06/03
Brief an alle Mitglieder, Lokalgruppen und
Mitgliedsorganisationen von Attac:
Solidarität und Gerechtigkeit statt Brutalokapitalismus.
Nein zur „Agenda 2010“!
Liebe Freundinnen und
Freunde,
der Generalangriff auf
den Sozialstaat nimmt Fahrt auf. Das stellt uns als globalisierungskritische
Bewegung vor neue Herausforderungen; die scheinbar nationalstaatlichen Abläufe
müssen in einen globalen Rahmen eingeordnet und Widerstände abgestimmt werden.
Die KollegInnen in Frankreich und Österreich zeigen schon etwas davon.
Der ATTAC-Rat hat auf seiner
Tagung am 23. und 24. Mai in Hannover diese Situation diskutiert und sich erste
Gedanken gemacht über die Konsequenzen, die sich daraus für ATTAC ergeben. Die
Ergebnisse möchten wir euch hiermit vorstellen. Sie lassen sich in drei
Kategorien unterteilen: Inhaltliche und strategische Überlegungen, Planung für
erste Aktivitäten und Ideen für weitere Initiativen.
1) Inhaltliche und strategische Überlegungen
Hier geht es uns darum, eine
Diskussion zu beginnen, von der wir hoffen, dass ihr alle aktiv daran teilnehmt.
Es gibt zahlreiche offene Fragen, die nur in einem längeren Prozess geklärt
werden können. Die folgenden Punkte sind deshalb lediglich ein Einstieg in eine
Debatte, die wir in den nächsten Monaten in den verschiedensten Zusammenhängen
führen sollten:
Es bestand weitgehend
Konsens, dass wir gegenwärtig mit außergewöhnlichen politischen
Herausforderungen konfrontiert sind. Wenn Attac auch weiterhin eine bedeutende
Rolle spielen will, können wir uns Business as usual nicht leisten, sondern müssen
uns flexibel auf die Situation einstellen.
Neben den dramatischen Umbrüchen
im internationalen System, die sich aus dem Irak-Krieg und der Nachkriegsordnung
ergeben, ist es vor allem die sog. „Agenda 2010“ die eine neue politische
Konstellation herbeigeführt hat. Wir haben es mit der schärfsten Attacke auf
den Sozialstaat in der Nachkriegsgeschichte zu tun. Dabei ist unbestritten, dass
unsere Sozialsysteme vor strukturellen Problemen stehen - besonders infolge der
reinen Finanzierung aus der Lohnsumme. Entscheidend aber ist die Frage, welche
Interessen die Richtung von Reformen vorgeben. Die Schröderregierung übernimmt
in der Substanz die Positionen von FDP und Unternehmerverbänden. Agenda 2010
ist purer Neoliberalismus. Zu der Verschärfung von Armut und Ausgrenzung kommt,
dass die Volkswirtschaft damit noch weiter in den Strudel einer deflationären
Entwicklung gezogen wird.
Dazu kommt eine seit dem
Zweiten Weltkrieg noch nie da gewesenen Diffamierungskampagne gegenüber den
Gewerkschaften. Auch wenn es bei den Gewerkschaften Erneuerungsbedarf gibt, so
sind sie im Großen und Ganzen immer noch eine höchst bedeutende Kraft im
emanzipatorischen Lager. Der Angriff auf sie ist daher als ein Angriff auf alle
gemeint, die sich mit der herrschenden Politik nicht abfinden. Mit „Agenda
2010“ wird eine weitreichende Veränderung angestrebt. Der sozialstaatlich
orientierte „rheinische Kapitalismus“ als Auslaufmodell soll durch neue
Variante von Brutalokapitalismus ersetzt werden. Dabei ist das Projekt noch
nicht das Ende der Fahnenstange. Mit weiterer Zerstörung von Strukturen der
gesellschaftlichen Solidarität ist zu rechnen, insbesondere dann, wenn sich die
Befürchtungen bestätigen, dass die Bundesrepublik oder gar die EU insgesamt
vor einer lang anhaltenden Rezession steht.
In vielen anderen Ländern
gibt es derzeit ähnliche Großangriffe auf den Sozialstaat und auch in anderen
Ländern kämpfen Gewerkschaften und Soziale Bewegungen gegen Sozialabbaupläne
ihrer Regierungen: In Österreich und Frankreich gab und gibt es massive
Streiks. Bei den Protesten gegen die G8 war die Verbindung
mit den Protesten gegen die Rentenreform in Frankreich zu spüren. Wir müssen
überlegen, wie es gelingen kann, den Protest gegen scheinbar „nationale“
Reformen in einen internationalen Kontext zu stellen.
Es war Konsens, dass wir
uns in die Auseinandersetzung einschalten müssen, wenn Attac eine Zukunft haben
soll. Ebenso war Konsens, dass wir dazu ein eigenständiges Profil und einen
eigenständigen Zugang zur Problematik entwickeln müssen.
Die Diskussion über einen
eigenständigen Zugang erbrachte eher eine Ideensammlung und noch kein kohärentes
Konzept:
a)
Globalisierungsbezug:
Die offizielle
Rechtfertigung für „Agenda 2010“ bezieht sich ausdrücklich auf die
Globalisierung. Wenn der Standort Deutschland im Wettbewerb mithalten wolle, müssten
schmerzhafte „Reformen“ sein, so der Kanzler. In der Tat zeigt sich in
„Agenda 2010“ wie selten zuvor auch uns das wahre Gesicht der neoliberalen
Globalisierung.
Wir sollten darauf
hinweisen, dass diese Politik überall in der Welt durchgezogen wird. In den arm
gemachten Ländern des Südens unter dem Stichwort „Strukturanpassung“ schon
lange, aber gegenwärtig auch in europäischen Nachbarländern.
Allerdings sollte auch klar
sein, dass die Hintergründe von „Agenda 2010“ komplexer sind und es
durchaus Faktoren gibt, die nicht oder nur vermittelt mit Globalisierung zu tun
haben. Es ist an der Zeit unseren Globalisierungsbegriff zu vertiefen und weiter
zu entwickeln.
Die Ursachen der
Erwerbslosigkeit z.B. liegen nicht nur im Druck der Finanzmärkte und der
Shareholder-Orientierung, sondern auch im technologischen Wandel und der
zunehmenden Produktivität, die unter kapitalistischen Bedingungen immer wieder
eine Quelle von Erwerbslosigkeit war.
b) Grundlegende
Wertorientierungen, Leitbilder
Die Rede von den
„schmerzhaften Einschnitten“ legt den grundlegenden Widerspruch zwischen dem
ungeheuren Reichtum in diesem Land und auf dem ganzen Planeten und dem rigorosen
Sozialabbau offen. Dem gegenüber müssen wir ebenso unsere grundlegend andere
Orientierung deutlich machen, die Gandhi einmal so formuliert hat: „There is
enough for everybody’s need, but not for everybody’s greed“[1]
Solidarität, Partizipation,
Friedfertigkeit, Gerechtigkeit, Freiheit, Umverteilung von oben nach unten,
Geschlechtergerechtigkeit, ökologische und soziale Nachhaltigkeit sind daher
Schlüsselbegriffe. Es geht nicht darum, über Sozialpolitik als einem Ressort
unter anderen zu reden, sondern übergreifende Wertorientierungen und Leitbilder
einer humanen Gesellschaft plastisch zu machen. Diese sollen nicht abstrakt
propagiert, sondern in greifbaren Parolen und unter konkretem Bezug auf die
einzelnen Maßnahmen der „Agenda 2010“ formuliert werden (z.B. „Weil Du
arm bist musst du früher sterben“, „Bildung ist keine Ware“ etc. ).
c) Klartext reden
– zuspitzen
Sowohl in der Beschreibung der Situation als auch bei den bei Einzelforderungen
müssen wir über die gewerkschaftlichen Formulierungen hinaus gehen. Wir können
über den Charakter dessen was da passiert, ungeschminkt und ohne diplomatische
Rücksichten sprechen. Kommerzielle Privatisierung der Sozialsysteme ist
Enteignung öffentlicher Güter. Unsere Forderungen sollten weitergehend sein
und auch Themen auf die Tagesordnung setzen, die die Gewerkschaften nicht
ansprechen. Beispiele solcher– wenn man will – „radikalerer“ Forderungen
könnten sein: „Weg mit dem sog. Stabilitätspakt“ (Maastrichtkriterien), ,
„30 Stundenwoche jetzt“, „Existenzgeld“, „Weg mit der
Zwangsarbeit“, „Schuldenerlass für die arm gemachten Länder“ etc.
d)
Alternativen
Für unsere grundlegenden
Leitbilder und Wertorientierung und für unsere Einzelforderungen gibt es viel
Sympathie in der Bevölkerung. Aber über ein alternatives Gesamtkonzept zum
Neoliberalismus verfügen wir nicht. Ist die Summe aller unserer
Einzelforderungen diese Alternative? Besteht nicht die Gefahr sich thematisch zu
verzetteln und einen programmatischen „Bauchladen“ aufzumachen?
Wir sollten darüber
diskutieren, ob wir so etwas wie ein Alternativkonzept überhaupt brauchen. Ist
das mehr als eine Utopie/Vision? Falls „ja“ steht die Frage, wie es denn
aussehen und schließlich wie es überzeugend vermittelt werden könnte.
2) Nächste
Schritte
Der Rat hat eine AG „Sozialagenda“ eingerichtet. Diese wird Informationen sammeln und verfügbar machen und in nächster Zeit versuchen, die gemeinsame Arbeit zu koordinieren. Wir wollen alle gezielt ansprechen, von denen wir wissen, dass sie soziale Fragen bearbeiten.
Wir sind sicher, dass der
gesellschaftliche Reichtum groß genug ist, um allen Menschen auf der Welt ein würdiges
und gutes Leben zu ermöglichen – dafür brauchen wir eine andere Agenda !
Attac kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.
In diesem Sinne wünschen
wir uns allen – neben dem verdienten Urlaub – einen aktiven Sommer.
Eure Rats-AG
Sozialagenda:
Alexandra
Schubert (Rat)
Hardy
Krampertz (Rat)
Karin
Walther (Rat)
Rasmus
Grobe (Rat)
Gitti
Götz (Rat)
Astrid
Kraus (KoKreis)
Ilona
Plattner (KoKreis)
Lena
Brökl (KoKreis)
Peter
Wahl (KoKreis)
Werner
Rätz (KoKreis)
Sabine
Leidig (Bundesbüro)