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IG Metall geht auf Distanz zur SPD - und auf Globalisierungskritiker zu
Verhältnis zwischen Gewerkschaft und Partei ist merklich gestört /
Wahlkampfeckpunkte "machen Parteinahme unmöglich"
Von Hilmar Höhn (Berlin)
Kaum ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl geht die Metall-Gewerkschaft auf
Distanz zur SPD. Nach vier Jahren rot-grüner Regierung ist das traditionelle Bündnis
zwischen Partei und der Arbeitnehmervertretung offenkundig zerrüttet. In einem
Strategiepapier der IG Metall schreibt Gewerkschafter Klaus Lang: Die
Wahlkampfeckpunkte, die SPD-Generalsekretär Franz Müntefering vorige Woche
vorgestellt hat, "machen Parteinahme unmöglich".
Lang, Chefdenker der IG Metall, zieht in seiner Analyse mit Blick auf das
Wahljahr eine bittere Bilanz von vier Jahren rot-grüner Regierungszeit.
"Herzstück" der Politik der SPD-geführten Regierung sei die
"Sparpolitik", und nicht mehr der Dreiklang für "mehr Arbeit,
Innovation und Gerechtigkeit". "Gelinde gesagt: zurückhaltend" fällt
Langs Bilanz der Steuer- und Rentenreform aus. "Sie haben die
Gerechtigkeitslücke eher vergrößert."
Allenfalls in "einzelnen Vorhaben", etwa der Reform des
Betriebsverfassungsgesetzes, kann Lang eine Übereinstimmung mit den Interessen
der Arbeitnehmer erkennen. Sein Fazit: Vier Jahre Rot-Grün seien "keine
Grundlage für ein geschlossenes arbeitspolitisches und sozialstaatliches
Reformprojekt".
Aufschlussreich ist auch, dass Lang in seiner Analyse, die der FR vorliegt, den
Kanzlerkandidaten der Union, Edmund Stoiber, nicht rundweg verteufelt. Der Mann
sei ein "durchaus erfolgreicher Ministerpräsident" mit einigen
positiven, aber auch etlichen negativen Seiten. Weil Stoiber jedoch nicht der
Reaktionär Strauß sei, dürfe die SPD keinesfalls mit einem plumpen
Anti-Stoiber-Wahlkampf antreten.
Die bisherige Positionierung der SPD, die die Partei am Mittwoch auf einem
Kongress in Berlin diskutieren will, enthält aus Gewerkschaftssicht keine
"positiven Identifikationsmöglichkeiten". Es drohe, so Lang,
"massenhafte Wahlenthaltung".
Wie groß die Differenzen zwischen SPD und der mächtigen IG Metall inzwischen
sind, macht auch deutlich, dass der Gewerkschaftsvorstand jüngst eine
Selbsteinladung von SPD-Generalsekretär Franz Müntefering in das Gremium brüsk
zurückwies. Ohnehin sind die Gewerkschafter vom ständigen Anklopfen von
SPD-Funktionären genervt, die die IG Metall in der angelaufenen Tarifrunde zum
Streikverzicht bewegen wollen. "Das machen wir nicht mit", heißt es
in Vorstandskreisen.
Die SPD muss sich also auf die Gewerkschaften zubewegen, will sie deren Unterstützung
im Wahlkampf. Lang hat dafür eine ganze Latte an Forderungen parat, wie
beispielsweise höhere öffentliche Investitionen und ein Arbeitszeitgesetz, das
Überstunden verhindert. Zum Katalog gehört auch die Forderung nach
Wiederbelebung der Vermögenssteuer und eine effektivere Besteuerung großer
Erbschaften. Darüber hinaus soll sich die SPD aus Sicht der IG Metall für eine
europäische Wirtschaftsregierung und für ein grenzüberschreitendes
Streikrecht in Europa stark machen.
Schwierige Zeiten für SPD-Wahlkampfmanager, in deren strategische Linie die von
der Metall-Gewerkschaft geforderte Konfrontation mit dem Kapital so gar nicht
passt.
Und inzwischen ist der Missmut bei der IG Metall über die SPD so groß, dass
ihr Vorstand jüngst per Rundschreiben die Mitglieder zur Zusammenarbeit mit der
außerparlamentarischen, globalisierungskritischen Opposition ermutigt, die sich
unter dem Dach von Attac sammelt. Deren Forderungen, etwa die Besteuerung
spekulativer Geldströme, stimmten immerhin mit den Zielen der
Metall-Gewerkschaft überein
(18.02.2002 ; http://www.fr-aktuell.de/fr/spezial/2048/t2048008.htm)
IG Metall wendet sich Attac zu
Übereinstimmung mit Globalisierungskritikern unterstrichen
Von Dieter Balle
Die IG Metall strebt eine enge Zusammenarbeit mit dem
Anti-Globalisierungs-Netzwerk Attac an. Der Vorstand der Gewerkschaft habe alle
180 Verwaltungsstellen im Bundesgebiet aufgefordert, bei Attac mitzuarbeiten,
erklärte Vorstandsmitglied Horst Schmitthenner am Wochenende auf einem vom DGB
Mittelbaden organisierten Attac-Kongress in Karlsruhe.
KARLSRUHE, 3. März. Die Gewerkschaft stimme unter anderem in der Ablehnung von
Globalisierung und Neoliberalismus sowie in der Forderung nach einem Umbau des
ungerechten Welthandelssystems mit den Attac-Zielen überein.
Gewerkschaftssprecher Schmitthenner ging vor rund 200 Globalisierungskritikern
scharf mit den sozialdemokratisch geführten Regierungen in Europa ins Gericht,
die sich zu Wächtern der Finanzpolitik des Neoliberalismus entwickelt hätten.
Auch in Deutschland sei der erhoffte Politikwechsel mit der Übernahme der
rot-grünen Koalition ausgeblieben.
Die Politik der "Global Players" habe auch im reichen Norden zu verschärften
sozialen Krisen und zu Armutszonen geführt. Der Sozialstaat müsse verteidigt
werden, "anstatt wie Westerwelle und der Kanzler etwa der Zerschlagung der
Bundesanstalt für Arbeit das Wort zu reden", sagte Schmitthenner. Der
Internationalisierungsgrad der Gewerkschaften sei noch weit hinter dem des
Kapitals zurück. Über die Installierung von Euro-Betriebsräten hinaus müsse
deshalb über Weltbetriebsräte nachgedacht werden.
Sich von der Fixierung auf den Nationalstaat zu lösen, forderte auch Sabine
Ferenschild vom Ökumenischen Netz Rhein Mosel Saar. Im Hinblick auf die
Diskussion des Selbstverständnis von Attac sagte Ferenschild, das Netzwerk dürfe
seinen internationalen Charakter nicht verlieren und sich nicht vorschnell mit
Kompromissen zufrieden geben. Als Begleitmusik zu Regierungsgipfeln habe Attac
keine Zukunft, sondern solle stattdessen eine große Demonstration gegen den
drohenden Irak-Krieg organisieren. Die Konferenz, an der Attac-Sympathisanten
aus unterschiedlichen Bewegungen teilnahmen, konnte sich jedoch nicht auf eine
gemeinsame Resolution zu dem befürchteten US-Angriff auf Irak einigen.
In der Bundesrepublik hat Attac nach eigenen Angaben rund 5000 Mitglieder mit
schnell zunehmender Tendenz, weltweit sollen es bislang rund 60 000 sein.
(04.03.2002 ; http://www.fr-aktuell.de/fr/spezial/2048/t2048001.htm)
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