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Demnach nahm die Ungleichheit bei den Einkommensverhältnissen seit
den späten 80ern spürbar zu. Während die Spitzenverdiener sich über
»substantielle« Mehreinnahmen freuen konnten, verzeichneten die
Angehörigen der Mittelschicht und die Geringverdiener nur minimalste
Verbesserungen ihrer Einkünfte. Diese seit Dekaden registrierte Tendenz
einer sich öffnenden Einkommensschere zwischen Arm und Reich verstärkt
sich laut der Studie in den letzten Jahren nochmals. Die einzige
Periode, in der nahezu alle Schichten und Klassen der US-Bevölkerung
spürbare Lohnzuwächse verbuchten, waren demnach die späten 90er Jahre.
Dieser kurze Abschnitt endete mit dem Abschwung 2001.
Seitdem mußten vor allem die Geringverdiener Einbußen hinnehmen. Die
Einkünfte dieses ärmsten Fünftels der Lohnabhängigen sanken
inflationsbereinigt um 2,5 Prozent. Die eigentliche Mittelklasse der
statistisch zu den zehn reichsten Ländern der Welt zählenden USA, jenes
mittlere Fünftel der US-Einkommenspyramide, konnte sein reelles
Lohnniveau nur um magere 1,3 Prozent verbessern. Das oberste Fünftel
hingegen, die wirklich Reichen also, legte um 9,1 Prozent zu. In elf
US-Bundesstaaten konnten die Macher der Studie zudem die
Einkommenszuwächse der wohlhabendsten fünf Prozent ermitteln: Diese
stiegen seit den späten 80ern zwischen 34 und 91 Prozent. Besonders
heftig nahm die Ungleichheit zwischen Arm und Reich in den südlichen
Bundesstaaten, wie Alabama, Mississippi, New Mexico, Florida,
Kalifornien und Texas zu – aber auch in Illinois und Missouri.
Je mehr der Fokus auf die Reichsten der Reichen der US-Gesellschaft –die
im Volksmund als »fat cats«, also fette Katzen, bezeichneten Millionäre
und Milliardäre – verengt wird, desto krasser fallen deren
Vermögenszuwächse in den zurückliegenden Jahren aus. Die IT-Experten
Thomas Piketty und Emmanuel Saez veröffentlichten Ende März eine
Aktualisierung ihrer langfristigen Datenreihe zu den
Einkommensungleichgewichten in den USA, die bis 1913 zurückreicht. Laut
den neuesten Zahlen hat das oberste Prozent der US-Einkommenspyramide
seine Einkünfte allein zwischen 2002 und 2006 um satte 44 Prozent
steigern können, während die gesamten unteren 90 Prozent ein Plus von
gerade mal drei Prozent erzielten.
Das CBPP berichtete Ende März über die Einkommensverhältnisse der 400 »fattest
cats«. Diese Gruppe von »Steuerzahlern mit dem größten Einkommen« konnte
ihre Einkünfte zwischen 1992 und 2005 inflationsbereinigt um 235 Prozent
steigern. Die Steuerpolitik sowohl der Clinton- als auch der
Bush-Administration trug nach Kräften zu dieser Bereicherung bei.
Führten diese Milliardäre 1995 noch 30 Prozent ihrer Einkünfte als
Steuern ab, so sind es 2005 nur noch bescheidene 18 Prozent. Für diese
sinkenden Steuersätze der Superreichen sind jene Steuerreformen
verantwortlich, die zwischen 1996 und 1998 von der
Clinton-Administration und 2002 und 2004 von George W. Bush initiiert
wurden.
Das EPI macht in einem Anfang April publizierten Bericht vor allem
eine langfristige »dramatische Verschiebung« in der Steuergesetzgebung
für die zunehmende Ungleichheit in den USA verantwortlich. So bringen
Unternehmenssteuern inzwischen nur noch etwa zehn Prozent der
staatlichen Steuereinnahmen, während es in den 50er Jahren noch ein
gutes Viertel war. Während der Anteil der Einkommensteuer an den
Staatseinnahmen in diesem Zeitraum nur moderat zunahm (von 43 auf 46
Prozent), explodierten die Einkünfte aus den Abgaben zur Sozial- und
Rentenversicherung. Die Sozialabgaben mitsamt der individuellen
Einkommenssteuer machen nun nahezu 80 Prozent aller Staatseinkünfte aus,
während es in den 50ern nur etwas mehr als die Hälfte war.
Wie fundamental sich die Einkommensverteilung innerhalb dieses Zeitraums
änderte, macht eine weitere Untersuchung das CBPP auf der Basis der
Datenreihen von Piketty und Saez deutlich: Zwischen 1946 und 1976 wuchs
das Pro-Kopf-Einkommen in den USA um 90 Prozent. Während die Einkünfte
der unteren neun Zehntel der Bevölkerung um 92 Prozent stiegen, konnte
das oberste Prozent seine Vermögen nur um 25 Prozent steigern. Für den
Zeitraum 1976 bis 2000 ist ein radikaler Wandel feststellbar. Bei einer
Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens von 64 Prozent mußten die unteren
neun Zehntel der US-Bevölkerung sich mit Einkommenszuwächsen von zehn
Prozent zufriedengeben, während das reichste Hundertstel seine Einkünfte
um sagenhafte 239 Prozent aufbesserte.