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| Interview |
| Interview: Rosemarie Füglein |
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| Johannesburger Erdgipfel zu Ende: Neue Energie für den
Widerstand? |
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| jW sprach mit der indischen
Atomphysikerin, Ökologin und Feministin Vandana Shina. Die Trägerin des
alternativen Nobelpreises hat in Johannesburg den Erdgipfel beobachtet |
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F: Weshalb sind Sie zum Erdgipfel nach Johannesburg gefahren?
Ich kam nach Südafrika mit dem Ziel, Leute und Organisationen zu treffen,
mit denen ich schon seit 30 Jahren zusammenarbeite. Bewegungen, die es
sich zur Aufgabe gemacht haben, den Planeten, seine Ressourcen – Land,
Wasser und Artenvielfalt – sowie die Rechte der Menschen zu beschützen.
Ich wußte bereits im vorhinein, daß der Gipfel manipuliert werden würde,
daß die Nachhaltigkeitsagenda von Rio durch eine Freihandels- und
Globalisierungsagenda ersetzt werden würde, daß Umweltminister und -schützer
durch Handelsexperten ersetzt werden würden. Rio war zwar nicht perfekt,
aber immerhin ein erster Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Hier in
Johannesburg sind wir alle Zeuge des Ausverkaufs der Nachhaltigkeitsagenda
geworden.
F: War der Gipfel also eine einzige Pleite?
Was wir in den Verhandlungen verfolgen konnten, war
Verantwortungslosigkeit in ihrer stärksten Ausprägung. Johannesburg hat
Rio vergessen; Johannesburg war besessen von der WTO, der
Welthandelsorganisation. Unter dem Decknamen Nachhaltigkeit wurde in
Johannesburg über Handel gesprochen. Was die offiziellen Verhandlungen
angeht, war Johannesburg die reinste Zeitverschwendung.
Aber es waren auch Tausende Menschen hier, die sich mit aller Kraft dafür
einsetzen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wenn diese Menschen
in ihre Heimat zurückkehren, werden sie mit neuer Energie weiterkämpfen.
Und sie werden auf lange Sicht sozialen Wandel durch Widerstand bewirken.
Wir brauchen keine Regierungsentscheidungen zugunsten eines unnachhaltigen
Konsums und verschwenderischen Lebensstils. Das ist unsere moralische
Verpflichtung. Wir brauchen hierzu nicht einmal Gesetze; alles was wir
brauchen, ist unsere Hingabe.
Wir brauchen eine massive Bewegung gegen die Konzerne in der Form, wie sie
Gandhi vollzog, als die Briten versuchten, Salz zu monopolisieren, um ihre
Gewinne zu steigern, und ihr Militär aufzustocken, um uns einzuschüchtern.
Gandhi sagte: »Wir bekommen das Salz von der Natur. Ihr könnt uns
verklagen, weil wir Eure Gesetze mißachten, aber wir gehorchen einem höheren
Gesetz.« Unsere Geburtsrechte, unser Recht, die Ressourcen der Erde zu
nutzen, können nicht an Regierungstischen verhandelt werden.
F: Das sogenannte TRIPS-Abkommen der Welthandelsorganisation, das den
Schutz des Patentrechtes regelt, ist äußerst umstritten. Kritik gibt es
vor allem aus Afrika, aber auch aus Indien. Welche Auswirkungen hat es auf
die indische Landwirtschaft?
Der berüchtigte Paragraph 27 Absatz 3b des TRIPS (Trade Related
Intelectual Proberty Rights) bedeutet, daß Indien seine Gesetzgebung in
den Bereichen des Saatguts und der Pflanzenvielfalt ändern mußte.
Saatgut, einst ein freies, unentgeltliches Gut, ist für Landwirte zu
einer kostspieligen Ware geworden. Durch das Patentrecht und neue
Hybridsorten, aus denen kein Saatgut gewonnen werden kann, werden die
Landwirte von den Herstellern abhängig und in einen Teufelskreis der
Verschuldung getrieben. Mit den neuen Sorten geht eine Veränderung der
Anbaumethoden einher, die einen hohen Einsatz von Pestiziden und Wasser
verlangen. Viele können ihre Schulden nicht mehr bezahlen und begehen
Selbstmord. Seit Beginn dieser Politik haben wir eine Suizid-Epidemie
unter Landwirten erlebt.
Die TRIPS-Regeln werden außerdem für den Diebstahl von Wissen genutzt,
das sich indische Bauern im Laufe vieler Generationen erworben haben. Wir
sprechen von Biopiraterie. In einem von über hundert dokumentierten Fällen
ist unsere Organisation, »Diverse Woman for Diversity«, gerichtlich
vorgegangen. Es ging um den aromatischen Basmatireis, an dem eine
texanische Firma Eigentumsrechte beanspruchen wollte. Nach Jahren haben
wir vor Gericht Recht bekommen. Aber das war nur ein Tropfen auf den heißen
Stein, denn damit wurde das Problem, daß der internationale Handel für
Biopiraterie geradezu geschaffen ist, nicht gelöst.
Daher ist es falsch, den Handel zu globalisieren, ohne sich zuvor zu überlegen,
wie Urwissen der Menschen geschützt, dokumentiert und für die
Allgemeinheit zugänglich gemacht und gehalten werden kann. Es kann nicht
angehen, daß es Monopolrechte auf gestohlenes Wissen gibt. Die Kommunen
und Länder des Südens können sich dagegen nicht effektiv wehren. Die
Prozesse, die wir führen, sind lediglich Musterbeispiele, die der Welt
vor Augen führen sollen, was vor sich geht. Was wir eigentlich tun müssen,
ist, TRIPS und die Handelspolitik der Industrienationen neu zu überdenken
und zu korrigieren.
F: Die Anhänger des Freihandels behaupten, die Globalisierung bringe für
die Länder des Südens Entwicklung.
Globalisierung ist eine große Bedrohung für die »Dritte Welt« und
deren Landwirtschaft. Die Forderungen der Menschen in diesen Ländern
sollten endlich gehört werden. Wir fordern zum Beispiel das Recht,
Importe zu regulieren und reduzieren zu können. Aber alles, worüber die
WTO debattiert, ist die weitere Liberalisierung der Märkte. Die Rede ist
davon, daß auch der Süden Marktzugang in den nördlichen Ländern
erhalten soll. Aber das bedeutet nicht, daß die Landwirte des Südens
davon profitieren, weil es oft Niederlassungen von Firmen aus dem Norden
sind, die ihre Produkte mit hohen Profiten exportieren.
Außerdem bedeutet exportorientierte Landwirtschaft, daß die Bauern ihren
Anspruch auf Land und auf Wasser verlieren und die Artenvielfalt leidet.
Kleine Landwirte müssen Großunternehmen Platz machen und verlieren ihre
Lebensgrundlage. Die Dritte-Welt-Länder konkurrieren dann miteinander um
die Märkte im Norden und die Preise kollabieren. Ein gutes Beispiel hierfür
ist der Kaffee. Während das Volumen des Kaffeehandels sich von 40
Milliarden auf 70 Milliarden US-Dollar nahezu verdoppelt hat, haben sich
die Einnahmen der Kaffeeproduzenten in der gleichen Zeit von neun auf fünf
Milliarden US-Dollar fast halbiert.
Das zeigt, daß die Ausweitung des internationalen Handels kein Mittel zur
Bekämpfung der Armut sein kann. Das Kaffeebeispiel führt uns deutlich
vor Augen, daß Armutsbekämpfung nur dann funktioniert, wenn die natürlichen
Ressourcen – Land, Wasser und Artenvielfalt – in den Händen der
Menschen bleiben. Diese natürlichen Rechte müssen unverkäuflich
bleiben. Keine Regierung darf die Rechte der Bauern in Frage stellen. Der
internationale Handel muß faire Preise unterstützen, die die
Produktionskosten decken und den Produzenten eine ausreichende
Lebensgrundlage ermöglichen.
F: Indien ist nicht gerade Musterschüler der WTO. Wie sieht das momentane
Verhältnis aus?
Indien ist das von der WTO am meisten verklagte Land. Diese
Auseinandersetzungen rühren vor allem auch daher, daß Indien immer ein
souveränes, demokratisches Land gewesen ist und daß unsere sozialen
Bewegungen und Politiker versuchen, einen Wandel zu verhindern, der nicht
im Interesse der Bevölkerung ist. Die WTO hat es sich zur Aufgabe
gemacht, unsere Demokratie, unser Parlament und unsere souveräne
Entscheidungsfindung zu demontieren. Die WTO ist die größte
antidemokratische Kraft in der Welt. |
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