Freitag
23 09.06.2006
Robert Kurz
Schrecken
ohne Ende
HARTZ
IV - Die
"Fortentwicklung" des sozialen Terrors durch schwarz-rote
Zwangsarbeitspolitik
Hartnäckig
pflegen Medien, Kapitalverbände und politische Klasse die Fiktion, es gebe
"Fehlanreize durch überhöhte Leistungen" und
"Missbrauch", während die angebliche soziale Hängematte längst
zum Nagelbrett für die Betroffenen geworden ist. Je wütender
Arbeitsbereitschaft gefordert wird, desto weniger gibt es real Arbeit zu fördern.
Die Gegenreformen der staatlichen Arbeitsverwaltung werden vom
kapitalistischen Krisenprozess immer schneller eingeholt und überholt. Aber
diese auf der Hand liegende Wahrheit muss vom expertokratischen Sachverstand
verleugnet und verdrängt werden, weil sie auf die Obsoletheit der geheiligten
gesellschaftlichen Systemgrundlagen verweist.
Tatsächlich ist auch in der leichten konjunkturellen Belebung der vergangenen
Monate die Zahl der Langzeitar-beitslosen weiter gestiegen, denn der
Exportboom bleibt vom Binnenmarkt abgekoppelt. Gleichzeitig setzt sich der
Trend zum Abbau der regulären sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze
fort. Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger nimmt auch deshalb zu, weil immer mehr
Firmen bei Neueinstellungen derart niedrige Löhne zahlen, dass diese durch
Arbeitslosengeld II ergänzt werden müssen. Der Kombi-Lohn im expandierenden
Sektor der "beschäftigten Armut" ist längst Wirklichkeit. Selbst
der nette Vorschlag aus CDU-Kreisen, im kommunalen Dienst zu
"Null-Euro-Jobs" überzugehen, könnte keine statistische Entlastung
bringen. Es gibt nicht einmal genug Zwangsarbeitsplätze. Wo sie eingerichtet
werden, ersetzen sie reguläre Stellen und erhöhen so die Arbeitslosenzahl.
Die Antwort ist immer gleich einfallslos: neue Kürzungen und Verschärfungen.
Der soeben vom Arbeits- und Sozialausschuss des Bundestags verabschiedete
Entwurf für ein "Fortentwicklungsgesetz" zu Hartz IV, das im August
in Kraft treten soll, sieht sogar die Möglichkeit vor, bei "mangelnder
Arbeitsbereitschaft" sämtliche Grundleistungen einschließlich Miete zu
streichen. Daran sind vor allem die Kommunen interessiert, die den Hauptteil
der Wohnkosten von derzeit zwölf Milliarden Euro für Hartz-IV-Bezieher
tragen. Dieselbe Sanktion im Sinne einer geplanten Obdachlosigkeit soll bei
"unangemeldeter Abwesenheit vom Wohnort" zwingend gelten. Außerdem
will der Bund für die Empfänger von Arbeitslosengeld II nur noch 40 statt
bisher 78 Euro an die Rentenversicherung überweisen; ein weiterer Schritt in
Richtung künftiger Altersarmut. Und die Kosten für Strom werden nicht mehr
als Teil der Unterkunftskosten gezahlt, sondern sollen aus dem Regelsatz von
345 Euro beglichen werden. Die Folgen sind absehbar: Verschuldung bis zur
Stromsperre.
Gleichzeitig werden die Behörden angewiesen, flächendeckend Außendienste
einzurichten, um die Lebensver-hältnisse der Hartz-IV-Abhängigen zu überprüfen.
Energischer als bisher soll der "Sachverhalt" ausgeforscht werden,
ob Leistungsbezieher mit einem "Geld verdienenden" Menschen
zusammenleben. Aber diese Ausgeburt von Bürokratenhirnen wird kaum
Einsparungen bringen, denn ein Grund für die Kostensteigerung ist auch der
Sozialapparat selbst. Mit jedem neuen Einschnitt wächst der kostenträchtige
Verwaltungsaufwand. Auch die Spitzel der Sozial- Stasi müssen bezahlt werden,
selbst wenn dafür wiederum Hartz-IV-Empfänger herangezogen werden. Die bürokratische
Mühle mit ihrer "Kontrolle der Kontrolle" entfaltet längst eine
absurde Eigendynamik; das Kontrollmittel frisst den Einsparungszweck zu
erheblichen Teilen auf.
Ergänzt wird das "Fortentwicklungsgesetz" durch Kürzungen bei den
Förderprogrammen für Langzeitarbeits-lose. 1,1 Milliarden Euro aus dem so
genannten Hartz-IV-Eingliederungstitel sollen mit einer Sperre belegt werden.
Betroffen sind neben Qualifizierungsmaßnahmen ausgerechnet die staatlich
finanzierten Ein-Euro-Jobs. Für den Herbst sind weitere Revisionen geplant.
So sollen die Zuschläge von bis zu 160 Euro pro Monat gestrichen werden, die
bislang beim Übergang vom Arbeitslosengeld I zum Arbeitslosengeld II zwei
Jahre lang gezahlt werden. Sogar die weitere Absenkung des erbärmlichen
Regelsatzes von 345 Euro monatlich ist im Gespräch.
Was sich "fortentwickelt", ist allein der soziale Terror gegen die
Herausgefallenen. Aber die Politik der Zwangs-arbeits -"Förderung"
läuft ins Leere, weil die Expansion des Billiglohn-Sektors unter den
Bedingungen der 3. industriellen Revolution begrenzt bleibt und die
Kapitalverwertung nicht tragen kann. Die meisten Niedriglohn-Arbeitsplätze
existieren nur als staatlich gesponserte pharaonische Pyramidenprojekte, deren
Ausweitung auf neue Kostenexplosionen hinausläuft. Mit dem absehbaren
Zusammenbruch von Hartz IV wird in der BRD wie in den anderen Industrieländern
eine wachsende soziale Lazarus-Schicht entstehen. Alle weiteren restriktiven
Arbeitsmarkt reformen können nur gesellschaftlichen Sprengstoff anhäufen.