Wie hoch soll das Budget der Union sein? Wer
schultert die Lasten der Erweiterung? Wie kann
die Wettbewerbsfähigkeit Europas verbessert
werden? Und wie solidarisch werden die Reichen
im Westen die Armen im Osten unterstützen?
Die Europäische Union wird nicht nur den
ersten großen Ost-West-Konflikt nach der
Erweiterung erleben. Am Brüsseler
Verhandlungstisch werden Nettozahler gegen
Nettoempfänger kämpfen, Große gegen Große,
Kleine gegen Kleine, Alt- gegen Neumitglieder
und Alte untereinander. Dabei ist Geiz geil und
Neid eine Tugend: Warum den Briten ihren
Abschlag auf den EU-Beitrag lassen? Warum
Belgien und Luxemburg die Verwaltungsgelder
nicht berechnen, die sie für die bei ihnen
arbeitenden Eurokraten erhalten? Und wieso den
Niederlanden ein Viertel der Zölle gönnen, die
sie in Rotterdam im Namen der Union
einkassieren?
»Wir sind nicht der
Weihnachtsmann«, ulkte Kommissionspräsident
Prodi
Schon warnen Kritiker wie der
US-Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson, dass
die EU am Streit um die Finanzen zerbrechen könne,
weil der klassische Finanzier Deutschland sparen
müsse und Konflikte nicht mehr durch einen
Griff in die Geldbörse löse. Der Kampf ums
Geld wird so laut und hart wie nie zuvor.
Dabei beugen sich alle dem Gesetz der Zahl.
Mit 25 Mitgliedern ist ein einstimmiger
Beschluss ungleich schwerer zu erreichen als mit
15. Vor wenigen Tagen zeichneten die Niederländer,
die derzeit den Ratsvorsitz innehaben, ein
erstes Meinungsbild. Die Skizze überraschte
keinen. Schon die Ansichten darüber, wie viel
Geld die erweiterte Union künftig überhaupt
ausgeben soll, gehen weit auseinander.
Die Sparsamsten in der Union wollen von 2007
bis 2013 höchstens 694 Milliarden Euro in die
EU-Kasse geben. Einen Bedarf von mehr als einer
Billion Euro errechnen hingegen jene, die eine
Union mit 25 Mitgliedern auch entsprechend
ausgestattet sehen wollen. In Brüssel
prognostizieren Eurokraten wie Diplomaten indes:
So einfach wie 1999 lässt sich der Konflikt
nicht lösen. Nach einer langen Nacht in Berlin
zahlte da ein entnervter deutscher Kanzler,
damit ein eisenharter spanischer Premier Aznar
endlich zum großen Ganzen sein sí
gab.
Heute fehlen Gerhard Schröder dafür
schlicht die Mittel. Brüssel bestätigt ihm das
mit jeder Mahnung, endlich beim eigenen Etat die
Regeln des Stabilitätspakts einzuhalten.
Kein Wunder, dass der Kanzler höchst erfreut
auf eine Initiative der Schweden reagierte.
Europa solle mit einem Prozent des aufsummierten
EU-Inlandsprodukts auskommen, meint die
Regierung in Stockholm. Diese Auffassung teilen
neben Deutschland auch die Niederlande,
Frankreich, Großbritannien und Österreich –
alles Nettozahler an die EU, die mehr geben, als
sie aus Brüssel bekommen. In Zeiten »schmerzhafter
Konsolidierungsanstrengungen« der Mitgliedsländer,
so ein in Brüssel kursierender »Brief der
Sechs«, sei mehr einfach nicht drin. Solange
Europas Bruttosozialprodukt wachse, könne auch
der EU-Haushalt selbst bei dieser Obergrenze
noch deutlich zulegen.
In den Büros der EU-Kommission schüttelt
man dagegen den Kopf über die
Ein-Prozent-Doktrin. »Wir sind doch nicht der
Weihnachtsmann«, ulkte der ehemalige
Kommissionspräsident Romano Prodi. Und auch
sein Amtsnachfolger José Manuel Barroso findet,
eine größere Union müsse auch mehr ausgeben dürfen.
»Mit der Marke von einem Prozent werden wir
unsere Ziele nicht alle erreichen«, meint die
neue Haushaltskommissarin Dalia Grybauskaite,
eine Litauerin. »Sollen wir an den öffentlichen
Mitteln für europäische Forschung sparen? Oder
sollen wir die 30 transeuropäischen Netze
nochmals überdenken? Oder die Finanzierung der
Agrarpolitik erneut öffnen? Oder unsere Zusagen
bei der Erweiterung prüfen? Ich glaube, die
Antwort auf jede dieser Fragen ist nein.«
Also will Brüssel die Ausgaben auf 1,14
Prozent des BIP erhöhen. Zum Vergleich: Derzeit
liegt der EU-Haushalt bei rund 100 Milliarden
Euro. Für 2013, das letzte Jahr der kommenden
Budgetplanung, wünscht sich die EU damit gut
143 Milliarden Euro. Kein Taschengeld.
Der erste Etappensieg freilich ging an die
sparsamen Regierungen. Der EU-Haushalt für
2005, der erste volle nach der Erweiterung, beträgt
nach harten Verhandlungen genau ein Prozent des
BIP (106,3 Milliarden Euro). Die Botschaft ist
klar: Sparsamkeit ist möglich.
Hans Eichel ist besonders stolz auf diesen
Erfolg. Der deutsche Finanzminister predigt seit
geraumer Zeit: »Die Grenze der Belastbarkeit
ist für Deutschland erreicht.« Der auch künftig
größte Geber der Union habe nicht
zuletzt wegen der Wiedervereinigung (für die
noch immer jährlich vier Prozent des
Sozialproduktes von West nach Ost transferiert
werden) keinen finanziellen Spielraum mehr. Um
die Dramatik der Lage zu illustrieren, zücken
Eichels Beamten gern ein Balkendiagramm. »Nettosalden«
steht drüber, und zu sehen ist bei Deutschland
ein dicker Balken ins Minus. Im Klartext:
Deutschland zahlt viel mehr nach Brüssel, als
es zurückbekommt.
»Einige Mitgliedsländer
sind unfähig«, lästerte Schatzkanzler Brown
Das allein wäre in einer Union mit zehn
neuen, teils ziemlich armen Mitgliedern nicht
weiter überraschend. Doch brisant wird das
Schaubild beispielsweise durch den irischen
Balken. Obwohl die Grüne Insel beim
Pro-Kopf-Einkommen inzwischen im EU-Vergleich an
zweithöchster Stelle liegt, zahlt Irland fast
kein Geld in die Töpfe.
»Das Problem sind nicht habgierige
Neumitglieder, sondern die ungerechte
Lastenverteilung unter den Wohlhabenden«, sagt
eine Mitarbeiterin der EU-Kommission. Irland
etwa profitiert von langen Übergangsregeln bei
den Strukturförderprogrammen, Frankreich von
den Direktzahlungen der Agrarpolitik. Und Österreich
bekommt jede Menge Rückzahlungen aus Brüssel,
weil der Topf für ländliche Entwicklung für
die Alpenrepublik besonders üppig gestaltet
ist. Ein Zufall, dass der ehemalige
Landwirtschaftskommissar Franz Fischler aus Österreich
kommt?
Wie also bekommt man im europäischen
Verteilungskampf seine Schäfchen ins Trockene?
Margaret Thatcher hat das einst perfekt
vorexerziert. Die Eiserne Lady aus London
zettelte vor 20 Jahren beim Gipfel in Schloss
Fontainebleau bei Paris eine Art Klassenkampf
an. Mit näselnder Stimme und wedelnder
Handtasche schwatzte sie Gastgeber François
Mitterrand und Geldgeber Helmut Kohl
windelweich, bis die Herren einem Rabatt für
die Briten zustimmten. Begründung: Das Königreich
kassiere weniger Agrarhilfen als alle anderen,
und es rangiere in der Wohlstandstabelle unter
den Kellerkindern. Dafür müsse ein Ausgleich
her. Kohl seufzte später, er hätte der
Eisernen Lady sogar mehr zugestanden, damit nur
endlich Stille einkehre.
Seither zahlen die Briten weniger in den
EU-Topf als andere, derzeit bekommen sie vier
Milliarden Euro Rabatt pro Jahr. Und das bei
heute deutlich verbesserter Wirtschaftslage und
steigendem Wohlstand auf der Insel. Bleibt das
so, wird das Königreich selbst die Türkei-Erweiterung
keinen Penny kosten.
Als kürzlich in Straßburg die neue
Kommission gekürt wurde, sorgte der britische
Schatzkanzler Gordon Brown in London clever für
ganz andere Schlagzeilen: Er fegte alle
Gedankenspiele zum Briten-Rabatt mit dem
Argument vom Tisch, der druckfrische
EU-Rechnungshofbericht beweise doch, dass
Kommission und »einige Mitgliedsstaaten« unfähig
seien, das Geld vernünftig und nicht
verschwenderisch auszugeben. Britische
Diplomaten werkeln derweil an einem weiteren
Schutzwall aus Argumenten fürs alte Privileg.
Trotz des Rabatts, so ihre Sprachregelung, zahle
Großbritannien ein Fünftel mehr als
Frankreich, wo doch das Wohlstandsniveau
durchaus vergleichbar sei.
Mit Statistiken, das lernt man in Brüssel
schnell, kann man dies, aber auch das Gegenteil
beweisen. Die bisherige EU-Haushaltskommissarin
Michaele Schreyer griff darum zu einer List, das
Inselprivileg doch noch zu schleifen: Sie schlug
einen Gruppenrabatt vor, von dem künftig alle
profitieren würden. Der Vorschlag liegt nun auf
dem Tisch – als Munition für die Nacht der
langen Messer.
Mindestens so heftig wie um die Einnahmen der
EU tobt auch der Streit um die Ausgaben. Würde
man die Union heute neu erfinden, gäbe kein
Mensch mehr die Hälfte des Haushaltes für die
Landwirtschaft und ein weiteres Drittel für
eine höchst umstrittene Strukturpolitik aus.
Der belgische Ökonom André Sapir schlug vor,
diese beiden Ausgabenblöcke zu reduzieren und
alte EU-Aufgaben wieder den Mitgliedsstaaten zu
überlassen. Seine Studie verschwand allerdings
schnell in den Schubladen der Kommission. Der
Grund ist einfach. Subventionen machen süchtig.
Wer sich erst einmal ans Geld aus Brüssel
gewöhnt hat, verteidigt es mit Zähnen und
Klauen. Und da dem Haushalt 25 Regierungen
zustimmen müssen, einigen diese sich
bestenfalls auf Reförmchen. Kaum eine der
weiter gehenden Reformideen habe »in absehbarer
Zeit Aussichten auf Durchsetzbarkeit«, sagt
Friedrich Heinemann vom Mannheimer Zentrum für
Europäische Wirtschaftsforschung. Bezeichnend,
dass selbst die EU-Kommission – die Schere im
Kopf – in ihrem Entwurf für die Finanzen der
Zukunft nur kleine Veränderungen vorschlägt.
Mehr für die Regionen
– oder mehr für die Forschung?
Eine davon firmiert unter dem Titel »Lissabon«.
Mit diesem Schlagwort soll die Union fit für
die Zukunft gemacht werden – und mehr Geld für
Innovationen, Forschung und Entwicklung,
Transport und Telekommunikation ausgeben. Die
Kommission will die Ausgaben für Forschung und
Entwicklung um 194 Prozent steigern, bis auf
knapp 26 Milliarden Euro im Jahr 2013. Zwar wäre
der Topf damit immer noch viel kleiner als der für
die Bauern. Dennoch – nicht alle Regierungen
jubeln. Gerade die neuen Mitgliedsländer
wissen, dass sie bei europaweit ausgeschriebenen
Forschungsprogrammen kaum Chancen haben.
Folglich würde wenig Forschungsgeld nach
Warschau oder Prag und viel nach München oder
London fließen. Kein Wunder, dass den Osteuropäern
Programme zur ländlichen Entwicklung viel
wichtiger sind als beispielsweise das
Satellitenprogramm Galileo.
Überhaupt die Neuen. Die meisten gewöhnen
sich gerade erst an die Wohltaten aus Brüssel
– und werden daher tiefgreifende Reformen eher
ablehnen. Gerade sie profitieren von klassischen
Regional- und Strukturförderprogrammen oder von
den Subventionen für die Landwirtschaft. Zwar
wurde den Polen und ihren Nachbarn vor dem
Beitritt abgerungen, dass sie bis 2013 für ihre
Bauern weniger Geld aus Brüssel bekommen als
etwa die Deutschen. Doch seit der Geldregen aus
den Landwirtschaftstöpfen im Osten niedergeht,
wächst dort die Zustimmung zu Europa
kontinuierlich.
In den alten Ländern ist das anders. Wann
immer die EU – beispielsweise in Deutschland
– für eine falsche Politik kritisiert wird,
steht die Agrarpolitik an erster Stelle: ökologisch
verwerflich, ökonomisch falsch und
entwicklungspolitisch ein Desaster, heißt es
gemeinhin, und Reformen fordert hier, vielleicht
mit Ausnahme des Bauernverbandes, fast jeder.
Dennoch sind ausgerechnet die Subventionen für
die Bauern, die rund vierzig Prozent des jährlichen
EU-Budgets ausmachen, kein Objekt im Kampf ums
große Geld.
Denn in einer Brüsseler Oktobernacht 2002
jonglierten Jacques Chirac und Gerhard Schröder
über die Köpfe der anwesenden Kollegen hinweg
so lange mit Zahlen und Zusagen, bis der
Agrarkompromiss perfekt war. Weiß vor Wut,
preschte Tony Blair damals aus dem
Verhandlungssaal und vor die eilig einbestellten
britischen Kameras. Es half nichts, gegen das
deutsch-französische Paar konnte keiner.
Seither sind die Einkünfte der Bauern bis 2013
sakrosankt. Zum Wohle der deutsch-französischen
Freundschaft…
Und zulasten der Regionalpolitik. Dort werden
die Regierungschefs heftig um Mittel ringen. Aus
dem Topf der Struktur- und der Kohäsionsfonds
ist am meisten zu holen. Unstrittig ist, dass
die Regionalpolitik, anders als der Binnenmarkt,
das einzige Feld sozialer Solidarität zwischen
armen und reichen EUMitgliedern ist. Prunkstück
unter den regionalpolitischen Erfolgen ist dabei
Irland: Es entwickelte sich auch dank der Brüsseler
Hilfen vom armen Vetter zum europäischen »Tiger«.
Und genau das wollen die Neuen kopieren.
Ein Blick auf die Armutslandkarte in der
erweiterten Union lehrt jedoch, dass die alten
Regeln – reiche Länder zahlen für arme
Regionen – nicht mehr gelten. Nach der
Erweiterung sind die Neuen allesamt Zielgebiet für
diese Hilfen – und die arme Estremadura würde
wie Vorpommern oder der Mezzogiorno durch eine
statistische Verzerrung über Nacht zur
Wohlstandsregion erklärt. Sie alle bekämen
keinen Cent mehr. Das aber wäre politisch nicht
durchsetzbar und sozial ungerecht: Oberbayern
wird ja nicht dadurch reich, dass die Grenze zum
armen Tschechien offen ist. Zudem können die
Neuen nur einen Prozentsatz an Hilfsgeldern
sinnvoll in Programme umsetzen. Die EU hat daher
eine Grenze von vier Prozent des Sozialproduktes
eingezogen. Mehr Geld gibt es aus Brüssel nicht
– und soll es auch nicht geben. Dass diese Brüsseler
Knauserei nicht überall im Osten auf Gegenliebe
stößt, versteht sich von selbst.
Um allen gerecht zu werden, will der
vormalige EU-Kommissar Michel Barnier die
Regionalhilfen halbieren, der eine Batzen für
die 15 Altmitglieder, der andere für die 10
Neulinge. Macht in den kommenden sieben Jahren
gut 150 Milliarden Euro für die neuen Armen und
ungefähr ebenso viel für die alten Armen.
Zudem hinterließ der Franzose noch eine
magische Dreierformel, die künftig die
Verteilung der Strukturfonds neu regeln soll.
78:18:4, in Worten also 78 Prozent für die
Armenhäuser, 18 Prozent für entwickelte
Gebiete mit örtlichen Problemfällen, wo »regionale
Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung« gefördert
werden sollen. Und 4 Prozent für »territoriale
Zusammenarbeit«, für Hilfen in den grenzüberschreitenden
Kontakten.
Was heißt das für Deutschland? Drei
Beispiele: Käme Barniers Vorschlag durch, wäre
Ostdeutschland seine größten Sorgen los. Nur
weil Schlesien noch schlechter dasteht als
Brandenburg und Sachsen, müssten Letztere nicht
fürchten, aus der Förderung zu fallen. Zweites
Beispiel: Ministerpräsident Peer Steinbrück
aus Nordrhein-Westfalen könnte weiter hoffen,
dass der Strukturwandel etwa in der Region
Emscher-Lippe aus dem Topf »18 Prozent«
unterstützt wird (das wirtschaftsstarke
Bundesland erhielt in den vergangenen sieben
Jahren mehr als 1,6 Milliarden Euro aus den
europäischen Strukturfonds). Dritter Fall:
Bayerns Europaminister Eberhard Sinner kann mit
Geld für seine Grenzregionen an Europas neuem
Rio Grande zwischen Bayern und Böhmen rechnen
(siehe Interview).
Wie das mit dem Briten-Rabatt, dem
Eurokraten-Bonus und dem Rotterdam-Effekt
zusammenpasst? Spätestens am Ende der
Verhandlungen, in der Nacht der Nächte
irgendwann Ende 2006, geht es nicht mehr um
Europas hehre Ziele – sondern nur noch ums
Geld. Mit möglichst vielen Argumenten werden
dann alle Regierungschefs möglichst viel
Kapital für die nationale Kasse rausschlagen.
Mal sehen, welche verbalen Kunstgriffe sie
bis dahin finden, um Europa zu melken.
(c) DIE
ZEIT 16.12.2004 Nr.52