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Unerfreuliche Rangliste
Der Sozialstaat Deutschland ist im Europa-Vergleich abgeschlagen

Das plötzlich erwachte Interesse Deutschlands an seinen Mängeln als
Sozialstaat hat auch einer Studie zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft, die
das Problem im europäischen Vergleich analysiert. Im Auftrag der
gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat das Politik-Institut Berlinpolis
untersucht, welche Antworten die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU)
auf die wichtigsten sozialen Fragen geben. Die daraus erstellte Rangliste ist
für die Bundesrepublik unerfreulich: Unter 24 Nationen - Malta wurde wegen
unzureichender Datenbasis nicht gewertet - nimmt sie den Abstiegsplatz 21 ein.
Die Studie wertet nach 25 Kriterien, die in fünf Kategorien gebündelt
werden. Dazu gehören Einkommensverteilung und soziale Absicherung,
Arbeitsmarkt, Bildungs- und Ausbildungschancen, Geschlechtergleichstellung und
Generationenverhältnis.
Die Infratest-Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung
unterscheidet folgende Gruppen:
Leistungsindividualisten: hohes Haushaltsnettoeinkommen; Gegner von
Regulierung; oft FDP-Wähler.
Etablierte Leistungsträger: leitende Angestellte und
Facharbeiter; höchstes Haushaltseinkommen; Unions-Wähler.
Kritische Bildungs-Eliten: viele Beamte; eher großstädtisches
Milieu; größte berufliche Mobilität.
Engagiertes Bürgertum: hoher Frauenanteil, freie Berufe und öffentlicher
Dienst; gesellschaftlich engagiert.
Zufriedene Aufsteiger: überwiegend einfache Schulbildung; höchste
berufliche und finanzielle Zufriedenheit.
Bedrohte Arbeitnehmermitte: Angst, Lebensstandard nicht halten zu
können; fühlen sich vom Staat allein gelassen; ausgeprägte
SPD-Orientierung.
Selbstgenügsame Traditionalisten: einfache Schulbildung; eher im
ländlichen Raum; viele Kirchgänger.
Autoritätsorientierte Geringqualifizierte: viele Rentner;
ungelernte Tätigkeit; häufig arbeitslos; große Distanz zu Politik und
Politikern.
Abgehängtes Prekariat: höchster Arbeitslosenanteil; größte
berufliche und finanzielle Unsicherheit (prekäre Lage); vor allem im
Osten; Protestwähler. fr
Einen vorderen Platz (9) nimmt Deutschland nur beim ersten Kriterium,
Einkommensverteilung und soziale Sicherung, ein. Dabei ist die Statistik womöglich
besser als die tatsächliche Lage: Die einschlägige Erhebung, die Einkommens-
und Verbraucherstichprobe des Statistischen Bundesamts, berücksichtigt nämlich
hohe Einkommen über 18 000 Euro im Monat ebenso wenig wie die Null-Einkünfte
der Obdachlosen. Durch diese Kosmetik nimmt sich das Bild der Ungleichheit
etwas gefälliger aus.
Vollends unbefriedigend sind die Resultate in den übrigen vier Kategorien.
Bei der Integration in den Arbeitsmarkt sowie Bildung und Ausbildung kommt das
größte EU-Land nur auf Platz 18, in Sachen Gleichstellung der Geschlechter
und Generationengerechtigkeit sogar nur auf einen jämmerlichen 23. Rang. Das
kontrastiert mit vergleichsweise großzügigen Aufwendungen für den
Sozialstaat.
Das schlechte Abschneiden Deutschlands (und Belgiens) ist aus Sicht der
Autoren, der Sozialwissenschaftler Jochen Schulz zur Wiesch und Jeppe Fisker Jörgensen,
genauso überraschend wie das gute der EU-Neumitglieder Lettland, Slowenien
und Litauen.
Insgesamt monieren sie, dass die Selbstverpflichtung der EU auf mehr
"soziale Kohäsion" - also eine Angleichung der Lebensverhältnisse
- weitgehend Lippenbekenntnis bleibe. Auch was der viel beschworene Begriff
"europäisches Sozialmodell" eigentlich genau bedeute, sei unklar.
"Kurz gefasst fehlt dem europäischen Sozialmodell einerseits ein Kern präziser,
von den Mitgliedstaaten als Zielvorgaben akzeptierter Standards und
andererseits ein Instrumentarium von Anreizen und Sanktionen zu deren
Durchsetzung." krp
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Copyright © FR online 2006
Dokument erstellt am 16.10.2006 um 17:36:18 Uhr
Letzte Änderung am 16.10.2006 um 19:12:37 Uhr
Erscheinungsdatum 17.10.2006