KKR, CERBERUS, LONE STAR
Ein
neuer Investorentyp aus den USA entdeckt die Finanzoase Deutschland
Eine good-will-Tour an die New Yorker Wall Street
absolvierte Bundeskanzler Schröder, von der Öffentlichkeit kaum
beachtet, vor der Verabschiedung von Hartz IV. "Es gibt ein großes
Interesse in den Vereinigten Staaten an der Agenda 2010", erklärte
Schröder im November 2003 nach einem Treffen mit Vertretern führender
US-Banken. Zuvor hatte er eine Laudatio auf Sanford Weill gehalten: Der
Chef der Citigroup bekam den "Global Leadership Award". Schröder,
der - wie das Handelsblatt weiß - vor einem Rückflug aus New
York "schnell mal in der Privatwohnung des mächtigsten Bankers der
Welt speist", lobte den Preisträger und freundlichen Gastgeber
enthusiastisch: "Ich bin stolz, diesen Mann meinen Freund nennen zu dürfen,
einen Mann mit Mut, Prinzipien und Visionen."
Über diese Männerfreundschaft und deren Folgen ist bislang wenig
bekannt. Nicht nur die Agenda 2010, sondern auch die Steuerreform 2000
(steuerfreie Erlöse aus Unternehmensverkäufen) gehen nicht zuletzt auf
die stille, aber erfolgreiche Lobbyarbeit der US-Finanzbranche zurück.
Schon unmittelbar nach seiner Wahl 1998 richtete Schröder die Stelle
eines Bundesbeauftragten für Auslandsinvestitionen ein und besetzte sie
mit Hilmar Kopper, damals Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank und
von DaimlerChrysler. Vor zwei Jahren, als Kopper seine Tätigkeit als
"Federal Commissioner for Foreign Investments" beendete,
verwandelte sich sein Stab in die Bundesagentur "Invest in Germany
GmbH". Aus dem Bundeshaushalt erhält sie jährlich fünf Millionen
Euro. Damit werden auch drei Außenstellen finanziert, ausschließlich in
den USA: New York, Chicago, Los Angeles. Und so kommen die neuen
Investoren, die nach Deutschland strömen, vor allem aus den Vereinigten
Staaten, manche auch aus der Golfregion. Sie fallen kaum auf, weil sie
geschichts- und gesichtslose Namen tragen: Blackstone, KKR, Carlyle,
Argantis, Lone Star, Capiton, Apax, Cinven, Investcorp, 3i, Permira, BC
Partners.
Schlachtplan zügig vollstrecken
Thomas Middelhoff, ehemaliger Bertelsmann-Vorstandsvorsitzender, heute
Mitinhaber und Europa-Chef der Firma Investcorp, die 1982 in
Bahrein gegründet wurde, spricht aus, wie das Geschäft der sogenannten
Finanzinvestoren funktioniert: Beim Kauf eines Unternehmens werden seine
Anteile auf die Inhaber von Investcorp übertragen. "Das sind vor
allem institutionelle Investoren und vermögende Privatpersonen aus sechs
Staaten des Golfkooperationsrats. Jeder der 20 bis 40 Investoren beteiligt
sich mit fünf bis zehn Millionen Euro."
Für den Kauf sind nur bestimmte Unternehmen interessant: Sie sind nicht börsennotiert,
haben einen Wert ab 100 Millionen Euro und sind bereits profitabel. Sie
sollen das Potenzial haben, zur Spitzengruppe ihrer Branche aufzuschließen
oder zum Marktführer zu werden. Die Investoren suchen sich die Schmuckstücke
heraus, um sie - von allen "unnötigen" Kosten befreit - nach
kurzer Zeit wieder zu verkaufen. Und das scheint zu gelingen. Investcorp
erzielt eine "durchschnittliche Rendite von 25 Prozent", sagt
Middelhoff stolz. Hier wird also kein Gürtel enger geschnallt, im
Gegenteil, hier wird aus Silber Gold gemacht.
Der "Verwertungszyklus" dauert im Durchschnitt fünf Jahre,
bevorzugt werden drei bis vier Jahre. Während dieser Zeit kommen
verschiedene Methoden der "Restrukturierung" zum Einsatz. Dazu
gehört an erster Stelle die "Kostensenkung": Entlassungen,
Mehrarbeit bei gleichem oder geringerem Lohn, vermehrter Einsatz von
Leiharbeitern. Ende 2002 verzichteten Beschäftigte von Tenovis -
ehemals Telenorma, kurz zuvor von KKR übernommen - auf 12,5
Prozent Lohn. Im Gegenzug versprach die Geschäftsleitung, die Arbeitsplätze
mindestens für das Jahr 2003 zu erhalten. Sieben Monate später
allerdings, nach der Rückkehr aus dem Sommerurlaub, wurde ein Teil der
Belegschaft entlassen. Von ehemals 8.000 Beschäftigten arbeiteten im Frühjahr
2004 noch etwa 4.500 bei Tenovis.
Manager mit Erfolgsprämien ködern
Diese Radikalität braucht Verbündete innerhalb des übernommenen
Unternehmens. Und so werden - man könnte es zynisch
"Mitarbeiterbeteiligung" nennen - die bisherigen Geschäftsführer
und Bereichsleiter in Kapitaleigner verwandelt. Wenn sie zum Kauf der
Gesellschaftsanteile nicht genügend Geld haben, erhalten sie vom
Finanzinvestor günstige Kredite. So wurden beim Einstieg von KKR die 70
Tenovis-Manager zu "Unternehmern im Unternehmen". Zusätzlich
mit hohen Erfolgsprämien geködert, waren sie bereit, die sozialen
Grausamkeiten zu vollstrecken.
Eine einfache Faustregel lautet: Der Kaufpreis muss möglichst unter dem
wahren Firmenwert liegen und sich somit letztlich selbst finanzieren. Da
nur Unternehmen ins Visier geraten, die nicht den Auflagen der Börsenaufsicht
unterliegen, kommen weder Kontrollbehörden noch die bei
Aktiengesellschaften üblichen Maßstäbe der Wertermittlung zum Zuge. Je
geringer die Transparenz, desto größer der Spielraum beim Kaufpreis. Als
wiederum KKR das Entsorgungsunternehmen Duales System Deutschland (DSD) übernahm,
wurde ein offizieller Kaufpreis von 807 Millionen Euro genannt -
mindestens 100 Millionen Euro zu wenig, meinen Experten. Real aber zahlte
KKR nur 260 Millionen an die Aktionäre (Metro und andere Handelsketten),
die trotzdem ein gutes Geschäft machten, weil sie pro Aktie das 180fache
ihres ursprünglichen Einstandspreises erhielten. Die restlichen 547
Millionen konnte KKR aus der DSD-Kasse entnehmen, um stille Gesellschafter
auszuzahlen und die sogenannten Halteprämien für bisherige Kunden
auszuschütten, die - in bewusster Irreführung der Öffentlichkeit? - als
Bestandteil des Kaufpreises ausgewiesen wurden.
Eigenkapital gnadenlos rausziehen
Die Finanzoase Deutschland ermöglicht dem Investor in Verbindung mit
seiner beherrschenden Stellung weitere Gewinnabschöpfung. Nach dem Kauf
von Telenorma und Umbenennung in Tenovis gründete KKR auf der Kanalinsel
Jersey die Tenovis Finance Limited. Bei dieser Gesellschaft nahm
die Tenovis GmbH & Co KG, Frankfurt, einen Kredit über 300 Millionen
Euro auf. Das Geld stammte aus der Platzierung einer Anleihe der Tenovis
Finance. Als Sicherheit für den Kredit verpfändete die Tenovis GmbH
& Co KG 50.000 Miet- und Wartungsverträge. Den Kredit wiederum lieh
die Tenovis GmbH & Co KG ihrem rechtlichen Eigentümer, der
sogenannten Tenovis Germany GmbH. Diese Briefkastenfirma gehört dem
Finanzinvestor KKR. Sie löste damit die Anleiheschulden ab. Mit solchen
Kreisgeschäften werden dem Stammunternehmen gewaltige Mittel entzogen.
Zusätzlich schickte KKR eigene Berater, die zweistellige
Millionen-Honorare bekamen. Für Bank- und Kreditprovisionen sicherte sich
KKR über die Jersey-Tochter Tenovis Finance weitere elf Millionen Euro.
Schon während des Verwertungszyklus wird ein möglichst hoher Gewinn auch
direkt abgeschöpft. KKR und Goldman Sachs, die führende Investmentbank
der Wall Street, kauften 1999 insgesamt 90 Prozent der Anteile an Siemens
Nixdorf, später zwecks "Steueroptimierung" in Wincor
Nixdorf umbenannt. Im Frühjahr 2004 ließen sich die beiden
Finanzinvestoren 160 Millionen Euro auszahlen "als eine Art Dividende
für die vergangenen vier Jahre." Die neuen Eigentümer belasteten
das Unternehmen extrem. Die Methode hieß "Recap": Möglichst
viel Eigenkapital wird an die Investoren ausgeschüttet. Zu dieser Methode
gehört auch das "Bootstrapping", also "Stiefelschnüren":
Das Unternehmen muss neben der Eigenkapitalausschüttung alle Schulden
bezahlen, um sich für das strahlende Ende des Verwertungszyklus
vorzubereiten.
Nach drei, vier, fünf Jahren hat der Finanzinvestor zwei Möglichkeiten für
sein Ausscheiden ("Exit"): Entweder er verkauft das Unternehmen
zu einem wesentlich höheren Preis als beim Einstieg oder er bringt es an
die Börse. Beim Börsengang bleibt der Finanzinvestor zunächst oft
selbst Hauptaktionär, zum Beispiel mit 30 bis 40 Prozent der Aktien. Bei
Wincor Nixdorf sah der Exit so aus: Fünf Monate nach dem "Recap"
brachten KKR und Goldman Sachs das Unternehmen an die Börse. Für die
sieben Millionen Aktien wurden etwa 350 Millionen Euro eingenommen. Davon
flossen nur 125 Millionen an Wincor Nixdorf selbst. Der "Rest"
von 225 Millionen ging an die Investoren. Schließlich verdiente Goldman
Sachs, der Partner von KKR, noch ein zweites Mal: die Investmentbank
organisierte den Börsengang. Dafür erhielt Goldman Sachs die übliche
Gebühr von 4,25 Prozent des emittierten Aktienvolumens. Das war aber noch
nicht der Gesamtgewinn. Denn die beiden Finanzinvestoren behielten zunächst
36 Prozent der Anteile. Diese 5,56 Millionen Aktien brachten beim Verkauf
im Januar 2005 noch einmal etwa 300 Millionen Euro.
Billige Wohnungen erobern
Inzwischen wurden zahlreiche deutsche Unternehmen aufgekauft: Siemens
Nixdorf, MTU, Gerresheimer Glas, Dynamit Nobel, Rodenstock, Celanese,
Minimax, Demag, ATU Autoteile Unger, Debitel, Tank & Rast, Duales
System Deutschland (DSD) und viele andere. Nach US-Vorbild sind längst
auch deutsche Finanzinvestoren entstanden. So bildete die größte
Privatbank Europas - die Bank Oppenheim in Köln - Anfang 2004 den
Finanzinvestor Argantis. Er konzentriert sich auf die Verwertung von
"etablierten mittelständischen Familienunternehmen und spin-offs von
Konzernen mit Umsätzen zwischen 30 und 250 Millionen Euro". Der
Verwertungszyklus beträgt drei bis sieben Jahre, die Gewinnerwartung
liegt nach eigener Aussage bei jährlich "20 Prozent und mehr".
Die Finanzinvestoren dringen auch in Bereiche ein, die bisher staatlich
reguliert sind. Das gilt für die schon genannte Abfallentsorgung Duales
System Deutschland (DSD), aber auch für öffentliche und
genossenschaftliche Immobilienunternehmen. So kaufte der US-Finanzinvestor
Fortress für 2,1 Milliarden Euro die Wohnungsgesellschaft Gagfah der
Bundesanstalt für Angestellte (BfA) mit 80.000 Wohnungen. Die
Finanzinvestoren Cerberus und Whitehall erwarben die Berliner
Wohnungsgesellschaft GWS mit 65.000 Wohnungen. Auch kleinere Bestände
werden nicht verschmäht: Cerberus übernahm 2.600 Wohnungen der Degewo,
Lone Star kaufte 5.500 Plattenbauten in Berlin. Solche Immobilien
versprechen hohe Renditen. Erstens wegen der günstigen Einkaufspreise -
viele Kommunen und staatliche Institutionen verkaufen unter dem Druck der
Überschuldung. Zweitens wegen der geringen Wohneigentumsquote in
Deutschland, die für Verkäufe an Mieter und Geldanleger große Spielräume
lässt. Und drittens wegen der vergleichsweise niedrigen Mieten, die in
Jahrzehnten regulierter Wohnungsmärkte entstanden sind - die Freigabe von
Mieterhöhungen nach dem Verkauf gehört zu den standardisierten
Verkaufsmodalitäten. Zum Repertoire von Finanzinvestoren gehören also
nicht nur Lohnsenkungen in Unternehmen, sondern auch kräftige Mieterhöhungen
und entsprechend steigende Erlöse beim Wohnungsverkauf.
Auszehrung der vorhandenen produktiven und finanziellen Substanz in kurzer
Frist - das ist das Geheimnis der Finanzinvestoren, die systematische Plünderung
betreiben. Mögen Politiker wie Schröder noch so oft von wichtigen
Investitionen für den Standort Deutschland reden und die Arbeitsplätze
beschwören, die dadurch geschaffen werden - die Wirklichkeit sieht anders
aus. "Die Statistik trügt", stellt das Handelsblatt
fest. "Der steile Anstieg der Investitionen ist durch Fusionen und
Firmenübernahmen geprägt. Und die haben unterm Strich mehr Arbeitsplätze
vernichtet als neue geschaffen." Dies hindert dieselbe Zeitung ebenso
wenig wie die Bundesregierung, die zielstrebigen Jongleure der Wall Street
willkommen zu heißen, die man in den USA einfach "Raider", Plünderer,
nennt. Völlig falsch - sagt der Bundeskanzler. Diese Firmen haben
"Mut, Prinzipien und Visionen".
Eine Langfassung des Artikels erscheint in den
WSI-Mitteilungen 1/2005.