Arbeitslosen-/Sozialhilfe
München erwartet statt 10-Millionen-Plus ein 92-Millionen-Minus
Die Folgen von Hartz IV: Die Reform droht nach
dem Kompromiss im Vermittlungsausschuss zum Finanz-Debakel für viele Städte zu
werden. Das Beispiel München illustriert die fatalen Rechenfehler in Berlin.
Von Sven Loerzer
(Süddeutsche Zeitung)
Seine ohnmächtige Wut über die Bundesregierung hat Sozialreferent Friedrich
Graffe (SPD) tief in seinem sozialdemokratischen Herzen vergraben. Nein, es war
ganz gewiss nicht seine Absicht, die Arbeitsmarkt-Reformen seiner Berliner
Parteifreunde madig zu machen.
Als Anfang Januar die ersten Zahlen zu den Auswirkungen der Zusammenlegung von
Arbeitslosen- und Sozialhilfe auf seinem Schreibtisch lagen, schien ihm das
Ergebnis so unglaublich, dass er es erst einmal unter Verschluss nahm.
Er ließ wieder und wieder nachrechnen, fragte bei anderen Kommunen nach und
beim Deutschen Städtetag. Die Befürchtung verdichtete sich, je länger er sich
mit den Folgen von „Hartz IV“ beschäftigte: Die Reform droht nach dem
Kompromiss im Vermittlungsausschuss zum Finanz-Debakel für viele Städte zu
werden.
Nach den von der SZ veröffentlichten Berechnungen, denen Sozial- und
Arbeitslosenhilfezahlen vom September letzten Jahres zu Grunde liegen, droht
eine Mehrbelastung von bis zu 70 Millionen Euro. Inzwischen sind die Zahlen, die
am 2. März dem Stadtrat vorgelegt werden sollen, aktualisiert und korrigiert
worden: Demnach kostet die Reform die Stadt im nächsten Jahr sogar bis zu 92
Millionen Euro mehr, als sie bisher für den gesamten Sozialhilfebereich
ausgibt.
Mit diesem dicken Minus ist die Stadt jetzt noch weiter entfernt von dem
10-Millionen-Euro-Plus, das Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) in
Reaktion auf den SZ-Bericht in seinem Ministerium schleunigst schätzen ließ.
Ministeriums-Papier: Keine seriöse Schätzung
Das Ministeriums-Papier, das der SZ vorliegt, erweckt nicht unbedingt den
Eindruck einer seriösen Schätzung. Unter Experten gilt es eher als Beispiel für
den Versuch, unangenehme Wahrheiten schönzurechnen. Im konkreten Fall machte es
sich das Wirtschaftsministerium ziemlich einfach: Es schrieb 40 Millionen Euro
als Einsparung bei Personal- und Verwaltungskosten sowie Eingliederungskosten
auf die Habenseite und addierte weitere 40 Millionen Euro dazu, die auf vagen
Annahmen, wie zum Beispiel „Effizienzgewinnen“, beruhen.
Insgesamt kein 70-Millionen-Euro-Verlust, sondern zehn Millionen Euro Gewinn,
glaubt das Ministerium. „Ich bin da sehr skeptisch“, kommentiert der
Sozialreferent die Berliner Zahlenspiele, der als früherer Sozialamtschef mit
der schwierigen Materie bestens vertraut ist.
Offenkundig zügelt er sich zunächst aus Rücksichtnahme gegenüber
Parteifreund Clement. Fallzahlsteigerungen, etwa sieben Prozent jährlich bei
der Sozialhilfe, „sind noch nicht berücksichtigt“, betont Graffe, „wir
arbeiten mit dem Stand vom 30. September 2003“.
Bei den Arbeitslosenhilfeempfänger-Zahlen „kann einem nur noch schwummrig
werden, da steuern wir auf Steigerungsraten von 30 bis 50 Prozent zu“. München
leide wegen des hohen Mietniveaus ganz besonders unter der auferlegten Übernahme
der Unterkunftskosten für alle Empfänger des neuen Arbeitslosengelds II.
Im Übrigen, so Graffe, „haben wir ganz, ganz vorsichtig gerechnet“, auch
wenn er „keine Garantie für zehn Millionen rauf oder runter“ übernehmen könne.
Bleibt also ein dickes Minus statt der versprochenen Entlastung – ein bitteres
Fazit für den Sozialdemokraten. Denn er weiß, was viele denken, nur sagen will
er es nicht: „Die können es einfach nicht in Berlin.“