|
|
|
Freiheit
oder Brunnenvergiftung? Liberalisierung für den Wassermarkt Wenn in Deutschland ein Wasserhahn aufgedreht wird,
verdient meist die Gemeinde oder die Stadt: Wasserversorgung gilt bisher als
hoheitliche, kommunale Aufgabe und als ein Bereich, in dem Privatunternehmen
nichts zu suchen haben, weil es um Gesundheit und Ökologie geht. Doch die Forderungen, die Liberalisierungswelle auch
in den Wassermarkt schwappen zu lassen, mehren sich. Ende März hat das
Bundeswirtschaftsministerium ein Thesenpapier vorgestellt, das eine Reihe von
Gutachtern erarbeitet hat. Danach könnten die kommunalen Wasserwerke
privatisiert werden und/oder mit privaten Wasserlieferanten konkurrieren müssen. Die Liberalisierung
des Wassermarktes dürfte allerdings wesentlich langsamer vor sich gehen und
schwieriger sein als etwa die im Strommarkt. Während Elektrizität
zwar unter schiedlich produziert wird, aber beim Verbraucher letztlich weder
gelb noch grün ankommt, sondern in Form von Spannung, ist die Wasserqualität
unterschiedlich. Daher kann das Wasserleitungsnetz schwerlich von mehreren
Anbietern gleichzeitig genutzt werden. Zudem dürften die gesetzlichen
Vorschriften an die Wasserqualität auch nach einer Privatisierung nicht laxer
werden. Gegner der Liberalisierung argumentieren, die
Wasserwerke hätten vor allem auch die Aufgabe des Gewässerschutzes. Der sei
gefährdet, wenn Firmen im Konkurrenzkampf um das billigste Wasser stünden. Dass die Liberalisierung nicht nur Vorteile mit sich
bringt, hat das Beispiel Großbritannien gezeigt, wo sie in den neunziger Jahren
unter der Thatcher Regierung eingeführt wurde: Michaela Schmitz vom
Bundesverband der deutschen Gas und Wasserwirtschaft (BGW) in Berlin verweist
darauf, dass dort wegen maroder Leitungen viel \Nasser versickere, dass die
Versorgungsleitungen aus Blei ungesund seien und dass überhaupt nur jeder fünfte
Haushalt einen eigenen Wasserzähler habe.
Eine Studie der Deutsche Bank Research sagt bei einer Privatisierung
einen bis zu 15 Prozent sinkenden
Wasserpreis voraus - was
Fachleute aus den Wasserwerken
bezweifeln. Vor allem aber prognostiziert die Studie,
dass von den 16 000 deutschen
Wasser-
und Abwasserunternehmen nicht
mehr als 100 überleben
werden. Die Kleinen werden Probleme haben, die Sanierungskosten für das
teilweise alte Leitungsnetz zu zahlen. Die Großen allerdings freuen
sich schon auf das Schlucken der
Kleinen. RWE-Vorstandsvorsitzender Dietmar Kuhnt hat Wasser
bereits als »Kerngeschäftsfeld« des Essener Konzerns ausgegeben. Den ersten
Fuß hat er bei den Berliner Wasserbetrieben schon in der Tür: Dort gehören
RWE Aqua und Vivendi Environment 49,9 Prozent, der Rest der Anteile ist in der
Hand der landeseigenen Berlinwasser Holding AG geblieben. Bis das staatliche deutsche Wassersystem den
Bach hinuntergeht, müssen die Branchenriesen jedoch einige politische Widerstände
überwinden. So erklärt die wasserpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion,
Petra Bierwirth, »Modernisierung braucht keine Liberalisierung; kommunale
Strukturen dürfen nicht zerschlagen werden.« ÖKO-TEST 7/2oo1
S73 |