Leasingausstieg ist gefährdet
Tübinger OB kritisiert Wolfgang Schuster
19.02.2009 - aktualisiert: 19.02.2009 19:55 Uhr
Stuttgart/Tübingen - Kurz vor dem Ausstieg der Wasserversorger im Land aus
den US-Leasingverträgen zweifelt der Tübinger OB Boris Palmer die
Rechtmäßigkeit der Beschlüsse an. Der Grüne erhebt heftige Vorwürfe gegen
Verbandschef Schuster.
Es wirkt wie eine Kleinigkeit, könnte aber eine große Wirkung entfalten.
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer verlangt von der
Geschäftsführung der Bodensee-Wasserversorgung (BWV) eine Auskunft
darüber, ob die Beschlüsse von Esslingen zum Ausstieg aus den
Cross-Border-Leasingverträgen und dem Kauf von US-Staatspapieren für rund
50 Millionen Euro rechtmäßig ergangen sind. Ein Antrag der Stadtwerke
Tübingen war von der Verbandsversammlung zwar zur Kenntnis genommen
worden, eine Abstimmung darüber aber unterblieb.
Palmer: Klarer Rechtsfehler
Für Palmer liegt ein klarer Rechtsfehler vor. Seiner Ansicht nach seien
die gefassten Beschlüsse ungültig, sagte das Tübinger Stadtoberhaupt. Er
habe die BWV-Geschäftsleitung gebeten, dies zu prüfen. Eine Antwort stehe
aus. Überraschenderweise hatte der US-Investor, die Großbank First Union
Bank/Wachovia am Mittwoch den Zweckverbänden den sofortigen Ausstieg zum
gleichen Preis wie für die Umstrukturierung angeboten. Die Frist läuft
heute aus.
Obwohl der Ausstieg aus den missglückten Geschäften unmittelbar
bevorsteht, haben Bodensee- und Landeswasserversorgung die angestrebte
Umstrukturierung der Verträge beschlossen. So habe man Rechtssicherheit
und gegenüber dem Investor eine "bessere Verhandlungsposition", sagte der
Vorsitzende beider Verbände, der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang
Schuster (CDU). Die Umstrukturierung war nötig geworden, weil der
US-Mietpartner AIG seine Bonität verloren hat. Die beiden Wasserversorger
sind bereit, 70 Millionen Euro in US-Staatspapieren anzulegen und sie
steuerneutral in eine Stiftung in den Niederlanden einzubringen. Dort
sollten sie direkt wieder an den US-Investor verpfändet werden.
Palmer betonte, auch Tübingen wolle wie alle anderen Verbandsmitglieder
eine schnelle Beendigung der Leasingverträge. "Die Auflösung soll
stattfinden. Ich will nur die Umstrukturierung nicht", begründete Palmer
seinen Protest. Es gehe ihm vor allem darum, dem Verbandschef Schuster zu
zeigen, "dass man so nicht mit Kritik umgeht".
Getrennte Abstimmung abgeschmettert
Auch in der Sitzung der Landeswasserversorgung war Unmut über den als
eigenmächtig empfundenen Führungsstil Schusters laut geworden. Einzelne
Rathauschefs hatten von ihren Gemeinderäten lediglich ein Mandat für den
sofortigen Ausstieg, nicht aber für eine Reparatur der hochriskanten
Leasingverträge mit dem Kauf von US-Staatsanleihen erteilt bekommen. Eine
getrennte Abstimmung wurde mit Geschäftsordnungsanträgen abgeschmettert.
Palmer wirft Schuster vor, es sei ihm wichtiger gewesen, eine
"Geschlossenheit mit der Brechstange" statt ein "ehrliches
Abstimmungsbild" zu erhalten.
Für Palmer ist es ein Unding, dass die Verbandsspitze durch die Beschlüsse
wieder einmal eigenmächtig entscheiden könne. Er sei "erschüttert", wozu
die Mehrheit in diesem Verband nun bereit sei. Man habe der
Geschäftsleitung einen Freibrief erteilt, für einen unbekannten
dreistelligen Millionenbetrag US-Staatsanleihen zu kaufen. "Wer so etwas
zu tun bereit ist, hat offensichtlich die Lehren aus den riskanten
Geschäften in den USA nicht gezogen", folgert Palmer.
Der Grünen-Politiker bemängelt, dass die Verbandsspitze nie direkt mit dem
Investor verhandelt und sich "blind auf die Anwälte verlassen" habe. "Die
Fehler der Verbandsführung haben uns bereits Millionen gekostet. Wir sind
wie ein Tanzbär durch die Arena gezogen worden. Die nehmen uns aus wie
eine Weihnachtsgans", sagte Palmer weiter. Von der
Bodensee-Wasserversorgung war am Donnerstag keine Stellungnahme zu
bekommen.
Wolfgang Messner