Micha ist erst 36 Jahre alt, doch kaum einer kennt die Berliner Reviere
für Flaschensammler so gut wie er. Seit seinem 16. Lebensjahr sammelt er
Pfandflaschen. Aber so eine Konkurrenz wie derzeit hat er noch nie erlebt.
Vor wenigen Jahren, sagt Micha, habe es sich noch gelohnt, auf U-Bahnhöfen
und Straßen zu sammeln. Doch diese Zeiten seien vorbei. »Zu viele alte
Menschen, die dort die Mülleimer durchsuchen«, sagt er.
Micha hat sich deshalb auf Fußballspiele und Konzerte spezialisiert. Doch
selbst da wird es schwieriger. Bei Heimspielen des 1. FC Union Berlin etwa
tummeln sich jedesmal 40 bis 60 Sammler rund um das Stadion – selbst dann,
wenn Union abends spielt und weggeworfene Flaschen in der Dunkelheit nur
schwer zu finden sind.
Micha postiert sich mit einer Sackkarre, die er als Depot nutzt, gewöhnlich
auf dem Waldweg, der von der Fankneipe »Abseitsfalle« bis zum Stadion führt.
Es ist ein schmaler Pfad. Tausende laufen dort eng gedrängt. Von seinem
Depot aus späht Micha nach den Flaschen, die weggeworfen werden. Sieht er
eine, dann sprintet er los. Seine Karre voller Flaschen wird ihm zehn Euro
bringen.
Direkt zu den Kassenhäuschen vor der »Alten Försterei« traut sich Micha
nicht. Dort müssen die Fans aus Sicherheitsgründen ihre Bierflaschen
abgeben, das Sammeln wäre einfacher. Aber das ist das Revier von
»Platzhirschen«. Respektiert man das nicht, sagt Micha, könnte es Streß
geben.
Jörg ist Frührentner und hat vor zwei Jahren mit dem Sammeln angefangen. Das
Geld reicht ihm nicht mehr. Drei- bis viermal pro Woche geht Jörg auf
»Spaziergang«, wie er das nennt. Es sei doch gut, an der Luft zu sein. Wenn
bloß nicht der Dreck überall wäre. Im Gebüsch entledigen sich die Fans nicht
nur ihrer Flaschen. Viele pinkeln auch dahin, wo der nächste seine Flasche
hinwirft. Jörg hat Angst, irgendwann richtig krank zu werden. Vor zwei
Jahren, da reichte seine Flaschentour vor den Union-Spielen sogar noch für
den Eintritt. Jetzt ist das vorbei. Zu viele Sammler sind mittlerweile
unterwegs.