Privatisierungen:
Emanzipatorische und
demokratische Antworten entwickeln
Christian
Zeller,Anfang August 2002
zeller@giub.unibe.ch
Im
Zuge der Privatisierungen und Umstrukturierungen von Post,
Telekom, Stromversorgung, Gesundheitsversorgung und zahlreichen
kommunalen Versorgungsbetrieben entwickelt sich in der
gewerkschaftlichen Linken und in Attac endlich eine Diskussion
wie diese unsozialen Angriffe abgewehrt werden können. Viele,
die den Privatisierungen kritisch gegenüberstehen, lassen sich
allerdings weitgehend auf die Prämissen der
Privatisierungspropagandisten ein. Sei es, dass sie ein
betriebswirtschaftliches Effizienzverständnis übernehmen oder
sei es, dass sie die Legende des öffentlichen Finanznotstandes
akzeptieren und nicht ein anderer Steuersystem verlangen. Als
Reaktion darauf verteidigen andere schlicht das Staatseigentum,
ohne weitergehende Perspektiven zu entwickeln.
Der
vorliegende Diskussionsbeitrag argumentiert demgegenüber, dass
der konsequente Widerstand gegen Privatisierungen mit einer
Perspektive verbunden werden muss, die die sozialen Bedürfnisse
und demokratischen Ambitionen der Menschen in einer
emanzipatorischen Perspektive in den Mittelpunkt rückt. Anstatt
vermeintlichen Sachzwängen zu folgen, gilt es zunächst, die ökonomische
Logik der Privatisierungen und die politischen Machtverhältnisse
zu erkennen. Die folgenden Thesen sollen zu einer Diskussion bei
Attac, Gewerkschaften und Verbraucherverbänden anregen.
1.
Privatisierungen sind Bestandteil des neoliberalen
Gesellschaftsumbaus
Der Kapitalismus geriet Mitte der siebziger Jahre in eine
Strukturkrise, die vor allem durch ein Absinken der Profitabilität
und eine gebremste Akkumulationstätigkeit gekennzeichnet war.
Die Regierungen in Europa und Nordamerika reagierten zunächst
mit den bekannten keynesianischen Rezepten einer
Nachfragestimulierung. Seit Ende der siebziger Jahre haben sie
zunehmend erkannt, dass sie die Verwertungsbedingungen für das
Kapital mit radikaleren Methoden verbessern müssen. Die
konservative Regierung Thatcher hat in Großbritannien ab 1979
als erste ein umfassendes neokonservatives Programm umgesetzt.
Die US-Regierung unter Reagan kombinierte die antisoziale
Offensive mit einem gigantischen Rüstungsprogramm im Sinne
eines Militärkeynesianismus. In den meisten Ländern Europas
konnte sich eine vergleichbare Politik zunächst nur zögerlich
durchsetzen. Der Aufschwung in der zweiten Hälfte der achtziger
Jahre in den USA und in Europa schwächte die Brisanz der
Auseinandersetzung vorübergehend ab. Im Zuge der Krise 1991/92
startete das Bürgertum in allen kapitalistischen Ländern mit
dem erpresserischen Argument der Verbesserung der
internationalen Konkurrenzfähigkeit und im Namen der Anpassung
überkommener Strukturen eine breit angelegte Offensive. Seither
wurden zahlreiche soziale Errungenschaften abgeschafft und
weitere werden laufend in Frage gestellt. Die umfassenden
Privatisierungswellen, die sowohl von den sozialliberal-grünen
wie bürgerlichen Regierungen in Europa vorangetrieben werden,
ordnen sich in einen umfassenden Kontext ein.
2.
Verbilligung der Arbeit
Die industriellen Restrukturierungen sind mit neuen Formen
der internationalen Arbeitsteilung und der Arbeitsorganisation
verbunden. Zentrales Anliegen bleibt immer noch, den Mehrwert
(der Anteil der Arbeit, der dem/der Lohnabhängigen nicht
entgolten wird) zu vergrößern, die Lohnstückkosten zu senken
und somit die Profitrate zu erhöhen. Mit der Verweigerung des
Inflationsausgleichs und der Nichtbezahlung von Überstunden
wird ein direkter Lohnabbau betrieben. Die Schaffung
hochflexibler und spezialisierter Produktionsstrukturen senkt
die Kosten. Parallel dazu erfolgt die Flexibilisierung der
Arbeit und der Lohnverhältnisse. Aufgrund der hohen
Arbeitsproduktivität sind Produktionsverlagerungen in
Billiglohnlän der in den strategischen Branchen ein marginales
Phänomen. Die angestiegene Erwerbslosigkeit und die
Beschneidung der Rechte der Erwerbslosen bewirken einen zusätzlichen
Lohndruck.
3.
Verringerung der Sozialisierung der Gewinne
Das Steuersystem trägt je nach Ausgestaltung zu einer
sozialen Umverteilung des Reichtums bei. Direkte Steuern auf
hohe Einkommen, Vermögen und Unternehmenserträge führen zu
einer gewissen Sozialisierung der Gewinne. Genau das wurde geändert.
In den achtziger und neunziger Jahren wurden in zahlreichen Ländern
Steuerreformen durchgeführt, die die Unternehmen begünstigten.
Zu nennen sind die Abschaffung der Vermögenssteuer (durch die
Kohl- Regierung) sowie die steuerlichen Begünstigungen großer
Unternehmen und von Firmenzusammenschlüssen (durch die Schröder-Regierung).
Den
bürgerlichen und sozial-liberal-grünen Regierungen geht es
jedoch weniger um die wirkliche Sanierung der Haushalte als um
die Zurückdrängung des Staates aus der Wirtschaft. Ihre
Politik entspricht einem leicht verständlichen Muster: Sobald
Defizite erscheinen, verlangen sie Ausgabenreduktionen; führen
diese zu einem ausgeglicheneren Haushalt, fordern sie sofort
Steuerreduktionen; diese wiederum bewirken neue Defizite. Die
Defizite dienen wiederum als Vorwand, erneute Ausgabensenkungen
zu fordern. Diese Politik verfolgt das Ziel, zuerst mit
Steuersenkungen die teilweise Vergesellschaftung der Gewinne zu
reduzieren und dann mit Sparprogrammen und Gebührenerhöhungen
mehr Geld aus den Taschen der Lohnabhängigen zu ziehen.
Gleichzeitig kann die Handlungsfähigkeit des Staates auf der
wirtschaftlichen Ebene verringert werden. Privatisierungen
dienen also nicht der Verminderung der Staatsschulden, sondern
die Staatsschulden werden provoziert, um den Staat in den
Bereichen Infrastruktur und Soziales zurückzudrängen.
4.
Neue Verwertungsmöglichkeiten für das Kapital:
Privatisierungen
Die Privatisierungen wurden in den achtziger Jahren in
Europa mit Ausnahme von Großbritannien eher zaghaft realisiert,
ideologisch wurden sie bereits zielstrebig vorbereitet. In den
neunziger Jahren setzte dann die Zerstückelung und
Privatisierung einiger zentraler Sektoren ein
(Telekommunikation, Post, verschiedene kommunale Dienste,
Energieversorgung). Neue Technologien (z.B. im Bereich der
Telekommunikation und Internet) kamen sogleich unter die
Kontrolle privater Konzerne. Jetzt läuft eine weitere Welle in
den Bereichen Bahn, Gesundheitswesen, Altersversorgung ,
Wasserversorgung, Bildung und Arbeitsvermittlung. Das Kapital
sucht sich im Rahmen von Privatisierungen im Sinne einer
"inneren Kolonisierung" neue und rentable Bereiche zu
seiner Verwertung. Dies ist umso leichter zu erreichen, wenn so
genannt "nicht-rentable" Sektoren geopfert oder dem
Staat überlassen werden.
Die
aktuelle Phase des Kapitalismus ist eine Ökonomie der
Enteignung. Enteignet werden öffentliches Eigentum sowie natürliche
und intellektuelle Ressourcen auf allen Ebenen: das reicht von
Berlins Wasserversorgung, über die regionalen Stromanbieter und
die Telekommunikation in Deutschland, über die
Wissensproduktion der High Tech-Universitäten im Silicon Valley
bis zu den natürlichen Ressourcen der Menschen im Amazonas. Die
internationalen Abkommen TRIPS (trade-related aspects of
intellectual property rights) and GATS (General Agreement on
Trade in Services) verleihen diesem Charakterzug eine
institutionelle Form. Alles, was profitabel sein kann, soll
privater Aneignung zufallen.
RWE
und Vivendi: Bereicherung durch Wasser
Der deutsche Energiekonzern RWE mit Hauptsitz in Essen führte
in den letzten Jahren einen regelrechten Feldzug zur Aneignung
von Wasserressourcen durch. Im Juni 1999 erwarb die
Konzerntochter RWE Acqua gmbH zusammen mit der Compagnie Générale
des Eaux (CGE) des französischen Konzerns Vivendi und der
Allianz Capital Partner GmbH 49,9% der Anteile an den Berliner
Wasserbetrieben. Etwas mehr als ein Jahr später, im September
2000, übernahm RWE den englischen Konzern Thames Water Plc für
über 7,1 Mrd. Euro. Das in London ansässige Unternehmen
betreut seither als neue Führungsgesellschaft unter dem Dach
des RWE-Konzerns das nationale und das internationale
Wassergeschäft. Damit entstand der weltweit drittgrößte
Anbieter für Wasser- und Abwasserdienstleistungen mit London,
Berlin, Budapest, New Jersey, Shanghai, Jakarata und Bangok als
wichtigsten Standorten. Nachdem die Wasserversorgung in England
bereits in den achtziger Jahren privaten Konzernen übergeben
wurde vollzieht sich die Konzentrationsprozeß nun auf
internationaler Ebene. Abermals ein Jahr später, im September
2001, setzte RWE zum großen Sprung über den Atlantik an und übernahm
für 4,6 Milliarden USD den Konzern American Water, der in 23
US-Bundesstaaten tätig das größte Wasserunternehmen des
Landes war.
Neben
dem Engagement in Berlin hat sich Vivendi im Mai 2002 auch der
Stadtwerke Görlitz bemächtigt. Vivendi hat einen Anteil von
74,9% an den Stadtwerken Görlitz übernommen. Damit wurden
erstmals in Deutschland Anteile an einem kompletten Querverbund-
Unternehmen einschließlich des öffentlichen
Personennahverkehrs veräußert.
Berlinwasser:
Enteignung der BürgerInnen
Die Enteignung der Berlinerinnen und Berliner von ihrer
Wasserversorgung zeigt wie sich ein solcher Prozeß abspielt.
Der Berliner Senat beschloß am 16. Juni 1999 den Verkauf von
49,9% Anteile an den Berliner Wasserbetrieben (BWB) an ein
Konsortium aus der RWETochter RWE Aqua GmbH, der Compagnie Générale
des Eaux von Vivendi und der Allianz Capital Partner GmbH.
Innerhalb des Konsortiums übernahmen Vivendi und RWE jeweils
45% und die Allianz 10%.
Die
Regierung Berlins gab im Bündnis mit einem Teil der Wirtschaft
die Marschrichtung vor: Berlin soll zu einem der zehn
wichtigsten Standorte auf dem boomenden globalen Wassermarkt
werden. Durch die neue Holdingstruktur der Berlinwasser mit den
Anteilseignern Vivendi und RWE baute das Unternehmen nicht
zuletzt auf der Grundlage ehemals öffentlichen Eigentums die
Aktivitäten aus und eröffnete eine Expansionsoffensive in den
neuen Wassermärkten Osteuropas und sogar in China. Berlinwasser
erklärte "Unser Ziel ist es, zu einem Rundum-Dienstleister
für Wasser und Abwasser in Berlin, in Deutschland und in der
Welt zu werden." (Berlinwasser Geschäftsbericht 2000, S.
5). Diese Strategie wurde auf drei Achsen verfolgt:
-
Internationale Expansion und Beteiligung an Wasser- und
Entsorgungsbetrieben, denen es an "Investitionskapital und
organisatorischem Know how mangelt";
-
Im Geschäftsfeld Dienstleistungen wurden unter Führung der
Berlinwasser Services GmbH verschiedene Dienstleistungen in
Berlin zusammengefasst. Auf dieser Basis wurden
Vermarktungsgesellschaften gegründet und neue Tätigkeitsfelder
z.B. in Ingenieurwesen erschlossen.
-
Das neue Geschäftsfeld Multi Utility sollte eine
integrierte Rundum-Versorgung mit Strom, Wärme,
Telekommunikation und vielen anderen Dienstleistungen anbieten.
Die hierzu gegründete Avid GmbH machte aber bereits ein halbes
Jahr nach ihrer Gründung Ende 2001 Pleite.
Das
ganze Manöver Berlinwasser endete bereits nach zwei Jahren im
Desaster. Der Verkauf des verschuldeten Müllverwertungszentrums
SVZ Schwarze Pumpe klappte nicht. Die USFirma Global Energie löste
den bereits abgeschlossenen Kaufsvertrag nicht ein. Dennoch
hatten die Wasserbetriebe den Kaufspreis von 210 Millionen DM
als außerordentlichen Ertrag in der Bilanz 2000 verbucht.
Zugleich übernahmen die Wasserbetriebe eine Bürgschaft von 315
Millionen DM für die Holdingkommunikationstochter Berlikomm,
die ihrerseits bei den Banken im Jahr 2001 mit über 233
Millionen DM in der Kreide stand. Ende 2001 war klar, dass das
Projekt bereits tief im Schuldenmorast steckte. Zugleich hatten
sich RWE und Vivendi beim Kauf der Anteil jährliche Renditen
von 7% gesichert (ursprünglich sogar 9%, die dann gerichtlich
reduziert wurden). Auf der Basis des Kapitalgrundstock
lancierten RWE und Vivendi unter dem Dach der Berlinwasser
Holding internationale Expansionsstrategien. Im Mitte Mai 2002
sicherte der SPD-PDS Senat der Berlinwasser Holding AG eines
Landesbürgschaft von 316 Millionen Euro, um das Unternehmen vor
dem Konkurs zu retten. Die Bürgschaft wird dazu verwendet,
Altschulden zurückzubezahlen und das internationale Geschäft
voranzutreiben.
Unterdessen
schlitterte auch der Konzern Vivendi in die Krise. Seine
Schulden betragen rund 35 Milliarden Euro. Der Münchner
Allianz-Konzern zog als erster die Konsequenzen und zog sich im
Juni aus der Berlinwasser Holding zurück. Die rivalisierenden
RWE und Vivendi übernahmen den Anteil zu gleichen Teilen. Damit
blieb die Pattsituation der beiden Rivalen bestehen.
Wirtschaftssenator Gregor Gysi (PDS) setzte sich Mitte Juni 2002
noch aktiv dafür ein, dass die Berlinwasser-Holding einen
umstrittenen Auftrag in Zagreb erhält. Ende Juni erreichte die
Plünderung einen vorläufigen Höhepunkt. RWE und Vivendi
schlugen vor, die Berlinwasser Holding wieder auf das Kerngeschäft
der Berliner Wasserbetriebe (BWB) zu konzentrieren. Das Land
Berlin erwägt einen weiteren Verkauf von Anteilen. Der
Kahlschlag könnte den Abbau von 1300 Arbeitsplätzen zur Folge
haben. Das internationale Geschäft wollen RWE und Vivendi
wahrscheinlich unter sich aufteilen oder verkaufen.
LBK
Hamburg
Die Auseinandersetzung um den stadteigenen
"Landesbetrieb Krankhäuser" in Hamburg ist noch nicht
so weit gediehen. Das Privatisierugnsprojekt der Landesregierung
weist aber bereits Züge auf, die ein ähnliches Szenario nicht
ausschließen. Der LBK ist der größte Arbeitgeber der Stadt.
Hier arbeiten rund 13000 Menschen. Der LBK ist mit 1500
Auszubildenden auch der größte Ausbildungsbetrieb Hamburgs.
Der LBK rühmt sich, eines der größten Gesundheitsunternehmen
Europas zu sein. Der Senat hat am 5. Februar 2002 beschlossen,
die Privatisierung des LBK einzuleiten Offensichtlich wurden
bereits zwei große Banken mit dem Verkauf beauftragt. Dieses
Geschäft sollen den Banken nebenbei eine Provision von 80
Millionen Euro einbringen. Der LBK musste bei der Umwandlung in
eine öffentlich rechtliche Anstalt durch die
sozialdemokratische Regierung die Versorgungszusage auch für
ehemalige Klinikbeschäftigte übernehmen. Damit wurde der LBK
bewusst und gezielt in eine "Überschuldung"
getrieben. Diese "Überschuldung" dient nun als
Vorwand, privates Kapital zu beteiligen. Zudem ist
offensichtlich, dass Teile des Krankenhauswesens sehr profitabel
betrieben werden. Mit der Durchführung klinischer Studien für
die Pharmakonzerne sowie der Patentierung und Auslizenzierung
von Forschungsergebnissen können enorme Geschäfte
abgeschlossen werden. Durch die (auch nur teilweise) private
Aneignung von Krankenhäusern kommen wir der Herausbildung eines
medizinisch-biotechnologisch-pharmazeutischen industriellen
Komplexes einen wesentlichen Schritt näher.
Auch
die Gewerkschaft Ver.di verlangt, dass private Unternehmen sich
am LBK beteiligen sollen, um diesen Finanzierungsnotstand zu
beheben. Zynischerweise hat Ver.di eine Volksinitiative unter
dem Titel "Gesundheit ist keine Ware" lanciert. Diese
Initiative verlangt, dass der LBK mehrheitlich öffentlich
bleiben muss. Auf dem Unterschriftenbogen schreibt Ver.di:
"Mit dem Erhalt des Mehrheitseigentums der Freien und
Hansestadt wird dauerhaft gesichert, dass bei
Gesundheitsversorgung die politischen Interessen der Hamburger
Bevölkerung und nicht die Gewinninteressen privater Eigentümer
den LBK dominieren". Das ist entweder naiv oder eine glatte
Lüge. Alle Erfahrungen zeigen, dass sich private Unternehmen über
Holdingkonstruktionen (siehe Berlinwasser) und der operativen
Eingliederung ganzer Geschäftszweige in ihre konzernweite
Arbeitsteilung die tatsächliche Kontrolle über Unternehmen
sichern können, auch wenn sie weit unter 50% der Anteile
besitzen.
"Innere
Kolonisierung" und "Rekolonisierung"
Die Ökonomien Südamerikas zeigen, dass sich die
"innere Kolonisierung" schnell wieder zu einer "Rekolonisierung
von außen" mutiert. Viele große Konzerne aus Europa und
den USA haben sich in Südamerika beträchtliche
Infrastrukturbereiche unter den Nagel gerissen. So hat sich die
spanische Telefonica im Sinne einer "Reconquista"
weiter Teile der festen und mobilen Telekommunikationsnetze in
Argentinien, Brasilien, Peru und Chile bemächtigt. Diese
Reconquista erstreckt sich auch auf die natürlichen und
intellektuellen Ressourcen dieser Länder.
5.
Privatisierungen befördern die Entstehung globaler Oligopole
Die Entwicklung im Telekommunikationsbereich zeigt es: zwar
wurden auf nationaler Ebene staatliche Monopole abgeschafft.
Aber bereits vollzieht sich eine zunehmende Konzentration, nun
aber auf internationaler Ebene. Der Kampf ums Wasser zwischen
RWE, Vivendi und anderen Konzerne spielt sich ebenfalls bereits
auf globaler Ebene an. Einige wenige Global Players greifen sich
gegenseitig in ihren Heimmärkten an. Ähnliches geschieht in
anderen Bereichen. So agiert die Deutsche Post mittlerweile als
zentrale Kraft in den internationalen Logistikmärkten. Der
französische Konzern Vivendi hat sich der öffentlichen
Infrastruktur in zahlreichen Städten auch außerhalb
Frankreichs bemächtigt. Vivendi ist mittlerweile zentraler
Teilhaber an zahlreichen Stadt- und Wasserwerken in Deutschland.
Dieses Feld machen die deutschen Energiekonzerne RWE und E.ON
dem französischen Rivalen streitig. Zentrale
Infrastruktureinrichtungen werden damit jeglicher öffentlichen
und demokratischen, ja sogar parlamentarischen, Kontrolle
entzogen.
6.
Privatisierungen schaffen Bürger/innen-rechte ab
Die bürgerlichen, sozialdemokratischen und grünen Parteien
bedienen sich demagogisch der Parole "Abbau von Bürokratie".
Im Namen von "individuellen Freiheiten" und des
Marktes stellen sie die ohnehin bescheidene soziale
Ausgleichsrolle des Staates in Frage. In diesem neoliberalen
Sinne bedeutet "weniger Staat" nichts anderes als ein
Angriff auf die Erfüllung öffentlicher Bedürfnisse. Die
neoliberalen Ideologen und ihre sozialliberal-grünen Nachbeter
geben vor, die öffentlichen Dienste und die soziale Sicherheit
seien als Waren zu betrachten, für die das Gesetz von Angebot
und Nachfrage spielen solle: wer bezahlen kann, hat Anrecht auf
das Beste.
Infolgedessen
wollen sie die Dienstleistungen im Gesundheitswesen, im Verkehr,
in der Telekommunikation und sogar im Bildungswesen im Zuge von
Verwaltungsreformen und Privatisierungen in die Zwangsjacke
betriebswirtschaftlicher Effizienz und Rentabilität stecken.
Diese führen volkswirtschaftlich zu Verschwendung und steigern
die soziale Ungleichheiten. Die Bürgerrechte an öffentlichen
Diensten werden damit abgeschafft. Die Bürgerinnen und Bürger
werden zu Kundinnen und Kunden, oder im Falle mangelnder
Kaufkraft zu Almosenempfängern/ innen.
In
einer demokratischen und emanzipatorischen Perspektive setzten
wir uns demgegenüber für ein Recht auf sauberes Wasser und
gute Luft, eine Wohnung, auf gesunde Nahrungsmittel, auf
Bildung, auf eine sinnvolle und kreative Arbeit, auf öffentlichen
Transport und verschiedene kulturelle Aktivitäten ein. Niemand
soll auf wohltätige Hilfe angewiesen sein.
7.
Konsequent ist realistisch
Die Beispiele, insbesondere der Berlinwasser Holding und der
geplanten Privatisierung des LBK Hamburg zeigen, dass eine
konsequente Argumentation absolute Voraussetzung ist, um einen
wirksamen Widerstand gegen die Enteignung öffentlicher
Ressourcen aufzubauen. Die sogenannte Realpolitik der
Gewerkschaftsführungen und von Betriebsräten ist äußerst
unrealistisch und naiv. In manchen Fällen ist das Verhalten von
einer "rette sich wer kann" Haltung gekennzeichnet.
Dabei erhoffen sich einzelne Gewerkschaftsführer und Betriebsräte
entweder den eigenen Betrieb (auf Kosten anderer) zu retten oder
sogar, sich selbst ein Stück des privatisierten Kuchens
abzuschneiden.
Eine
konsistente und konsequente Argumentation ist nicht nur
redlicher, sondern längerfristig auch glaubwürdiger. Das heiß
aber: der Widerstand muss sich ein eigenes konzeptionelles Gerüst
erarbeiten. Drei Achsen stehen dabei im Vordergrund. Es geht
darum, eine eigene Konzeption gesellschaftlicher Bedürfnisse,
der Demokratie und der sozialen Aneignung von Ressourcen
auszuarbeiten (siehe Abschnitt 10). Auf dieser Basis ist Attac
bestrebt, möglichst breite gesellschaftliche Bündnisse
aufzubauen. Das heißt zugleich, dass Attac die Unabhängigkeit
gegenüber den Bündnispartnern bewahrt und sich nicht vor
politisch fragwürdige Manöver spannen läßt (z.B. Ver.di
Volksinitiative zur Teilprivatisierung des LBK).
Die
Privatisierungen sind nur ein Teil der Auseinandersetzung. Die
Erwerbslosigkeit, das ganze System der sozialen Sicherheit, die
internationalen Finanzmärkte sowie die Aufrüstung sind als
miteinander verflochtene Probleme zu betrachten. Demzufolge kann
auch eine alternative Politik nicht einzelne Teile isolieren und
scheinbar pragmatisch realisierbare Lösungen anbieten. Bei
allen Brennpunkten ist es erforderlich, Bündnisse, insbesondere
zwischen den betroffenen Beschäftigten und BenützerInnen, zu
entwickeln.
8.
Sozialisierung statt Privatisierung der öffentlichen Dienste
Die herkömmliche, rein betriebswirtschaftlich orientierte
Idee der Effizienz ist grundsätzlich abzulehnen. Es ist eine
Effizienz, die dazu führt, dass das ein breites öffentliches
Angebot umso kleiner wird, je mehr das Angebot an
Spezialdiensten zunimmt, die zwar einen hohen Qualitätsstandard
aufweisen, aber nur von Leuten mit großer Kaufkraft beansprucht
werden können.
Die
Altersvorsorge und die Krankenversicherungen sind zu
modernisieren und unter öffentlicher Kontrolle zu
vereinheitlichen um aus dem Dschungel von privaten
Vorsorgeeinrichtungen und den damit verbundenen Abzockereien
hinauszutreten. Durch eine Verbreiterung der Bemessungsbasis und
eine progressive Gestaltung der Prämien kann der
"Finanzierungsnot stand" behoben werden. Das
Gesundheitswesen soll auch den RentnerInnen einen würdigen
Lebensabend als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft
garantieren.
Die
Verwirklichung der oben erwähnten Rechte setzt entsprechende öffentliche
Dienstleistungen voraus. Gratiseinrichtungen basieren auf einem
Verständnis von "gleiche Rechte für alle". Diese
Idee steht im Zentrum einer solidarischen Konzeption der öffentlichen
Dienste. Selbstverständlich reicht es nicht, den Ist-Zustand zu
verteidigen. Dennoch können die öffentlichen Dienste Ansätze
einer Alternative zu den Bereicherungsmechanismen des Marktes
darstellen. Gleichzeitig ist die Verteidigung eines vielfältigen
und qualitativ guten Dienstleistungsangebots nicht zu
vereinbaren mit einem bürokratischen, stark hierarchischen und
volksfernen Apparat. Die öffentlichen Dienste weiterentwickeln
heisst:
Die
Lohnabhängigen sind in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen.
Das erleichtert die Bewertung der Arbeit, weil andere
Bewertungskriterien angewendet werden als diejenigen der
traditionellen "Unternehmenskultur".
Hierarchische
Strukturen sollen abgebaut werden. Denn sie haben nur den Sinn,
das Personal ohne Eigenverantwortung zu kontrollieren und die bürokratischen
Administrationsmechanismen zu erhalten, anstatt die Qualität
der zu leistenden Dienste zu gewährleisten.
Ein
echter Dialog zwischen BenutzerInnen/BürgerInnen- die bis jetzt
nur als passive KonsumentInnen wahrgenommen worden sind - und
Personalsoll entwickelt werden. Dadurch können die Angebote
sozial gestaltet und gleichzeitig deren Vielfalt garantiert
werden.
Angesichts
der internationalen Verflechtungen, der stark angestiegenen
Mobilität der Lohnabhängigen in Europa und des europaweiten
und globalen Agierens großer Konzerne sind Alternativen auf
europäischer Ebenezu formulieren. Welche Bahnen wollen wir in
Europa, welche Sozialversicherungen, welche Telekommunikation?
Wer kontrolliert die internationalen Glasfasernetze für das
Internet? Wie können die europäischen mit den nationalen,
regionalen und lokalen Strukturen verschränkt werden? Ein Zurück
zur nationalen Perspektive ist ausgeschlossen.
Weit
davon entfernt, die Gesellschaft verstaatlichen zu wollen, ist
vielmehr die Sozialisierung des Staates und der gesamten
Wirtschaft anzustreben. Das heisst, die BürgerInnen nehmen ihre
Angelegenheiten selbst in die Hand. In diesem Sinne ist ein
grundsätzlicher Widerstand gegen die Privatisierung der
Krankenhäuser, der Altersvorsorge, der Krankenversicherungen,
der öffentlichen Verkehrs und anderer Teile der öffentlichen
Verwaltung die Voraussetzung für die Formulierung kohärenter
Alternativen.
9.
Für eine radikale Arbeitszeitverkürzung
Unseren Widerstand gegen die Privatisierungen verknüpfen
wir mit einer aktiven Politik gegen die Erwerbslosigkeit.
Alleine die Verwirklichung oben der genannten Schritte schafft
mehr Arbeitsplätze. Mehr noch, eine neue, solidarische
Konzeption der öffentlichen Dienste ist mit einer Politik zur
Umverteilung der Arbeit zu verknüpfen. Voraussetzung für eine
Umverteilung der Arbeit ist eine radikale Arbeitszeitverkürzung:
die 35-h-Woche auf dem Weg zur 32-h-Woche auf europäischer
Ebene bei Erhaltung der Kaufkraft für die Mehrheit der Lohnabhängigen.
Die radikale Arbeitszeitverkürzung ist das wirksamste Mittel
gegen die Erwerbslosigkeit und ist angesichts der enormen
Produktivitätsfortschritte ökonomisch gerechtfertigt. Doch es
geht um ein umfassenderes Problem. Es sind Vorstellungen für
eine Neuverteilung der Arbeit, der eingesparten Arbeit und der
Freizeit zu entwickeln. Ein solches Herangehen wirft unmittelbar
auch die Frage nach der Neuorganisierung der Arbeitsverhältnisse,
der Umverteilung der reproduktiven Arbeiten und der
solidarischen Neugestaltung der
internationalen
Arbeitsteilung auf. Eine radikale Arbeitszeitverkürzung ist ein
wesentliches Instrument zur Neugestaltung der Verhältnisse
zwischen den Geschlechtern. Im Rahmen einer Neuorganisation der
Arbeit ist schließlich die Frage aufzuwerfen, wo zusätzliche
Arbeit dringend nötig ist. In vielen Bereichen unserer
Gesellschaft, hauptsächlich bei der Bildung und im Sozialwesen
können zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Damit
sind wir wieder bei der Frage der öffentlichen Dienste.
10.
Soziale Aneignung, Demokratie und Bedürfnisse
Die soziale Aneignung der öffentlichen Dienste und
letztlich die Neugestaltung der Arbeit und die Aneignung der
Arbeit und ihrer Erzeugnisse durch die Arbeitenden wirft
zugleich natürlich die Frage des Eigentums auf. Ein Schritt in
die Richtung soziale Aneignung großer Konzerne könnte zum
Beispiel sein, dass Unternehmen sich an Konzessionen halten müssen,
die lokal, national und kontinental diskutiert werden. So könnte
zum Beispiel die Pharmaindustrie der Bedingung unterworfen
werden, Medikamente für eine weltweite kostenlose
Grundversorgung zu produzieren. Ähnlich Verfahren sind auf
europäischer und internationaler Ebene für alle großen
Sektoren denkbar. Die Diskussion dieser Konzessionen erfordert
die ständige Mobilisierung von Gewerkschaften und anderen
sozialen Bewegungen. In diesem Rahmen können auch die Bedürfnisse
ermittelt und ausgetauscht werden, respektive es kann darüber
diskutiert werden, welche Ressourcen zur Befriedigung welcher
Bedürfnisse prioritär bereitgestellt werden. Diese
Konzessionen stellen die private Verfügungsgewalt über die
Produktionsmittel noch nicht total in Frage, aber sie können
ein erster Schritt dazu und in die Richtung einer sozialisierten
Ökonomie im Sinne eines Übergangs in einer sozialistischen
Perspektive sein. Unsere Alternativen entwickeln sich dynamisch
im Zusammenspiel von Bewegungen, Kämpfen und der Ausarbeitung
neuer Konzepte.
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