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Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Die Steuersenkungsmanöver der
schwarz-gelben Bundesregierung richten die Finanzen der Länder und
insbesondere der Kommunen zugrunde. Damit wird zugleich auch die lokale
Infrastruktur – von Schulen über Bahngleise bis hin zu Museen und
Bibliotheken – nachhaltig beschädigt. Als »Ausweg« aus diesem
hausgemachten Dilemma beschwört die Bundesregierung das Konzept der
Public Private Partnership (PPP), zu Deutsch: Öffentlich-Private
Partnerschaft. Dieser vermeintliche »Ausweg« ist keineswegs neu. Mit der
Begründung, der verschuldete Staat müsse zur Infrastrukturerneuerung
privates Kapital mobilisieren, und Privatunternehmen könnten ohnehin
besser wirtschaften, entwickelte bereits die Labour-Regierung Tony
Blairs Ende der 90er Jahre in England das Konzept der PPP, das
mittlerweile weltweit angewandt wird.
Dabei zeigt sich, wie bei früheren Formen der Privatisierung, daß die
hochfliegenden Versprechungen nicht eingehalten werden. Dennoch
forcieren Regierungen, Banken und Investoren PPP mehr denn je. Auf diese
Weise droht eine zweite große Privatisierungswelle – mit desaströsen
Folgen. Zugleich nehmen aber auch Kritik, Widerstand und die Suche nach
Alternativen zu.
Margaret Thatcher, die begeisterte Schülerin des
Neoliberalismus-Gurus Milton Friedman, begann 1983 eine beispiellose
Privatisierung öffentlicher Unternehmen: British Telecom, Rolls Royce,
British Airways, British Steel, British Airports, Wasser- und
Elektrounternehmen – beinahe alle großen Unternehmen in öffentlicher
Hand wurden veräußert. Ihr konservativer Nachfolger John Major verkaufte
dann fast den gesamten Rest, insbesondere die Bahn. Verbunden waren
diese Unter-Wert-Verkäufe mit dem bekannten neoliberalen Mix:
Lohnsenkungen und Entmachtung der Gewerkschaften, Steuersenkungen für
Gewinne und Deregulierung des Finanzwesens.
Die katastrophalen Ergebnisse – Entlassungen, Preissteigerungen,
schlechter Service, Unfälle bei der Bahn, Ausfälle beim Trinkwasser,
Verschmutzung der Gewässer, weitere Staatsverschuldung – erleichterten
»New Labour« seinerzeit die Übernahme der Regierung. Tony Blair, George
Brown und Peter Mandelson, die den Privatisierungen weitgehend
zugestimmt hatten, erklärten damals: Stopp! Wir verkaufen nichts mehr!
Wir machen Partnerschaft mit den Investoren!
Die von »New Labour« herangezogenen Berater wie die Wirtschaftsprüfer
Price Waterhouse Coopers und KPMG und die Unternehmensberater Arthur
Andersen in Zusammenarbeit mit Banken wie UBS/Warburg entwickelten
daraufhin das Konzept »Public Private Partnership«. Statt der
diskreditierten Verkaufsprivatisierung im Stile Thatchers sollte nun mit
Hilfe von PPP der öffentliche Sektor für private Investoren geöffnet
werden.
Das Konzept PPP funktioniert so: Öffentliche Hand und private
Unternehmen sollen als gleichberechtigte Partner wirken; direkt verkauft
wird – zunächst – nichts. Die öffentliche Hand braucht wegen ihrer
Überschuldung keinen Kredit aufzunehmen, um Schulen, Rathäuser,
Krankenhäuser, Gefängnisse, Straßen, Straßenbeleuchtung usw. zu sanieren
oder neu zu bauen. Sie schließt statt dessen mit einem privaten Investor
einen Dienstleistungsvertrag ab, der in der Regel zwischen 20 und 30
Jahre läuft. Der Investor kümmert sich dann um Planung, Bau, Sanierung,
Betrieb und vor allem Finanzierung, die öffentliche Hand zahlt lediglich
eine Miete. Dieser Vertrag sei, so die offizielle Begründung, eine
Win-Win-Situation; der Staat könne sich auf diese Weise auch ohne Geld
alles leisten wie bisher.
Die industriekapitalistischen Staaten befinden sich weltweit in
ähnlicher Lage wie Großbritannien. Auch sie sind nach der ersten Welle
der Privatisierung und der Steuererleichterungen für Unternehmen mehr
denn je überschuldet, ihre Infrastruktur verfällt. Es erstaunt daher
kaum, daß das neue Wundermittel PPP weltweit übernommen wurde und wird.
Die Forderung nach einem »Aufbau West«, als Gegenstück zum deutschen
»Aufbau Ost« entwickelt, liegt nach den Verwüstungen der bisherigen
neoliberalen Phase für die Infrastruktur der gesamten »westlichen
Wertegemeinschaft« in der Tat nahe.1
Die neoliberalen Akteure haben durch die staatliche Rettung der
bankrotten Banken und Unternehmen im Zuge der Weltwirtschaftskrise die
Staatsverschuldung noch weiter hochgetrieben. Die daraus resultierende
Kürzung staatlicher Ausgaben wird insbesondere den unteren Staatsebenen,
den Bundesländern und Kommunen, aufgebürdet. So wird von den
Bankenrettern zugleich der »Sachzwang« produziert, sich des neuen
Heilmittels PPP zu bedienen. »In der Finanzkrise: PPP als Chance
nutzen!«, lautet das Motto der Branche.2 Die weltweit bei der
PPP-Vertragsgestaltung führende Kanzlei Freshfields spricht Klartext:
Sie sieht die Finanzkrise als Gelegenheit zum »permanenten Transfer
öffentlicher Infrastruktur an den privaten Sektor«.3
Die großen Banken, auch die öffentlich-rechtlichen Landesbanken, haben
seit mehreren Jahren Infrastrukturfonds aufgelegt und eigene
PPP-Abteilungen eingerichtet: Flughäfen, Leitungssysteme, Energie- und
Transportnetze, Tunnel, Stadtwerke usw. sind ihre als »alternative«
Investments bezeichneten Zielobjekte. Geworben wird mit »risikoarmen und
langfristigen Zuflüssen«. Auch die Sparkassen haben sich inzwischen
eingeschaltet.
Die großen Baukonzerne haben sich in den letzten Jahren ebenfalls darauf
orientiert. Da ihnen das traditionelle Baugeschäft zu unsicher und zu
wenig lukrativ erscheint, betätigen sie sich jetzt als
»Infrastrukturanbieter« und setzen auf den langfristigen, umfassenden
Betrieb von Gebäudekomplexen wie Flughäfen, Schulen, Altenheimen,
Krankenhäusern, Gefängnissen, Straßen und perspektivisch auch von ganzen
Stadtteilen und sogenannten gated communities (abgesperrten
Sicherheitszonen für Vermögende). Dafür haben sie spezialisierte
Tochtergesellschaften gegründet. Wirtschaftsprüfer erschließen
fortlaufend neue Bereiche für PPP und stellen eine wichtige Lobby dar.
Die Europäische Union richtete 2003 ein Europäisches
PPP-Kompetenzzentrum (European PPP Expertise Centre, EPEC) ein. Es ist
in der Europäischen Investitionsbank angesiedelt, die zudem günstige
Kredite für PPP-Projekte vergibt und mit »strukturierten Finanzierungen«
große PPP-Projekte wie im internationalen Straßenbau fördert. Im
November 2009 hat die Europäische Kommission einen Maßnahmenplan zur
Stärkung von PPP veröffentlicht; insbesondere in den Bereichen
Gesundheit, Bildung, Verkehr und Energieeffizienz solle PPP dazu
beitragen, die »durch die Finanzkrise angeschlagenen öffentlichen
Haushalte nachhaltig zu entlasten«.4 Die Weltbank hat in Washington gar
eine eigene Abteilung, die Public Private Infrastructure Advisory
Facility (PPIAF), eingerichtet. Auch in der Entwicklungszusammenarbeit
fördern die westlichen Regierungen PPP.
Die meisten PPP-Projekte – etwa 900 – hat naturgemäß das Erfindungsland
Großbritannien zu bieten. Zusammen mit Australien gilt es als das
»reife« PPP-Land, während Deutschland mit seinen bisher erst etwa 130
Projekten5 – ähnlich wie andere EU-Staaten – von der Lobby als
»Entwicklungsland« eingestuft wird.
Der damalige Bundeskanzler und SPD-Vorsitzende Gerhard Schröder
importierte Anfang des Jahrzehnts das englische Vorbild nach
Deutschland. Nach dem sogenannten Schröder-Blair-Papier aus dem Jahr
1999 bestätigte der SPD-Parteitag 2003 das PPP-Konzept im Leitantrag des
Parteivorstandes, in dem es hieß: »Öffentlich-private Partnerschaften
sind ein neuer Weg, (...) um öffentliche Leistungen nicht nur mit
geringeren Kosten schneller und früher, sondern auch in höherer
Qualität« bereitzustellen.
Die SPD-Bundestagsfraktion veröffentlichte anschließend einen Wegweiser
für Kommunen, der unter Mitwirkung der Beraterfirmen KPMG und Bearing
Point, der Deutschen Bank, des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie
und anderer erstellt worden war. Die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU,
FDP und Grünen bildeten ebenfalls solche Arbeitsgruppen, in denen sich
die gleichen Berater wiederfanden. 2005 beschloß der Bundestag das
PPP-Beschleunigungsgesetz, wonach Investoren beispielsweise beim Kauf
von Grundstücken von der Grundsteuer befreit sind, nur geringes
Eigenkapital vorweisen müssen und lediglich der Generalunternehmer
öffentlich auszuschreiben ist. (...)
Zunächst wurden seit 2003 im Bau- und Verkehrsministerium und in den
Landesregierungen staatliche PPP-Task-Forces eingerichtet und
PPP-Leitfäden herausgegeben. 2008 gründete die Bundesregierung dann die
Partnerschaften Deutschland AG (PDAG); eine führende Rolle spielte dabei
die Initiative Finanzstandort Deutschland (IFD). Die Aktien dieser
Gesellschaft nach englischem Vorbild gehören zur Hälfte dem Staat und
zur Hälfte einschlägigen Baukonzernen, Banken, Anwaltskanzleien und
Beraterfirmen. Die PDAG soll staatliche Stellen und Kommunen über PPP
beraten und damit auch Gewinn machen.
Die beteiligten Unternehmen hatten sich schon vorher in verschiedenen
Lobbyorganisationen zusammengetan: Bundesverband PPP, PPP-Plattform
(Bauindustrie), develoPPP (Entwicklungshilfe). Der Baukonzern Bilfinger
Berger organisiert eine jährliche PPP-Konferenz und gibt als deren
Protokoll seit 2004 ein PPP-Jahrbuch heraus. Bundesverband PPP und
Bertelsmann-Stiftung vergeben jährliche PPP-Innovationspreise, die
Zeitung Behörden-Spiegel kürte »die besten PPP-Projekte 2008«.
An einigen Hochschulen wie Karlsruhe, Stuttgart, Biberach, Mainz,
Freiberg und Weimar wurden PPP-Zentren bzw. PPP-Studiengänge
eingerichtet. Eine systemische Erscheinung sind sogenannte
PPP-Professoren. Sie haben einen staatlich alimentierten Lehrstuhl,
gleichzeitig sind sie jedoch Inhaber, Gesellschafter oder Mitarbeiter
einer privaten PPP-Beratungsfirma. So berät etwa Professor Wilhelm Alfen
die Bundesregierung, Landesregierungen und Kommunen, gleichzeitig aber
auch die Bauindustrie und den Baukonzern Hochtief.6 Solche staatliche
Absicherung privatwirtschaftlicher Aktivitäten ist typisch nicht nur für
PPP insgesamt, sondern auch für das hier tätige Personal. So wechselten
Ministerialbeamte aus dem Bundesfinanzministerium nicht nur mit dem
dreifachen Gehalt und zusätzlichen Boni in die von ihnen selbst
konzipierte PDAG, sondern sicherten sich vertraglich auch das
Rückkehrrecht in den Staatsdienst. Eine wichtige Rolle als Berater und
Türöffner spielen dabei ehemalige Politiker. So betreibt der
Ex-SPD-Vorsitzende und Exverteidigungsminister Rudolf Scharping die
Beratungsfirma Rudolf Scharping Beratung Kommunikation (RSBK). Er gibt
den Newsletter »PPP-Kompakt« heraus, lädt Kommunalpolitiker zu
kostenlosen Fortbildungsseminaren ein und organisiert zusammen mit dem
Behörden-Spiegel, Ernst & Young und Finanzinvestoren die Kongresse
»Public Infrastructure«. (...)
(Die) Lobby (legt) nach den schlechten Erfahrungen mit der ersten Welle
der Privatisierung Wert darauf, PPP nicht als Privatisierung, sondern
als »alternative Beschaffungsvariante« zu bezeichnen. Die umfangreiche
und zugleich langfristige Übertragung bisher öffentlicher Funktionen und
die faktische Dominanz der privaten Seite belegen jedoch das Gegenteil.
Die Dominanz der privaten Seite beginnt bei Public Private Partnership
bereits bei der Vorbereitung. Der Entscheidung für ein PPP-Projekt im
gewählten politischen Beschlußgremium geht ein
»Wirtschaftlichkeitsvergleich« voraus. Dabei werden die Kosten einer
traditionellen öffentlichen Erledigung mit der PPP-Variante verglichen.
Erstellt werden diese Gutachten allerdings von Beratungsfirmen, die sich
für PPP einsetzen. Sie gehen prinzipiell von einer unveränderbaren
Ineffizienz öffentlicher Erledigung aus.
Die Suche nach dem geeigneten Investor wird häufig Wirtschaftsprüfern
übertragen, die auch die Angebote bewerten. Die hier agierenden Firmen
mit ihren jahrzehntelangen Geschäftsbeziehungen zu Unternehmen sind
selbst Global Player und bewerten den öffentlichen Dienst prinzipiell
negativ. Sie sind zugleich keine Freunde des offenen Wettbewerbs,
sondern ihrer Vorzugsfirmen. (...)
Großkanzleien wie Freshfields und Clifford Chance erstellen die Verträge
– hochgradig komplizierte Vertragswerke, die beispielsweise beim
PPP-Vorzeigeprojekt des Landkreises Offenbach für dessen 90 Schulen
folgendes enthalten: elf Grundverträge (Rahmenvereinbarung,
Gesellschafts-, Finanzierungs-, Sanierungs-, Facility-Management-,
Personalüberleitungs-, Personalbeistellungs-, Reinigungs-,
Einredeverzichtsvertrag usw.), dazu 113 Anlagen und fortlaufende
Ergänzungen. Die Berater erhielten dafür 7,4 Millionen Euro Honorar.
Die Vertragswerke unterliegen zudem auf Wunsch der Investoren der
Geheimhaltung. Das bedeutet: Die rechtswirksamen Verträge liegen selbst
dann nicht vor, wenn im nichtöffentlichen Teil von Stadtrats-, Landtags-
und Bundestagssitzungen darüber entschieden wird. Bestenfalls erreichen
die gewählten Volksvertreter eine nachträgliche Vertragseinsicht, die
aber weiter der Geheimhaltung unterliegt. (...)
Den Vertrag schließt die öffentliche Hand mit einem Generalunternehmer.
Der Generalunternehmer gründet für jedes Projekt eine eigene
Projektgesellschaft, die in Eigenregie die Subunternehmer aussucht.
Damit zieht der Generalunternehmer alle Entscheidungen an sich,
verlagert Risiken und schöpft durch Dumping-Werklöhne zusätzliche
Gewinne ab, während die Subunternehmer mit Niedriglöhnern und Illegalen
arbeiten; Konkurse sind an der Tagesordnung. (...)
Geworben wird mit dem »ganzheitlichen Lebenszyklus-Ansatz«: Weil alle
Aufgaben langfristig in einer Hand sind, werden angeblich
»Synergieeffekte« erzielt. Der Generalunternehmer sei beispielsweise
beim anfänglichen Bauen oder Sanieren gezwungen, auf die langfristigen
Folgen für den Energieverbrauch zu achten, um ihn im eigenen Interesse
als Betreiber niedrig zu halten. Dies wäre plausibel, wenn das Ganze
nicht im neoliberal orientierten kapitalistischen Kontext abliefe. Der
PPP-Markt ist in der Bundesrepublik in der Hand von nur sechs großen
Infrastrukturanbietern: Hochtief, Bilfinger Berger, Serco (England), SKE
(deutscher Ableger von Vinci), Goldbeck und Royal BAM Group
(Niederlande). Alle Aufgaben in der Hand eines solchen Global Players
führen dazu, daß die Entscheidungen und Vorteile sich bei ihm
konzentrieren. Zudem ist der »Lebenszyklus« eines Gebäudes nach der
üblichen Laufzeit zwischen 20 und 30 Jahren nicht zu Ende. Der
Verantwortungshorizont des Investors endet gerade dann, wenn die
strukturellen Erneuerungsbedarfe beginnen, stellte das städtische
Revisionsamt der Stadt Frankfurt nach Prüfung des Projekts
Bildungszentrum Ostend fest.
Die Dominanz der privaten Seite manifestiert sich auch im juristischen
Verfahren. Bei PPP wird vereinbart, daß die beiden Parteien im
Streitfall nicht vor ein ordentliches Gericht gehen, sondern ein
Schiedsgericht bilden: Jede Seite benennt einen Vertreter, und man
einigt sich auf einen »neutralen« Dritten, der üblicherweise aus »der
Wirtschaft« kommt – auf lokaler Ebene ist dies ein Vertreter der
Industrie- und Handelskammer. Schiedsgerichte tagen geheim. (...) Im
Falle des größten deutschen PPP-Projekts, Toll Collect (LKW-Maut auf
Autobahnen), kam das private Konsortium aus Daimler, Telekom und
Cofiroute seinen vertraglichen Verpflichtungen über ein Jahr lang nicht
nach; die Maut wurde nicht einkassiert, dem Bundeshaushalt gingen etwa
fünf Milliarden Euro verloren. Die Bundesregierung klagte 2004 auf
Schadenersatz und Konventionalstrafe. Das Schiedsgericht wurde jedoch
überhaupt erst 2009 eingerichtet. Bestenfalls ist ein fauler Kompromiß
zu erwarten.7
PPP wird im politischen Diskurs mit den »leeren öffentlichen Kassen«
begründet. Doch gerade finanziell stellt PPP eine Milchmädchenrechnung
dar. Denn die öffentliche Hand ist nach Unterzeichnung eines
PPP-Vertrags ja immer noch überschuldet. Das bedeutet: Sie muß Kredite
aufnehmen, um die Mieten aufzubringen. In den Mieten sind aber schon die
Zinsen enthalten, die der Investor für seine Kredite zahlen muß; das ist
üblich, das macht jeder Vermieter. So zahlt die öffentliche Hand zweimal
Zinsen. Beispielsweise muß der Landkreis Offenbach für die in der
Vertragslaufzeit zu zahlenden Mieten von insgesamt 798 Millionen Euro
zusätzliche Kredite aufnehmen, für die er etwa 112 Millionen Zinsen
zahlen muß.
Einer Entscheidung für PPP geht, wie oben dargestellt, ein
Wirtschaftlichkeitsvergleich voraus. In allen mir bisher bekannt
gewordenen Vergleichen fehlt aber die zweifache Zinszahlung. Es fehlen
darüber hinaus die »internen Transaktionskosten«. Der Lobby sind sie
sehr wohl bekannt: Die öffentliche Hand muß erheblichen personellen und
finanziellen Aufwand betreiben, um den komplizierten Vergabeprozeß und
die 30jährige Begleitung des Projekts zu organisieren, und sie muß sich,
weil sie eigenes Personal abbaut, »externe technische, juristische und
wirtschaftliche Beratung« über den gesamten Projektzyklus hinzukaufen.8
Zudem gehen die Transaktionskosten des Investors (Beraterhonorare,
Bankprovisionen usw.) in die Miete ein; sie betragen zwischen 15,5 und
19,5 Prozent der gesamten Investition.
In den meisten Fällen verkauft der Investor die Forderungen aus dem
Mietvertrag, zumindest hinsichtlich der Bau- bzw. Sanierungsphase, an
eine Bank (Verbriefung, Forfaitierung). Der Investor bekommt die
Gesamtsumme aller betreffenden Mieten, die öffentliche Hand zahlt die
Mieten an die Bank und erklärt zu deren Gunsten einen Einredeverzicht.
Damit verzichtet die öffentliche Hand beispielsweise auf ihre Rechte zur
Mietminderung, selbst wenn der Investor mangelhaft oder gar nicht
arbeitet bzw. in Insolvenz geht. (...)
Die Investoren legen, auch aus steuerlichen Gründen, Wert auf möglichst
langfristige Verträge. Deshalb erwerben sie in der Regel auch die
Grundstücke, auf denen sie Schulen, Rathäuser usw. errichten. So können
sie als langfristige Eigentümer Steuerersparnisse geltend machen. Bei
den Immobilienfonds wie in Dreieich werden die Steuerabschreibungen mit
den Ausschüttungen verrechnet. Unternehmer können stille Reserven,
beispielsweise wenn sie Firmenteile verkaufen, in solche Fonds (sogenannte
6b-Fonds) investieren und damit die Besteuerung umgehen.9 Das bedeutet:
Bei einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung wird klar, daß der Staat
zusätzlich erhebliche Steuerverluste erleidet. (...)
Die Benachteiligung und Ausplünderung des Staates durch PPP läßt sich national wie international verallgemeinern. So ist etwa die Kostenüberschreitung die Regel. Meistens geht die öffentliche Hand auf die Forderungen ein und zahlt. In Großbritannien mußten 15 Prozent der Projekte wegen Kostenüberschreitung nach kurzer Zeit sogar abgebrochen werden. Spektakulär scheiterte das weltweit größte Projekt: Die beiden Konsortien Metronet und Tube Lines (zusammengesetzt aus den Weltkonzernen Bombardier, Electricité de France, Ferrovial, Bechtel, Thames Water/RWE und anderen) sollten 30 Jahre lang die Londoner Metro für ein Gesamtentgelt von 44 Milliarden Euro modernisieren und betreiben. Das 28000 Seiten starke Vertragswerk hatte die Weltliga der Berater – Price Waterhouse Coopers, Freshfields, Ernst & Young, KPMG – ausgearbeitet, für Honorare von etwa 700 Millionen Euro. Das Projekt startete 2003, und schon 2007 forderten die Investoren zusätzlich zur vereinbarten Miete einen Milliardenbetrag und erklärten ihre Insolvenz, als der Staat nicht mehr zahlte. Anschließend mußte der Staat die Schulden übernehmen und neu beginnen. Ein Käufer für das marode Projekt fand sich nicht, Schadenersatz der Berater und Investoren war, wie üblich, nicht vereinbart worden.
Als Vorteil für PPP wird "Planungssicherheit" angegeben; bei traditioneller staatlicher Auftragserteilung sei Kostenüberschreitung die Regel, bei PPP könne eine solche wegen der fest für die gesamte Laufzeit vereinbarten Mieten nicht eintreten. Das klingt gut, die Praxis ist jedoch eine andere, wie das Projekt Londoner Metro zeigt. Durch Preisanpassungsklauseln, das geringe Eigenkapital der jeweiligen Projektgesellschaften und den Zwang, daß bei Insolvenz der Investoren die öffentliche Hand die Folgen übernehmen muß, löst sich dieser versprochene Vorteil nämlich ins Gegenteil auf. Der Investor kann mit Insolvenz drohen, die öffentliche Hand geht notgedrungen auf die Erpressung ein. So stimmten etwa die Städte Rostock und Lübeck zu, daß die Investoren Hochtief und Bouygues die Maut für die von ihnen errichteten und betriebenen Tunnel (Warnow- und Trave-Tunnel) nicht, wie vereinbart, 30 Jahre lang kassieren dürfen, sondern 50 Jahre.
Der Bundesrechnungshof stellt nach der Prüfung von Projekten im
Bundesfernstraßenbau (Autobahnabschnitte) fest: Die Investoren setzen
prognostisch die LKW-Maut, die ihnen auf den Teilstrecken als Entgelt
zusteht, zu hoch an und verlangen anschließend Ausgleich vom Staat; die
Kapitalkosten der Privaten liegen bei 30 Prozent der Gesamtinvestition
und damit weit über denen der öffentlichen Hand; die Erhaltung der
Straße wird nicht auf den tatsächlichen Lebenszyklus, sondern nur auf
die Vertragslaufzeit optimiert; die Logik der PPP-Straßenprojekte läuft
auf die Einführung einer allgemeinen Maut auch für PKW hinaus.10
Die Präsidenten der Landesrechnungshöfe warnten schon 2006: »PPP ist
mittel- und langfristig ein gefährlicher Weg, weil auch hier die
Finanzierungslast in die Zukunft verschoben wird (...). Projekte, die
sich die öffentliche Hand konventionell finanziert nicht leisten kann,
darf sie sich ebensowenig alternativ finanziert leisten.« Auch einzelne
Landesrechnungshöfe, Haushaltsausschüsse in Landtagen und Kommunen
kommen verstärkt zur Einsicht, daß PPP zum Nachteil der öffentlichen
Hand ausschlägt.
Inzwischen hat sich auch die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di nach
längerem Zögern zur Kritik durchgerungen. Kritiker haben sich kürzlich
zu einem bundesweiten Netzwerk zusammengeschlossen.11
Die Bankenrettung und die Konjunkturpakete der Bundesregierung beweisen:
Wenn der politische Wille besteht, kann der Staat durchaus Kapital
mobilisieren. Warum also tut er dies für die wirtschaftspolitisch
fragwürdige Bankenrettung, nicht aber für die dringend gebotene
Modernisierung der öffentlichen Infrastruktur und für die
Rekommunalisierung der bisher veräußerten öffentlichen Unternehmen?
Selbstverständlich wäre dafür die staatliche Schuldenaufnahme nach
bisherigem Muster keine gute und endgültige Lösung. Wir kommen nicht
darum herum, das Tabu zu brechen: Der Staat braucht neue, wesentliche
Einnahmen: Kapitalgewinne, Kapitaltransaktionen, große Vermögen und
Einkommen, von denen es noch nie soviel gab wie heute, müssen höher oder
überhaupt erst besteuert werden. Die neue Regierungskoalition der
Bankrotteure ist dazu aber offenbar, genau wie ihre Vorgänger, nicht in
der Lage.
Daß die Privatisierung der ersten Welle den Staat noch ärmer und
abhängiger gemacht, Arbeitsplätze vernichtet, die Mehrheit der
Bürgerinnen und Bürger mit Zusatzkosten belastet und die Leistungen
nicht besser gemacht hat, ist heute Mehrheitsmeinung in der
Gesellschaft. Dies gilt auch für die Einsicht, daß nur der Staat im
Kontext einer kooperativen Ökonomie für die Grundbedürfnisse sorgen
kann.
1 Das Deutsche Institut für Urbanistik (difu) schätzt den
lnvestitionsstau bis 2020 allein in den deutschen Städten (Kanalisation,
Gebäude, kommunale Straßen, Schulen) auf über 700 Milliarden Euro; vgl.
difu, Kommunaler lnvestitionsbedarf 2006-2020, Berlin 2008
2 Motto des PPP-Führungskräfte-Forums am 18.11.2009 in Wiesbaden,
www.rrc-congress.de;
vgl. Henry Teitelbaum, PPP – Challenge and Opportunity after the
Financial Crisis, London 2009
3 Freshfields Bruckhaus Deringer, Outlook for lnfrastructure 2009 and
beyond, London Juni 2009,
www.freshfields.com.
Die Kanzlei hat auch die beiden Bankenrettungsgesetze (SoFFin und Hypo
Real Estate) für die Bundesrepublik entworfen
4 Kommission der Europäischen Gemeinschaften, Mobilisierung privater und
öffentlicher Investitionen zur Förderung der Konjunktur und eines
langfristigen Strukturwandels: Ausbau öffentlicher-privater
Partnerschaften, Brüssel, 19.11.2009
5 Vgl. PPP-Projektdatenbank des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und
Stadtentwicklung; danach sind etwa 150 weitere Projekte in Vorbereitung
6 Cash oder Crash, in: capital, 10/2009, S. 49
7 die tageszeitung, 12.6.2009; inzwischen wurden Teile des 17000 Seiten
umfassenden Geheimvertrags, verfaßt durch die Kanzlei Freshfields, unter
www.wikileaks.org
veröffentlicht; vgl. stern, 49/2009, S. 34 f.
8 Bundesverband PPP, Optimierung von Transaktionskosten öffentlicher
Immobilieninvestitionen, März 2009, S.5
9 Einkommensteuergesetz § 6 b; der Hebel beträgt 380 Prozent, das heißt
eine Geldanlage von 100000 Euro befreit stille Reserven von 380000 Euro
von der Steuer
10 Bundesrechnungshof, Gutachten zu ÖPP im Bundesfernstraßenbau,
5.1.2009
11 www.ppp-irrweg.de