![]()
35/2004
»Ein
absurdes Verständnis von Wirtschaft«
Wie
schafft Deutschland den Aufschwung? Nur mit einer undogmatischen
Wirtschaftspolitik, sagt Jim O’Neill, Chefvolkswirt der US-Investmentbank
Goldman Sachs. Ein ZEIT-Gespräch über Steuerschecks, Staatsschulden und das
Weltbild deutscher Ökonomen
DIE ZEIT:
Mister O’Neill, der Ölpreis steigt und steigt, überall sinken die
Aktienkurse. Steht die Welt mit einem Bein in der nächsten Rezession?
Jim
O’Neill: So weit ist es noch
lange nicht. Allerdings sind wir an einem Wendepunkt. In den Vereinigten Staaten
schwächt sich das Wachstum schon wieder ab, ich rechne dort demnächst nur noch
mit drei Prozent. Das wird viele Investoren enttäuschen und den Rückzug aus
dem Dollarraum antreten lassen. Der Dollar gerät dann unter Druck.
ZEIT: Welche
Folgen hat das für Europa?
O’Neill:
Keine guten. Ich gehe davon aus,
dass der Euro weiter aufwertet. Noch vor Ende des Jahres wird der Kurs des Euro
bei 1,32 Dollar stehen.
ZEIT:
Was macht Sie so pessimistisch?
O’Neill:
Das amerikanische
Leistungsbilanzdefizit. Allein die asiatischen Zentralbanken finanzieren dieses
Defizit, indem sie sich mit Dollarkäufen gegen eine Aufwertung ihrer eigenen Währung
stemmen. Zudem gehen die ausländischen Direktinvestitionen in den USA massiv
zurück. Insgesamt hat Amerika eine Finanzierungslücke von gut sechs Prozent
des Bruttoinlandsprodukts. Das ist langfristig nicht durchzuhalten. Irgendwann hören
die asiatischen Zentralbanken auf, Dollar zu kaufen. Und dann kennt der Dollar
nur eine Richtung – nach unten.
ZEIT:
Und Deutschland?
O’Neill:
Wird dann große Probleme bei den
Exporten bekommen. Deshalb müssen sich die Deutschen so rasch wie möglich von
ihrer Exportabhängigkeit befreien und die Binnennachfrage stärken.
ZEIT:
Die meisten deutschen Ökonomen sehen den Handlungsbedarf nicht auf der
Nachfrageseite der Volkswirtschaft, sondern auf der Angebotsseite – und
fordern deshalb noch weitergehende Strukturreformen, etwa am Arbeitsmarkt.
O’Neill:
Natürlich sind Strukturreformen
wie die Agenda 2010 enorm wichtig. Aber ich halte auch längere Arbeitszeiten für
eine gute Sache. Einer der Hauptgründe, warum die US-Wirtschaft in den
vergangenen zehn Jahren so gut abgeschnitten hat, ist die längere
Jahresarbeitszeit. Oder nehmen Sie die Ladenöffnungszeiten. Warum werden die in
Deutschland nicht freigegeben? Ich war gerade auf Korsika im Urlaub. Das ist
verrückt mit diesen Ladenöffnungszeiten in Kontinentaleuropa! Europa kann sein
Wachstumspotenzial nur steigern, wenn alte Verkrustungen aufgebrochen werden.
Kurzfristig allerdings helfen längere Arbeitszeiten bei einer Konsumschwäche
wie in Deutschland nicht weiter. Neue Jobs entstehen dadurch erst einmal nicht.
Deshalb müssen die Reformen flankiert werden, um den Konsum anzukurbeln. Und
zwar am besten mit einer fantasievollen Fiskalpolitik.
ZEIT:
Das heißt konkret?
O’Neill:
Weil die Reichen von ihrem Einkommen relativ weniger für Konsum ausgeben als
die Armen, muss die Fiskalpolitik bei den unteren Einkommensgruppen ansetzen.
Dieser Aspekt wird von vielen deutschen Ökonomen und Politikern vernachlässigt.
ZEIT: Warum?
O’Neill:
Ich war vor ein paar Wochen in
Berlin. Da ging es um ein effizienteres Steuersystem, das das Wachstum fördert.
Erst dachte ich, ich habe die Vorschläge nicht richtig verstanden. Doch bald
wurde mir das absurde Verständnis von Makroökonomie klar. Wir haben tatsächlich
ernsthaft diskutiert, ob man nicht die Unternehmensteuern senken und im
Gegensatz die Umsatzsteuer anheben sollte. Da haben die Unternehmerverbände
gute Lobby-Arbeit geleistet. Aber dass es überhaupt diskutiert wird, ist
wirtschaftspolitisch nicht zu Ende gedacht. Dann können sich die deutschen
Konsumenten noch weniger kaufen. Eine höhere Umsatzsteuer würde der
Volkswirtschaft endgültig den Garaus machen. In Deutschland sind die
Einzelhandelsumsätze im zweiten Quartal dieses Jahres inflationsbereinigt so
gering gewesen wie seit zehn Jahren nicht mehr.
ZEIT:
Wenn Finanzminister Eichel die Staatskasse öffnet, bekommt er doch gleich
doppelt Probleme: mit der Opposition in Berlin, die ihn als Schuldenmacher
brandmarkt. Und mit Brüssel, weil er dann gegen den Stabilitätspakt verstößt.
O’Neill:
In dieser Kritik steckt ein entscheidender Denkfehler. Man kann nicht
gleichzeitig die Staatshaushalte konsolidieren und dem Volk schmerzhafte
Strukturreformen zumuten, selbst wenn diese sinnvoll sind.
ZEIT: Was
schlagen Sie vor?
O’Neill:
Die Bundesregierung sollte an
alle Haushalte Schecks verteilen, die sofort eingelöst werden können. In
Amerika hat die Fiskalpolitik so das Wachstum unterstützt, als es notwendig
war. Der Effekt auf den Konsum und damit auf das Wachstum ist deutlich größer,
als wenn man zum Beispiel die Unternehmensteuern senkt. Dafür müssten die
deutschen Ökonomen nur ein bisschen mehr Einfallsreichtum entwickeln.
ZEIT:
Machen Sie es sich da nicht ein wenig zu einfach? Was ist, wenn die Bürger das
frische Geld nicht ausgeben, sondern sparen? Immerhin ist Deutschland bekannt für
seine hohe Sparquote. Der Wachstumseffekt würde verpuffen.
O’Neill:
Sie sprechen vom so genannten
Angstsparen, ich kenne diese Argumentation. Das ist doch wieder nur eine dieser
deutschen Ausreden, um sich nicht der schleppenden Binnennachfrage widmen zu müssen.
Die Daten zeigen, dass die Sparquote in den vergangenen Jahren nicht signifikant
gestiegen ist. Es gibt kein Angstsparen. Es gibt nur eine dramatische Schwäche
bei der Einkommensentwicklung.
ZEIT: In
der Vergangenheit wurde Deutschlands Wirtschaft nach einer Rezession immer
zuerst durch die Exporte stimuliert, dann kamen die Unternehmensinvestitionen,
und am Ende sprang der Konsum an. Wieso sich nicht wieder auf dieses Muster
verlassen, anstatt Schecks zu verteilen, die die Staatsschulden erhöhen?
O’Neill:
Wie lange wollen Sie noch warten? Deutschland ist Exportweltmeister, das lässt
sich nicht mehr steigern. Wohin wollen Sie die ganzen Waren denn liefern? In die
Antarktis? Ein Land kann auf Dauer nicht nur für den Export produzieren, das
ist unklug, weil man die ausländische Nachfrage nach Gütern nicht
kontrollieren kann. Außerdem: Deutschlands Unternehmen sind extrem wettbewerbsfähig,
das beweisen gerade die hohen Exportzahlen, und trotzdem investieren sie wenig
und schaffen kaum neue Jobs. Warum? Weil ihnen der heimische Markt weggebrochen
ist. Also muss man ihn ankurbeln – ganz direkt.
ZEIT: Moment
mal. Sie sind doch Brite, sie arbeiten bei einer amerikanischen Investmentbank
– und sie argumentieren gerade wie ein Ökonom, den man in Deutschland als »Keynesianer«
deklassieren würde. Wie passt das zusammen?
O’Neill:
Ich bin weder strikter Anhänger
der Nachfragetheorie noch der Angebotstheorie. Ich bin Pragmatiker.
ZEIT:
Wer in Deutschland für mehr Nachfrageorientierung in der Wirtschaftspolitik plädiert,
bekommt zur Antwort: Keynes ist tot.
O’Neill:
Adam Smith ist auch tot. Und wenn die deutschen Ökonomen weiterhin so
kategorisch denken, wird auch die deutsche Wirtschaft demnächst tot sein.
ZEIT: Was
ist der wichtigste Unterschied zwischen deutschen und internationalen Ökonomen?
O’Neill:
Viele deutsche Volkswirte
erscheinen dogmengläubig und nehmen manchmal Regeln allzu wörtlich. Angelsächsisch
geprägte Ökonomen und Wirtschaftspolitiker dagegen sind oft pragmatischer im
Denken, was in unsicheren Zeiten ein Vorteil sein kann. Die Diskussion in
Deutschland wird oft in den Kategorien Gut und Böse geführt.
ZEIT: Zum
Beispiel?
O’Neill:
Inflation ist immer schlecht,
genauso wie mehr Staatsaktivität oder Staatsschulden. Deshalb erscheinen Regeln
so verlockend. Wenn es dann mal eine Regel gibt, muss sie eingehalten werden,
weil sonst das vermeintliche Chaos droht. Doch in der Volkswirtschaft, die ja
keine exakte Wissenschaft ist, sondern eine Sozialwissenschaft, ist nie
irgendetwas glasklar. Die in Deutschland geführte Diskussion spiegelt eine
Eindeutigkeit vor, die es so nicht geben kann. Das eine Problem lässt sich eher
mit Strukturreformen lösen, das andere eher mittels höherer Staatsausgaben.
Ich amüsiere mich immer wieder über diese dogmatische Denke. Kurz vor der
letzten Bundestagswahl saß ich mit zehn deutschen Journalisten beim Dinner und
habe nicht verstehen können, dass alle mit Finanzminister Eichel einer Meinung
waren, dass wegen der Oderflut und ihren Kosten die nächste Stufe der
Steuerreform ausgesetzt werden müsse. Einzige Begründung: die Dreiprozentregel
des Stabilitätspaktes. Ich dachte damals, dass eine solche Makropolitik äußerst
unpopulär sein müsste.
ZEIT:
Offensichtlich hält auch die Mehrheit der Deutschen höhere Staatsschulden für
Teufelszeug.
O’Neill:
Ich bin ja gewiss nicht grundsätzlich
gegen eine Haushaltskonsolidierung. Aber man muss doch das gesamtwirtschaftliche
Umfeld betrachten. Was würde denn geschehen, wenn die USA ihr Staatsdefizit von
heute auf morgen zurückfahren würden? Die Welt würde in die Rezession stürzen.
Das Wachstum in Euroland war bisher stark auf die amerikanische Nachfrage
angewiesen, und besonders Deutschland ist konjunkturell noch immer von ausländischer
Nachfrage abhängig.
ZEIT: Sie
halten nichts vom Stabilitätspakt?
O’Neill:
Die strikte Defizitgrenze von drei Prozent des BIP ist lächerlich. Für den
zweitwichtigsten Wirtschaftsblock der Welt ist es verrückt, sich selbst solche
Fesseln anzulegen. Euroland muss flexibel auf unvorhersehbare Ereignisse
reagieren können.
ZEIT:
Aber Sie haben doch gerade gesagt, dass Sie nicht grundsätzlich gegen die
Reduzierung der Haushaltsdefizite sind.
O’Neill:
Sicher braucht man in einer Währungsunion
ein Konzept, um die Staatsschulden einzelner Länder im Zaum zu halten. Aber so
was kann man nicht an numerischen Zielen festmachen. Wenn man überhaupt das
Budgetdefizit und nicht die Staatsschuld heranzieht, dann bitte über mehrere
Jahre, über einen Konjunkturzyklus hindurch. Aber in Euroland wird das jährliche
Budgetdefizit als Messlatte verwendet. Das muss zu einer trendverstärkenden und
damit schädlichen Fiskalpolitik führen.
ZEIT: Die
meisten deutschen Volkswirte sagen, dass bei einem dauerhaften Bruch der
Dreiprozentregel die Glaubwürdigkeit der Währungsunion auf dem Spiel stehe und
der Euro weich würde.
O’Neill:
Eine Euroschwäche wird sicher
nicht das Problem sein. Wenn überhaupt wird es ein Problem, den Anstieg des
Euro auf unter 1,50 Dollar zu begrenzen. Einen schwachen Euro erkenne ich auf
absehbare Zeit nicht, Stabilitätspakt hin oder her.
ZEIT: Und
die Glaubwürdigkeit?
O’Neill:
Gegenüber wem? Irgendwelchen mythischen Gralshütern der vermeintlich reinen
Lehre? Ich verstehe das nicht. Ich lese ja ab und an diese Kommentare meiner
deutschen Kollegen. Doch wo ist der empirische Beweis, dass eine expansive
Fiskalpolitik bei frei schwankenden Währungen schlecht ist? Es gibt ihn nicht.
Schlecht wäre ein Stimulus, der den Schuldenstand einzelner Länder auf
unhaltbare Niveaus treibt. Davon ist Euroland weit entfernt.
ZEIT: Schadet
die deutsche Wachstumsschwäche dem Wirtschaftsraum Europa?
O’Neill:
Wenn wir auf die Welt seit dem 11. September 2001 schauen, dann geht das
schlechtere Abschneiden Eurolands im Vergleich zu Amerika vor allem auf die
restriktivere Fiskalpolitik der Europäer zurück. Und da spielt Deutschland
schon qua seiner ökonomischen Größe eine besondere Rolle. Wenn man sich die
hohen sozialen und ökonomischen Kosten der Wiedervereinigung vor Augen führt
und die Tatsache, dass der Westen jedes Jahr vier Prozent des
Bruttosozialproduktes nach Osten transferiert, dann muss man das beim Stabilitätspakt
berücksichtigen.
Das Gespräch führten
Marc Brost und Robert von Heusinger
![]()