Verzweifelte
Suche nach Bündnispartnern
Kongress der IG Metall zeigte: Kultur des sozialen Widerstands muss erst
entwickelt werden
Von
Günter Frech
Noch immer hoffen Gewerkschafter darauf, die SPD möge sich besinnen, andere halten
das alte Bündnis für zerbrochen. Die Frage, mit wem der Sozialstaat gerettet
werden solle, bleibt bisher offen.
»Wir können zur Verteidigung des Sozialstaates nicht die Kraft entwickeln, so
wie wir das bei Tarifauseinandersetzungen gewohnt sind – Streiks sind nicht
möglich.« Berthold Huber, Vizechef der IG Metall, brachte das Dilemma, in dem
sich die Gewerkschaften bei den derzeitigen gesellschaftspolitischen
Auseinandersetzungen befinden, auf den Punkt: Allein wird man weiteren
Sozialabbau nicht verhindern können. So warb dann auch der IG Metall-Chef
Jürgen Peters für »eine gesellschaftliche Reformkoalition der Gerechtigkeit und
der Vernunft«. Auf ihrem Sozialstaatskongress debattierten vergangenen Woche
600 Metaller mit Experten aus Politik und Wissenschaft über Reformalternativen
und wie die neoliberale Hegemonie durchbrochen werden kann.
Einig war man sich, dass Mitstreiter gebraucht werden. Nur welche? Ein Teil der
Gewerkschaften hofft immer noch, dass sich die Sozialdemokratie auf ihre
Wurzeln besinnt, andere sind der Meinung, dass das »historische Bündnis«
zwischen Gewerkschaften und SPD endgültig zerbrochen ist. Während die IG Metall
noch auf der Suche nach neuen Bündnispartnern ist, sieht DGB-Chef Michael
Sommer die Gewerkschaften bereits »am Anfang eines Neuaufbaus« einer solchen
solidarischen Koalition und warnt davor, potenzielle Partner zu verprellen –
sei das der CDU-Arbeitnehmerflügel oder Rot-Grün. Doch wie soll man mit der
Regierungskoalition ins Geschäft kommen, deren Sozialministerin Ulla Schmidt
der Meinung ist, der Eindruck der IG Metall, die Bundesregierung verordne dem
Sozialstaat eine Hungerkur, sei falsch? »Wir brauchen nicht weniger, sondern
mehr Solidarität«, beteuerte Schmidt und redete beinahe den Saal leer.
Bigott war auch der Auftritt des niedersächsischen Oppositionsführers Siegmar
Gabriel (SPD). »Wie machen wir den Sozialstaat wieder zum mobilisierungsfähigen
Projekt«, fragte er. In einer Gesellschaft, in der der soziale Zusammenhalt
keine Rolle mehr spielt, sei weder für die SPD noch für die Gewerkschaften
Platz. »Weder ihr noch wir bekommen doch derzeit in ökonomischen Fragen eine
eigenständige Mehrheit zusammen«, sagte Gabriel zu denjenigen, die die SPD als
Bündnispartner bereits abgeschrieben haben. Dann bemängelte er, dass »den
ideologischen Kritikern des Sozialstaates keine eigene ideologische
Verteidigung entgegengesetzt« werde. Seine Partei habe sich zu sehr auf den
Begriff »Eigenverantwortung« eingelassen, und nun hätten die Menschen das
Gefühl, sie seien »allein zuständig«. »Aus der Opposition heraus könnt ihr
immer gut brüllen«, entgegnete ihm ein Metaller.
Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, sprach
sich für eine Koalition zwischen Kirche und Gewerkschaften aus. In seiner
Grundsubstanz müsse der Sozialstaat erhalten bleiben, so der Bischof, der
»eigentliche Reformbedarf liegt in der Einbeziehung aller Menschen mit allen
Einkommen« zur Finanzierung der sozialen Systeme. Für die warmen Worte erntete
der Kirchenmann viel Zustimmung. Anderorts befürwortet Huber die Agenda 2010
und gehört zu den Fürsprechern der Hartz-»Reformen«. Zwar fehlt es den beiden
großen Kirchen nicht an verbalen Bekenntnissen zum Sozialstaat, doch konkrete
Taten blieben bisher aus.
Der Kongress machte deutlich, dass Politik und Wirtschaft derzeit agieren
können, wie sie wollen. Es fehlt an Druck von unten, und es gibt keine soziale
Bewegung wie das beispielsweise im Umweltbereich oder in der Friedensfrage der
Fall ist. Die Zusammenarbeit mit dem globalisierungskritischen Netzwerk attac
wird befürwortet, doch Vertreter waren nicht eingeladen. Blieben noch die
Sozialverbände. »Derzeit wird ausgetestet, wie viel soziale Ungleichheit unser
Land verträgt«, so die Präsidentin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Barbara
Stolterfoth. Der Wert des sozialen Friedens werde nicht mehr geschätzt, zudem
würden nicht nur die sozialen Sicherungssysteme geschliffen, sondern die
gesamte soziale Infrastruktur zerstört.
(ND 11.04.05)