Niedriglöhner
abgehängt
VON EVA ROTH
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/1583206_Niedrigloehner-abgehaengt.html
Bei den Einkommen wächst die Kluft: Geringverdiener bekommen weniger,
Gutverdiener mehr Die Privatisierung von Staatsbetrieben ist ein Grund dafür,
dass die Einkommen gedrückt werden.
Die Realeinkommen von Geringverdienern sind in
den vergangenen Jahren drastisch gesunken. Bei Vollzeitbeschäftigten beträgt das
Minus fast zehn Prozent, bei Minijobbern und Teilzeitkräften sind die Einbußen
noch größer. Von den massiven Abschlägen betroffen ist keineswegs nur eine
kleine Minderheit, sondern ein Viertel aller abhängig Beschäftigten.
Das oberste
Viertel konnte dagegen reale Lohnzuwächse verbuchen. Besserverdienende mit
Vollzeitjob schneiden mit einem Plus von fast elf Prozent besonders gut ab. Zu
diesem Ergebnis kommt eine Analyse von Forschern der Universität Duisburg-Essen,
die der Frankfurter Rundschau vorliegt.
Die Studie
betrachtet die Zeit zwischen 1995 und 2006. "Ich gehe nicht davon aus, dass sich
die Entwicklung seither umgedreht hat", sagt Mitautorin Claudia Weinkopf der FR.
Zwar habe es einige gute Tarifabschlüsse gegeben, etwa in der Metallindustrie.
Im Niedriglohnsektor dürfte es dagegen allenfalls geringe Zuwächse gegeben
haben.
Ein wichtiger
Grund für die wachsende Lohnspreizung sei die Privatisierung staatlicher
Dienstleistungen wie Post, Telekommunikation und Nahverkehr, heißt es in der
Studie, die morgen von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung
veröffentlicht wird. In Deutschland könnten sich neue Anbieter mit Billiglöhnen
einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. In den meisten anderen europäischen
Ländern müssten sie sich dagegen an allgemeinverbindliche Tarifverträge halten.
Weinkopf
erinnert daran, dass die Telekom im vorigen Jahr rund 50 000 Beschäftigte
ausgelagert und Lohnabschläge durchgesetzt hat. Als Begründung wurden die
niedrigen Gehälter in privaten Konkurrenzbetrieben genannt.

Einkommensschere
Löhne stürzen ab
VON EVA ROTH
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/1583179_Loehne-stuerzen-ab.html
Der
Vormarsch des zügellosen Kapitalismus hat auf dem Arbeitsmarkt tiefe Spuren
hinterlassen: Die Lohnkluft wächst, ein Teil der Beschäftigten ist finanziell
abgestürzt. Die Realeinkommen von Geringverdienern sind in den vergangenen
Jahren um fast 14 Prozent gesunken - betroffen ist ein Viertel der Arbeitnehmer
in Deutschland. Dagegen konnten Besserverdienende ein reales Plus verbuchen. Das
berichten Forscher der Uni Duisburg-Essen in einer Analyse, die der Frankfurter
Rundschau vorliegt und die morgen in den WSI-Mitteilungen der gewerkschaftsnahen
Hans-Böckler-Stifung veröffentlicht wird.
Insgesamt ist
das reale Lohnniveau binnen eines Jahrzehnts nur minimal gestiegen. Gleichzeitig
hat innerhalb der Beschäftigten eine massive Umverteilung von unten nach oben
stattgefunden. Die Wissenschaftler haben alle Arbeitnehmer nach ihrem Gehalt
sortiert und in vier gleich große Gruppen aufgeteilt. Anschließend berechneten
sie, wie sich ihre Stundenlöhne zwischen 1995 und 2006 entwickelt haben. Das
Ergebnis: Das unterste Viertel verdient heute real 13,7 Prozent weniger. Zu den
Verlierern gehören nicht nur Minijobber und Teilzeit-Beschäftigte, sondern auch
Geringverdiener mit einem klassischen Vollzeitjob.
Dagegen haben
Beschäftigte mit überdurchschnittlichem Gehalt heute mehr in der Tasche.
Besonders gut schneiden Besserverdiener ab, die eine volle Stelle haben: Ihre
Einkünfte sind real um über zehn Prozent gestiegen, sagt der
Sozialwissenschaftler Thorsten Kalina von der Uni Duisburg.
Was
die Forscher besonders bedenklich finden: Die Niedriglöhne sind sogar im
jüngsten Konjunkturaufschwung geschrumpft, und zwar nominal wie real - in
Ostdeutschland um über zehn Prozent. "Da wird einem angst und bange, wenn man
überlegt, was im Abschwung passieren kann", sagt der Soziologieprofessor Gerhard
Bosch der FR.
In keinem
anderen europäischen Land sei der Niedriglohnsektor so stark gewachsen wie in
Deutschland, betont die Volkwirtin und Mitautorin Claudia Weinkopf. "Fragt man
in Dänemark Beschäftigte, ob sie von ihrem Lohn leben können, dann verstehen sie
die Frage nicht. Sie finden es selbstverständlich, dass sie damit auskommen."
Bosch und Weinkopf wissen, wovon sie reden: Sie arbeiten seit Jahren in einem
internationalen Forschungsprojekt über Niedriglöhne
Wie konnte es so
weit kommen? Das deutsche Tarifsystem hat eine große Schwäche, meinen die
Forscher: Es gibt keine verbindliche Lohnuntergrenze. Bis zur Vereinigung war
das kein Problem, die meisten Betriebe im Westen zahlten Tarifgehälter oder
orientierten sich daran. Dann fällt die Mauer, mit einem Schlag schnellt die
Arbeitslosenrate in die Höhe. Immer mehr Unternehmen können es sich erlauben,
unter Tarif zu zahlen. Die Einkommen rasseln in den Keller, auf unter fünf Euro
pro Stunde - Arbeitsmarktexperten aus dem Ausland blicken fassungslos auf
Deutschland, denn solche Hungerlöhne sind selbst in Ländern wie Großbritannien
unzulässig.
Die ordentlichen
Tarifabschlüsse der IG Metall haben kaum noch Signalwirkung auf die übrige
Wirtschaft, in vielen Dienstleistungsbranchen gibt es nur magere Zuschläge. Das
Lohngefälle wächst - und damit die Anreize für Unternehmen, Tätigkeiten in
Billigzonen auszulagern. Ein Teufelskreis.
Auch die
Privatisierung von staatlichen Dienstleistungen wie Post, Nahverkehr und
Telekommunikation hat die Einkommen auseinander gedrückt. In Deutschland können
beispielsweise private Telefonfirmen geringe Löhne zahlen und sich so einen
Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Ex-Staatsunternehmen Telekom verschaffen. In
den meisten anderen europäischen Ländern müssen sich neue Anbieter dagegen an
allgemein verbindliche Tarifverträge halten, betonen die Forscher. Dies gelte
etwa für Schweden, wo die Marktöffnung nicht zu Lohndumping führe, erzählt
Bosch. Er nennt es einen "historischen Fehler", dass die deutschen
Gewerkschaften nicht rechtzeitig allgemein verbindliche Tarifverträge für
deregulierte Branchen verlangt haben. Jetzt habe das Telekom-Management alle
Argumente auf seiner Seite, wenn es mit Verweis auf die Wettbewerber Einschnitte
fordere.
Gedüngt wurde
der Niedriglohnsektor durch die Arbeitsmarkt-Reformen der rot-grünen Regierung:
Hartz IV habe den Druck erhöht, auch einen schlecht bezahlten Job anzunehmen,
klagen die Forscher. Festangestellte könnten heute für unbegrenzte Zeit durch
billige Leiharbeiter ersetzt werden. Und dann fördere der Staat auch noch die -
meist schlecht bezahlten - Minijobs. Die Folge: "Der Sozialstaat blutet aus",
sagt Bosch. Denn Minijobber zahlen gar keine Sozialabgaben und Niedriglöhner nur
geringe.
Die Politik muss
gegensteuern, fordern die renommierten Arbeitsmarktexperten und plädieren für
einen bundesweiten gesetzlichen Mindestlohn, damit es auch in Branchen mit
schwachen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden eine Untergrenze gibt. Zudem
müsse es einfacher werden, Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären.
Solche
Regulierungsvorschläge lässt Wirtschaftsliberale aufschreien. Doch Gerhard Bosch
kontert: Wenn Firmen die Löhne diktieren können, weil Beschäftigte und
Gewerkschaften zu schwach sind um sich zu wehren, liegt ein Machtungleichgewicht
vor. Und dagegen müssten eigentlich auch strenggläubige Neoliberale sein.
Kommentar
Versagt
VON EVA ROTH
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/1583171_Versagt.html
Die
deutsche Politik hat sich schon vor Jahren entschieden: Die Bundesrepublik folgt
beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit dem Beispiel USA und Großbritannien. Das
heißt: Um Jobs zu schaffen, wird der Niedriglohnsektor ausgeweitet, eine
stärkere Einkommensspreizung gefördert. Die Arbeitsmarktreformen haben dazu
beigetragen, die Liberalisierung der Leiharbeit, die Subventionen für Minijobs -
und eine Privatisierungspolitik, die sich zu selten und zu spät darum schert,
welche Gehälter neue Anbieter in der Telekom-Branche oder im Nahverkehr zahlen.
Natürlich hätte
Deutschland auch einen anderen Weg einschlagen können, um die Jobkrise zu
entschärfen. Das zeigen skandinavische Länder, die mit geringer Lohnspreizung
beschäftigungspolitische Erfolge feiern. Aber die deutschen Politiker sind
lieber den Rufen der wirtschaftliberalen Ökonomen gefolgt.
Die
Gewerkschaften wollten all das nicht. Doch sie haben vor allem im
Dienstleistungssektor zu oft versagt und es vielerorts nicht geschafft,
ordentliche Löhne durchzusetzen. Eine Umkehr ist möglich, aber schwierig, denn
inzwischen sind Fakten geschaffen. Wie schwer es ist, Niedriglöhne wieder
anzuheben, zeigt sich zurzeit in der Zeitarbeit und der Postbranche. Doch die
Mühe lohnt sich, denn der soziale Frieden ist ein hohes Gut