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Glaubwürdige Alternativen zum globalisierten Kapitalismus Von
Francois Houtart (Bibliothèque du Forum social mondial)* Bevor
man über Alternativen spricht, braucht man gute Analysen über die gegenwärtige
Globalisierung der kapitalistischen Wirtschaft. Diese ist nämlich viel mehr als
das Ergebnis der Technologie; als solche wird sie uns öfter präsentiert, um
deren Unvermeidbarkeit zu unterstreichen. In Wirklichkeit ist sie in den
Umgestaltungsprozess der Kapitalakkumulation einzuordnen, den wir unter dem
Begriff ”Washin-gton-Konsens” kennen. Auf der
Ebene des Mechanismus ist diese neue Phase durch die weltweite Integration der
verschiedenen Stufen der Produktion und der Distribution an unterschiedlichen
geografischen Orten, vor allem dank der neuen Kommunikations- und
Informationstechniken, charakterisiert. (Robert Reich, 1993). Dies hat - um
Michel Beaud zu zitieren (GEMDEV, 1999, 11)- aus der Globalisierung eine organische
einschließende Bewegung gemacht. Diese führt zu einer riesigen
Konzentration der wirtschaftlichen Macht und ebenfalls zu einem Anwachsen der
”Finanzblase”, die durch die Aufgabe der Goldparität begünstigt wird. Was
ihre Funktion betrifft, handelte es sich darum, den Anteil des Privatkapitals an
den produzierten Ressourcen gegenüber den Anteilen der Arbeit und des Staates
zu verstärken, nach mehr als 30 Jahren einer keynesianischen oder fordistischen
Politik in den westlichen Gesellschaften und nach der Verfolgung einer
nationalen und populistischen Entwicklung in den meisten südlichen Ländern.
Die Produktivitätssenkung im ersten Fall und die Kosten des Technologie- und
Know-how-Transfers in zweiten Fall waren die entscheidenden Faktoren für einen
Orientierungswechsel. Gewiss
erlaubte diese Politik, ein bedeutendes wirtschaftliches Wachstum
aufrechtzuerhalten, jedoch ein zerbrechliches, wie die verschiedenen Krisen
gezeigt haben. Sie förderte ebenfalls eine beträchtliche technologische
Entwicklung. Aber sie führte auch
zum Machtzuwachs einer Minderheit in der Welt, mit einem schwachen
Mitnahmeeffekt für die Mittelschichten und dem Zurückwerfen von Millionen
Menschen in die Armut oder in die extreme Armut. Denn angesichts der Produktivitätssenkung
in den gesellschaftlichen entwickelten Wirtschaftsbereichen hat das Kapital, um
seine Akkumulationsmöglichkeiten zu steigern, eine Offensive gegen die anderen
Nutznießer des gesellschaftlichen Produkts geführt, also gegen Arbeit und
Staat, mit den wohlbekannten sozialen Folgen, vor allem im Süden. Es handelt
sich also nicht um irgendeine Globalisierung. Eine
der ideologischen Grundlagen des kapitalistischen Wirtschaftssystems besteht
darin, zu behaupten und einzureden, dass es keine Alternativen gebe, dass die
Liberalisierung forciert werden müsse, um die bestehenden Probleme zu lösen
und dass der Markt die wahre regulierende Kraft der Gesellschaft ist. Die
offeneren seiner Verfechter erklären in Übereinstimmung mit den
neoklassizistischen Positionen, dass die Gesetze der Konkurrenz wieder in Kraft
gesetzt werden sollen, um die Monopole zu bekämpfen. Einige fügen sogar hinzu,
dass wichtige Bereiche der menschlichen Aktivitäten dem Markt nicht überlassen
werden dürfen und dass ein Minimum an Staat unabdingbar sei, um die
gesetzlichen Rahmenbedingungen des Marktes festzulegen, die Bildungs- und
Gesundheitsaufgaben wahrzunehmen, kollektive Infrastrukturen zu verwirklichen
und die öffentliche Ordnung zu gewährleisten. Und schließlich wollen alle übereinstimmend
dem besorgniserregend verbreiteten Elend durch Armutsbekämpfungsprogramme und
die Mobilisierung der freiwilligen - insbesondere religiösen - Organisationen
Abhilfe schaffen. In
diesen Kreisen wird aber die Tatsache nicht eingesehen, dass der Markt eine
gesellschaftliche Beziehung ist, die im Rahmen des bestehenden
Wirtschaftssystems Ungleichheiten schafft und diese auch braucht, um sich zu
reproduzieren. Das alles gehört zu seiner eigenen Logik: Konkurrenz,
Wettbewerb, „der Stärkere gewinnt“, Profitmaximierung, Senkung der
Produktionskosten, Flexibilisierung der Arbeit, Privatisierungen... In einer
solchen Perspektive tendieren die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen
Partnern zwangsläufig zur Ungleichheit, hauptsächlich die Beziehung
Kapital/Arbeit. Mehr noch, die Marktbeziehung hat die Tendenz, die Norm für
alle kollektiven Handlungen der Menschheit zu werden, Bildung, Gesundheit,
soziale Sicherung, Renten, öffentliche Dienste, Gefängnisse.... Wie
sollten wir uns also mit den Alternativen befassen? I.
Die theoretische Frage der Alternativen Die
Grundfrage ist, ob es tatsächlich Alternativen zum jetzigen Wirtschaftssystem
gibt, das faktisch den ganzen Planeten beherrscht, inklusiv einigen
sozialistischen Ländern, die sich im Übergang zur Marktwirtschaft befinden.
Wäre es nicht berechtigt, gemäß Adam Smith einzuwerfen, dass der
Kapitalismus den Mensch so nimmt wie er ist, während die Alternativen ihn so
sehen wie er sein sollte? Anders ausgedrückt, sind die Alternativen angesichts
der neuesten Erfahrungen nichts als Utopien? In der
Tat erscheint die Geschichte des Sowjetblocks für viele als der Beweis des
Scheiterns von Lösungen für einen Wechsel. Der Realsozialismus ist kein glaubwürdiger
Bezug mehr. Daher die ideologische Leere, die dem „Einheitsdenken” den Platz
überlässt. Man fängt obendrein erst jetzt an, die vielfältigen inneren und
äußeren Gründe für den Niedergang der Ostregimes zu untersuchen (Eric J.
Hobsbawn, 1999, S. 483-517). Andererseits nimmt die zerstörerische Schöpfung,
die den Kapitalismus gekennzeichnet, globale Dimensionen an und die Widersprüche,
die er auf der ökologischen und sozialen Ebene hervorruft, werden im wahrsten
Sinne des Wortes immer unerträglicher. In verschiedenen Kreisen, auf vielen
Ebenen und in der ganzen Welt sind immer mehr Widerstände zu verzeichnen, die
nach Alternativen suchen. Niemand glaubt jedoch, dass eine Änderung in kurzer
Zeit einfach durch eine politische Revolution stattfinden kann. Durch das
Scheitern des Realsozialismus ist zumindest bewusst geworden, dass jeglicher Übergang
langen Atem erfordert. Es ist
selbstverständlich viel zu früh für eine Synthese der Alternativvorschläge,
ihrer Denkansätze wie ihrer Praxis. Die Faszination des Marktes ist allgegenwärtig.
Man braucht nur einen Blick auf China oder auf Vietnam zu werfen, um
festzustellen, dass der Markt die letzte Direktive der Kommunistischen Partei
geworden ist und dass die Integration in den Globalisierungsprozess als
nationales Ziel hingestellt wird. Selbst wenn in diesen Ländern einige eigentümliche
Lösungen gefunden werden, um den Markt mit dem Sozialismus zu vereinbaren, das
Integrieren dieser Perspektiven in die Politik wird durch die Logik des
Kapitalismus überrannt, die wenig Spielraum lässt. Immerhin stellen sich heute
gegen die neoliberale Option zwei alternative Strömungen: Der Neokeynesianismus
und der Post-Kapitalismus. 1. Der Neokeynesianismus Diese
Orientierung befürwortet in ihrer Theorie die Hinnahme der Marktlogik als Motor
der Wirtschaft, jedoch unter der Bedingung, dass das System reguliert wird,
seine perversen Auswirkungen begrenzt werden und Missbräuche verhindert werden.
Dies scheint für viele eine vernünftige und realistische Lösung zu sein. Als
Bezugsmodell dient in diesem Fall die europäische Gesellschaft nach dem Zweiten
Weltkrieg, mit ihren sozialen Abkommen zwischen Kapital und Arbeit, und in
welcher der Staat die Verteilung der Reichtümer überwacht und schlichtet. In
einem gewissen Maße war es auch das Merkmal des Bandung-Modells
- ein Begriff von Samir Amin - , d.h. ein nationales und populistisches
Entwicklungsprojekt, das die kurz davor unabhängig gewordenen Länder Asiens
und Afrikas wie auch Lateinamerika („desarrollismo”) formuliert haben. In
diesen Regionen schmiedete sich die Allianz zwischen einer aufkommenden
Bourgeoisie und dem organisierten Sektor der Werktätigen in der formellen
Wirtschaft um ein Entwicklungsprojekt, wonach die Importe durch eigene Produkte
zu ersetzen sind. Die
Idee besteht also darin, die Prinzipien des Keynesianismus weltweit umzusetzen,
d.h. das kapitalistische Wirtschaftssystem zu regulieren. Nach dem
Ultraliberalismus, der zu einer Deregulierung der Märkte, der Geldflüsse und
der Organisation der Arbeit führte und Strukturanpassungsprogramme
hervorbrachte, wodurch die Staatsaufgaben demontiert wurden, schlägt das Pendel
in die entgegen gesetzte Rich-tung. Die Rahmenbedingungen der Konkurrenz sollen
wieder eingesetzt werden und parallel dazu soll man versuchen, die Umweltzerstörung
und die soziale Ungerechtigkeit zu reduzieren. Da heutzutage das Problem sich
nicht mehr auf der Ebene der einzelnen Staaten stellt, muss man Mittel für eine
weltweite Regulierung finden und zu diesem Zweck die passenden Instrumente
aufbauen. Auf dieser Ebene stellt sich nach dem Neokeynesianismus das Problem
der Alternativen. Diese
Strömung hat viele Varianten, je nachdem ob die Protagonisten den Akzent auf
die Regulierungen mit dem Ziel, den Kapitalismus zu retten, legen, oder ob es
darum geht, Schranken zu setzen, deren Aufgabe es wäre, sowohl ein
Vorsichtsprinzip (Ökologie)
zu respektieren als auch elementare Rechte (die Arbeiter, die Souveränität der
Staaten) zu schützen. Zu der ersten Kategorie zählen einige Sprecher des internationalen
Wirtschaftsforums, das jährlich in Davos stattfindet, oder auch Georges
Soros, genialer Spekulant und Wirtschaftsphilosoph; ebenfalls einige führenden Köpfe der Weltbank und des IWF.
In der zweiten Kategorie gibt es auch eine große Bandbreite - vom Dritten
Weg von Tony Blair und Bill Clinton, in Wirklichkeit sehr nah an der ersten
Orientierung , bis zu der Sozialdemokratie und den Christdemokraten, die beide
eine „soziale Marktwirtschaft“ befürworten. Alle
diese verschiedenen Positionen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die Logik
des Kapitalismus nicht in Frage stellen, sondern versuchen, seinen Missbräuchen
und Übertreibungen abzuhelfen. Der wilde Kapitalismus wird abgelehnt, sei es,
weil er das System selbst in Gefahr bringt, sei es weil seine ökologischen und
sozialen Ko-sten zu hoch sind. Im ersten Fall stützt man sich auf eine dem
System immanente Ethik:
Die Spielregeln müssen respektiert werden, aber damit das System besser
funktioniert. Im zweiten Fall verurteilt man mehr oder weniger streng die
perversen Aus-wirkungen des Systems, die vor allem dem Verhalten der
Wirtschaftsakteure zugeschrieben werden, denen Regeln vorzuschreiben sind und
die besser kontrolliert werden sollen. Die Ethik besteht dann darin, an das
Gewissen der Akteure zu appellieren und ein Regelwerk für das Funktionieren der
Wirtschaft einzusetzen. Die soziale Doktrin der Kirche reiht sich offensichtlich
da ein. 2.
Der Postkapitalismus Hier
stellt man sich die Organisation der Wirtschaft auf anderen Grundlagen als auf
denen des Kapitalismus vor, bzw. der Marktwirtschaft, wie es heute genannt wird,
weil es zivilisierter klingt (nach Milton Friedmann, Nobelpreisträger für
Wirtschaft, ist es das Gleiche). Also wird die Logik des Kapitalismus in Frage
gestellt, d.h. einer Wirtschaft, die sich auf sich selbst bezieht bzw. eine
Aktivität ist, die durch Profitmaximierung eine Akkumulation schaffen kann, die
Quelle der produzierenden Aktivität und also des Wachstums ist. Dieser
Vorstellung stellt der Postkapitalismus eine andere Definition der Wirtschaft
entgegen: Es handelt sich um eine Aktivität, die die materiellen Grundlagen des
physischen und kulturellen Wohlstands aller Menschen sichert. Während
die erste Definition den Einsatz der Individuen hervorhebt, deren Summe - nach
dieser Vorstellung - die Gesellschaft bildet, unterstreicht die zweite die
Tatsache, dass die Wirtschaft eine kollektive Konstruktion ist und erinnert
daran, dass der Markt eine gesellschaftliche Beziehung ist. Es handelt sich also
um eine grundlegendere Kritik als die neokeynesianische Position; sie mündet
zwangsläufig in radikalere Alternativvorschläge. Dies sollte genauer
untersucht werden, bevor man sich der Frage der Glaubwürdigkeit widmet. Sicher
gibt es unter den Protagonisten des Postkapitalismus viele Unterschiede. Man
findet dort eine revolutionäre Linke, die der Meinung ist, dass die Machtübernahme
der Schlüssel zu einem schnellen und radikalen Wechsel ist. Man findet dort
auch diejenigen, die seltsamerweise „Konservative” genannt werden und die in
den postsozialistischen oder noch offiziell sozialistischen Ländern eine Rückkehr
zu den sow-jetischen Lösungen, gar zum Stalinismus befürworten, als Versuch,
das mafiöse Chaos des entfesselten Marktes, wie es zum Beispiel in Russland
erfahren wird, zu beschwören oder
zu vermeiden. Die Mehrheit der
anderen nimmt jedoch an, dass der Übergang zu einem alternativen
Wirtschaftsmodell langen Atem erfordert. Heute
werden ernsthafte theoretische Anstrengungen gemacht. Sie schließen in einem früher
undenkbaren Dialog marxistische Denker aus verschiedenen Strömungen,
Linksintellektuelle unterschiedlicher Herkunft, Freidenker und Gläubige ein.
Die theoretische Recherche steht noch am Anfang, aber sie ist in Gang gesetzt.
Das beweisen solche Ereignisse wie die Feierlichkeiten zum 150ten Jahrestag des
Kommunistischen Manifests, an dem 1500 Intellektuelle aus den fünf Kontinenten
teilnahmen, oder auch die Existenz mehrerer Zeitschriften, die diese Themen
behandeln. Es ist
selbstverständlich nicht möglich, alle angedachten Perspektiven darzustellen.
Diesbezüglich hat Lucien Sève in seinem Werk ”Commencer par les fins”
einen wichtigen Beitrag geliefert. Er untersucht unerbittlich die Niederlagen
des Realsozialismus, aber er setzt sich auch für eine theoretische Reflexion
ein, die nicht einfach mit der Vergangenheit bricht und die es ermöglicht,
einen intellektuellen Prozess fortzusetzen, der es wagt, sich dem Kapitalismus
von einer radikalen Perspektive aus entgegenzustellen. „Den Kapitalismus überwinden
bleibt im eigentlichen und stärksten Sinne des Wortes eine Revolution, das heißt
eine radikale Umwälzung der bestehenden Ordnung.” (Lu-cien Sève, 1999.
S. 97). Er betont die Notwendigkeit einer theoretischen Reflexion für das
Handeln. Einige
werden sagen, es handelt sich um eine Utopie. Die Befürworter dieses Projek-tes
nehmen sie beim Wort, geben jedoch diesem Wort eine andere Bedeutung: Wie Paul
Ricoeur es entwickelt, ist es eine notwendige Utopie, d.h. ein Ziel, das
zeitlich nicht definiert ist, aber die kollektiven Bestrebungen zusammenfasst.
Unter dieser Bedingung ist Utopie nicht mit unausführbar gleichzusetzen. Aber
die Theorie kann nicht da stehen bleiben. Sie muss sich auch mit den Ergebnissen
der sozialen und ökonomischen
Analyse beschäftigen, so dass sie über die Erfahrungen der Vergangenheit
berichten kann und die vielfältigen gegenwärtigen Widerstände gegen das
kapitalistische System bewerten kann. Diese sind in der Tat nicht alle gegen das
Sy-stem gerichtet und auch nicht unbedingt dazu geeignet, mögliche alternative
Aktionen zu formulieren, was erneut auf die Notwendigkeit hinweist, Kriterien zu
deren Einschätzung zu entwickeln. Eine
konkrete Alternative wird nicht allein dadurch glaubwürdig, dass sie
funktioniert. Sie muss sich in einen breiteren Zusammenhang einordnen können
und eines der Elemente zum Aufbau des Endzieles bilden. Sonst wird sie rasch zu
einem Element des bestehenden Systems, da dieses eine ungeheuere Fähigkeit
besitzt, sich anzupassen und einzuverleiben. Daher die Bedeutung der Theorie für
die Entwicklung von Alternativen. Für
diese Denkrichtung ist es also ganz klar, dass die Alternativen Bestandteil der
Überwindung des Kapitalismus, nicht seiner Umgestaltung sind. Ein solches
Vorgehen setzt auch eine ethische Beurteilung voraus. Wie wir es schon ausgeführt
haben, schreiben die Anhänger des Neoliberalismus ganz groß auf ihre Tafeln
zum einen die Förderung der individuellen Initiative, die ihres Erachtens den
Menschen aufwertet, zum anderen das Zusammenwirken von widersprüchlichen
Interessen, die sich auf dem Markt neutralisieren, was seine selbst regulierende
Rolle bestätigt. Einige gehen sogar noch weiter, wie Michael Novak, der in den
USA die Vorstellung ver-teidigt, dass der Kapitalismus die Organisationsform des
Marktes sei, die dem Evangelium am nächsten sei, da sie Respekt der Person mit
Gemeinwohl verbinden würde, oder auch Michel Camdessus, der frühere
Direktor des IWF, der eine Woche vor seinem Rücktritt auf dem Symposium von Pax
Romana in Washington erklärte, der IWF würde eines der Elemente zur
Schaffung des Reiches Gottes bilden. Die
Notwendigkeit, den Kapitalismus zu überwinden, erfordert also ethische
Grund-lagen für die Suche nach Alternativen. In dem Maße, wie man diesem seine
Legitimation streitig machen kann, ist es möglich, eine öffentliche Meinung zu
mobilisieren und Aktionen zusammenzuführen. In der postkapitalistischen
Perspektive geht es um mehr als eine simple Verurteilung der Übertreibungen. Um
langfristig zu bestehen, braucht jedes System und insbesondere das
kapitalistische System kritische Instanzen, die es ihm ermöglichen, die Störungen
in seinem Funktionieren zu beheben. Darum
sind selbst radikale Reaktionen, die seine theoretischen Grundlagen nicht in
Frage stellen, schließlich dem System dienlich. Der
Postkapitalismus spricht dem Kapitalismus jegliche Legitimation ab, nicht zuerst
aus moralischen Gründen, sondern indem er auf dessen Unfähigkeit hinweist, die
Mindestanforderungen der Wirtschaft zu erfüllen, die als ein Räderwerk der
Gesellschaft definiert wird, das die materielle Sicherheit aller Individuen und
aller Völker gewährleisten sollte. Dies zeigt glasklar die Verteilung der
Einkommen in der Welt, die in der Graphik vom UNDP durch die Form einer Schale
abgebildet wird. Karl Polanyi, ein amerikanischer Ökonom ungarischer Herkunft,
hatte es wohl verstanden, als er erklärte, dass der Kapitalismus die Wirtschaft
aus der Gesellschaft herausgezogen und daraus eine eigene Entität gemacht
hatte. Darüber hinaus muss man hinzufügen, dass der Kapitalismus dazu
tendiert, seine Gesetze allen gesellschaftlichen Aktivitäten der Menschheit
aufzuzwingen. Das langfristige Projekt besteht also darin, die Wirtschaft in die
Gesellschaft wieder zu integrieren und aus diesem Grund wagt dieser Autor sogar,
die moralische Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus zu verkünden.
(Karl Polanyi, 1995) Für
die postkapitalistische Strömung reiht sich also die ethische Reaktion
angesichts der Übertreibungen in eine globalere Anschauung ein, denn diese sind
weder einfach Störfälle in seinem Verlauf noch das Ergebnis von individuellen
Perversionen. Die
postkapitalistische Analyse betrachtet sie als dem System zugehörig, was schon
durch die Tatsache leicht bestätigt wird, dass die gleichen ökonomischen
Akteure des „zivilisierten Kapitalismus”- inklusive die des so genannten Rheinischen
Kapitalismus, die Verfechter eines wilden Kapitalismus im Süden oder auch in
Osteuropa sind. Die Maximierung des Profits oder das Gesetz der Konkurrenz
kennen nur die Grenzen, die ihnen durch die Kräfteverhältnisse auferlegt
werden. In dem Maße wie der Kapitalismus auf organisierte Widerstände trifft,
weicht er zurück, ohne jedoch auf den Einsatz von Unterdrückung, Gewalt,
politischen Diktaturen oder sogar Krieg zu verzichten, um seine Interessen zu
verteidigen. Gemäß
dieser Sichtweise soll eine andere Globalisierung, die der Widerstände und der
Kämpfe aufgebaut werden (F. Houtart und F. Polet, 1999).
Denn gegenüber der Globalisierung des Kapitals findet man eine
Zersplitterung der Volksbewegungen oder
der Organisationen zur Verteidigung von verschiedenen Rechten, welche durch die
Vielfalt der geographischen Orte und der gesellschaftliche Bereiche bedingt ist.
Nur ein Zusammenkommen wird es ermöglichen, eine neue Kraft aufzubauen. Trotz
ihrer Unzulänglichkeiten ist die Aktion gegen die WTO in Seattle ein Beginn
gewesen. Die
technologischen Fortschritte und die ökologischen Fragen haben auch ihren Platz
in der postkapitalistischen Anschauung. Jene erscheinen nicht wie ein
Selbstzweck, noch weniger als ein Mittel zur Profitmaximierung, sondern als ein
Mittel, die Lage der Menschen auf dem gesamten Planeten zu verbessern. Daher
werden die sozialen Bedingungen der Technologieentwicklung ( die menschlichen
Kosten), ihre Rolle in dem ökonomischen System (Arbeit vernichten oder die
Arbeitsbedingungen verbessern), die Verteilung ihrer Vorzüge in den
Gesellschaften ( einer Minderheit vorbehalten oder allen zugänglich gemacht),
die ethischen Merkmale ihrer Anwendung (Biotechnologie) und ihre Folgen für die
natürliche Umwelt (CO2 usw.) in Betracht gezogen. Was die
ökologischen Faktoren anbetrifft, richtet sich darauf besonders die
Aufmerk-samkeit. Wenn schon vor anderthalb Jahrhunderten Marx gesagt hatte, dass
der Kapitalismus die beiden Quellen seines Reichtums, die Natur und die Menschen
zerstört, stellt man jetzt fest, dass die sozialistischen Regimes den
Erfordernissen der Ökologie
wenig Beachtung geschenkt haben. Mehr denn je, sagen die Befürworter einer
postkapitalistischen Lösung, verlangt das Vorsorgeprinzip, die Nutzung der
Na-tur der Logik des Marktes zu entziehen und diese in einem Rahmen, der nur
weltweit sein kann, einzubinden. Und
weil schließlich der Markt eine gesellschaftliche Beziehung ist, setzt sich das
Recht des Stärkeren in vielen Fällen durch. Selbst wenn in der jetzigen
Konjunktur die Hauptzentren des Kapitalismus in den USA, Europa und Japan zu
finden sind, die zusammen über viele ökonomische, wissenschaftliche und
strategische Monopole verfügen, befindet sich die militärische Macht, die das
System sichert, in den Händen der USA. Thomas Friedmann, Berater der
Staatssekretärin Madeleine Albright, schrieb in dem New York Times Magazine vom
28.März 1999 einen Artikel mit der Überschrift. „Damit die Globalisierung funktioniert, darf Amerika
nicht zögern, wie die unbesiegbare Supermacht, die sie in Wirklichkeit ist, zu
handeln”. Er fügte hinzu: „Die unsichtbare Hand des Marktes wird
niemals ohne eine unsichtbare Faust funktionieren. McDonald kann nur mit Hilfe
von McDonald Douglas, dem Hersteller der F-15, expandieren. Und die unsichtbare
Faust, die weltweit die Sicherheit der Technologien von Silicon Valley gewährleistet,
heißt die Armee, die Luftwaffe, die Marine und der Marinecorps der USA.”
(Thomas Friedmann, 1999, 61) Einer
solchen Erklärung sollte man zumindest Ehrlichkeit attestieren. Die Gegnerschaft zu der amerikanischen Hegemonie und dabei insbesondere
die Kritik an der NATO sind unter diesem Blickwinkel zu sehen (Samir Amin,
1999). Diese hat sich bezüglich des Kosovo-Krieges geäußert, als Ergebnis
einer Analyse, die weiter als die unmittelbare Zeit geht und sich in der
globalen Perspektive des Postkapitalismus einreiht. Der Beginn der
Institutionalisierung der europäischen Verteidigung nach diesem Krieg zeugte
ein gewisses Bewusstsein der Widersprüche innerhalb dieser Triade und weist
auch auf die Möglichkeit einer Alternative hin. II.
Die konkreten Alternativen Beide
eben vorgestellten Vorhaben schlagen Alternativen vor. Das erste –
neokeyne-sianische Orientierung – hat dabei zum Ziel, den Kapitalismus zu
humanisieren und das zweite will ihn überwinden. Von Alternativen zu sprechen
ist also ambivalent, je nach dem, ob es sich um Alternativen innerhalb der
kapitalistischen Wirtschaft oder ob man für Alternativen zum kapitalistischen
System eintritt. Beide haben eine Theorie, bauen eine Ethik auf, nähren Widerstände
und schlagen konkrete Schritte vor. In vielen politischen Punkten treffen sie
sich, treten für bestimmte Regulierungen ein, wie die der internationalen
Finanzflüsse zum Beispiel, aber die Grundphilosophie ist sehr verschieden. Man
darf sich nicht täuschen. Viele soziale und gar kulturelle Fak-toren tragen
dazu bei, sie von einander zu trennen. Beide
Anschauungen sprechen heute von Alternativen im Plural, aber in
unterschiedlichem Sinne. Für die einen gibt es keine globalen Ziele mehr, diese
bergen in sich nur die Gefahr einer Rückkehr zu einem „Einheitsdenken”,
aber es gibt umgekehrt eine Reihe von konkreten Lösungen, die es ermöglichen,
glaubwürdige Alternativen zu der gegenwärtigen Situation, die als unerträglich
gilt, darzustellen. Diese Überlegungen stehen dem Neokeynesianismus am nächsten.
Für die anderen sind die konkreten Alternativen nur glaubwürdig, wenn sie im
Rahmen einer allmählichen Ersetzung des kapitalistischen Systems stattfinden,
also als Etappen in einem unausweichlich langen Übergang. Hat der Kapitalismus
denn nicht vier Jahrhunderte gebraucht, um die materiellen Grundlagen seiner
Reproduktion zu schaffen - die Industrialisierung und die Arbeitsteilung? Es ist
also ganz normal, dass eine andere Produktionsweise auch Zeit braucht, um sich
aufzubauen. „Das Problem des Sozialismus”, sagte Maurice Godelier,
„besteht darin, dass er das Laufen mit den Beinen des Kapitalismus lernen
musste.” Die neue technologische Revolution könnte dazu beitragen die
Lage zu verändern, aber selbstverständlich wird es nicht automatisch
geschehen. Bevor
wir auf die einzelnen Bereiche eingehen, für die zur Zeit glaubwürdige
Alternativen entwickelt werden, möchten wir drei Anmerkungen machen: Erstens
können die Alternativen, die von gesellschaftlichen Akteuren entwickelt werden,
nur daraus entspringen, dass der bestehenden Lage, also dem realen Kapitalismus,
die Legitimation abgesprochen wird. Dieser Schritt ist unerlässlich. Mit
anderen Worten muss man die Vorstellung zerstören, wonach es keine Alternativen
gibt. In dem Maße, wo eine solche Überzeugung vorherrschend bleibt, wird keine
andere Lösung als glaubwürdig gelten und das Spiel ist im Voraus entschieden.
Daher die bedeutende Rolle der moralischen Instanzen sowohl für diejenigen, die
das vorhandene ökonomische System reformieren wollen als auch für die, die es
ersetzen wollen. Zweitens
ist daran zu erinnern, dass der Markt eine gesellschaftliche Beziehung ist und
dass unter dem Vorzeichen der Globalisierung seine Veränderung nur im Rahmen
eines neuen Gleichgewichts stattfinden wird, was ein Zusammenwirken der Wi-derstände
und der Kämpfe auf der gleichen Ebene erfordert. Es sind nicht nur einfach
Wirtschafts- oder Verwaltungstechniken einzusetzen, um das ökonomische Sys-tem
und seine sozialen, politischen und kulturellen Auswirkungen zu verändern.
Aktionen mit einer Reihe von sozialen und politischen Forderungen sind also
notwendig, um die Alternativen in Gang zu setzen. Drittens
ist anzumerken, dass ein System zu verändern ist (also anzupassen bzw. zu
ersetzen, je nach der Perspektive); das Addieren von Alternativen, seien sie
noch so vielfältig, wird zur Verwirklichung dieses Ziels nicht ausreichen. Es
gibt jedoch viele Orte und eine Vielzahl an Akteuren, wahrscheinlich viel mehr
als vor einem halben Jahrhundert. Heute sind alle Bevölkerungen der Welt direkt
oder indirekt in die gesellschaftlichen Beziehungen des Kapitalismus einbezogen,
sei es direkt durch das Verhältnis Kapital/Arbeit oder die Lohnarbeit, sei es
indirekt durch eine große Zahl von anderen Mechanismen wie z.B. die Festlegung
der Preise der Agrarprodukte für den Export und der Rohstoffe, die Mechanismen
der Auslandsverschuldung, die Öffnung der Märkte, die Wechselkursfreigabe
oder die Finanzspekulation. Wie kann man in der Tat nicht nur die Existenz von
über 20 Millionen Arbeitslosen in Ost- und Südostasien erklären, Folge der
Banken- und Finanzkrise, sondern auch die Tatsache, dass die dalits (Unberührbaren)
in Indien sich auflehnen und es Kastenkämpfe, keine Klassenkämpfe gibt, gerade
zu dem Zeitpunkt, wo das Land die Öffnung der Wirtschaft gemäß den Prinzipien
des Liberalismus verordnet, was unter anderem die Abschaffung der Hilfsmittel
zur Grundernährung bedeutet, oder auch die Revolte der Chiapas in Mexiko,
gerade zum Zeitpunkt, wo der Freihandelsvertrag mit den USA - NAFTA - in Kraft
tritt? Wie kann man die soziale Radikalisierung der femini-stischen Bewegungen
im Süden verstehen, wenn man sie nicht in Beziehung zu der Feminisierung der
Armut setzt? Man könnte noch viel mehr Beispiele anführen. Die
konkreten Alternativen (in Plural) können also entweder als Geländer für das
System , ohne dass dieses in seiner Grundlogik in Frage gestellt wird,
betrachtet werden, oder als Meilensteine auf dem Weg zu dessen Überwindung. Es
stimmt schon, dass konkrete Vorschläge manchmal bis auf Nuancen übereinstimmen
und sogar identisch erscheinen. Die Regulierung der internationalen Finanzflüsse
schlagen sowohl George Soros als auch ATTAC, die Bewegung französischer
Herkunft für die Tobin-Tax, vor. Aber zwischen diesen beiden Polen, einerseits
der amerikanische Finanzier, andererseits die Initiative von Le Monde
Diplomatique, gibt es mehr als Nuancen. Die Endziele sind entgegengesetzt. Der
erste will den Kapitalismus retten und erklärt es sehr offen, der zweite,
selbst wenn in ihm verschiedenen Strömungen vertreten sind, will ihn überwinden. Um das
Problem der glaubwürdigen Alternativen anzugehen, muss man drei Ebenen berücksichtigen:
die der Utopie, die der mittelfristigen Ziele und die der konkreten Maßnahmen.
Auf diesen drei Ebenen sind heute viele Ideen, Vorschläge und Versuche zu
verzeichnen. 1. Die Ebene der Utopien Es sei
zuerst daran erinnert, dass es sich bei einer Utopie nicht um eine Illusion,
sondern um ein mobilisierendes Projekt handelt. Dieses kann nicht allein ein
Geistespro-dukt sein. Es muß seine Wurzeln in der Wirklichkeit haben, die für
deren Akteure durch die räumlichen und zeitlichen Zwänge bestimmt wird. Wir
werden hier nicht die neoliberale Utopie darstellen, die der erste Direktor der
WTO so beschreibt: schon im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts würde man das
Ende jegliches Elends der Welt und die Verwirklichung des Glücks für die
gesamte Menschheit erleben, unter der Bedingung, dass die gesamte Wirtschaft
liberalisiert wird. Gerade weil ver-gessen wird - vielleicht nicht unabsichtlich
-, dass der Markt eine gesellschaftliche Beziehung ist, ist diese Position
illusionistisch. Beide
Orientierungen, der Neokeynesianismus und der Postkapitalismus, lehnen es ab,
die Utopie mit einer mythischen Zukunft gleichzusetzen; sie unterscheiden sich
sehr in der Definition des Endziels. Die erste stellt sich einen regulierten
Markt vor, der Bestimmungen gehorcht, die von außen festgelegt wurden und durch
die öffentliche Gewalt gewährleistet werden, eine Position, die durch einige
Aspekte sehr stark der der Neoklassiken ähnelt, welche vor allem bestrebt sind,
die Bedingungen der Konkurrenz wieder einzurichten; dies erklärt vielleicht die
Annäherung zwischen den sozialen Liberalen und den Sozialisten des Dritten
Wegs. In der
Sicht der postkapitalistischen Strömung hingegen soll die Logik des
Kapitalismus gekippt und neue
Regeln für das wirtschaftliche Spiel sollen etabliert werden: Die Ersetzung des
Profitbegriffs durch den Bedarfsbegriff, die Beachtung der sozialen Beziehungen
in dem Produktionsprozess und bei der Entwicklung der Technologien, die
demokratische Kontrolle, nicht nur der politischen Entscheidungen, sondern auch
der ökonomischen Aktivitäten, der Konsum als Mittel und nicht als Ziel, der
Staat als technisches Organ und nicht als Unterdrückungswerkzeug usw. Mit Hilfe
solcher Kriterien bewertet diese Strömung die Erfahrungen mit dem realen
Sozialismus, um herauszufinden, was nicht funktioniert hat und warum. Die
Ebene der Utopien muss zu der Erstellung von Programmen führen, es ist also ein
weiterer Schritt zu machen. Wie wir es schon ausgeführt haben, beide Strömungen,
die der neoliberalen Phase der kapitalistischen Akkumulation nicht zustimmen,
schlagen kurz- und mittelfristigen Alternativen vor, die ziemlich oft sich ähnlich
sind. Also werden wir vor allem auf die Momente der Übereinstimmung eingehen. 2.
Die mittelfristigen Alternativen Wenn
wir den Ausdruck „mittelfristig” benutzen, erwähnen wir allgemeine Ziele,
die als erreichbar eingeschätzt werden; entweder werden diese in viele
konkretere Vorschläge übersetzt, die in den kurzfristigen Alternativen
aufgegriffen und je nach den Möglichkeiten realisiert werden, oder sie
erfordern einen langwierigen Kampf angesichts der starken Gegenkräfte. Wir
werden jetzt deren beide wichtigsten Bereiche beschreiben: Zum einen die ökonomischen
Alternativen und ihre gesellschaftlichen Dimensionen, zum anderen die
politischen Alternativen. a)
Die ökonomischen Alternativen und ihre gesellschaftlichen Dimensionen Das
erste Ziel einer mittelfristigen Alternative auf dem ökonomischen Gebiet ist eine
andere Gestaltung des globalisierten Austauschs. Die Widersprüche zu der
Globalisierung betreffen nicht die Universalität der Transaktionen, sondern die
Art und Weise, wie sie im Kapitalismus stattfinden. Dies wurde in Seattle und in
Bangkok ausgeführt. Einige Sektoren der zwischenmenschlichen Aktivitäten müssen
außerhalb der Marktlogik bleiben, sonst verlieren sie ihren Sinn. Das ist der
Fall für die Kultur, die Bildung und die Kommunikationsmittel. Die Öffnung der
Märkte muss den schwachen Wirtschaften Handlungsspielräume geben. Die Freizügigkeit
kann nicht nur für das Kapital und die Güter gelten, sondern soll auch
Personen zuerkannt werden. Die spekulativen Aktivitäten, die die Weltwirtschaft
beherrschen, müssen kanalisiert werden, wenn schon nicht vollständig abschafft
werden usw. Für alle diese Punkte wurden Vorschläge entwickelt. Die
gegenwärtige Globalisierung begünstigt außerdem sowohl die Interessen der stärkeren
Nationen als auch die multinationalen Firmen, die einen Prozess der
Konzentration durchleben. Die regionalen ökonomischen Zusammenschlüsse stellen
eine andere Art und Weise dar, sich in die Globalisierung einzuordnen. Sie
entsprechen nämlich zwei alternativen Perspektiven. Einmal werden sie allmählich
den Bedürfnissen der Bevölkerungen besser entsprechen können, indem sie den
internen Austausch erweitern, zum anderen bilden sie eine solidere
Verhandlungsbasis in einer globalisierten Wirtschaft; somit schaffen sie einen
Ausgangspunkt für eine zukünftige ökonomische und politische Vielfalt, im
Gegensatz zu der jetzigen Unipolarität der Triade Europa - Japan - USA, die
unter der Hegemonie der letzteren steht. Um die
Nord-Süd-Beziehungen, ein weiterer Aspekt der gegenwärtigen Globalisierung, zu
verändern, sollten die Hindernisse zu der Entwicklung der abhängigen
Wirtschaften aufgehoben werden, indem die Orientierung der Finanzströme
umgedreht wird, die jetzt zu den entwickelten Wirtschaften auf Grund ihres
Gewichts in den internationalen Beziehungen fließen. Es handelt sich um
folgende Hindernisse: Schwankungen der Preise für Rohstoffe und Agrarprodukte,
Konkurrenz der Agrarüberschüsse, Zuliefererstrukturen und Freihandelszonen mit
ihren äußerst strengen steuerlichen und sozialen Bedingungen, die Bedeutung
des Schuldendienstes, die Forderungen der ausländischen Investoren, die
Wucherzinssätze der kurzfristigen Geldanlagen (Schwalbenkapitalgelder), die
Flucht des lokalen Kapitals zu Orten, die eine höhere Rentabilität gewähren
usw. In all diesen Bereichen werden Lösungen vorgeschlagen und einige werden
schon teilweise umgesetzt oder debattiert. Ebenfalls
die Globalisierung betreffend sind schließlich auch die Reduzierung des
Waf-fenhandels und seine strenge internationale Kontrolle weitere
mittelfristige Ziele der Alternativen. Es wird auch angestrebt, dass die
Kontrolle des Verbots von Massenvernichtungswaffen in den Händen einer
wirklichen internationalen Instanz liegt und nicht allein von einigen Nationen
abhängt, die die Weltordnung beherrschen. Es gibt schon Vorschläge in diesem
Sinne und sie sind in dem Maße glaubwürdig, wo daraus ein politischer Wille
abgelesen werden kann. Nach dem Ende des Kalten Kriegs hat man von den
”Friedensdividenden” gesprochen. Diese Vorstellung, die ansatzweise
verwirklicht wurde, könnte ausgedehnt werden. Da die
Alternativen eine Veränderung oder eine Ersetzung des jetzt weltweiten
Kapitalismus bedeuten, sollte man sich nicht nur mit seiner räumlichen
Ausdehnung beschäftigen, sondern auch mit seiner Logik, die weltweit wirkt. In
diesem Bereich geht es um die Schranken, die der Marktlogik gesetzt werden.
Niemand unter denjenigen, die Alternativen vorschlagen, denkt daran, den Markt
abzuschaffen, denn wenn dieser eine gesellschaftliche Beziehung darstellt, könnte
er auf der Grundlage von einer echten Gegenseitigkeit aufgebaut werden. In
diesem Sinne öffnet die Entwicklung ei-ner sozialen Wirtschaft, selbst wenn
ihre Möglichkeiten durch die jetzigen Rahmenbedingungen stark eingegrenzt sind,
den Weg zu vielen Lösungen, auch zu dem Besitz der Produktionsmittel durch die
Produzenten. Konkret zeigt sich dieses am Ausbremsen von Firmenkonzentrationen,
die den nationalen Gesetzen nicht unterworfen sind, oder auch am Stoppen der
vielfältigen Privatisierungen, positiv an der Aufwertung der Bereiche außerhalb
des Marktes, als reeller Beitrag zu dem Reichtum der Nationen. Das alles ist
Gegenstand von konkreten Forderungen mehrerer sozialer Bewegungen. Den
Produktions- und Verteilungsprozess, der in der jetzigen neoliberalen Phase
wegen des Rentabilitätskriteriums eine beträchtliche Deregulierung erfährt,
zu reorganisieren,
gehört auch zu den mittelfristigen Alternativen. Es betrifft vier Sektoren: Zuerst
die Aufwertung des produktiven Kapitals gegenüber dem Finanzkapital, damit die
relative Abnahme des ersten gestoppt wird und der spekulative Charakter des
zweiten reduziert wird. Zum
zweiten eine kritische Anwendung der Technologien, um zu vermeiden, dass die
Rentabilität das alleinige Kriterium ihrer Entwicklung und Anwendung bildet,
indem andere Parameter wieder eingeführt werden, wie der Wohlstand der
Menschen, die Würde der Person, der Respekt vor der Natur. Drittens
soll die Arbeit neu definiert werden. Sicher wird sie durch die neuen
Technologien gründlich modifiziert. Andere Parameter als die wilde Wettbewerbsfähigkeit
zwischen den Unternehmen, welche Flexibilisierung der Arbeitszeit,
Individualisierung der Werktätigen, Kinderarbeit, Druck auf die Kosten für die
soziale Sicherung oder die Sicherheit der Arbeitsstätten usw. mit sich bringt,
sollten die Neuorganisation der Arbeit bestimmen. Zuletzt
muss man den ökologischen Faktor erwähnen, dessen Erfordernisse immer stärker
anerkannt werden. Kurzfristig könnte es sein, dass dieser am besten in der Lage
sein wird, Alternativen zu der kapitalistischen Logik durchzudrücken, denn es
ist nicht möglich, die Dinge so weiter laufen zu lassen, also für einen
kurzfristigen Profit die Ausbeutung der nicht erneuerbaren Ressourcen und die
Zerstörung der Umwelt in Kauf zu nehmen. Allgemeiner
kann man sagen, dass diese verschiedenen alternativen Ziele sich in das
einreihen, was Polanyi „die Wirtschaft wieder in die Gesellschaft
integrieren” benannt hat, indem man sie den sozialen und ökologischen
Erfordernissen unterordnet. Die UN-Gipfel in Kopenhagen und in Rio (Agenda 21)
zeigen, dass es nicht reine Illusion ist, selbst wenn die konkreten Ergebnisse
noch sehr enttäuschend sind. Erinnern wir jedoch daran, dass die Interpretation
dieser mittelfristigen Ziele anders ist, je nach der Perspektive -
neokeynesianische oder postkapitalistische - und dass dies auch auf die zu ihrer
Verwirklichung vorgeschlagenen Wege wirken kann. b)
Die politischen Alternativen Die ökonomischen
Alternativen können schwer verwirklicht werden ohne politische Alternativen.
Die gegenwärtige Globalisierung gibt in der Tat dem kapitalistischen
Wirtschaftssystem eine vorherrschende Machtstellung, d.h. eine ungeheure Fähigkeit,
seine Normen dem kollektiven Leben aufzuerlegen. Das Gegengewicht kann nur
politisch sein, im weitesten Sinne des Wortes. Daher eine Reihe von
mittelfristigen Zielen. Weltweit handelt es sich darum, vor allem die
internationalen Organisationen zu stärken und sie zu demokratisieren. Das
betrifft sowohl den Sicherheitsrat in seiner Rolle, den Frieden zu bewahren, als
auch spezialisierte Organisationen der Vereinten Nationen. Was die
Organisationen anbetrifft, die als Ergebnis der Bretton Woods Konferenz
entstanden sind (Weltbank, IWF und vor kurzem die WTO) und zu wirkungsvollen
Instrumenten des Washington-Konsens geworden sind, so wird ernsthaft in Erwägung
gezogen, sie zu ihrer Ursprungsaufgabe zurückzuführen, d.h. das weltweite
Wirtschaftssystem nach anderen Kriterien als einfach der Rentabilität des
Kapitals zu regulieren. Das alles geht einher mit der Wiedererstellung des
Staats in seiner Rolle als Garant der sozialen Ziele und der ökologischen Bemühungen,
mit der Verstärkung seiner technischen Effizienz und der Zunahme der
demokratischen Kontrolle auf allen Ebenen. Die
Verwirklichung dieser alternativen mittelfristigen Ziele hängt international
von drei wesentlichen Faktoren ab: Zusammenführen der Widerstände gegen den
Kapitalismus und der sozialen Kämpfe auf allen Ebenen, politischer Wille
seitens der Staaten und Entwickeln eines internationalen Rechts. Man kann sogar
behaupten, dass gerade die Dynamik dieser drei Faktoren es ermöglichen wird,
diese Alternativen zu verwirklichen. Im
ersten Fall wird zurzeit eine Vernetzung der sozialen Bewegungen aufgebaut und
werden gemeinsame Aktionen organisiert. 1999 haben symbolische Ereignisse ihre
Existenz offenbart, zum Beispiel „Das andere Davos”, das fünf wichtige
soziale Bewegungen aus den fünf Kontinenten zusammengebracht hat, um zu
unterstreichen, dass man die Weltwirtschaft anders als dem Markt untergeordnet
konzipieren kann, oder auch in Seattle die gemeinsamen Aktionen der Werktätigengewerkschaften
- insbesondere amerikanische - und der sozialen Bewegungen verschiedener
Bereiche und aus verschiedenen Teilen der Welt. Einige
Initiativen von Staaten, vor allem auf der regionalen Ebene, zeugen vom
politischen Willen, Alternativen zu finden, zum Beispiel der Mercosur oder das
ASEAN, deren wirtschaftliche Vorhaben keineswegs der Schaffung von
Freihandelszonen zwischen den Ländern der Region und den USA entsprechen.
Schließlich muss man im Bereich des internationalen Rechts die zahlreichen
Initiativen auf dem Gebiet der Menschenrechte oder der Völkerrechte gegenüber
dem Wirtschaftsrecht erwähnen, unter anderem die Initiativen für einen
Weltstrafgerichtshof oder die internationale Liga für die Rechte der Völker. 3.
Die kurzfristigen Alternativen Damit
man von glaubwürdigen Alternativen reden kann, sollten nicht nur ein Endziel
festgelegt und mittelfristige Ziele formuliert, sondern auch kurzfristige
Vorschlä-ge entwickelt werden, welche die Grundlage für Forderungen und
politische Programme bilden können. Einen
Katalog solcher Vorschläge aufzustellen wäre unmöglich, aber es reicht aus,
einige Beispiele zu benennen, um zu beweisen, dass es möglich ist, solche
Alternativen zu schaffen. Die
meisten betreffen den Bereich der Regulierungsmaßnahmen, aber sie werden als
Schritte in einem langfristigen Prozess betrachtet, sei es um die
kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen zu humanisieren, sei es um sie
zu verändern. Man kann sie folgendermaßen ordnen: - Ökonomische
Regulierungen:
Besteuerung der internationalen Finanztransaktionen, regionales und
internationales Steuerrecht, Abschaffung der Steueroasen, Streichung der
Schulden der armen Länder, regionale Zusammenschlüsse in der Form von
gemeinsamen Märkten oder Zonen einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit,
Restrukturierung der internationalen Finanzinstitutionen usw. - Ökologische
Regulierungen:
Schutz der nicht erneuerbaren Ressourcen, Schutz des biologischen Reichtums,
Schaffung von internationalen Regelungen zur Umweltverschmutzung, Umsetzung der
Agenda 21 usw. - Soziale
Regulierungen:
Internationales Arbeitsrecht, Verhaltenscodex der internationalen Investoren,
Beteiligung der Vertretungsorgane der Werktätigen in den regionalen und
internationalen Instanzen usw. - Politische
Regulierungen:
Schaffung von regionalen Machtinstanzen mit einer regulierenden Kompetenz in
Sachen Ökonomie und Soziales , Umorganisierung der Organe der Vereinten
Nationen, weltweite Verwaltung der ökologischen und kulturellen Güter,
Weltparlament -
Kulturelle Regulierungen: Schutz der nationalen oder lokalen kulturellen Werke. Ich möchte mit der Feststellung abschließen, dass Alternativen
vorhanden sind. Es gibt auch keinen Zweifel darüber, dass sie glaubwürdig
sind. Ihre Verwirklichung hängt im Endeffekt vom Willen ab, diese umzusetzen.
Zur Zeit stellt sich die Frage der Glaubwürdigkeit auf der Ebene nicht mehr der
Alternativen, sondern des kollektiven Handelns. Gibt es soziale Formen, die
diese kurzfristigen und mittelfristigen alternativen Projekte tragen können?
Ist der politische Wille vorhanden, sie zu verwirklichen? Das ist eine andere
Debatte, die man rasch führen sollte. (Traduction:
Marie-Dominique Vernhes, 29.01.2002) Bibliographie
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L. Commencer par les fins, la nouvelle question communiste, Paris, La
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G., La crise du capitalisme ou l’intégrisme des marché, Paris, *Der Text wurde in der vorliegenden deutschen Fassung in der Mailingliste [attac-mod] am 5. Februar 2002 veröffentlicht. |