Der Grat zwischen einem Fehler, der in der Hektik schnell einmal
passieren kann, und der gezielten Manipulation von Informationen ist
schmal. Am vergangenen Mittwoch berichtete die britische BBC »live« über
die Siegesfeiern der libyschen Aufständischen in Tripolis. Doch mancher
Zuschauer wird sich gewundert haben, warum die Menschenmenge indische
Fahnen schwenkte. Tatsächlich stammten die Aufnahmen aus Neu-Delhi und
hatten mit dem Krieg in Libyen nichts zu tun. Nicht besser erging es dem
US-Nachrichtenkanal CNN, der ein Interview mit seiner Korrespondentin
Sara Sidner über die Suche nach Muammar Al-Ghaddafi mit einer Landkarte
vom Libanon unterlegte. Dort gibt es zwar ebenfalls eine Stadt namens
Tripoli, aber selbst die libyschen Rebellen haben bislang nicht
behauptet, daß sich der langjährige Staatschef dort aufhält.
Die im Februar und März als Begründung für den Krieg herangezogenen
Bombenangriffe der libyschen Luftwaffe auf friedliche Demonstranten
haben sich längst als Propagandalügen herausgestellt. Und wenn auch in
Deutschland die meisten Medien immer wieder behaupten, die Vereinten
Nationen hätten die Intervention der NATO durch die
Sicherheitsratsresolution 1973 legitimiert, so ist die Grenze zur
Manipulation überschritten – denn in der Entschließung ist von einer
Flugverbotszone »zum Schutz der Zivilbevölkerung« die Rede, nicht aber
von einem Sturz der Regierung. Mittlerweile haben aber London, Paris und
Washington eingeräumt, daß ihre Spezialeinheiten direkt mit den
Aufständischen zusammen gegen Ghaddafi und seine Anhänger kämpfen. Das
von der UNO verhängte Waffenembargo wurde eifrig ignoriert, wenn es
darum ging, die Rebellen auszurüsten. Die mehreren tausend zivilen
Todesopfer, die die NATO-Bombenangriffe in dem monatelangen Luftkrieg
forderten, waren den westlichen Redaktionen kaum eine Notiz wert.
Die staatliche marokkanische Nachrichtenagentur MAP verbreitete am
vergangenen Donnerstag, »nicht weniger als 556 Polisario-Söldner, die
für Ghaddafi gekämpft haben«, seien von den Rebellen inhaftiert worden.
Die Befreiungsbewegung der Westsahara wies dies umgehend als
»systematische Lügen- und Verleumdungskampagne« der Regierung in Rabat
zurück. »Die Kämpfer der Sahrauischen Volksbefreiungsarmee waren niemals
an einem Konflikt außerhalb der Grenzen der Sahrauischen Republik
beteiligt und werden dies auch niemals sein«, erklärte deren
Informationsministerium am Wochenende. Zudem habe Ghaddafi seine
Unterstützung für den Freiheitskampf in dem von Marokko annektierten
Land bereits im Juli 1982 aufgegeben und seither gemeinsam mit Rabat am
Aufbau einer »arabisch-afrikanischen Union« gearbeitet. Dazu habe über
Jahrzehnte hinweg auch eine direkte finanzielle und militärische
Unterstützung für Marokko aus Libyen gehört.
Doch was ist mit dem siegreichen Einmarsch der Rebellen in der libyschen
Hauptstadt Tripolis am Sonntag vor einer Woche, von dem Fernsehbilder in
alle Welt verbreitet wurden? Nach dem monatelangen Patt zwischen den
Regierungstruppen und den Aufständischen kam die Offensive überraschend,
auch wenn es in den Tagen zuvor häufiger Meldungen über Geländegewinne
der Rebellen gegeben hatte. Während westliche Medien bereits euphorisch
über die »Befreiung« der Hauptstadt berichteten, waren die staatlichen
libyschen Fernsehprogramme weiter auf Sendung und verbreiteten ein
völlig anderes Bild der Lage. Sie wurden erst durch NATO-Bombenangriffe
zum Schweigen gebracht. Am vergangenen Montag meldeten die
Aufständischen dann die Festnahme von Ghaddafis Sohn Saif Al-Islam und
ließen sich diesen Erfolg sogar vom Internationalen Strafgerichtshof in
Den Haag bestätigen. Dumm nur, daß eben dieser Saif Al-Islam wenige
Stunden später, in der Nacht zum Dienstag, mitten im Stadtzentrum von
Tripolis auftauchte und sich von zahlreichen Anhängern feiern ließ.
Schon am 21. August erschien im Internet ein Video, daß als Beweis dafür
dienen sollte, daß die internationalen Medien einer Inszenierung
aufgesessen waren. Die in dem Mitschnitt des arabischen
Nachrichtensenders Al-Dschasira zu sehenden Bilder stammten demnach
nicht vom »Grünen Platz« in Tripolis, sondern seien in Kulissen gedreht
worden, die in Qatar errichtet worden seien, meldeten zuerst arabische
und dann auch europäische und lateinamerikanische Internetportale. Als
Beweis wurden Bilder aus dem Video Fotos vom Platz im Zentrum der
libyschen Hauptstadt gegenübergestellt. Es fehlten Verzierungen an den
Mauern, hieß es. Bei all diesen Berichten gab es jedoch keinen Link zu
dem Video selbst, das auf einem privaten Kanal im Internetportal Youtube
eingestellt worden war (
youtu.be/VVzld5C_BrY).
Bei genauer Betrachtung läßt sich darauf erkennen, daß offenbar das
Video selbst manipuliert worden ist. Das angeblich verschwundene Wappen
ist herausretuschiert worden, und das nicht einmal vollständig. Als
Beweis für eine an die Hollywood-Satire »Wag the Dog« erinnernde
Fälschung kann dieses Video somit kaum dienen.