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Außenansicht (Süddeutsche 5.1.04)
Die Anpassung der Bischöfe an den
Zeitgeist
Von Norbert Blüm
Es war einmal . . . und lange ist es noch
nicht her, da brachte die evangelische und die katholische Kirche
ein Sozialwort unter das Volk: „Option für die Armen“ war das
Leitmotiv Jetzt – 6 Jahre später – melden sich die
katholischen Bischöfe mit einem „„Impulstext“ mit dem
Titel: „Das Soziale neu denken“ wieder zu Wort. Der Text ist,
wie im Vorwort vermerkt, von einigen „Persönlichkeiten“
erstellt. Die Bischöfe lassen bei Experten arbeiten. Es herrscht
jedoch kein Mangel an Wissen, sondern an Werten. So ändern sich
die Zeiten.
Aus der kraftvollen „Option für die Armen“ ist ein ängstlicher
Wunsch geworden, im Modernisierungsprozess mithalten zu können.
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Diese Angst
treibt offenbar die Bischöfe. Aber wer zu früh kommt, gerät in
Gefahr, in den falschen Zug einzusteigen. Unter
Wettbewerbsgesichtspunkten ist der „Impulstext“ ein Flop. Die
öffentliche Beachtung hält sich in engen Grenzen. Das ist keine
Überraschung, denn die neoliberale Marktlücke ist längst
besetzt; was der Text sagt, haben die Arbeitgeberverbände schon
tausendmal und besser gesagt. Es handelt sich um eine mimikryhafte
Assimilation mit dem Zeitgeist. Der ist so unbeständig wie die
Mode. Das Neue, zu dem Anstoß gegeben werden soll, entpuppt sich
als eine Variante der alten liberalen Dreifaltigkeitslitanei:
„Wettbewerb“, „Privatisierung“, „Kostensenkung“.
Um freilich dem Neuen einen Weg zu bahnen, muss zunächst das
Terrain präpariert werden. „Deutschland verträgt keinen
weiteren Stillstand“, hebt schon der zweite Satz des Vorwortes
wie ein Paukenschlag an, jeden Einwand niederschmetternd. Wenig später
heißt es im Impulstext, das „immer neue Forderungen und
Wahlversprechen die Leistungen“ ausgeweitet hätten. Wo waren
Sie, Exzellenzen, eigentlich in den letzten 20 Jahren? Das
Rentenniveau betrug noch 1982 rund 70 Prozent des
Nettolohnniveaus. Das Arbeitslosengeld 67 Prozent des letzten
Nettoverdienstes. Zuzahlung in der Krankenversicherung waren
minimal. Die Sozialleistungsquote sank von 1982 bis 1990 um
immerhin drei Prozent, und sie ist heute immer noch niedriger, als
sie vor rund 40 Jahren war. Das sie nach 1990 wieder stieg, hat
vor allem zwei Gründe – einen guten und einen schlechten:
„Deutsche Einheit“ und „Arbeitslosigkeit“. Die Deutsche
Einheit ist ein Ruhmesblatt in der Sozialgeschichte unseres
Landes. Es gelang die Umstellung des DDR-Sozialsystems in ein
freiheitliches fast über Nacht, aber nicht von selbst.
Vergleichbar ist dieses Experiment nur mit dem Versuch, zwei
entgegengesetzt fahrende Güterzüge bei voller Fahrt umzuladen.
Kein anderer öffentlicher Bereich war im Einheitsprozess so
erfolgreich wie der „Sozialstaat Deutschland“. Die
Arbeitslosigkeit werden selbst die Experten der Bischöfe nicht
der Sozialpolitik in die Schuhe schieben können. So viel, wie die
Arbeitslosigkeit kostet, kann selbst die beste Sozialpolitik nicht
kompensatorisch sparen.
Die Maut-Blamage als Beispiel von
Managementversagen und das Ergebnis der Pisa-Studie lassen sich
auch bei größten Anstrengungen nicht sozialpolitisch erklären,
und was die Kosten anbelangt, liegen wir keineswegs an der Spitze
Europas. Sonst wäre auch nicht zu erklären, wieso wir nicht nur
Export-Europameister, sondern -weltmeister sind. Selbst das von
vielen Neoliberalen bewunderte Thatcher-Blair-England liegt in
Sachen Abgabenquote vor uns.
Natürlich taucht auch wieder der Vielfraß
„Anspruchsdenken“ im bischöflichen Text auf. Das Soziale
„wurde zu einem Anspruch, um eine immer komfortablere Normalität
herzustellen“. Man stellt sich offenbar den Arbeitslosen so vor,
es sind immerhin mehr als 4 Millionen, wie Fischers Frau Ilsebill,
„die, je mehr sie hat, je mehr sie will“. Ich wünsche mir,
dass ein Bischof seinen Text Text einem 50-jährigen Arbeitslosen
vorträgt, der 200 Bewerbungen erfolglos abgesandt hat, und ihm
klarzumachen versucht, dass seine „immer komfortablere Normalität“
auch das Ergebnis „der zusehends geschwächten
Eigenverantwortung“ ist.
Wie wäre es, wenn die Bischöfe sich in
Sachen Anspruchsdenken mehr einem Personenkreis zuwenden würden,
der herkömmlicherweise nicht zur Klientel des Sozialstaates gehört?
Großmanager der deutschen Wirtschaft empfehlen sorgengeplagt
Lohnzurückhaltung und sahnen gleichzeitig unverfroren ab. Die
Vorstandsgehälter der Deutschen Bank, einer Leuchte der Deutschen
Wirtschaft, stiegen beispielsweise zwischen 1997 und 2001 um 474
Prozent, während gleichzeitig 14 500 Stellen abgebaut wurden und
die Aktionäre in diesen Jahren ein Drittel ihres Aktienvermögens
verloren. Klaus Esser von Mannesmann erhielt als Goldenen
Handschlag für die nicht verhinderte Fusion mit Vodafone 60
Millionen Mark, während die Deutschen Arbeitgeberverbände
gleichzeitig über zu hohe Abfindungen für Arbeitnehmer in den
Sozialplänen klagten. Der biblische Pharisäer war geradezu ein
Stümper gemessen an der Scheinheiligkeit mancher Lohnzurückhaltungsapostel.
Die Bischöfe hätten an diesen und anderen Beispielen die
Schizophrenie der deutschen Sozialstaatsdiskussion bloßstellen können.
Die Chance zur Bußpredigt haben sie sich mit ausgewählter
Expertenhilfe leider entgehen lassen. Von den Wein trinkenden
Wasserpredigern – im Bischofswort keine Spur. Solche Attacken
entsprechen ja nicht dem Mainstream, in dem zu schwimmen die Übung
ist, zu welcher der Bischofstext die Anleitung liefert. Nach
Angaben des Caritas-Verbandes, einer kirchlichen Organisation,
deren Impulse offensichtlich in den „Impulstext“ keinen
Eingang gefunden haben, gehen dem Gemeinwesen durch
Sozialhilfemissbrauch jährlich 120 Millionen Euro verloren; durch
Steuerhinterziehung jedoch 65 Milliarden Euro. Gleichzeitig werden
schätzungsweise 2,2 Milliarden Sozialleistung nicht in Anspruch
genommen von Menschen, die sich ihrer Armut schämen und sich
deshalb scheuen, an der „komfortablen Normalität“ des
Sozialstaates zu partizipieren. Missbrauchsbekämpfung ist
hierzulande selektiv: Die Kleinen hängen und die Großen laufen
lassen.
Auch von Solidarität ist im Bischofswort hier und da die Rede;
meist jedoch auf philosophischer Höhe. Gut wär’s, wenn sich
die Bischöfe einmal den Kopf zerbrechen würden, was eine
losgelassene Flexibilität und eine totale Mobilmachung des
Arbeitsmarktes für Familie, Nachbarschaft und Heimat bedeuten würde.
Der flexible Mensch, Prototyp des neuen Arbeitnehmers, ist immer
beweglich, allzeit verfügbar. Immer unterwegs und nirgends
zuhause. Der Vater hopst zum Job nach München, die Mutter nach
Hamburg. Soll sich die Familie nur noch sonntags treffen? Aber
auch der Sonntag wird inzwischen schon flexibel angefressen.
Sonntagsruhe stört die ungehemmte Kapitalverwertung.
Der Impulstext hat manches mit einer Sülze gemeinsam. Das
meiste ist Gelatine. Die deutschen Bischöfe sind mit der von
ihnen autorisierten Schrift „Das Soziale neu denken“ das Opfer
einer kategorialen Verwechslung. Das Neue ist immer zeitbedingt.
Das Soziale nicht. Zeitbedingte Umstände können aber so wenig Maßgabe
des Prinzipiellen sein, wie die Beschaffenheit des Weges den
Wegweiser ersetzt.
Norbert Blüm, CDU, war von 1982 bis 1998, also während der
gesamten Amtszeit von Kanzler Helmut Kohl, Bundesminister für
Arbeit und Sozialdordnung
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