FREITAG,
45-2003, 31.10.2003, S. 6
URL:
http://www.freitag.de/2003/45/03450601.php
Werner
Rügemer
Ein
Fall bewusster Plünderung
DIE
MERKWüRDIGE PRIVATISIERUNG DER ENERGIE BADEN-WüRTTEMBERG AG
Wie
der französische Stromkonzern EDF seine Stimmenmehrheit bekam
und
sie nun gegen die Beschäftigten durchsetzt
Am
19. Januar 2000 unterschrieb der baden-württembergische Ministerpräsident
Erwin Teufel
mit
dem Finanzchef der Electricité
de France (EDF)
den Kaufvertrag über 25,01 Prozent
der
Anteile an der Energie
Baden-Württemberg (EnBW).
Der Ministerpräsident und seine
CDU
ließen sich wegen ihrer Cleverness loben: Sie hatten dem größten
Energieversorger im
Ländle
den lange ersehnten "strategischen Partner" verschafft - EDF ist der
größte Stromkonzern
der
Welt. Eine bessere Sicherheit für das Überleben im deregulierten Energiemarkt
konnte
es scheinbar kaum geben. Und dafür wurde noch der clever herausgeholte
Kaufpreis
von
2,4 Milliarden Euro in die Landeskasse gespült.
Mehr
als dreieinhalb Jahre später, am 10. Oktober 2003, versammeln sich 2.500
Besucher in
der
Stuttgarter Liederhalle zur Betriebsversammlung der EnBW. Der aus Paris
eingeflogene
Arbeitsdirektor
Bernhard Beck wiederholt in sanften Worten den entnervten Beschäftigten die
knallharte
Botschaft, die sie schon seit Wochen auf dem Tisch haben: EnBW habe im ersten
Halbjahr
2003 eine Milliarde Verlust gemacht, in den nächsten drei Jahren müsse diese
Milliarde
eingespart
werden. Auf die Beschäftigten sollen davon 350 Millionen Euro entfallen.
Das
müsse aber nicht automatisch Entlassungen bedeuten, der Vorstand biete vielmehr
als
Teil
eines betrieblichen "Top-Fit-Programms" einen Mix verschiedener
Personalmaßnahmen
an:
Viertagewoche ohne Lohnausgleich, Frühverrentungen, Streichung aller
betrieblichen
Sozialleistungen,
vielleicht auch einige betriebsbedingte Entlassungen und so weiter.
Der
verstörte Betriebsrat hat ausgerechnet, dass diese Top-Fit-Kur jeden der 13.000
Beschäftigten
im
Durchschnitt 27.000 Euro kosten würde. "Mit dem Top-Fit-Programm wird
EnBW
vielleicht wettbewerbsfähig, aber wir verhungern dabei", so ein Kommentar
aus der
Belegschaft.
Im Offenen Brief des neuen Vorstandschefs Utz Claassen an die Belegschaft
heißt
es mitfühlend, dass die Beschäftigten ohne Schuld und die "Maßnahmen
sicherlich
auch
ungerecht" seien. Wer aber hat Schuld? Da bleibt es bei diffusen
Andeutungen in
Richtung
des bisherigen Vorstandschefs.
Mit
dem bis Mai dieses Jahres amtierenden Chef Gerhard Goll schien der Aufstieg von
EnBW
mithilfe des "strategischen Partners" EDF eine sichere Sache. Goll,
aus Teufels
Staatskanzlei
kommend, wollte EnBW zur ersten Adresse unter den deutschen Stromkonzernen
machen.
Der subventionierte Billiganbieter Yello Strom warb bundesweit eine Million
neuer
Stromkunden. Neckarwerke
Stuttgart,
Stadtwerke
Düsseldorf,
Versorgungsunternehmen
in
Meißen, Budapest, Warschau: europaweit wurden Anteile aufgekauft. Es ging nicht
nur
um Strom, sondern auch um neue Geschäftsbereiche wie Gas und Wasser, zum
Beispiel
beim
Aufkauf der Energieversorgung
Sachsen Ost und
beim Einstieg in die Energie- und
Wasserwerke
Bautzen.
Als Goll bei der Aktionärsversammlung im April 2003 im angenehmen
Alter
von 60 Jahren seinen Posten abgab, durfte er unter dem Beifall des Ministerpräsidenten
sein
Erfolgsbilanz präsentieren: EnBW sei zum drittgrößten Energieversorger aufgerückt
und
"gut aufgestellt". Der Umsatz sei im vergangenen Jahr um zehn Prozent,
der Gewinn
auf
280 Millionen Euro angestiegen.
2
Drei
Monate später sah alles ganz anders aus. Nachfolger Claassen verkündete den
Milliardenverlust
und
die Top-Fit-Hungerkur. In Wirklichkeit wurde aber nicht weniger Strom verkauft,
auch
den aufgekauften Tochterunternehmen wie den Neckarwerken Stuttgart geht es
gut:
Sie sind finanziell so gesund wie seit 40 Jahren. Aber auch deren Beschäftigte
sollen in
die
Topfit-Kur hineingezwungen werden.
Eine
solche Vorgehensweise ist inzwischen Routine. Beispiel Deutsche
Telekom:
Der frühere
Vorstand
expandiert, kauft reihenweise andere Unternehmen auf, man muss ja wettbewerbsfähig
werden.
Das Bilanzvolumen schwillt an, und noch schneller steigen die
Vorstandseinkommen.
Dann
wird der alte Vorstand entlassen, mit einem goldenen Handschlag,
versteht
sich, und der neue Vorstand nimmt eine rabiate Wertberichtigung vor. Die liefert
der
Wirtschaftsprüfer
auf Bestellung. Plötzlich ist ein riesiger Verlust da, er gibt bei der Telekom
und
nun bei EnBW die Begründung her für ein rabiates Sparprogramm, damit das
Unternehmen
wieder
wettbewerbsfähig werde. Beschäftigte werden entlassen, und denen, die
bleiben
dürfen, wird das Einkommen gekürzt.
Des
Rätsels Lösung liegt nicht in den angeblichen Verlusten, sondern in den zu
niedrigen
Gewinnen
und den geplanten weiteren Privatisierungen. Der neue Vorstandschef will EnBW
im
nächsten Jahr an die Börse bringen. Da sind 1.000 Beschäftigte weniger
mindestens
zehn
Euro mehr beim Ausgabekurs. Aber dieses Ziel ist noch nicht alles. EDF wird von
der
französischen
Regierung ebenfalls für die Privatisierung hergerichtet, der Börsengang ist
schon
für Ende dieses Jahres geplant. Die Einnahmen des französischen Staates sollen
dabei
möglichst
hoch ausfallen. Mitte Oktober gab EDF bekannt, der Gewinn im ersten Halbjahr
betrage
lediglich sechs Milliarden Euro. Lediglich. Das sei zwar gut, aber nicht genug.
Denn
um auf den neuen Märkten wie in Russland und Westeueropa wettbewerbsfähig zu
werden,
sei noch mehr Gewinn nötig.
Das
Diktat über EnBW geht weit über das hinaus, was nach dem Anteil von EDF
eigentlich
möglich
ist. Zwar hat EDF zwischenzeitlich die 25,01 Prozent durch kleinere Zukäufe auf
34,5
Prozent erweitert. Dennoch verfügt der französische Konzern
geheimnisvollerweise
über
eine Stimmenmehrheit von 69 Prozent. Wie sich erst kürzlich herausstellte,
wurde der
ursprüngliche
Kaufvertrag erst wirksam, als die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW)
mit
ihrem 34,5 Prozent-Anteil an EnBW sich verpflichtet hatten, immer gemeinsam mit
EDF
abzustimmen.
Hier hat offenbar die baden-württembergische Landesregierung unter dem
CDU-Ministerpräsidenten
eine besonderen Deal ausgehandelt. Um vor drei Jahren den
Kaufpreis
für den Landesanteil hochzutreiben, wurde EDF auf diese Weise heimlich
Kontrolle
und
Gewinnabschöpfung ermöglicht.
Der
"strategische Partner" schöpft das unbarmherzig aus, nicht nur gegenüber
den EnBWBeschäftigten.
Bereits
jetzt besteht ein Reparaturstau bei den Gas- und Stromleitungen. "Wir
sind
mit unseren Arbeiten zwei bis drei Monate im Rückstand", sagte ein
Techniker bei der
Betriebsversammlung
in der Liederhalle. Man kann sich vorstellen, wie das bei einer Viertagewoche
und
bei weniger Beschäftigten weitergehen würde: Die Aktionäre der EDF werden
topfit,
und die Leitungen im Ländle, in Bautzen und Warschau marode. Und so zeigt die
Privatisierung
durch
eine CDU-Landesregierung, die sich gern als besonders wirtschaftskompetent
bezeichnen
lässt, ihre Pferdefüße. Betriebsräte und die Gewerkschaft ver.di, die den
Versprechungen
von Teufel und EDF glaubten, verhandeln mit dem Rücken zur Wand, zumindest
betriebsbedingte
Kündigungen wollen sie verhindern. Immer noch sprechen sie von
"Fehlern
und Versäumnissen des Managements", wo die Kritik einer bewussten Plünderungsmethode
angezeigt
wäre.