Alarmstufe Armut
Dachverband der Wohlfahrtsverbaende fordert "neue APO" gegen
Sozialkahlschlag
Rainer
Balcerowiak
Die Bereitschaft, der Sozialkahlschlagspolitik der Bundesregierung aktiven
Widerstand entgegenzusetzen, waechst offenbar auch in den etablierten,
traditionellen Sozialverbaenden. Mit sichtbarer Empoerung verurteilten Vertreter
der Nationalen Armutskonferenz (NAK), einem Zusammenschluss aller grossen
Wohlfahrtsverbaende wie Caritas, Arbeiterwohlfahrt, Diakonisches Werk und
Deutsches Rotes Kreuz, und verschiedener Verbaende sowie freier Traeger am
Donnerstag in Berlin die geplanten Neuregelungen bei der Sozialhilfe, die im
April im Bundestag verabschiedet werden und im kommenden Jahr in Kraft treten
sollen.
Die "Gewaehrung der Menschenwuerde ist inzwischen in Deutschland offenbar
konjunkturabhaengig", bewertete der scheidende NAK-Sprecher Paul Saatkamp
die geplante Gesetzesnovelle und darueber hinaus die pauschale Absenkung der
Arbeitslosenhilfe. Durch die Neuberechnung der Regelsaetze und die
Pauschalierung von Sonderausgaben wie Kleidung wuerden dann insgesamt fuenf
Millionen Menschen, darunter 1,4 Millionen Kinder und Jugendliche, in ein
"Armutsghetto" abgeschoben werden. Es sei bezeichnend, dass besonders
Paare mit Kindern und Alleinerziehende durch die Neuregelungen ueberproportional
belastet wuerden. Ferner seien die betraechtlichen Mehraufwendungen, die durch
Praxisgebuehren und andere Zuzahlungen im Gesundheitswesen auf Beduerftige
zukaemen, in keiner Weise bei der pauschalierten Regelsatzberechnung
beruecksichtigt worden. Da die Anpassung der Regelsaetze zudem nicht an die
Steigerung der Lebenshaltungskosten, sondern an die Rentenerhoehungen gekoppelt
sind, wuerden sich die Existenzbedingungen fuer die
sen Personenkreis kontinuierlich weiter verschlechtern, so Saatkamp. Dabei sei
allgemein bekannt, dass das Niveau der Sozialhilfe kaufkraftbereinigt bereits
jetzt zehn Prozent unter dem von 1992 und 16 Prozent unter dem sogenannten
soziokulturellen Mindestbedarf liegt. Er bezifferte das Gesamtvolumen der
geplanten Leistungskuerzungen fuer Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfaenger im
kommenden Jahr auf bis zu sieben Milliarden Euro.
Saatkamps Nachfolger im NAK-Sprecheramt, Hans-Juergen Marcus, wies besonders auf
den Zusammenhang zwischen der Absenkung von Sozialleistungen und des allgemeinen
Lohnniveaus hin. Durch die Vorgaben der "Agenda 2010" und der "Hartz-Gesetze"
solle die existenzsichernde Funktion der Unterstuetzung fuer Erwerbslose bewusst
ausgehebelt werden. Erklaertes Ziel sei es, dass Arbeitslose "jede Arbeit
zu jedem Preis" annehmen – mit entsprechenden Folgen fuer das allgemeine
Lohnniveau. Auch Studien von Sozialwissenschaftlern und vom DGB schlagen Alarm:
Demnach gehoeren bereits zehn Prozent aller Erwerbstaetigen zur Gruppe der
"Einkommensarmen", die trotz Erwerbstaetigkeit Anspruch auf
ergaenzende Sozialleistungen haetten. Durch die "faktische
Wiedereinfuehrung der Tageloehnerei" werde fuer viele Menschen die Zukunft
von einem "Drehtuereffekt" zwischen Sozialleistungen unterhalb des
Existenzminimums und zeitweiligen Billigjobs gepraegt sein, prophezeite
Saatkamp.
Als besonders skandaloes bezeichnete es der scheidende NAK-Sprecher, der sich
nach eigenem Bekunden seit Jahrzehnten "als Sozialdemokrat den Grundwerten
Freiheit, Gerechtigkeit und Solidaritaet verpflichtet fuehlt", dass
"ausgerechnet eine SPD-Regierung fuer eine wachsende Kluft zwischen Arm und
Reich verantwortlich ist". Generell sehe er bei den Politkern, egal welcher
Partei, keine Bereitschaft mehr, sich mit dem Problem der wachsenden Armut
ueberhaupt auseinanderzusetzen. Nur eine "schlagkraeftige neue APO",
also eine ausserparlamentarische Opposition nach dem Vorbild der 68er
Studentenbewegung in der BRD, boete die Chance, die soziale Frage wieder in den
Mittelpunkt der politischen Diskussion in Deutschland zu befoerdern. Die
geplanten Grossdemonstrationen in Berlin, Koeln und Stuttgart im Rahmen der
Europaeischen Aktionstage fuer Arbeit und soziale Gerechtigkeit am 2. und 3.
April seien dabei ein wichtiger Schritt.
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