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Landleben lohnt sich
Norderfriedrichkoogs Bürgermeister Hinrich Thiesen hat gut
lachen. Erst in diesem Sommer hat der Bundesfinanzminister
wieder einmal per Gesetz versucht, ihm das Handwerk zu legen.
Doch wieder hat der pfiffige Nordfriese es geschafft, seine
Steueroase am Leben zu erhalten. Unternehmen zahlen hier immer
noch keinen Cent Gewerbesteuer.
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O-Ton: Hinrich Thiesen, Bürgermeister
"Sieben - also da hab ich vermietet und da hab ich auch
vermietet und dann noch bei mir im Haus, aber was die - wie
viele Firmen die gebildet haben - das entzieht sich meiner
Kenntnis, das weiß ich nicht."
13 Höfe, 47 Einwohner. Und: 500 Unternehmen. In Ställen und Häusern
werden Milliardenumsätze gemacht.
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O-Ton: Hans Kremer
"Seit ihr alles zu Fuß gegangen? Durch den ganzen
Koog?"
Auch Nachbar Hans Kremer vermietet. Hinter unscheinbaren Namen
verbergen sich Töchter von Grosskonzernen. E-on,
Daimler-Chrysler oder Lufthansa etwa.
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O-Ton: Hans Kremer
"Ich kann Ihnen ja mal mein Büro zeigen."
Die Flucht aufs platte Land hat nur einen Grund: Wie gesagt
Norderfriedrichskoog erlässt den Konzernen die Gewerbesteuer.
Und so werden auf den 13 Höfen mehr Gewinne eingefahren, als in
so mancher Großstadt.
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O-Ton: Hans Kremer
"Wir kriegen ja diese Berechnungen vom Finanzamt. Die müssen
immer veröffentlicht werden. Daraufhin haben wir eine Rückrechnung
gemacht, dass also ein Gewinn gemacht werden musste von fünf
Milliarden."
Frage: "Wie viel Gewerbesteuer wäre das gewesen?"
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O-Ton: Hans Kremer
"Das wären 235 Millionen gewesen."
235 Millionen Euro Steuergelder, die heute Städten wie
Stuttgart oder Frankfurt für Schulen und Kindergärten fehlen,
weil es das Steuerparadies in Schleswig-Holstein gibt. Bürgermeister
Hinrich Thiesen findet das nicht ehrenrührig.
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O-Ton: Hinrich Thiesen, Bürgermeister
"Das man mehr abgeben muss, als man einnimmt. Das kann doch
kein gerechtes Gesetz sein, nach meiner Einstellung."
Der Mann hat gut reden: Denn Norderfriedrichkoog hat weder
Kindergarten noch Schule. Einzig der Unterhalt der beiden
Dorfstrassen kostet Geld. Und das bringen Bewohner wie Karin Hönecke
direkt auf. Kein Problem: Schließlich hat die Steueroase die
Koogbewohner reich gemacht.
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O-Ton: Karin Hönecke
"Also das ist dann einfach für Besprechungen und so was.
Wenn mehrere Leute hier sitzen."
Milliardenschwere Konzernzentrale auf zehn Quadratmetern im Hühnerstall.
Die Miete ist teurer als in der Münchener Innenstadt. Dennoch
ist kaum einer der Mieter je hier.
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O-Ton: Karin Hönecke
"Weil die Geschäftsführer ja eigentlich nur hier sein müssen,
um Entscheidungen zu treffen und um ihre Sachen zu bearbeiten,
die ich nicht machen kann, wo ich eben keine Befugnis für habe
und manchmal sind sie dreimal in der Woche hier und manchmal müssen
sie drei Monate eben nicht kommen. Das ist wirklich sehr
unterschiedlich."
Für die Konzerne lohnt sich der Aufwand - der fehlenden
Gewerbesteuer wegen. Alles nur Steuertrickserei, die verboten
gehört, meint hingegen der Bundesfinanzminister. Seit erstem
Juli sagt deshalb ein neues Gesetz: Die Konzerntöchter hier müssen
künftig am Sitz ihrer Mütter Gewerbesteuer zahlen.
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O-Ton: Hinrich Thiesen, Bürgermeister
"Natürlich werden die Firmen probieren, das anders zu
strukturieren, dass sie hier bleiben können. Denk ich
mal."
Und das tun sie bereits. In dem sie etwa den Sitz der
Konzernmutter ebenfalls hierher verlegen. Noch mehr
Gewerbesteuer geht verloren. Das neue Gesetz ging nach hinten
los.
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O-Ton: Hans Kremer
"Na das wird ja ein Gerede hier im Dorf geben."
Die Zahl der Firmen hier stieg seit Juli um fast zwanzig
Prozent. Bürgermeister Hinrich Thiesen ist deshalb
optimistisch, dass sein gewerbesteuerfreies Schlupfloch auch künftig
offen bleibt.
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O-Ton: Hinrich Thiesen, Bürgermeister
"Der Bürgermeister ist ein Sturkopf aus Nordfriesland.
Damit kann ich leben."
Nur das seine Sturheit die Allgemeinheit jedes Jahr 235
Millionen Euro kostet.
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zuletzt aktualisiert: 22. September 2003 | 20:56
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