|
Heizöl
Teure Luft
WDR, Dienstag, 6. Juni 2006
Von H-C Schultze u. G.
Witt
Dank ausgeklügelter Kontrollsysteme ist Betrug bei Heizöllieferungen in
Deutschland bis heute mit Risiken für die Täter verbunden. Das ändert sich
im Oktober 2006. Dann setzt eine neue EU-Richtlinie für Messgeräte das
bewährte deutsche Regelwerk außer Kraft. Die zuständigen Eichbeamten
warnen vor katastrophalen Verhältnissen.
Messanlagen auf
Tanklastwagen für Heizöl werden in Deutschland streng kontrolliert, auf
Verdacht und regelmäßig mit unangemeldeten Stichproben. Ein
differenziertes Regelwerk legt bis in letzte Einzelheiten fest, wie
Messgeräte gesteuert werden dürfen und welche Zu- und Ableitungssysteme
erlaubt sind. Dieses Regelwerk wurde von der Physikalisch-Technischen
Bundesanstalt (PTB) zusammen mit den zuständigen Eichbehörden der Länder
im langjährigen Kampf gegen Betrüger entwickelt und ständig
fortgeschrieben.
Für die Eichbeamten vor Ort sind diese Regeln,
kurz „PTB-Anforderungen“ genannt, die Handhabe, um Betrugstechnik sofort
stillzulegen und Verstöße mit Geldbußen bis 10.000 Euro zu ahnden. Wie
wichtig dieser Verbraucherschutz ist, zeigt ein Blick in die Statistik:
Bei einer Großrazzia im vergangenen Jahr wurden allein in
Nordrhein-Westfalen 8,2 Prozent der überprüften Anlagen beanstandet, weil
damit betrogen werden konnte. Wenn damit - vorsichtig geschätzt - rund 10
Prozent der Liefermenge Luft statt Öl war, beläuft sich der Schaden für
Verbraucher bundesweit auf hochgerechnet rund 400 Millionen Euro pro
Jahr.
Kontrollen erschwert
Am 1. Oktober tritt auch in Deutschland eine neue EU-Richtlinie über
Messgeräte (2004/22/EG) in Kraft, der die Bundesregierung im Jahre 2004
zugestimmt hat. Für alle nach dieser Richtlinie in Betrieb genommenen
Messanlagen haben die deutschen PTB-Anforderungen keine Gültigkeit. Da es
die zuständige EU-Kommission aber versäumt hat, ein vergleichbar genaues
Regelwerk aufzustellen, haben es die Eichbeamten künftig schwer, gegen
Betrugstechnik vorzugehen. „Eine Katastrophe“, so Detlef Hoffmann, Experte
für Heizölmessanlagen beim Landeseichamt NRW, gegenüber
[plusminus.
Auch der Gesamtverband des Deutschen Brennstoff-
und Mineralölhandels warnt vor den Folgen. Aus seiner Sicht können
Betrüger durch Billigpreise ehrliche Händler kaputt machen. Der Verband
hat ein RAL-Gütezeichen ins Leben gerufen, um selbst durch strenge,
unangekündigte Kontrollen für einen seriösen Ölhandel zu sorgen.
Allerdings sind erst 20 Prozent der Firmen angeschlossen. Für die übrigen
wird es ab Herbst auf absehbare Zeit keine wirksamen Kontrollen
geben.
[plusminus hat Arnold Beumker, leitender Beamter beim
Landeseichamt Nordrhein-Westfalen gefragt, ob das zuständige
Bundeswirtschaftsministerium vor dieser Entwicklung gewarnt worden sei.
Seine Antwort: Das Ministerium sei „…sowohl von Eichbehörden wie auch von
Anwendern gewarnt worden, aber bis heute ist nichts Konkretes
geschehen.“
Steigende Betrugszahlen
befürchtet
[plusminus hat das Bundeswirtschaftsministerium gefragt, ob es
stimmt, dass deutsche Eichbeamte nach dem 1. Oktober in vielen Fällen
manipulationsfähige Messanlagen nicht beanstanden können, wenn sie nach
der neuen EU-Richtlinie in Betrieb genommen wurden. In seinem
Antwortschreiben behauptet das Ministerium, konkretisiert würden die neuen
internationalen Anforderungen „… durch harmonisierte Normen und normative
Dokumente der Internationalen Organisation für das gesetzliche Messwesen
(OIML).“
Tatsache ist aber, dass die EU-Richtlinie (int. Abk.: MID)
in Artikel 16 ausdrücklich vorschreibt, OIML-Normen könnten erst auf
Antrag eines Mitgliedsstaates durch die zuständigen Gremien verbindlich
gemacht werden. Hierzu ist dann die Veröffentlichung im EU-Amtsblatt
erforderlich.
Offenbar ist sich das Ministerium seiner
Argumentation selbst nicht so sicher. Denn wenig später heißt es im
zitierten Schreiben: „Derzeit wird auf europäischer Ebene ermittelt,
welche Normen und normativen Dokumente bereits existieren, die den
Anforderungen der MID (EU-Richtlinie, Anm. d. Red.) genügen, und in
welchen Bereichen neue Normen erarbeitet bzw. vorhandene angepasst werden
müssen.“ Indirekt wird damit zugegeben, was Eichbehörden und Anwender
befürchten: Dass es mit Einführung der EU-Richtlinie keine europaweit
gültigen konkretisierten Normen gibt.
Leitende Eichbeamte
befürchten, dass mit der neuen Richtlinie die Zahl der Geschädigten und
damit auch die Schadenssumme ab Herbst drastisch ansteigen werden. Und es
ist nicht absehbar, dass die Bundesregierung ihr Versäumnis, eine
Messgeräte-Richtlinie ohne konkretisierte Normen zuzulassen, bald durch
international verbindliche Vereinbarungen korrigieren kann.
Weitere Informationen:
- „Heizöl: Wie Kunden betrogen werden“
WDR-markt (31.10.2005)
- Tipps für den Heizölkauf (PDF, 125
KB)
Landesbetrieb Mess- und Eichwesen NRW
- Infos über Schutz vor Heizölbetrügern
(u.a.)
Eichbehörden der Länder
Dieser Text gibt den
Fernsehbeitrag vom 06.06.2006 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des
Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt. |