke gegen für sie Fremde einzusetzen, als Armee oder
Polizei zum Einsatz gegen ihre Mitbürger zu bewegen.
Blaupausen für eine echte Demokratie
Erik Prince, Leiter des berüchtigten Unternehmens Academi (vormals Xe Services,
davor Blackwater), ist in die Vereinigten Arabischen Emirate übergesiedelt,
während pakistanische Söldner in großer Zahl in Bahrain eingesetzt werden, wo
Demonstranten zunehmend gewaltsam unterdrückt werden.
Noch allerdings hat dieses anscheinend koordinierte Vorgehen gegen globale
Protestbewegungen nicht triumphiert – nicht einmal in China, wie die Bürger von
Wukan gezeigt haben. Auch wenn das Ergebnis der Proteste der Dorfbevölkerung
gegen die Beschlagnahme ihres Landes durch die Lokalregierung weiter unklar ist,
zeigt der Konflikt eine neue Macht auf Graswurzelebene:
Die sozialen Medien ermöglichen effektivere, besser koordinierte Versammlungen
und die rasche Verbreitung von nicht durch offizielle Medien gefilterten
Nachrichten. Auch über das Internet werden Blaupausen für eine echte Demokratie
verbreitet – weltweit und mit Riesentempo.
Es überrascht nicht, dass die Menschen diese Technologie auf eine Weise nutzen,
die zeigt, dass sie sich nicht in konkurrierende, miteinander in Konflikt
stehende ethische, nationalstaatliche oder religiöse Identitäten zwängen lassen
wollen. Die überwältigende Mehrzahl will lediglich Demokratie und
wirtschaftliche Selbstbestimmung.
Diese Ziele stehen im unmittelbaren Widerspruch zu den Interessen der globalen
Konzerne und Regierungen, die sich daran gewöhnt haben, ohne Aufsicht durch die
Bürger zu operieren. Es ist ein Konflikt, der sich 2012 drastisch verschärfen
dürfte, je mehr die Ziele der Demonstranten – von Occupy Wall Street bis Occupy
Moskau – an Kohärenz gewinnen.
Es steht viel auf dem Spiel. Je nachdem, wie das Ergebnis aussieht, wird die
Welt entweder mehr wie China aussehen – unternehmensfreundlich,
demokratiefeindlich – oder mehr wie Dänemark.
Naomi Wolf ist eine politische Aktivistin und Gesellschaftskritikerin.
Zuletzt ist als Buch von ihr erschienen: Give Me Liberty: A Handbook for
American Revolutionaries.