Tagesschau

Ausland Vorbild für Deutschland?

Eine Krankenversicherung für alle Niederländer

In Deutschland wird das Modell heiß diskutiert - in den Niederlanden ist es jetzt Realitiät: Alle Bürger zahlen in eine einzige Krankeversicherung ein. Sie deckt allerdings nur die Grundversorgung, für alles was darüber hinaus geht, müssen die Niederländer selber Sorge tragen und sich durch einen Wust von Angeboten kämpfen.

Von Ludger Kazmierczak, WDR, Den Haag

  [Bildunterschrift: Modell Niederlande: Basisversicherung für Alle]
30 Jahre lang haben die Niederländer darüber diskutiert - nun ist sie Realität geworden: die größte Gesundheitsreform in der Geschichte des Landes. Das bisherige Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung wurde aufgehoben. Jeder Bürger - egal wie arm oder vermögend - zahlt nun Prämien für eine Basisversicherung. Für alles, was darüber hinaus geht, gibt es Zusatz-Policen. Der Einzelne muss selbst entscheiden, was er braucht und finanzieren kann.

"Das holländische Modell ist einzigartig in Europa", sagt Hans Maarse. Andere Länder, so der Gesundheitswissenschaftler, werden sehr genau beobachten, ob es tatsächlich funktioniert: "Zwei Länder planen etwas Ähnliches. Die Deutschen, die allerdings nicht voran kommen, und die Schweizer. Wir sind also das Versuchskaninchen. Man könnte aber auch sagen: Wir tanzen aus der Reihe."

"Jeder kann sich die Versicherung leisten"

Für das Basispaket zahlt jeder Niederländer rund 1100 Euro jährlich. Hinzu kommen sechseinhalb Prozent des Gehalts, die vom Arbeitgeber abgeführt werden. Sozial Schwächere erhalten einen Zuschuss vom Staat. Niemand wird durchs soziale Netz fallen, versichert Gesundheitsminister Hans Hoogervorst: "Es ist eine für jeden bezahlbare Pflichtversicherung. Die meisten Bürger profitieren davon. Nur einige wenige werden mehr bezahlen als bisher. Aber wir müssen hier keine amerikanischen Verhältnisse befürchten. Jeder kann sich die Versicherung leisten."

Die Qual der Wahl

Doch das Basispaket umfasst nur die nötigsten Leistungen. Um Zusatzversicherungen für Zahnersatz, Brillengestelle und aufwändige Operationen muss sich jeder selbst kümmern. In den vergangenen drei Wochen wurden die Niederländer mit Angeboten der Krankenkassen geradezu überschüttet. Der Bürger hat die Qual der Wahl - die Fülle von Informationen scheint viele zu überfordern. Abwarten ist aber noch möglich. Denn weil die meisten Angebote erst sehr spät verschickt wurden, können die Versicherten noch bis zum Mai entscheiden, ob sie bei ihrer alten Kasse bleiben oder wechseln. Der Wettbewerb unter den Versicherern hat begonnen. Der Konkurrenzkampf, so das Kalkül der Politik, soll die Kosten senken und gleichzeitig die Qualität der Versorgung verbessern. Die Krankenkassen stecken in einer spannenden Phase, meint der Gesundheitsexperte Hans Maarse: "Die Versicherer werden scharf kalkulieren. Es ist anzunehmen, dass eine ganze Reihe von Unternehmen auf der Strecke bleiben."

Ärzte fühlen sich als Verlierer

  Als Verlierer der Reform betrachten sich schon jetzt die Ärzte. Sie fürchten, zu Sklaven der Versicherungskonzerne zu werden. Die Kassen schließen nämlich Kooperations-Verträge mit Medizinern und Krankenhäusern ab und vermutlich, so glauben viele Ärzte, werden die Versicherer nur noch auf den Preis schauen und den Ärzten die Tarife vorschreiben. "Es wird suggeriert, wir wollten mehr verdienen. Das stimmt nicht! Wir dürfen unser Geld nicht mehr selbst verwalten. Die einzigen, die daraus einen Vorteil ziehen, sind die Krankenkassen", fürchtet ein Hausarzt.

Gesundheitsminister Hoogervorst steht unter einem enormen Druck. Er verknüpft daher seine politische Zukunft mit dem Erfolg dieser Reform. "Das ist eine schwere politische Aufgabe", sagt er. "Sollte hier Chaos entstehen, dann hat nicht nur das Land ein Problem, nein, dann habe ganz sicher auch ich eins."

Stand: 02.01.2006 07:46 Uhr