20.03.2010 / Titel / Seite 1
Röslers Abrißbirne
Arnold Schölzel
Vor 20 Jahren errang die konservativ-liberale »Allianz für Deutschland«
mit Sprüchen wie »Keinem wird es schlechter gehen« und »Wohlstand für
alle« in der DDR bei den Volkskammerwahlen vom 18. März 1990 einen
haushohen Sieg. Heute sind 95 Prozent des ostdeutschen
Wirtschaftsvermögens in westdeutscher oder ausländischer Hand, die dort
damals etablierten Niedriglöhne sind ebenso fest etabliert wie
Massenarbeitslosigkeit und Bevölkerungsschwund. Bei soviel Erfolg wird
beim nun anstehenden letzten Anlauf zur Beseitigung des Solidarsystems
der Sozialversicherung offenbar das alte Rezept noch einmal vorgelegt.
Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) stimmte bei der Debatte zum
Etat seines Hauses am Freitag im Bundestag die Bürger auf weiter
steigende Gesundheitskosten ein, behauptete aber zugleich wider alle
Fakten – von Zwei- und Dreiklassenmedizin bis zur »blutigen Entlassung«
aus Krankenhäusern –, die medizinische Versorgung werde immer besser.
Der Minister versprach erneut, die Arzneimittelpreise zu drücken. Rösler
nannte es nicht akzeptabel, daß derzeit die Pharmaindustrie »die Preise
diktiert«. Künftig müßten Hersteller für jedes neue Medikament den
Zusatznutzen wissenschaftlich nachweisen.
Mit der Wahrheitsliebe des Ministers steht es in Sachen Pharmaindustrie
besonders schlecht, wie der Spiegel jüngst nachwies. Das Magazin
berichtete, daß die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender
Arzneimittelhersteller, also die Cheflobbyistin der Branche, im Februar
vorschlug, daß zur Einführung neuer Medikamente »dezentrale Verträge
zwischen Herstellern und Kassen« über den Preis geschlossen werden
sollen. Rösler folgte prompt und machte in seiner Verordnung aus
»dezentral« »jede«. Das bedeutet: Nicht der Spitzenverband der
Gesetzlichen Krankenkassen, sondern jede einzelne der 169 Kassen soll
mit der Pharmaindustrie über den Preis eines neuen Medikaments
verhandeln. Schluckt eine kleine Kasse, so der Spiegel, das Angebot der
Konzerne nicht, erhalten ihre Mitglieder nicht das Medikament. Rösler
verbindet ungerührt die Einrichtung dieses Selbstbedienungsladens mit
Kritik an hohen Arzneipreisen.
Der Herr aus der Mövenpick-Partei drehte auch am Freitag erneut seine
Gebetsmühle vom nötigen Umbau der Finanzierung des Gesundheitssystems.
Die bisherige Kopplung an die Löhne treibe die Arbeitskosten nach oben
und sei zudem extrem konjunkturabhängig. »Notreparaturen« reichten nicht
mehr aus. Sein Ziel sei daher ein größerer Anteil einkommensunabhängiger
Beiträge. Details nannte der Minister natürlich nicht – die
Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen stehen bevor.
Die Opposition nutzte die Debatte zu scharfer Kritik an Rösler. Die
Regierung gehe mit der »Abrißbirne« auf das Solidarsystem los, meinte
der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Karl Lauterbach,
dessen Partei allerdings das Abrißunternehmen in ihrer Regierungszeit
aufgebaut hat. Der Plan, eine Kopfpauschale einzuführen, gleiche einem
»Himmelfahrtskommando«. Rösler erzähle »Märchen«, daß es einen
automatischen Sozialausgleich in dem Modell gebe. Dies sei »plumpe
Wählertäuschung«, denn die Finanzierung sei völlig unklar. Der
Linke-Abgeordnete Harald Weinberg bezeichnete die Kopfpauschale als
»unsozial«, »unfinanzierbar« und als »Anschlag auf den Sozialstaat«.
Das Parlament bestätigte mehrheitlich Röslers Etatansatz für das
laufende Jahr. Der Minister hat danach 2010 rund 16,1 Milliarden Euro an
Haushaltsmitteln zur Verfügung, rund 4,5 Milliarden Euro mehr als 2009.