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| Ausland |
| Ralf Streck |
| Junge Welt 4.2.05 |
| Taktstock liegt in Brüssel |
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| Spanische Sozialpaktbemühungen zur Anpassung von Renten
und Mindestlöhnen an die Inflationsrate im Visier der Funktionäre der
Europäischen Union |
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Die spanische Regierung gerät zunehmend unter Druck aus Brüssel.
Aktuell sorgt dafür ein Ende letzter Woche veröffentlichter Bericht der
EU-Kommission mit dem schönen Titel »Bilanz über die Umsetzung der
wirtschaftlichen Leitlinien in den EU-Staaten von 2003 bis 2005«. Die Überschrift
verspricht einen Rückblick, aber das Dokument geht weit darüber hinaus.
Zunächst sagt es dem spanischen Haushalt langfristig Fianzierungsprobleme
voraus, obwohl sich das Haushaltsdefizit derzeit mit 0,8 Prozent weit
unter der Drei-Prozent-Grenze bewegt.
Die EU-Experten wachen mit Argusaugen über alles, was in den
Mitgliedstaaten geschieht. Dem Bemühen des spanischen Ministerpräsidenten
José Luis Rodriguez Zapatero, mit einem sogenannten Sozialpakt zwischen
Regierung, Unternehmern und Gewerkschaften den sozialen Frieden im Land
wiederherzustellen, wird dabei in Brüssel mit großer Skepsis begegnet.
Denn genau daraus, so der Vorwurf, erwüchsen die Probleme. Gemeint ist
damit u.a. die automatische Erhöhung staatlicher Leistungen wie der Rente
parallel zur Inflationsrate. Auch die im Sozialpakt prinzipiell erfolgte
Einigung, den Mindestlohn an die allgemeine Preissteigerung anzupassen,
ist der EU ein Dorn im Auge. Damit werde »der Arbeitsmarkt verzerrt«.
Erhöhungen sollten eher an die Produktivität gekoppelt werden.
Faktisch wird damit ein Absenken der ohnehin niedrigen Renten und Mindestlöhne
gefordert, weil die Produktivität in Spanien seit Jahren sinkt. Faktisch
verlangt Brüssel von Zapatero, zur Politik seines konservativen Vorgängers
zurückzukehren. Der hatte Mindestlöhne und Sozialleistungen gekürzt.
Der Mindestlohn wurde jeweils nur um die vorausgesagte Inflationsrate
angehoben, die real doppelt so hoch ausfiel. Um diesen Kaufkraftverlust
auszugleichen, hob die regierende PSOE nach ihrem Wahlsieg vor knapp einem
Jahr den Mindestlohn zweimal an. Die 513 Euro, für die 1,5 Millionen
Menschen in Spanien heute arbeiten, liegen dennoch weiter unter der
Armutsgrenze.
Die EU fordert auch eine Anpassung der Renten an die Beitragshöhe und
damit weitere Rentensenkungen. Die Erhöhung des Rentenreservefonds und
die Verminderung der Schulden seien zwar positiv, hätten aber nur eine »begrenzte
Wirkung«. In Spanien ergebe sich über die Einwanderung ein verzerrtes
Bild durch »Übergangseffekte«. Meist junge Einwanderer stützten das
Sozialsystem einer vergreisenden Gesellschaft.
Kritisiert wird Spanien aus Brüssel auch, weil die Regierung tatenlos der
hohen Arbeitslosigkeit der Jugend und Frauen sowie der immer größer
werdenden Zahl temporärer Arbeitsverhältnisse zusähe. Tatsächlich
werden nicht einmal zehn Prozent aller Verträge unbefristet geschlossen,
und nur ein Prozent der Frauen verfügt über einen unbefristeten
Arbeitsvertrag. Deren Arbeitslosenquote ist doppelt so hoch wie die der Männer.
Die von der EU vorgeschlagene »Reform zum Arbeitsplatzschutz« sieht
jedoch vor, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Namentlich sollen
die Barrieren für Entlassungen verringert werden. Das soll dann angeblich
zu mehr Dauerarbeitsplätzen führen. Doch die Verfechter vereinfachter Kündigungen
behaupteten einst auch, Zeitarbeit führe zu mehr Beschäftigung. Spanien
beweist seit Jahren mit der höchsten Arbeitslosigkeit unter den alten
EU-Ländern das Gegenteil. Nach Angaben von Eurostat waren es im Dezember
10,4 Prozent.
In dieser Situation fand am Mittwoch in Madrid ein Treffen des Sozialpakts
auf höchster Ebene statt. Zum Mindestlohn einigte man sich dahingehend,
die Regierung mit der Suche nach neuen »Formeln« zu beauftragen, um die
EU in der Frage der automatischen Inflationsanpassung zufriedenzustellen.
Darüber hinaus wurde vereinbart, bis zum Frühjahr 2005 eine allgemeine
Reform des Arbeitsmarktes zu verabschieden. Auch über die Renten will man
sich bis dahin einigen. Über Richtung und Inhalt wurde nichts bekannt.
Aber die Vorgaben aus Brüssel sind beredt genug. |
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