Der Unionskompromiss zur Steuerreform stößt auf breite Kritik:
Die Regierung hält die Pläne für nicht finanzierbar, Wirtschaft
und FDP gehen sie nicht weit genug. Auch die Vorschläge zum
Arbeitsmarkt lösen wenig Begeisterung aus.
"Sozial ungerecht"
"Es ist unbezahlbar", sagte Finanzminister Hans
Eichel zum Steuerkonzept. Allein im ersten Jahr entstünden
Einnahmeausfälle von 20 Milliarden Euro. Zusammen mit den von der
Union geplanten Maßnahmen zum Kindergeld, im Gesundheits- und
Pflegebereich und zur Kindererziehung fehlten 70 Milliarden Euro,
rechnete der Sozialdemokrat vor. Außerdem entlaste der
Reformvorschlag Spitzenverdiener stärker als Geringverdiener.
"Es bleibt sozial ungerecht."
Eichel: Bettvorleger Merz
"Das ist das traurige Ende einer langen Geschichte",
kommentierte Eichel den Konsens von CDU und CSU.
Unionsfraktionsvize Friedrich Merz sei als Tiger gesprungen und
als Bettvorleger gelandet. Mit seinen mehr als 30
Ausnahmevorschriften aber bleibe das Konzept der Union
kompliziert, sagte Eichel. Finanzpolitiker Merz hatte ursprünglich
weitaus umfassendere Reformen vorgeschlagen.
"Viel Blendwerk"
Auch Wirtschaft und Industrie lassen kaum ein gutes Haar an dem
Konzept. Es enthalte "viel Blendwerk und wenig
Konkretes",
kritisierte der Steuerexperte der Industrie- und Handelskammern
(DIHK), Alfons Kühn. Die Union habe sich von dem Vorhaben einer
umfassenden Steuerreform für absehbare Zeit verabschiedet. Der
Subventionsabbau werde nur halbherzig vorangetrieben, mahnte die
Industrielobby BDI. Deren Präsident Michael Rogowski sagte:
"Das, was heute Nacht herauskam, das ist nun wirklich nicht
weltbewegend und das wird den Arbeitslosen nicht helfen."
FDP: Konsens wird schwer
Die geplanten Gespräche zwischen Union und Liberalen über eine
Steuerreform würden nun sicher schwierig werden, urteilte
FDP-Chef Guido Westerwelle. Sein Vize Rainer Brüderle nannte das
gesamte Wachstumsprogramm der Union mutlos und zaghaft. Die Union
sei vor notwendigen Reformen auf dem Arbeitsmarkt zurückgeschreckt.
Stufenmodell vertagt
Die Unionsspitze hatte in der Nacht zum Montag ein
Kompromisskonzept verabschiedet. Demnach soll der
Eingangssteuersatz auf zwölf Prozent sinken, der
Spitzensteuersatz fällt auf 36 Prozent bei zunächst linear
ansteigendem Tarifverlauf. Das von Merz vorgeschlagene
Drei-Stufen-Modell soll dann später kommen. Zudem sieht der
Kompromiss vor, dass Steuervergünstigungen weniger stark abgebaut
werden als von Merz angestrebt.
Protest der Arbeitnehmer
Ebenfalls geeinigt hatten sich die Unionsparteien auf eine
weitere Lockerung des Kündigungsschutzes. Nach heftiger Kritik
des Arbeitsnehmerflügels und etlicher CDU-Ministerpräsidenten
sahen die Parteispitzen von weiteren Radikal-Reformen im
Arbeitsrecht allerdings ab. Nicht durchgesetzt wurde der
Vorschlag, den Kündigungsschutz in den ersten vier Jahren nach
Neueinstellung komplett zu streichen. Auch die Forderung, die
Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen aufzuheben, wurde aus
dem Entwurf getilgt.
Union: Kündigungsschutz lockern
Die eingedampfte Variante sieht nun vor, den Kündigungsschutz bei
der Neueinstellung von über 50-jährigen Arbeitnehmern zu
streichen. Befristete Arbeitsverträge sollen auch für die Dauer
von vier Jahren abgeschlossen werden können. Außerdem soll
erlaubt werden, Langzeitarbeitslose im ersten Jahr ihrer Beschäftigung
unter Tarif zu bezahlen. Die Union will mit den Vorschlägen
Anreize für die Anstellung älterer Arbeitsloser schaffen.
"Angriff auf Arbeitnehmerrechte" Null
Kündigungsschutz für Neue
Grüne: Union verlässt die Mitte
Aber auch die entschärfte Variante stößt bei Gewerkschaftern
auf Kritik: DGB-Chef Michael Sommer sagte, eine Deregulierung von
Arbeits- und Tarifrecht schaffe keine Arbeitsplätze. "Wer
daran geht, der will in Wahrheit etwas anderes. Der will eine
andere Republik." Verdi-Chef Frank Bsirske sprach von einer
offenen Bedrohung für Arbeitnehmer.
Regelung sinnlos
Hinzu kommt: Für Ältere gilt schon jetzt ein gelockerter Kündigungsschutz:
"Eine vergleichbare Regelung gibt es bereits seit Anfang 2003
- deshalb ist der Vorschlag wenig sinnvoll", urteilt Herbert
Buscher, Experte vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle, im
"Tagesspiegel". Seit Anfang vergangenen Jahres ist es möglich,
Arbeitnehmer ab 52 Jahren unbegrenzt befristet zu beschäftigen.
"Damit ist der Kündigungsschutz für diese Gruppe de facto
aufgehoben", so Buscher.
"Kein großer Wurf"
Manchen Arbeitsmarktexperten gehen die Maßnahmen indes nicht weit
genug. "Die richtigen Stellschrauben werden teils zögerlich
in die richtige Richtung bewegt", sagte Volker Hofmann vom
Bundesverband deutscher Banken. Weitere Einschränkungen beim Kündigungsschutz
wären mutiger gewesen. "Der absolute Durchbruch ist das
nicht". Auch Viktor Steiner vom Deutschen Institut für
Wirtschaftsforschung monierte: "Das ist kein großer
Wurf."