Von Jana Preuß (Berlin)
Die in der Agenda 2010 geplanten Sozialreformen könnten vor allem den
Kindern und Jugendlichen Deutschlands schaden. Nach Meinung des Deutschen
Kinderschutzbundes und des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes führt die
geplante Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu einer Verschärfung
der Kinderarmut. Jedes zehnte Kind in Deutschland werde künftig arm sein. Am
schlimmsten werde es die Großstädte treffen: Dort werde jedes dritte Kind von
Sozialhilfe leben.
"Massivster politischer Kahlschlag"
Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, warnt davor, mit
kurzsichtigen Arbeitsmarktreformen die Situation von Familien und Kindern, die
in Armut leben, noch zusätzlich zu verschlechtern. Barbara Stolterfoht,
Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, bezeichnet die Agenda 2010
sogar als "massivsten sozialpolitischen Kahlschlag seit Bestehen der
Bundesrepublik".
Jeder dritte Sozialhilfeempfänger ist ein Kind
Schon jetzt ist in Deutschland jeder dritte Sozialhilfeempfänger ein Kind. Nach
Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes nimmt durch die
Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum sogenannten
Arbeitslosengeld II die Zahl der Kinder und Jugendlichen von derzeit rund einer
Million auf 1,5 Millionen zu, die auf Sozialhilfeniveau leben müssen. Darüber
ließe sich ja noch reden, sagt Barbara Stolterfoht, wenn das Sozialhilfeniveau
eine minimale Teilhabe an der Gesellschaft sicherstellen würde. Fakt sei
jedoch, dass die Sozialhilfe nicht mehr mit den steigenden Lebenshaltungskosten
Schritt halten könne. "Wer Sozialhilfe bezieht, ist arm", so
Stolterfoht.
Armut vererbt sich in nächste Generation
Die Lebenssituation und vor allem die Zukunftschancen der Kinder, die auf
Sozialhilfeniveau leben müssen, werden sich nach Ansicht von Heinz Hilgers
drastisch verschlechtern. Die Folgen der Kinderarmut seien nicht nur eine
schlechtere Ernährung und massivere Ängste und Sorgen. Hilgers befürchtet vor
allem ein schlechteres Bildungsniveau. Da Bildung und fachliche Qualifikation
jedoch eine Grundvoraussetzung für die Teilhabe am Wohlstand sei, bestehe die
Gefahr, dass sich die Armut in die nächste Generation "vererbt".
Wege aus der Misere
Nach Ansicht der beiden Vorsitzenden verschlimmern die geplanten Reformen die
Armut, statt sie zu bekämpfen. Um dies zu verhindern, fordern beide Verbände
eine Verdopplung des Kindergeldes auf 300 Euro. Da vor allem Arbeitslosigkeit zu
den Gründen gehört, in die Sozialhilfe abzurutschen, sollen Betreuungsangebote
ausgebaut und Ganztagsschulen eingerichtet werden. So könnte auch
Alleinerziehenden die Möglichkeit zu gegeben werden, einem Job nachzugehen. Um
die Verschlechterungen durch die Sozialreformen zu kompensieren, will die
Bundesregierung Geringverdiener mit einem Kinderzuschlag von monatlich bis zu
140 Euro unterstützen. Hilgers und Stolterfoht begrüßen diese Zuschläge, fügen
aber einschränkend hinzu, dass sie noch viel gering seien.