Auf dem weltweiten Stahlmarkt ist ein Showdown angesagt. Weltmarktführer
Mittal Steel kündigte am Freitag an, die bisherige Nummer zwei zu
kaufen. Den Arcelor-Konzern könnte die Attacke von Mittal Steel im
falschen Moment erwischt haben. Denn der luxenburgische Hai war gerade
dabei, einen anderen großen Fisch, den kanadischen Stahlkonzern Dofasco,
zu schlucken, den er zuvor erfolgreich der deutschen ThyssenKrupp-Steel
weggeschnappt hatte. Doch nun wird das Menü offenbar neu serviert.
ThyssenKrupp verkündete am Freitag, man habe mit Mittal eine
Vereinbarung unterzeichnet. Im Falle einer Übernahme von Arcelor werde
ThyssenKrupp Dofasco bekommen.
Mittal ist als Konstrukt noch nicht einmal zwei Jahre alt, gilt aber
als das am aggressivsten wachsende Stahlunternehmen. 18,6 Milliarden
Euro will sich der in den Niederlanden eingetragene, aber weltweit
produzierende Konzern den Schritt zur absoluten Marktdominanz kosten
lassen. Zwar dürften die EU-Kartellbehörden ein Auge auf die womöglich
feindliche Übernahme haben, doch nehmen Branchenkenner an, daß es wohl
nicht zu einer Untersagung kommen werde. Der potentiell mögliche
Problemfall mit den US-Kartellaufsehern wird von Mittal schon deshalb
umgangen, weil man die Kanadier den Deutschen überlassen will. Dofascos
Lieferungen für die US-Automobilindustrie hatten das Unternehmen für
Thyssen und Arcelor ja so lukrativ erscheinen lassen, daß sich beide
einen monatelangen Bieterwettbewerb lieferten. Den hatte Arcelor mit
einem Kaufpreis von 3,9 Milliarden Euro gewonnen.
Masse und Klasse
Arcelor, und noch mehr ThyssenKrupp, gelten als Anbieter von Stählen
höchster Qualität, Mittal eher als Produzent preisgünstigerer
Massenware. Das hat seine Ursache in der Entstehung des Konzerns. Der in
London lebende Inder Lakshmi Mittal hatte sich während der
langanhaltenden Stahlkrise ein Sammelsurium an Stahlwerken, vor allem in
Osteuropa und Asien, zugelegt, die er sanierte. 2004 kaufte er vom
US-Investor und »Resteverwerter« Wilbur Ross die International Steel
Group (ISG). Diese bestand aus den Überbleibseln der pleite gegangenen
US-Stahlindustrie, inklusive des früheren nordamerikanischen
Stahlgiganten Bethlehem Steel. Aus Mittals Firmen LNM und Ispat sowie
der ISG entstand Mittal Steel, die Nummer eins am Weltmarkt.
Arcelor war – ebenfalls als Antwort auf die Stahlkrise – 2002 aus
den europäischen Einzelkonzernen Arbed (Luxemburg), Aceralia (Spanien)
und Usinor (Frankreich) gebildet worden. Während der Konzern, dem u.a
in Ostdeutschland die Werke in Eisenhüttenstadt (Stalinstadt) und
Unterwellenborn (»Max braucht Wasser«) gehören, immerhin noch an
vielen seiner Standorte auf gewerkschaftlich erkämpfte Standards bei
seinen Beschäftigten Rüchsicht nehmen muß, gilt Mittal als berüchtigter
Kostendrücker. In seinen Werken – auch beispielsweise in Polen –
wird nach Gewerkschaftsangaben richtig beim Profit zugelangt. Dafür
sollen Entlohnung und Arbeitsschutz nicht so im Fokus des Managements
stehen, wie Betroffene berichten. So hatten sich nach Angaben polnischer
Gewerkschafter die Arbeitsbedingungen der Hütte Katowice seit deren Übernahme
derart verschlechtert, daß die Arbeiter nach einem Jahr unter dem neuen
Besitzer Mittal dessen Enteigung forderten.
Expansionskurs
Das hat der Expansion Mittals nicht geschadet, denn die Nachfrage
nach Stahl war groß und der Preis hoch. Nach Polen übernahm er mit
Kriworischstal im vergangenen Jahr in der Ukraine ein weiteres Erbe der
sozialistischen Großproduktion. Und zum Jahresende 2005 wurde die
Absicht Mittals bekannt, 49 Prozent am großen chinesischen
Stahlerzeuger Baotou Iron and Steel Group zu erwerben. China ist größtes
stahlerzeugendes – und stahlverbrauchendes – Land der Erde und gilt
weiterhin als der Wachstumsmarkt schlechthin.
Sollte Arcelor ebenfalls unter Mittals Regie geraten, würde eine
Jahresstahlproduktion von 110 bis 120 Millionen Tonnen vom Konzern
verantwortet – und verkauft. Die dann folgende neue Nummer zwei,
Nippon Steel, wäre mit einer Jahresproduktion von etwa 30 Millionen
Tonnen dagegen fast ein Zwerg.
Eine schöne Seite hat das Ganze allerdings: »Stahlkönig« Mittal rückt
noch stärker in den Mittelpunkt des Interesses. Beim ansonsten gern
anonymen Großkapital darf man fast dankbar sein, wenn es so ein
vorzeigbares Feindbild hergibt. Der 54jährige Selfmademan gilt nach
Forbes bereits als drittreichster Mensch der Welt und reichster Europäer.
Ihm werden Vermögenswerte von 25 Milliarden US-Dollar nachgesagt,
Tendenz steigend. Allerdings gilt Stahl als ein stark zyklischer Markt.
Jähe Wendungen sind nicht ausgeschlossen.