Finanzkrise
Welche Schuld trägt die Politik?
Sendeanstalt und Sendedatum: SR Plusminus, Dienstag, 14. Oktober 2008 im Ersten
Egal, ob auf dem Finanz- oder Arbeitsmarkt: Das
Allheilmittel der vergangenen Jahre hieß Deregulierung. Weg mit
staatlichen Vorschriften, der Markt regelt sich selbst - so geht
Reformpolitik.
Aber jetzt haben die freien Finanzmärkte verrückt gespielt. Viele sind
aus allen Wolken gefallen. Und müssen ausgerechnet ihrem ärgsten
Gegner recht geben: Oskar Lafontaine.
Die Mahner von damals: Lafontaine und Flassbeck
Rückblende. Wir schreiben das Jahr 1998, Oskar Lafontaine wird
Finanzminister der rot-grünen Bundesregierung. Er will schon damals
die internationalen Finanzmärkte regulieren und Devisen-Spekulation
eindämmen.
"Die Unternehmen sind nicht nur den Aktionären verpflichtet",
mahnt er damals. Doch der Widerstand aus Wirtschaft und Medien ist
enorm. Selbst in den eigenen Reihen heißt es: Man kann nicht gegen die
Finanzmärkte regieren. Lafontaine wirft unter anderem auch deswegen
hin. Und mit ihm geht sein wirtschaftspolitischer Berater,
Staatssekretär Heiner Flassbeck.
Heute ist Flassbeck Chefvolkswirt bei der UNO in Genf. Und staunt,
dass manche erst jetzt begreifen, dass die Finanzmärkte kein
Selbstzweck sind:
"Wir wollten ja nicht Politik machen gegen die Unternehmer, wir
wollten im Gegenteil eine Politik machen für die richtigen
Unternehmer, die investieren und Arbeitsplätze schaffen, aber gegen
diese Casino-Jongleure, die die Welt beherrscht haben in den letzten
zehn Jahren; das ist nicht verstanden worden."
In der UNO waren Flassbecks Konzepte vor allem nach der Asienkrise und
in Schwellenländern gefragt. Für Industrienationen wie Deutschland
dagegen galt der freie Kapitalverkehr als heilig. So stolperte man
sehenden Auges in die Krise.
"Man wusste natürlich von Japan, dass eine solche Hauspreisblase
unglaublich gefährlich ist, man wusste", erinnert sich Flassbeck.
"Alle diese Dinge kannte man und man hat sie ignoriert vor dem
Hintergrund des neoliberalen Dogmas – 'wir müssen jetzt endlich die
richtige Marktwirtschaft durchsetzen'."
Will heißen: Das Kapital muss frei und unkontrolliert fließen. Nur das
garantiere Effizienz. Und je mehr fließt, desto besser. Die Politik
öffnete bereitwillig alle Schleusen.
Deregulierung der Finanzmärkte
Zehn Jahre lang wurde eifrig dereguliert. Die Gesetzgebung liest
sich wie ein Förderprogramm für die Finanzwirtschaft:
| 2001: Finanzminister Eichel stellt
Unternehmensverkäufe steuerfrei. Und heizt so das Fusionsfieber an,
ein Riesengeschäft für Investmentbanken. Die private Riester-Rente
wird eingeführt. Dem Finanzsektor fließen riesige Mittel zu, die der
staatlichen Rente fehlen. | |
| 2004: Rot-Grün lässt unter Schröder und Fischer
Hedge-Fonds und Derivate zu. Die absurden Renditeziele der
Finanzwirtschaft werden zur allgemeinen Richtschnur. | |
| 2005: Im rot-schwarzen Koalitionsvertrag wird
die Förderung des Kreditverkaufs festgeschrieben. Außerdem will man
nur eine "Finanzaufsicht mit Augenmaß". | |
| 2008: Finanzinvestoren gewährt man weitere
Steuergeschenke. |
Heute gilt der unkontrollierte Kreditverkauf als Hauptursache der
Krise. Und dabei hat die Bundesregierung zur Unterstützung dieses
Geschäfts sogar eigens eine Initiative auf den Weg gebracht.
Die "True Sale International" - getragen von der Kreditanstalt für
Wiederaufbau (KfW), Privatbanken und Ratingagenturen.
Gründungsmitglied im Beirat: der heutige Staatssekretär im
Finanzministerium, Jörg Asmussen. Noch 2006 preist Asmussen die
Vorteile dieses Risikogeschäfts - aber jetzt soll ausgerechnet er als
oberster Regulierer das staatlich geförderte Kredit-Chaos
organisieren.
Mit Unterstützung der Politik werden die Finanzmärkte zum Dreh- und
Angelpunkt des Wirtschaftslebens. Deutsche Bank-Chef Ackermann gab als
Renditeziel 25 Prozent aus. Das sollten letztlich die Arbeitnehmer in
der so genannten "Realwirtschaft" einbringen - in guten wie schlechten
Zeiten.
Deregulierung des Arbeitsmarktes
Das unternehmerische Risiko wird in Zeiten der Deregulierung
zunehmend auf die Beschäftigten abgewälzt. Leiharbeiter –
beispielsweise in der Automobil-Industrie - können ein Lied davon
singen. Im Boom wurden zwar viele eingestellt. Aber im Abschwung sind
sie als allererste draußen.
Leiharbeiter leiden als erste
Niemand traut sich, aufzumucken. Nur bei der IG Metall:
"Die Unternehmen sind jetzt draufgekommen, dass sie entleihen und
abgeben können, wie's ihnen passt. Warum sollen sie jemand
einstellen?"
fragt ein Mitarbeiter. Stefan Rückert von den Metallern ergänzt:
"Die Leiharbeiter gehen nach Hause mit [...] 830 Euro. Dann
schicken sie dieses Geld zu ihren Familien in den neuen Bundesländern",
denn von dort pendelten die "geliehenen" Kollegen wöchentlich zu ihrem
Arbeitsplatz. Weil es zu teuer ist, zu Hause und am Arbeitsort Miete
zu zahlen, teilen sie sich meist zu zweit oder dritt ein Zimmer.
Besonders dramatisch werde es aber, wenn die Geschäftsführung die
Leiharbeiter nicht mehr braucht – ganz plötzlich:
"Die Leute arbeiten vier, fünf Jahre für eine Firma und erfahren
dann zwei Stunden vor Feierabend, dass es der letzte war. Die hatten
teilweise keine Chance, sich von Arbeitskollegen zu verabschieden,
[...] die Zeit hat gerade noch gereicht, die Arbeit fertig zu machen,
den Spind schnell leer zu räumen und das war's dann", erzählt der
Gewerkschafter.
Arbeitnehmer zweiter Klasse
Leiharbeiter sind Arbeitnehmer zweiter Klasse. Das ist von der
Politik so gewollt. Denn nicht nur der Finanzmarkt wurde dereguliert.
Auch der Arbeitsmarkt.
| 2002: SPD-Wirtschaftsminister Clement hebt die
Befristung der Leiharbeit auf. Immer mehr feste Arbeitsplätze werden
umgewandelt. | |
| 2003: Mit der Abschaffung der Arbeitslosenhilfe
und der Einführung von Ein-Euro-Jobs wird der Zwang erhöht,
praktisch jede Arbeit zu jedem Lohn anzunehmen. Gleichzeitig wird
der Spitzensteuersatz massiv gesenkt.
Der letzte Aufschwung kam nie anDiese Deregulierungspolitik ist dafür verantwortlich, dass der
jüngste Aufschwung die Lebensverhältnisse der meisten Bürger nicht
verbessert hat. Historisch einmalig, meint Gustav Horn vom
gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie in Düsseldorf: Rücknahme der DeregulierungJetzt will die Politik kräftig eingreifen. Fragt sich nur, ob sie
dazu überhaupt noch in der Lage ist. Zehn Jahre lang wurde die
Finanzbranche eifrig unterstützt und gefördert. Und bisher soll kein
einziges Degulierungsgesetz zurückgenommen werden. Vom
Finanzministerium hieß es auf Anfrage von Plusminus
dazu nur: Kein Kommentar. Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 14.10.2008. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt. |